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Waage - © Foto: iStock / Von: no_limit_pictures
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Was ist Wahrheit?

1945 1960 1980 2000 2020

Wer gilt in einer Zeit der Neonationalismen und Faktenverdreher als oberste Wahrheitsinstanz? Gedanken über Götter, Richter und die Suche nach Irrtümern.

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Wer gilt in einer Zeit der Neonationalismen und Faktenverdreher als oberste Wahrheitsinstanz? Gedanken über Götter, Richter und die Suche nach Irrtümern.

Eine Demokratie, zumal eine liberale, die nicht mehr an die Wahrheit glaubt, hat innerlich kapituliert. Das Recht des Stärkeren, das zum Primat der Macht und schließlich zur Diktatur führt, lässt sich nur dämpfen, wenn die politischen Widersacher eine oberste Wahrheitsinstanz anerkennen. Aber welche? Betrachten wir einige aussichtsreiche Kandidaten: Gott. Da man sich nicht auf einen bestimmten Gott wird einigen können oder auch nur darauf, ob es überhaupt einen gibt, fällt er als obers te Wahrheitsinstanz und Wahrheitsrichter aus – oder sie, die Göttin, wir leben ja ansatzweise im Zeitalter der Gendergerechtigkeit, die vor den höchsten Dingen nicht haltmachen darf. Immerhin gibt es staatliche Höchstgerichte.

Demnach wäre für alle Länder der Europäischen Union eine letzte Wahrheitsinstanz die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Hier wiederum gilt es zu bedenken: Jeder Verhandlungsprozess ist limitiert, jedes hoheitliche Urteil muss irgendwann gefällt werden. Rechtssicherheit und Wahrheit sind eben nicht dasselbe. Man merkt sogleich, wo hier der sprichwörtliche Hund – in unserem Fall: die Wahrheit – begraben liegt. Außerhalb des Rechtsverfahrens, im gewöhnlichen Alltag ebenso wie an den gelehrten juristischen Fakultäten, kann – und sollte – immer nachgefragt werden: „Aber ist es auch wahr?“ Das mag in strittigen Angelegenheiten oft schwierig zu beantworten sein, sofern diese nicht rein „sachlicher Natur“ sind. Beispielsweise ist von Höchstrichterinnen zu klären, ob das Einfrieren weiblicher Eizellen erlaubt sei, falls Frauen in fortgeschrittenem Alter, nachdem sie beruflich Karriere gemacht und den „Partner fürs Leben“ gefunden haben, dann ihren Kinderwunsch erfüllen möchten.

Das Wesen der Wissenschaft

Bleiben außer den Göttinnen und Richterinnen noch die wissenschaftlichen Koryphäen als mögliche Wahrheitsgaranten. Aber das Wesen der Wissenschaft besteht nun einmal darin, nach der Wahrheit zu suchen und ihr mit nachprüfbaren Gründen auf die Spur zu kommen, freilich niemals mit dem Garantiesiegel der Irrtumsfreiheit. Im Gegenteil. Schenken wir dem österreichischen Philosophen Karl R. Popper Glauben, dann zielt die Methode des wissenschaftlichen Experiments darauf, das bisher als wahr Geglaubte zu falsifizieren, das heißt: zu widerlegen. Im günstigsten Fall gelingt die Falsifikation aus dem Blickwinkel einer neuen Theorie, welche die alte Theorie als vorläufig beste „Annäherung an die Wahrheit“ ausweist. Denken wir – um einen epochalen historischen Wandel zu bemühen – an Newtons Gesetze im Vergleich mit denen zu Einsteins Relativitätstheorie: Die Vorstellung einer Unabhängigkeit von Raum und Zeit war die jahrhundertelang bestmögliche Beschreibung der wirklichen Verhältnisse; diese umfassten Geschwindigkeiten, die, von der des Lichts weit entfernt, keinerlei Raum-Zeit-Verknüpfung nahelegten.