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Digital In Arbeit

Die Zukunft der Arbeit

Während vor einigen Jahren noch die verschiedenen Dimensionen der Umweltproblematik, der Bereich der Bildung und Kultur und die Auswirkungen der neuen technologischen Umwälzungen eindeutig als die drängendsten Probleme der modernen Zivilisation angesehen wurden, kommt heute dem Ringen um ein neues Verständnis des gesellschaftlichen Stellenwertes der Arbeit zusehends eine Schlüsselrolle zu. Neben der Zerstörung der Natur und der Bewahrung des Friedens scheint die Zukunft der Erwerbsgesellschaft zu einem bestimmenden gesellschaftspolitischen Thema des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts zu werden.

Was ist geschehen? Wie hat sich der Stellenwert des Arbeitsbegriffs, der in unterschiedlichen Gesellschaftstheorien eine zentrale Position einnahm, verändert? - Arbeit und Arbeitslosigkeit im heutigen

Verständnis sind historisch gesehen relativ junge Phänomene: Erst die Entwicklung der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft hat Arbeit als Lohnarbeit definiert.

Auch die traditionellen Gegenkräfte eines nur auf Gewinn ausgerichteten Wirtschaftens, die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie, haben in vieler Hinsicht Lohnarbeit als die Form gesellschaftlicher Arbeit akzeptiert und verinnerlicht. Menschen, deren Tätigkeit oder Lebensstil sich nicht unter diese Definition subsumieren läßt, unterliegen sozialer Diskriminierung und Marginalisierung.

Die Erosion traditioneller Wertmuster und Leistungsnormen stellt den zentralen gesellschaftlichen Wert der Arbeit immer mehr in Frage. Die Erwerbsarbeit hat ilye kulturelle Schlüsselrolle verloren. Arbeit stellt nicht mehr den bestimmenden Faktor für das, was einen Menschen ausmacht, dar: Nach Jahren der zunehmenden Integration und Erweiterung der Beschäftigungsbasis kommt es zu einer immer stärkeren Segmentierung.

Zahlreiche Umfragenbelegen, daß immer mehr Arbeitnehmer ihre Arbeit als entfremdet erleben, die Arbeitszeit als verlorene Zeit betrachten und ihr eigentliches Leben in der Freizeit suchen.

Daß die von der Arbeitslosigkeit betroffenen Gruppen die soziale und ökonomische Bedrohung bisher relativ konfliktfrei hingenommen haben, heißt keineswegs, daß das auch in Zukunft so sein wird. Vor allem wenn die Chancen auf eine längerfristige Integration in den Arbeitsmarkt schwinden, sind Lebensbereiche außerhalb der Erwerbsarbeit sicherlich überfordert, wenn sie in einer lohnarbeitszentrierten Gesellschaft eine dauerhafte Alternative zur Lohnarbeit bieten sollen.

Wir erleben spätestens seit dem Beginn der achtziger Jahre ein Ausmaß von Arbeitslosigkeit, das Ökonomen und Politiker noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätten. Seit damals ist bereits auch klar, daß die im industriellen Bereich verlorengegangenen Arbeitsplätze nicht durch eine entsprechende Expansion des Dienstleistungssektors zu kompensieren sind. Der Innovationswettbewerb führt zu strukturellen Krisen, zu sich in übernationalen Konzernen manifestierenden Kapitalkonzentrationen. Diese Konzerne sind schwer zur Schaffung von Arbeitsplätzen zu verpflichten und beschränken überdies den nationalen Handlungsspielraum. Die vor allem für persönliche Dienstleistungen charakteristische Form kaum rationalisierbarer Arbeit wird wegen ihrer steigenden Kosten durch S ach- investitionen oder Eigenarbeit ersetzt.

Obgleich zur Zeit die Prognosen über die gesellschaftlichen Folgen der Einführung neuer Technologien in vielen Punkten noch zu äußerst unterschiedlichen Ergebnissen kommen, zeichnet sich doch bereits eine Reihe eindeutiger Auswirkungen des technischen Wandels auf die Arbeits- und Berufswelt ab: ein Einsparen von Arbeitsplätzen durch hochproduktive Technologien, eine Veränderung der Beschäftigungsstruktur sowie eine Verteilung der Beschäftigten über die einzelnen Sektoren, ein Wandel der Arbeitsqualität, der trotz verschiedener Experimente wahrscheinlich zu einer stärkeren Arbeitsteilung führen wird, ein Zwang zur Anpassung an die sich ständig verändernden Arbeits- und Ausbildungserfordernisse, eine größere Kontrolle der

Arbeitsleistung und eine durch die Rationalisierung der Produktion bedingte Tendenz zur Leistungsverdichtung. Selbst die günstigsten Szenarien für mittel- und langfristige Entwicklungen des Arbeitsmarktes kommen für die meisten Länder Europas nicht zu dem Ergebnis, daß die Arbeitslosigkeit entscheidend sinken wird.

