#Schöne neue Welt

Schöne neue Welt

Gesellschaft

Vom Wert der Arbeit

1945 1960 1980 2000 2020

Von den desaströsen Arbeitsbedingungen in den Fabriken des 19. Jahrhunderts über die Arbeiterbewegung bis zur heutigen Ich-AG war es ein weiter Weg. Über Arbeitswelten im Wandel der Zeit -und einen revolutionären Akt.

1945 1960 1980 2000 2020

Von den desaströsen Arbeitsbedingungen in den Fabriken des 19. Jahrhunderts über die Arbeiterbewegung bis zur heutigen Ich-AG war es ein weiter Weg. Über Arbeitswelten im Wandel der Zeit -und einen revolutionären Akt.

Als Bartleby seine Stelle als Schreibgehilfe in einer Kanzlei an der Wall Street antritt, schreibt er Tage und Nächte ohne Pausen durch, ist engagiert und hochproduktiv. Im Laufe der Zeit beantwortet er die Aufträge seines Arbeitgebers, eines alternden Notars, aber zunehmend häufiger mit dem immergleichen Satz: "I would prefer not to", sagt Bartleby dann. "Ich würde vorziehen, das nicht zu tun." Bis heute ist die Interpretation von Herman Melvilles Kultbuch "Bartleby, der Schreiber", das zu einem Klassiker der Weltliteratur wurde, umstritten. Ist die lakonische, mitunter in absurde Komik gesteigerte Erzählung ein kapitalismuskritisches Pamphlet, das zwischen den Zeilen zu zivilem Ungehorsam aufruft? Oder nur die Beschreibung eines sonderbaren Einzelgängers, dessen Verhalten sich rational nicht wirklich erklären lässt? Die vielleicht entscheidendere Frage aber lautet: Was hat der zentrale Satz Bartlebys mit der heutigen Arbeitswelt zu tun? Wer diese Frage für die Gegenwart beantworten will, muss zunächst in die Vergangenheit blicken.

Der Gutsherr macht die Regeln

Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf. Das einstige Motto der Arbeiterbewegung war eine Kampfansage. Denn in den Fabriken des 19. Jahrhunderts hatten sich längst Arbeitszeiten von zwölf Stunden als Normalmaß eingependelt, auch 14-und 16-stündige Schichten waren weit verbreitet. Nachtund Sonntagsarbeit wurden eingeführt, um die Produktivität zu erhöhen, Kinderarbeit war häufig an der Tagesordnung - und für zahlreiche Arbeiterfamilien auch notwendig, um überleben zu können.

Zuvor hatte die industrielle Revolution das gesellschaftliche Gefüge durcheinander gerüttelt. Der technologische Fortschritt brachte enorme Produktivitätssteigerungen. Doch die Schattenseiten des neuen Wirtschaftswunders zeigten sich schnell: Menschliche Arbeitskraft wurde vielfach obsolet, die Mechanisierung der Landwirtschaft trieb Hunderttausende in die Städte. Und so führte eines zum nächsten: Das Überangebot an Arbeitskräften drückte die Löhne, von Streikrecht oder Kollektivverträgen, von Unfall-und Kündigungsschutz noch keine Spur. Arbeitgeber konnten Lohn und Arbeitszeiten einseitig diktieren, Arbeitnehmer waren von deren Gutdünken abhängig. "Der Gutsherr hat das Gold, der Gutsherr macht die Regeln."

Ein schillerndes Panoptikum der Arbeitsbedingungen dieser Zeit gelang Victor Adler 1888 mit seiner Reportage "Die Lage der Ziegelarbeiter". Der spätere Vereiniger der österreichischen Sozialdemokratie ließ sich als eine Art k. u. k.-Günter-Wallraff undercover in die Wienerberger Ziegelwerke einschleusen und begann dort zu arbeiten. In einer dreiteiligen Artikelserie beschrieb er, was er dort sah und erlebte, berichtete von finanzieller Ausbeutung, ausufernden Arbeitszeiten und den prekären Schlafquartieren der Arbeiter: "Holzpritschen, elendes altes Stroh, darauf liegen sie Körper an Körper ( ), über 40 Personen, für deren jede also kaum 4 Kubikmeter Luft bleiben".

Dass Arbeitsbedingungen sich über die Jahrzehnte verbesserten; dass Löhne mittels Kompromissen zwischen zwei Seiten ausverhandelt wurden; dass die Beschränkung der Regelarbeitszeit auf acht Stunden einst für Millionen von Arbeitnehmern Realität werden sollte -all diese Veränderungen erforderten einen Kraftakt. Denn für Fabrikbesitzer und Unternehmer waren sie in erster Linie ein Kostenfaktor.

Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts Antworten auf die soziale Frage gesucht wurden, beteiligten sich verschiedene gesellschaftliche "Stakeholder" am Diskurs. Die von der christlichen Soziallehre geprägte Amtskirche arbeitete ebenso an Vorschlägen wie neu gegründete Parteien und erste Genossenschaften. Den schrittweisen Durchbruch brachte die Gründung von Gewerkschaften und die Formierung der Arbeiterbewegung, deren Proponenten des Pudels Kern verstanden: Sozialer und gesellschaftlicher Ausgleich eines "natürlichen" Ungleichgewichts - die Kapitaleigner auf der einen, die abhängigen Lohnarbeiter auf der anderen Seite - ließe sich im größeren Stil nur durch Zusammenschluss, Organisation und gemeinsames Vorgehen der Vielen erreichen.

Die im Dunkeln sieht man nicht

Der Ausgleich zwischen den "Klassen", die Erkenntnisse aus den Katastrophen der beiden Weltkriege und die spätere Zusammenarbeit der großen politischen Lager schufen schließlich die Basis für jene stabilen Gesellschaften, die sich nach 1945 in Mittel-und Westeuropa formierten. Die Wirtschaftswachstum, steigenden Wohlstand und eine vergleichsweise egalitäre Gesellschaft ebenso brachten wie nachhaltige politische Stabilität und die Festigung rechtsstaatlich-demokratischer Prinzipien. Kurzum: die längste und stabilste Phase (sozialen) Friedens in der Geschichte der Menschheit. In Österreich gelang das nicht zuletzt durch drei entscheidende Stellschrauben: Die Soziale Marktwirtschaft. Den Sozialstaat. Und das spezifische österreichische Modell der Sozialpartnerschaft.

Und heute? "Die aufgekündigte Astgemeinschaft" übertitelte der Wirtschaftssoziologe Bernhard Kittel einen Gastbeitrag, den er anlässlich des 12-Stunden-Tages in der FURCHE veröffentlichte. Als Astgemeinschaft wurden in den 1950er-Jahren die Beziehungen zwischen den organisierten Arbeitgebern und -nehmern bezeichnet: Beide Seiten, so das Bild, sitzen auf dem selben Ast. Sägt eine daran, fallen beide herunter.

Im vergangenen Sommer wurde der 12-Stunden-Tag beschlossen. Die übliche Begutachtung im Parlament umgingen die Regierungsparteien. Während die gesetzliche Regelarbeitszeit weiterhin bei acht Stunden liegt, sind Befürchtungen, die Arbeitszeitspirale könnte sich damit weiter nach oben drehen, mehr als aktivistische Gräuelpropaganda. Denn wer die Arbeitswelt der vergangenen Jahre nicht mit hartnäckig verschlossenen Augen betrachtete, weiß: Obgleich in den meisten Branchen gesetzlich nicht erlaubt, waren auch vor dem neuen Arbeitszeitgesetz schon deutlich mehr als zehn Stunden pro Tag nicht unüblich -und Arbeitnehmer unter Druck, das in den Arbeitszeitaufzeichnungen eben nicht vollständig abzubilden. Die Verbreitung dieser Praxis war je nach Branche und Unternehmen freilich sehr unterschiedlich. Die Rolle der Sozialpartner wurde unterdessen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte fortlaufend geschwächt. Worunter der verhandlungsbasierte Ausgleich zwischen Arbeitgeber-und Arbeitnehmerseite wenig überraschend litt.

Ein sehr schlagkräftiges Argument für mehr gesetzliche Flexibilität für Unternehmen gibt es freilich: den internationalen Wettbewerb. Während in der Hochzeit der Sozialpartnerschaft noch nationale Märkte vorherrschten, hat in der heutigen globalisierten Wirtschafts-und Finanzwelt der Druck auf Unternehmen massiv zugenommen. Wer nicht produktiv genug ist, wird von der Konkurrenz schnell abgehängt. Und wo die Lohnkosten hoch sind, wandern internationale Konzerne ab. Zu den Verlierern dieser Entwicklung zählen in jedem Fall die Arbeitnehmer, deren Schutzrahmen und Rechte sich in vielen Bereichen verschlechtern. Oder deren Jobs gleich ganz wegfallen.