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Digital In Arbeit

Dreckige „Säuberungen"

Wenn Menschen etwas beschönigen wollen, verwenden sie gerne „euphemistische” Ausdrücke. Solche Begriff sollen dann Negatives als positiv, zumindest aber als relativ harmlos erscheinen lassen. Denken wir nur an das „Minuswachstum”, das über ein Schrumpfen der Wirtschaft hinwegtäuschen soll. Oder an das „Freisetzen” von Arbeitskräften, allerdings in eine „Freiheit”, die sich weder die bei Semperit noch bei Maculan Beschäftigten wünschen. Oder an die „Schwangerschaftsunterbrechung”, die wie eine nette Rast auf einer dann jederzeit fortsetzbaren Wanderung wirkt, lüingt fast wie ein Werbeslogan: Mach mal Pause ...

Oder nehmen wir die „Euthanasie”, die nun im Nordterritorium Australiens (womit man über die ohnehin schon sehr liberale Regelung in Holland hinausgeht) erlaubt wurde. I ,äßt dieser „schöne Tod”, den man anderen bereiten darf, nicht. Dämme brechen? Sollte „Sterbehilfe” nicht im Sinne von menschlicher Begleitung Hilfe beim - statt Hilfe zum - Sterben sein? Was offiziell nur dazu dienen soll, um Leiden abzukürzen, wird es nicht inoffiziell bald des öfteren im Sinn einer beinharten Kosten-Nutzen-Rechnung geschehen? Es läßt sich doch nicht leugnen, was im Gesundheitswesen immer mehr zur Regel wird: Nur wer es sich leisten kann, wird rasch und bestmöglich behandelt.

Euphemistische Verniedlicher sollen gefälligst zur nackten Wahrheit hinter ihren Schönfärbereien stehen, etwa jene, die den Krieg auf dem Balkan geführt und gefördert haben, zu dem, was der Gerichtshof in Den Haag nun am Beispiel Srebrenica aufdeckt: massenweise Folter, Vergewaltigung und Mord. All das wurde hinter dem Begriff „ethnische Säuberungen” versteckt, obwohl es sich zweifellos um die allerschmutzigsten Arten von Verbrechen handelt.

Heiner Boberski remy Rifkin (der vom „Ende der Arbeit” spricht) und Robert Reich (der den Niedergang der nationalstaatlichen Arbeitspolitik nachzeichnet) haben jene Befunde brillant zusammengefaßt, die ein Nachdenken über ein grundlegend neues Design der Arbeit einfordern. Erst angesichts dieser Dramatik der Lage gewinnen selbst so hochfliegende Ansätze wie die fulminante Beschreibung der Potentiale und Entfaltungsmöglichkeiten der Ar-m, beit von Matthew Fox plötzlich an Aktualität (siehe Seite 10). In dieser etwas anderen Welt der Analyse von Status, Krise und Perspektiven der Arbeit scheint die Zeit reif für eine „Revolution der Arbeit” (Fox), für eine neue Mischung aus Fremdarbeit und Eigenarbeit (Bund/Misereor), für eine vita activa (H. Arendt).

Natürlich fallen derartige Denkansätze unter das Utopieverdikt der politischen Kaste. Es ist daher der Frage nachzugehen, ob Ideen, die sich dem Programm eines Umbaus der Arbeitswelt und einer Befreiung der Arbeit verschreiben, nicht blutleere, sich dem Einstieg in die Bealität gänzlich verweigernde intellektuelle Spielereien sind.

Verwirklichungschancen für große neue Entwürfe gibt es immer, aber sie hängen von Voraussetzungen ab:

■ Es muß eine tiefe objektive Krise vorliegen („so geht es nicht weiter”),

■ die Krise und ihre Alternativen müssen in den Lebenswelten der Menschen konkret erfahrbar sein und Diskurse auslösen (wir brauchen ein Subjekt der Veränderung),

■die Lösungen müssen mit der ökonomischen Leistungsfähigkeit in den Kernsektoren der Wirtschaft vereinbar sein (Machbarkeit).

