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Twitter - © Foto: Getty Images / Archive Photos (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Medien

Fake News: Die Ökonomie der Beachtung

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Die Wissenschaftlerin Romy Jaster erklärt, wie Fake News groß wurden, was sie mit uns machen und wie wir als Gesellschaft wieder zusammenwachsen können.

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Die Wissenschaftlerin Romy Jaster erklärt, wie Fake News groß wurden, was sie mit uns machen und wie wir als Gesellschaft wieder zusammenwachsen können.

Romy Jaster ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Interview mit der FURCHE spricht sie über Willensfreiheit, Fake News und das postfaktische Zeitalter.

DIE FURCHE: Was ist das Erfolgsgeheimnis von Fake News?
Romy Jaster: Das ist vielschichtig. Zum einen springen Menschen auf negative und angstmachende Nachrichten ganz besonders an. Da Produzenten von Fake News nicht an die Wahrheit gebunden sind, können sie Inhalte erfinden, mit denen sie ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit generieren. Zudem besteht ein ungünstiges Wechselspiel zwischen der Funktionslogik der sozialen Medien und unserer psychischen Bauweise. Wenn viele Menschen eine Nachricht teilen, wirkt diese auch für mich glaubwürdiger und die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Meldung weiterverbreite, ist höher. Man spricht hier von einer Informationskaskade. Dieser Effekt ist auch dann gegeben, wenn es sich um
eine falsche Information handelt. Da sich soziale Medien in Echokammern organisieren, funktioniert dieses Schneeballsystem gut: Innerhalb einer Gruppe Gleichdenkender entsteht leichter eine kritische Masse von Menschen, die eine Meldung für wahr hält.

DIE FURCHE: Das bedeutet also, wir können falsche Meldungen kaum mehr von richtigen unterscheiden und wissen nicht mehr, was eine seriöse Quelle ist?
Jaster: Jein. Besonders der älteren Generation fehlt die Medienkompetenz, wenn es um sogenannte Neue Medien geht. Älteren Menschen fällt es online schwerer, verlässliche von nicht so verlässlichen Nachrichtenquellen zu unterscheiden. Ein weiterer Punkt ist, dass es mittlerweile eine richtige Fake-News-Industrie gibt und diese vermeintlichen Nachrichtenseiten auf den ersten Blick tatsächlich nicht von seriösen Seiten zu unterscheiden sind.

DIE FURCHE: Wenn man das Wort Fake-News-Industrie hört, denkt man automatisch an verborgene Fabrikshallen, in denen anonyme Programmierer sitzen, die die Welt verändern wollen. Wer steckt tatsächlich hinter dieser Maschinerie?
Jaster: Das sind nicht immer verborgene Kräfte, ganz im Gegenteil. Die russische Nachrichten-Seite „RT“ ist ein gutes Beispiel für einen Fake-News-Kanal. Dort finden sich sehr viele Falschmeldungen, die bestimmte, in dem Fall pro-russische Narrative bedienen. Ein anderes prominentes Beispiel ist die Seite „Breitbart“, deren Chefredakteur lange der ehemalige Trump-Berater Stephen Bannon war. Die Produzenten dieser öffentlichen Seiten arbeiten nicht im Verborgenen.

DIE FURCHE: Mit Falschmeldungen lässt sich nicht nur ein bestimmtes Weltbild kreieren, sondern auch gut Geld verdienen.
Jaster: Das ist die zweite Gruppe von Fake-News-Produzenten. Diese Gruppe hat es sich zum Geschäftsmodell gemacht, stark aufmerksamkeitsheischende Meldungen in die Welt zu setzen, die Angst, Ekel oder bestehende Vorurteile weiter vorantreiben. Diese Personen möchten sich häufig durch Google Ads, dem personalisierten Werbesystem von Google, Geld dazuverdienen und experimentieren anfangs herum. Wenn sie merken, dass Meldungen, die zum Beispiel den Anhängern von Trump in die Karten spielen, die höchsten Gewinne einfahren, dann bleiben sie dabei. Die Vorstellung, dass da irgendwelche anonymen Personen in leeren Fabrikshallen sitzen und massenhaft Falschmeldungen verbreiten, ist aber sehr irreführend. Eher kann man sagen, dass es eine Reihe von Multiplikatoren von Falschmeldungen gibt, die mehr oder weniger nahe an herkömmlichen Nachrichtenformaten sind und ganz öffentlich arbeiten.