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Das Spiel mit der Arbeit

Marionetten - © Illustration: Rainer Messerklinger
Gesellschaft

„Bullshit Jobs“: Nieder mit der Effizienz!

1945 1960 1980 2000 2020

Die beste Art, sich untüchtig zu machen, bestehe darin, sich nur noch an Effizienz auszurichten, schrieb David Graeber in seinem Buch „Bullshit Jobs“. Wie kann das sein? Eine Relektüre.

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Die beste Art, sich untüchtig zu machen, bestehe darin, sich nur noch an Effizienz auszurichten, schrieb David Graeber in seinem Buch „Bullshit Jobs“. Wie kann das sein? Eine Relektüre.

„Im Jahr 1930 prophezeite John Maynard Keynes, die Technologie werde bis zum Ende des Jahrhunderts so weit fortgeschritten sein, dass Länder wie Großbritannien und die Vereinigten Staaten bei einer 15-Stunden-Arbeitswoche angekommen wären. Wir haben allen Grund zu glauben, dass er recht hatte. Aus technischer Sicht wären wir dazu durchaus in der Lage. Und doch kam es nicht so. Wenn überhaupt, wurden mithilfe der Technologie neue Wege erschlossen, damit wir alle mehr arbeiten. Um das zu bewerkstelligen, musste man Jobs schaffen, die letztlich nutzlos sind.“

So lautet der Beginn des legendären Essays des Kulturanthropologen David Graeber über das „Phänomen der Bullshit-Jobs“ (2013), den er im Jahr 2018 zu einem Buch ausgeweitet hat. Oft ist zu hören, mit den Marktreformen habe seit den 1980er Jahren ein unerbittliches Effizienzprinzip die Herrschaft übernommen. Graeber hält dagegen: Im Kapitalismus würden gerade nutzlose Berufe wuchern, sogenannte „Bullshit-Jobs“.

„Im Jahr 1930 prophezeite John Maynard Keynes, die Technologie werde bis zum Ende des Jahrhunderts so weit fortgeschritten sein, dass Länder wie Großbritannien und die Vereinigten Staaten bei einer 15-Stunden-Arbeitswoche angekommen wären. Wir haben allen Grund zu glauben, dass er recht hatte. Aus technischer Sicht wären wir dazu durchaus in der Lage. Und doch kam es nicht so. Wenn überhaupt, wurden mithilfe der Technologie neue Wege erschlossen, damit wir alle mehr arbeiten. Um das zu bewerkstelligen, musste man Jobs schaffen, die letztlich nutzlos sind.“

So lautet der Beginn des legendären Essays des Kulturanthropologen David Graeber über das „Phänomen der Bullshit-Jobs“ (2013), den er im Jahr 2018 zu einem Buch ausgeweitet hat. Oft ist zu hören, mit den Marktreformen habe seit den 1980er Jahren ein unerbittliches Effizienzprinzip die Herrschaft übernommen. Graeber hält dagegen: Im Kapitalismus würden gerade nutzlose Berufe wuchern, sogenannte „Bullshit-Jobs“.

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Einen derartigen Job hat beispielsweise jemand, der gezwungen ist, den ganzen Tag herumzusitzen, weil er nur eingestellt wurde, damit sein Chef möglichst viele Untergebene hat, die ihn wichtig erscheinen lassen. Oder der „Kästchenankreuzer“, der seine gesamte Arbeitszeit damit zubringt, Zahlen zu frisieren, sodass sie den monatlichen Leistungsvorgaben entsprechen. Was ist das Problem daran? Nicht nur, dass derartige Beschäftigungsverhältnisse nicht gerade dem romantischen Anspruch gerecht werden, einen „positiven Beitrag für die Welt zu leisten“. Das Problem beginnt schon damit, dass die Betreffenden oftmals nicht einmal einen positiven Beitrag für die eigene Firma leisten können.