Betrachtet man die heutige Situation näher, so erweist sich die These der politischen Technokratie, größere Veränderungen würden nicht akzeptiert werden und die fragile Wettbewerbsfähigkeit zertrümmern, als Schutzbehauptungen. Der Frage der Realisierbarkeit und der Erforderlichkeit eines neuen Modells der Arbeit gelten die folgenden Überlegungen:

Die derzeit beobachtbaren Entwicklungen fegen wie ein Tornado über die bisherige, eher gemütliche Arbeitslandschaft hinweg. Massenarbeitslosigkeit wird mit steigender Tendenz zur Dauererscheinung, ohne Hoffnung auf eine Wende. Der Sektor prekärer Beschäftigung wächst, und die Mehrheit der Jobs wird unsicherer und belastender. Arbeit bietet immer weniger Menschen ein ausreichendes Einkommen. Die durch Jahrzehnte gültige Normalität der lebenslangen Vollzeitbeschäftigung verflüchtigt sich. Der Masse an Arbeitskräften bietet sich die Perspektive einer diskontinuierlichen, unsteten, brüchigen, mit schwankenden Einkommen versehenen, oft von Zufällen abhängigen .Arbeit. Damit wird auch ein stabiler und planbarer Lebensverlauf zur Ausnahme. .

Rein quantitativ schrumpft Arbeit zur Marginalie im Leben (umgelegt auf das ganze Leben: ein Tag Arbeit pro Woche). Sie bleibt dennoch Mittelpunkt aller Zuweisungen an Geld, Status, Macht und Kompetenz, denn nach wie vor hängen fast alle materiellen Sicherungen (Sozialsystem Familie) am Tropf der Erwerbsarbeit.

Der am Weltmarkt exponierte Arbeitssektor steht unter einem rabiaten Wettbewerbsdruck. Dieser demontiert auch die staatlichen Schutzschirme. Schon stehen weitere Automatisierungswellen vor der Tür, die ganze Branchen wegschwemmen werden. Unternehmen verwandeln sich in informationsverarbeitende Aktionszentren, die ein flexibles Zusammenspiel verschiedener, möglichst billiger Produktionsfaktoren in einem elektronischen Verbund organisieren, ohne geographische Begrenzung und ohne auf klassische (geschützte) Arbeitsverträge angewiesen zu sein.

Durch die Verbreitung modernster Produktionstechnolo-.gien bis in die letzten Winkel des Planeten schmilzt das bisherige Produktivitätsgefälle zu den „Billiglohnländern”, ein Prozeß, der durch den weltweiten Ausbau und die Verbil-ligung von „Netzen” für den Transport von Waren, Diensten und Informationen noch weiter angeheizt wird. Gerade die stark zunehmende Informationsarbeit ist ortsungebunden und außerhalb traditioneller betrieblicher Strukturen organisierbar.

Mit alledem verschärft sich die vertikale Schichtung in der Gesellschaft. Die neue Oberschicht der Arbeitnehmer, die „Symbolanalytiker” (R. Reich), hochqualifizierte Wissens- und Informationsarbeiter, macht zwischen zwei und 20 Prozent der Erwerbstätigen aus und erzielt marktbedingt hohe Einkommen. Die verzweifelte Lage der untersten 20 bis 30 Prozent ist bekannt. Nun rollt eine AVelle sehr subtiler und kompliziert verlaufender Verarmungen der (Arbeitnehmer-)Mittelschichten und ihrer Familien.

Auf den Nationalstaat zu hoffen wäre vergeblich. Nicht nur der Globalisierungsdruck, auch das Tempo und die Komplexität der Entwicklungen degradieren diesen zu einem Papiertiger.

Siehe dazu Seite 2 und 10

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