Politisch kann mit Arbeitslosigkeit und der Abnahme der sozialen Bedeutung der Lohnarbeit verschieden umgegangen werden. Wenn neokonservative Politik die sich zuspitzende Situation und deren Folgen ignorieren zu können meint, unterstützt dies die fortschreitende Ausgrenzung und führt zu sich verschärfenden Interessenskonflikten zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen. Angesichts der fortschreitenden Deregulierung der Arbeitsverhältnisse kommt es zu gravierenden strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes wie der Arbeitsbe dingungen. Vor allem die sogenannten Problemgruppen finden in der sich ausweitenden Grauzone zumindest kurzfristig Beschäftigung; Arbeitslose nehmen verstärkt „alternative“ Beschäftigungsmöglichkeiten an, die weder sozial noch materiell zureichend abgesichert sind - und diese Entwicklung dient ihrerseits wieder als Legitimation für einen weiteren Abbau des Sozialstaates und der gesetzlichen Regelungen für „normale“ Arbeitsplätze.

Maßnahmen zur Arbeitszeitverkürzung setzen nicht nur ein beachtliches Maß an Solidarität seitens derer voraus, die eine Reduktion ihrer Beschäftigung hinnehmen müssen, sondern auch besondere Anforderungen an Staat und Gewerkschaft, weil diese nicht nur gegen Einzelinteressen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern durchzusetzen sind, sondern auch in Summe kosten- und einkommensneutral sein müssen, um einen Erfolg in wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischer Hinsicht zu gewährleisten. Dies könnte mit Hilfe staatlicher Unterstützungen, etwa durch die Gewährung von entsprechenden Lohnkostenzuschüssen für Arbeitnehmer und durch eine auf die Notwendigkeiten der betroffenen Arbeitgeber abgestimmte Förderungspolitik, möglich sein.

Eine vor allem in Österreich stark eingesetzte, „diskrete“ Variante der Arbeitszeitverkürzung ist die Verkürzung der Lebensarbeitszeit. Mag die Statusänderung vom Arbeitslosen zum Pensionisten zwar auch kurzfristig eine Entlastung bewirken, wird doch die längere Zeit des „Ruhestandes“ problematisch, wenn eine ausschließlich erwerbsorientierte Gesellschaft keine alternativen Lebensperspektiven zu bieten vermag. So bescheiden außerdem die beschäftigungspolitischen Auswirkungen aufgrund der niedrigen Wiederbesetzungsquotenausfallen, so sehr trägt die Förderung der Frühpension dazu bei, den verstärkten Druck der am Aufbau leistungsfähiger Belegschaften interessierten Betriebe zu legitimieren. Ein flexibleres Pensionssystem scheint angesichts der bisherigen Erfahrungen in sozialpolitischer Hinsicht eine zukunftsträchtigere Lösung zu bieten.

Entwickelt sich unsere Gesellschaft also zu einem Reich der Freiheit oder zu einer Welt, wie sie Adam Schaff in seinem letzten Buch beschreibt, einer Welt, in der die Menschen krank werden, weil sie nichts zu tun haben?

In den letzten Jahren hat die Ausdehnung der aktiven Arbeitsmarktpolitik eine Förderung zusätzlicher produktiver Bereiche und Märkte ermöglicht. Darüber hinaus haben sich aus Ansätzen der Alternativkultur einige Entwicklungen ergeben, die die Erschließung neuer Tätigkeitsfelder möglich machten. Aus einer von den Gesetzen des Marktes, der industriellen Produktion und der Lohnarbeit bestimmten Gesellschaft könnte eine von einer gemischten Ökonomie gepräg te Gesellschaft entstehen, in der informelle Wirtschaftsbereiche innerhalb hochentwickelter Industriestrukturen neue Arbeitsformen und Tätigkeiten zulassen.

Gesellschaftspolitisch ist als längerfristiges Ziel auf jeden Fall die

Entwicklung einer Gesellschaft mit einem „erweiterten“ Arbeitsbegriff ins Auge zu fassen. Parallel dazu müßten Formen der Eigenarbeit und der Arbeit in bisher brachliegenden Bedarfsfeldem entstehen können, die institutionell anzuerkennenund materiell abzusichern wären.

Außer Zweifel steht, daß sich die kommende Veränderung der klassischen Erwerbsgesellschaft in zwei Dimensionen abspielen wird: Zum einen ist es der Arbeitsmarkt selbst, der von einer Reihe tiefgreifender Veränderungen betroffen ist und sein wird. Zum anderen werden jedochEinstufung und Reflexion der sozialen Bedeutung der Erwerbsarbeit und der mit dem Strukturwandel gegebenen Herausforderungen durch die Gesellschaft und deren Akteure eine entscheidende Rolle spielen.

Als Grundlage für eine breite Auseinandersetzung dieser Art fanden in den Jahren 1987 und 1988 mehrere dem Thema Arbeit gewidmete Versammlungen des Austrian Chapter des Club of Rome statt.

Im Juli 1989 wird ein Band vorgestellt, der die Positionen der Auseinandersetzung in den Arbeitskreisen umreißt, die zur Sprache gekommenen Lösungsansätze beleuchtet und eine umfassende Diskussion der verschiedenen Ansätze über die Neubewertung der Arbeit und die Zukunft der Erwerbsgesellschaft enthält (siehe Kasten).

Der Autor ist Generaldirektor der Zentralsparkasse und Kommeraalbank und Präsident des Austrian Chapter des Club of Rome.

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