Vom Ende der Arbeit

Es wurde viel darüber diskutiert, ob Graebers These zutrifft. Er selbst stützte sich auf diverse Umfragen. Demnach glauben bis zu 40 Prozent der heutigen Beschäftigen nicht, dass es einen stichhaltigen Grund für die Existenz ihres eigenen Berufs gebe. Neben diesen Selbstauskünften bezog sich Graeber auch auf die erwähnte Prognose des klassischen Ökonomen Keynes. Keynes zufolge müssten wir längst in einer Gesellschaft leben, in der wir täglich nicht viel mehr als fünf Stunden arbeiten. Ein solche Hinwendung zu einer Zukunftserwartung aus der Vergangenheit war eine Spezialität Graebers: Üblicherweise würde man eine derartige Prophezeiung mit der Gegenwart abgleichen. Sie fände sich dann entweder bestätigt oder aber widerlegt. Doch wer sagt eigentlich, dass die vergangenen Zukunftserwartungen sich vor unserer Gegenwart zu rechtfertigen haben? Warum sollte sich nicht umgekehrt unsere Gegenwart vor den Träumen unserer Vorfahren bewähren? Keynesʼ Prognose vom „Ende der Arbeit“ mag sich nicht erfüllt haben. Das allein beweist aber nicht, dass sie verfehlt gewesen ist. Vielleicht ist nicht bei Keynes, sondern bei uns etwas schiefgelaufen, mit dem Ergebnis, dass wir uns in der momentanen Situation wiederfinden.

Dies wirft ein gänzlich neues Licht auf die Frage, was es bedeutet, politisch progressiv zu sein. Heute imaginieren wir zusehends unsere „Zukunft als Katastrophe“, so die Wiener Literaturwissenschafterin Eva Horn. Wie kann in einer solchen Situation eine zukunftsorientierte Politik möglich sein? Graeber suggeriert: indem man zurückblickt. Die überschwänglichsten Zukunftsvisionen treffen wir mittlerweile in unserer Vergangenheit an. Jetzt, wo Graeber selbst Vergangenheit geworden ist (er starb vergangenen September mutmaßlich an Corona), gilt dies auch für ihn selbst.

Auf jene, die tatsächlich noch Dinge produzieren oder erkennbare Arbeit leisten, wird ein immer größerer Druck ausgeübt.

Wenn es stimmt, dass unsere Gesellschaft zunehmend „ökonomisiert“ ist, wie kann es dann zugleich wahr sein, dass mehr und mehr überflüssige Jobs entstehen? Seltsamer noch: Die prototypischen Beispiele nutzloser Berufe, die Graeber erwähnt, sind ausgerechnet jene, in denen auf die eine oder andere Weise der Wettbewerbsgedanke vorherrschend ist, die also eigentlich als Erste dem Wettbewerb zum Opfer fallen müssten: Personalberater, Kommunikationskoordinatoren, PR-Wissenschafter, Hedgefonds-Manager, politische Berater, Lobbyisten, Finanzstrategen und Anwälte für Gesellschaftsrecht.

Wer kontrolliert die Manager?

Graeber sagt, unter dem Finanzkapitalismus hätte eine Kaste von Managern die Regentschaft über die eigentlichen Produzenten übernommen. Als Aufseher wachen sie mit Argusaugen über deren Effizienz. Deshalb sind sie aber selbst von der Erfordernis befreit, effizient zu sein. Es gibt hier prinzipiell nur zwei Möglichkeiten: Entweder auch diese Manager werden auf ihre Effizienz hin kontrolliert, dann bräuchte es über ihnen einen weiteren Effizienzkontrolleur, der seinerseits kontrolliert werden müsste und so weiter. Dies würde eine Kaskade von Managerposten erforderlich machen, was ganz offensichtlich ineffizient wäre. Oder aber niemand kontrolliert sie, dann gelten für sie selbst nicht die Regeln, die sie durchsetzen, und sie können gut und gerne ineffizient sein.

So kommt es, dass ausgerechnet in einer Gesellschaft, in der Effizienz den Rang eines Leitwerts angenommen hat, eine bestimmte Form der Vergeudung überhandnimmt. Im Windschatten des Effizienzimperativs kommt es zu einer wahren Flut von Strategiepapieren, „Vision Statements“, Leistungsvorgaben, Anträgen, Evaluationen, Gutachten und Rechenschaftsberichten. All dies verschlingt Zeit und Geld, doch seltsamerweise mit dem Ziel, Vergeudung zu vermeiden. Wir müssen uns also von der Vorstellung verabschieden, es gäbe auf der einen Seite eine verknöcherte Staatsbürokratie, auf der anderen Seite einen verschlankenden Markt. Wir haben es mehr und mehr mit einer Bürokratie zu tun, die anschwillt, weil man „Wettbewerb“ spielt.

