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der Religion Aufklärung

1945 1960 1980 2000 2020

sehen Sinne gleichzeitig kulturell koexistiert, wird aufdringlich und unübersehbar. Je rascher unsere kulturelle Lebenswelt sich verändert, um so größer wird die Zahl von Relikten aus Epochen, die wir bereits hinter uns haben.

1945 1960 1980 2000 2020

sehen Sinne gleichzeitig kulturell koexistiert, wird aufdringlich und unübersehbar. Je rascher unsere kulturelle Lebenswelt sich verändert, um so größer wird die Zahl von Relikten aus Epochen, die wir bereits hinter uns haben.

Gewiß: Vor diesem Hintergrund erscheinen die religiösen Elemente unserer Kultur eher als beharrende, den kulturellen Wandel überdauernde Elemente. Nichtsdestoweniger sind, selbstverständlich, auch Religionen und Konfessionen in die Kultur des historischen Bewußtseins längst uneingeschränkt einbezogen.

Es wäre falsch anzunehmen, daß die historische Selbstwahrnehmung religiöser Kultur, die in den historischen Fächern theologischer Fakultäten ihre geschichtswissenschaftliche Disziplin hat, sich auf gelehrte Zirkel beschränkte, während im Volk das religiöse Leben unverändert historisch naiv gelebt würde. Die Historizität der Bilder, die wir uns von der Welt machen, in der wir leben, ist seit weit mehr als hundert Jahren bis in den öffentlichen Religionsunterricht hinein vertrautester Schulbuchstoff.

Die Creationisten-Debatte gibt es, gewiß; aber selbst in der christlich geprägten Mehrheitskulturgenossenschaft werden religiös relevante Orientierungsirritationen bei der Wochenendlektüre paläontologischer Wissenschafts- feüilletons überwiegend nicht mehr verspürt. Gymnasialbildung genügt, um auch dem Frommen einschlägige Glaubensskrupel als gestrig erkennbar zu machen, und überdies findet man sich darin durch Äußerungen des zuständigen Kardinals bestätigt …

Wer heute als guter christlicher Demokrat — in welcher Partei

auch immer - die Grundsätze des liberalen Verfassungsstaates hochhält, wird an seiner Kirche keineswegs irre, wenn er bei gelegentlichen Ausflügen in die Vorgeschichte christlich geprägter Demokratie zur Kenntnis nimmt, wie seinerzeit Gregor XVI. über den verfassungspolitischen Liberalismus dachte. Wie Pius XII. auf der einen Seite und dann das II. Vaticanum auf der anderen Seite sich zum verfassungsrechtlichen Institut der Religionsfreiheit stellten - dazwischen liegen, über die Distanz einiger weniger Jahre hinweg, Welten, und das historische Bewußtsein, das uns in solchen Fällen statt Widersprüche Entwicklungen sehen läßt, ist insoweit auch kirchenintern längst zum Gemeinbewußtsein geworden …

Es ist nicht schwer, den insoweit skizzierten Aufklärungsprozeß zu Schilderungen zu verdichten, die einen nachhaltigen Eindruck fortschreitender Abschwächung der Geltung von Religionen und Konfessionen im Lebenszusammenhang moderner Zivilisationen zu verschaffen vermöchten. Das Verschwinden der Religion ist entsprechend, als Folge von Aufklärungsprozessen, zumal im 19. Jahrhundert oft genug angekündigt worden. Wieso blieben nichtsdestoweniger diese Erwartungen bis heute stets enttäuscht? Liegt es daran, daß die Aufklärung noch unvollendet ist und die historischen Bedingungen noch

nicht komplett beieinander, unter denen die Religion funktionslos geworden sein würde? Die umgekehrte Prämisse, daß die Religion Funktionen von fortschrittsindifferenter, bleibender Nötigkeit erfüllt, ist weitaus plausibler.

Nicht die Religion hat sich als Illusion erwiesen, sondern die Religionstheorie, die sie als solche behandelte. Nicht der kulturelle und soziale Fortschritt ist eine Illusion, wohl aber die Erwartung, daß er uns schließlich in Lebensumstände versetzen könnte, in den wir auf Leistungen religiöser Kultur nicht mehr angewiesen sein würden…

Moral, gewiß, stellt sich im Regelfall uns als ein Ensemble überaus zweckmäßiger Grundsätze und Vorschriften dar, und wir kennen den Utilitarismus als die Moraltheorie, die diese Zweckmäßigbeschreibt. Nichtsdestoweniger kennen wir alle die Ausnahmelagen, in denen Moralitätvsich für uns selbst gar nicht als nützlich darstellt, wo sie uns also mit ihren Forderungen rigoros gegenübertritt und Verzichte und Opfer, ja im Extremfall die Aufopferung des Lebens verlangt. In den politischen Lebensordnungen gilt das ohnehin, und kein Polizist, ja kein Feuerwehrmann wäre ohne prinzipielle Akzeptanz dessen dienstfähig. Das Allgemeine ist: Leben ist unter der Maßgabe, die das Überleben als höchsten Lebenszweck ansetzt, als gutes Leben nicht lebbar, und wir finden uns auf eine Kultur angewiesen, die dieser Einsicht öffentliche Geltung sichert.

Wo Marx und Freud irrten

Es handelt sich, noch einmal, um die Erfahrung von Bedingungen unseres Lebens, die wegarbeiten oder in der hier entscheidenden Hinsicht auch nur ändern zu wollen ein ersichtlich widersinniges Unterfangen wäre. Keine Revolution emanzipiert uns vor ihr. Weder Sozialhelfer noch Entwicklungshelfer haben hier ein Betätigungsfeld. Unsere technischen Könnerschaften finden keinerlei Ansatzpunkte, und politisierbar ist hier auch nichts. Nichts als Religion bleibt, sich zum Unverfügbaren in Beziehung zu setzen, und die Vernunft der Religion ist die Vernunft dieser Beziehung.