Vergeudung ohne Freude

Was man bislang historisch kannte, waren aristokratische Formen des Protzens. Sie gehen demonstrativ über die Bühne. Eine derartige ostentative Verschwendung ist mit dem Aufkommen des Bürgertums fast restlos verschwunden: „Das „Zurschaustellen von Reichtümern geschieht jetzt hinter den Wänden nach langweiligen und bedrückenden Konventionen“, notierte 1949, nicht ohne Bedauern, der Verschwendungsphilosoph Georges Bataille. Doch nun haben wir die nächste Stufe erreicht: Wir verschwenden nicht mehr heimlich und mit schlechtem Gewissen. Unsere Form der Verschwendung ist das unfreiwillige Nebenprodukt unseres Versuchs, produktiv zu sein. Damit kommt uns das zweifelhafte Verdienst zu, jene Form der Vergeudung erfunden zu haben, die keine Freude macht. Zu ihren Gunsten lässt sich nicht einmal die klassische Verteidigung des Luxus anführen, die „Ablehnung einer zweckrationalen Orientierung des Verbrauchs“ (Max Weber) zu zelebrieren.

Die Existenz der neuen Managementkaste hat eine bekannte Konsequenz: Auf all jene, die tatsächlich noch Dinge produzieren oder die erkennbare Arbeit leisten, wird ein immer größerer Druck ausgeübt. Das ist das Schicksal der Krankenschwestern, Briefträger oder Supermarktkassierer, von denen im Zuge der Coronakrise oft die Rede war. Ihre Arbeit wird genauer vermessen denn je und immer weiter rationalisiert. Es ist aber nicht damit getan, ihre Kontrolleure zu verteufeln. Diese befinden sich in einem echten Dilemma: Sie haben die unangenehme Wahl, schädlich oder überflüssig zu sein. Entweder kontrollieren sie die Nützlichkeit jener, die ihnen unterstellt sind, und machen ihre Arbeit härter oder sinnloser, indem sie ihnen zeitraubende Evaluationsprozesse aufzwingen. Oder sie lassen sie in Ruhe und offenbaren damit ihre eigene ganze Nutzlosigkeit (was für jemanden, dessen alleinige Aufgabe die Sicherstellung von Nützlichkeit ist, ein moralisches Problem darstellen muss).

Es ist bemerkenswert, dass Graeber sein Augenmerk weniger auf die Schäden legt, die die Angehörigen von Bullshit-Jobs anrichten, sondern eher auf das Ausmaß an Leiden, das für sie selbst damit verbunden ist, einen derartigen Beruf auszuüben. Die Betreffenden quält die (durchaus zutreffende) Vermutung, dass sie erheblich besser bezahlt werden als ihre tatsächlich produktiven Untergebenen. Sie leiden darunter, dass eine Diskrepanz besteht zwischen dem gesellschaftlichen Respekt, der ihnen entgegengebracht wird, und ihrem Wissen darum, was sie wirklich tun. Ihr Unglück mag den einen oder anderen verwundern. Ähnlich wie es den gängigen ökonomischen Annahmen zuwiderläuft, dass es ausgerechnet im freien Markt zu nutzlosen Beschäftigungen komme, läuft ihr Unglück der Annahme des Homo oeconomicus zuwider, dass man mit minimalstem Aufwand den größtmöglichen Nutzen anstreben will. Bullshit-Jobs sind das Paradebeispiel eines minimalen Aufwands, der sich bezahlt macht. Warum bezeichnen sich ihre Inhaber dennoch oft als unglücklich?

In einem Beruf, in dem es unmöglich ist, etwas Sinnvolles zu machen, gibt es nicht wirklich etwas zu tun. So spielen die Betreffenden Beschäftigtsein. Auch das macht Arbeit.