Karl Marx hat, tatsächlich, vermeint, die fortschreitende Verwandlung materieller Lebensvoraussetzungen in Resultate unserer eigenen Arbeit, wie der Industrialisierungsprozeß kapitalistischer und späterhin sozialistischer Art sie mit sich bringt, werde über kurz oder lang den Schöp

fungsglauben als gegenstandslos absterben lassen.

Man scheut sich fast, der vollendeten Trivialität eines solchen Hinweises wegen, demgegenüber darauf hinzuweisen, daß steigende Produktivität unserer Arbeit doch an der Indisponibilität des kontingenten, handlungssinn- und handlungsmachttranszendenten Vorhandenseins und So- seins unserer naturalen Lebensvoraussetzungen einschließlich der Indisponibilität der naturalen Bedingungen unserer kulturproduktiven Könnerschaften nicht das geringste ändert und eben damit auch nichts an den Nötig- keitsbedingungen einer Kultur der Anerkennung dessen, wie sie im Schöpfungsglauben vorliegt.

Sigmund Freud hat, tatsächlich,

die Frommen für Leute gehalten, die auf einen Großgrundbesitz auf dem Mond spekulieren, anstatt hier Hand anzulegen. Man muß die Sichtweise, die dieser Religionstheorie zu Grunde liegt, beschränkt nennen. Wo die atheistische Einheitspartei es ihnen nicht verleidet, gar verbietet, feiern doch sogar in den marxistisch beherrschten Nachfolgeländern der k. u. k.-Monarchie Landwirte auch heute noch Erntedankgottesdienst. Tun sie denn das, wo sie ‘ ihre Agrartechnik verbessern sollten, statt dessen? Die Meinung, das wäre so, wäre ihrerseits wirklichkeitsfremd; aber Freud hat, leider, diese Meinung zur Theorie erhoben.

Man hat die Charakteristik der Religion als Lebenspraxis, durch die wir uns in ein vernünftiges Verhältnis zur unverfügbaren Kontingenz unseres Lebens und seiner unverfügbaren Bedingungen setzen, eine funktionale genannt. In der Tat: Religion erfüllt in der gegebenen Charakteristik eine Lebensfunktion von anthropologischer Universalität.

Heißt das, daß, auf diese Funktion bezogen, Religion als Element ihrer Erfüllung gegen andere Elemente unserer Kultur austauschbar wäre? Heißt das, zum Beispiel, daß damit die Großideologien unseres Jahrhunderts in der ihnen politisch angedienten Funktion, die Religion, als vermeintlich veraltete Lebensorientierung, abzulösen, ihrerseits als

Religionen, nämlich als Ersatzreligionen anerkannt werden müßten?

Die Beantwortung dieser Frage hängt davon ab, was denn in diesen Großideologien eigentlich kultiviert wird, die Anerkennung der Daseinskontingenz oder ihre Transformation in politisch erfüllbaren Geschichtssinn? Die Alternative stellen heißt sie beantworten. Ist denn die Leiche Lenins, balsamiert, im Zentrum des großideologisch verfaßten sowjetischen Großbereichs als memento mori ausgestellt?

Daß, im übrigen, die Religion über ihre säkular, nämlich nichtreligiös nicht-erfüllbare Lebensfunktion hinaus auch noch andere Lebenszwecke fördert — dagegen wird auch der Fromme Einwände nicht erheben wollen. Ein altes, oft ironisiertes Vorurteil will, zum Beispiel, daß fromme Menschen bessere Menschen seien, und siehe: die sozialwissenschaftliche Empirie bestätigt, daß noch heute in religiös geprägten Lebensorientierungen die Geneigtheit, etwa bei Blechschäden die Haftpflichtversicherung in betrügerischer Absicht auszunutzen oder auf Kosten Dritter in ungerechtfertigter Weise Krankengeld in Anspruch zu nehmen, geringer als im kulturellen Durchschnitt verbreitet ist.

Der Ernst der Sache ist: Es gibt gar keine Lebenskultur, die nicht von Prämissen religiöser Orientierung mitbestimmt wäre — von unserer Wahrheitsfähigkeit in Politik, Recht oder Wissenschaft über die öffentliche Verpflichtung zur Hilfe in Fällen organisationsunfähiger und somit politisch ohnmächtiger menschlicher Not bis hin zur Wirksamkeit des Verbots, die Zuerkennung von Menschen- und Bürgerrechten nach Graden der Übereinstimmung zu bemessen, die zwischen den Menschen, wie sie nun einmal, kraft Zugehörigkeit zur Spezies homo sapiens, sind, und unseren Idealen, wie Menschen sein sollten, bestehen oder auch nicht bestehen mag.

Das bedeutet: Nach der Aufklärung gehört die Religion, ohne deren Kritik die Aufklärung in der Tat nicht zu denken ist, zu den Bedingungen der Erhaltung ihrer unaufgebbaren politischen und kulturellen Errungenschaften.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Zürich. Auszug aus dem Vortrag am 28. April 1987 in der Universität Wien. Veranstalter waren der Katholische Akademikerverband, das Katholische Bildungswerk, die Katholische Hochschulgemeinde Wien, das Philosophische Institut der Universität Wien, die Wiener Katholische Akademie, der Verlag Styria und die FURCHE.

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