Graeber erklärt das mithilfe des deutschen Psychologen Karl Groos. Groos hatte 1901 von der „Freude, die Ursache zu sein“, gesprochen. Wenn es etwas gibt, was einem in einem Bullshit-Job definitiv verwehrt ist, so ist es das Gefühl der eigenen Selbstwirksamkeit. In einem Beruf, in dem es unmöglich ist, etwas Sinnvolles zu machen, ist unklar, was eine gelingende oder missglückte Handlung ist und wie gut man in etwas ist. Man weiß nie, woran man ist. Hinzu kommt: Zwar gibt es nicht wirklich etwas zu tun, allerdings ist den Betreffenden oft unklar, wie offen sie dies zeigen dürfen. So spielen sie Beschäftigtsein. Dabei macht auch die Simulation von Arbeit durchaus Arbeit. Zu allem Überfluss handelt es sich um Täuschungsarbeit. Die Inhaber von Bullshit-Jobs haben nicht selten eine ambivalente Einstellung gegenüber denen, die sie einer unerbittlichen Effizienzkontrolle unterwerfen: Sie beneiden sie darum, sich nützlich machen zu können. Haben wir es hier mit dem uneingestandenen, dunklen Grund für eine Vielzahl von Stellenkürzungen zu tun?

Fallen des Anti-Ökonomismus

Graeber begnügt sich aber nicht damit, ein Nützlichkeitsdenken zu kritisieren, das für das Wuchern sinnloser Beschäftigungen verantwortlich ist. An der momentanen Situation ist ein marktkritischer Romantizismus genauso schuld wie ein marktkonformes Denken. Eine verhängnisvolle Rolle spielt das Argument: „Du hast einen erfüllenden, sinnvollen Beruf – und jetzt willst du dafür auch noch gut bezahlt werden!?“ Hieraus spricht die stoizistische Vorstellung, wahre Tugend trage ihren Lohn in sich selbst. Die wahre Vorstellung, es gäbe wichtigere Werte als den rein ökonomischen, führt ironischerweise zu einer gesellschaftlichen Situation, in der man sich die sinnvollen Berufe kaum mehr leisten kann, wohingegen die überflüssigen gut entlohnt werden. Der gesellschaftliche und der finanzielle Wert der Arbeit stehen mehr und mehr in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis: „Je mehr die eigene Arbeit anderen hilft und nützt, und je mehr gesellschaftlichen Wert man schafft, desto schlechter wird man dafür bezahlt.“ Die aktuelle politische Herausforderung bestünde darin, weniger romantisch und weniger nutzenorientiert zugleich zu sein.

Es ist nicht nur entnervend, sondern vor allem erhebend, wenn Graeber in aller Ausführlichkeit einzelne Bullshit-Aktivitäten beschreibt. Das macht nämlich eines deutlich: Angenommen diese Tätigkeiten würden von einem Tag auf den anderen verschwinden – niemandem fiele es störend auf. Damit erschüttert Graeber das Selbstbild der westlichen Gesellschaften, effizient zu sein. Wir begreifen erst langsam, dass es in Wahrheit lähmend und ganz und gar nicht „aktivierend“ ist, sich für effizient zu halten. Wer sich einbildet, effizient zu sein, muss nämlich glauben, alle seine Möglichkeiten bereits konstant auszureizen. Jede größere Herausforderung, wie etwa die Klima- oder die Flüchtlingskrise, droht einen dann in die Knie zu zwingen: „Wie sollen wir auch das noch stemmen, wo unsere Ressourcen doch schon völlig ausgelastet sind!?“

Gilbert Keith Chesterton, der Autor der Pater-Brown-Krimis, sagt zu Recht: „Wenn ein Volk dabei ist, in allen Dingen schwach und untüchtig zu werden, dann fängt es an, von Effizienz zu reden. So fängt auch ein Mensch zum ersten Mal an, sich mit seiner Gesundheit zu beschäftigen, wenn sein Körper kaputt ist. Es gibt kein klareres Zeichen für strotzende Gesundheit als die Orientierung an hochgesteckten, phantastischen Idealen.“ Graeber zeigt, dass auch das Umgekehrte gilt: Die beste Art und Weise, sich untüchtig zu machen, besteht darin, sich nur noch an Effizienz auszurichten. Erst wenn wir begreifen, welchen Luxus wir uns mit den Bullshit-Jobs erlauben, werden wir wissen: Es gibt noch Luft nach oben.

Der Autor lehrt am Institut für Philosophie der Universität Wien.

Bullshit Jobs - © Foto: Klett-Cotta
© Foto: Klett-Cotta
Buch

Bullshit Jobs

Vom wahren Sinn der Arbeit
Von David Graeber
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Klett-Cotta 2018
464 S., TB, € 12,40

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