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Digital In Arbeit

Wer darf morgen noch arbeiten?

1945 1960 1980 2000 2020

Die goldenen Jahre der Vollbeschäftigung gehören endgültig der Geschichte an. Zweistellige Arbeitslosenzahlen werden zum fixen Bestandteil der Wirtschaftsstatistik - auch der Industrieländer.

1945 1960 1980 2000 2020

Die goldenen Jahre der Vollbeschäftigung gehören endgültig der Geschichte an. Zweistellige Arbeitslosenzahlen werden zum fixen Bestandteil der Wirtschaftsstatistik - auch der Industrieländer.

Die Angst vor der Arbeitslosigkeit geht um - und das nicht erst seit den neuesten Alarmmeldungen, die Osterreich für heuer Werte vorhersagen, wie wir sie zuletzt in den fünfziger Jahren hatten: Schon 1993 gaben vier von fünf Österreichern an, sie sorgten sich wegen der steigenden Arbeitslosigkeit. Dabei stand Osterreich damals im internationalen Vergleich noch als Musterland der Beschäftigungspolitik da - nicht zuletzt wegen der großzügig gehandhabten Früh Pensionierung.

Nunmehr steuern wir langsam aber sicher auf Werte zu, wie sie für die EU typisch sind. Dort sind derzeit zehn Prozent arbeitslos, Tendenz steigend -wie übrigens in allen Industrieländern: 1990 waren in den OECD-Ländern noch 25 Millionen arbeitslos, im Vorjahr dürften es fast 40 Millionen gewesen sein. Selbst in Deutschland, dem Wirtschaftsmotor Europas, rechnet man im nächsten Jahr mit vier bis sechs Millionen Beschäftigungslosen.

Schon ein Bericht an die europäischen Sozialminister aus dem Jahr 1993 zeichnete folgende Zukunftsperspektive: Die Gesellschaft werde „eine Kerrigruppe von rund 25 Prozent vollbeschäftigten, hochqualifizierten und sozial abgesicherten Arbeitern und Angestellten, vor allem in multinationalen Konzernen, sowie Beamte, Freiberufler und international mobile Experten umfassen".

Ebenso stark könnte eine Gruppe von sozial weniger gut abgesicherten „ Flexiworkers" sein. Der Best - beachtliche 50 Prozent der Arbeitskraft -könnte eine Gruppe häufig arbeitsloser, am Bande der Armut lebender Menschen, die zu Ge-legenheits- oder Saisonarbeiten herangezogen werden, sein.

Daß diese Perspektive nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, zeigt die Situation in Frankreich, wo fast jeder zweite unter 25jährige arbeitslos oder auf „Jobben" angewiesen ist. Noch kennzeichnender ist aber, was sich in der US-Wirtschaft abgespielt hat. Um deren Konkurrenzfähigkeit zu er- ' höhen, kam es in den vergangenen Jahren zu enormen Umstrukturierungsmaßnahmen.

So berichtete das Magazin „Fortune" von vier US-Giganten, die im Zuge der Neuorganisation ihrer Unternehmen insgesamt 250.000 Jobs eingespart und im gleichen Zeitraum 104 Milliarden Dollar zusätzlich erwirtschaftet haben.

Produktivitätssteigerungen bisher ungeahnten Ausmaßes stehen auf dem Programm. So peilt Siemens etwa eine Verbesserung von 30 Prozent innerhalb von nur drei Jahren an! Denselben Umsatz mit 30 Prozent weniger Belegschaft also. „Fortune" faßt zusammen: „Was heute verschwindet, ist nicht eine bestimmte Art von Arbeitsplätzen oder Arbeitsplätze in bestimmten Industriezweigen oder bestimmten Teilen des Landes... Was verschwindet, ist die Sache selbst, der Job."

Das mag journalistisch überzeichnet sein, beschreibt aber die Bichtung, in die die Wirtschaft unterwegs ist, wenn sich nicht Wesentliches an den Prämissen des Wirtschaftens selbst ändert. Denn die überhandnehmende Arbeitslosigkeit ist keine vorübergehende Panne, sondern die notwendige Folge der seit dem Zweiten Weltkrieg - Jahrzehnte lang erfolgreich - betriebenen Wirtschaftspolitik.

Durch systematische Investitionsförderung forciert sie den Ausbau des Produktionskapitals. Durch massive Forschungsförderung begünstigt sie die Entwicklung neuer Technologien. Diese ersetzen konsequent den teuersten Produktionsfaktor, die Arbeitskraft, durch maschinelle Leistungen: Zunächst übernahm die Maschine vor allem handwerkliche Fertigkeiten des Menschen und stellte künstliche Energie zur Verfügung.

Heute ist sie tief in den Bereich der Informationsspeiche-rung und -Verarbeitung, der Prozeßsteuerung und -Überwachung, der Planung, der Vermittlung und Gestaltung von Kommunikation eingedrungen. Daher wird auch in sogenannten Zukunftsbranchen massiv rationalisiert.

Lange Zeit war der Dienstleistungssektor das Auffangbecken für die anderswo nicht mehr benötigten Arbeitskräfte. Durch die elektronische Be-volution ist auch damit Schluß. Arbeitskräfte werden somit nicht mehr für wertvollere Tätigkeiten „frei"gesetzt, sie verlieren schlicht und einfach jegliche Einsatzmöglichkeit und damit auch ihre materielle Lebensbasis.

Dazu kommt ein weiteres, die Beschäftigung gefährdendes Postulat: Wirtschaftlicher Fortschritt habe mit steigender internationaler Verflechtung einherzugehen. Abbau aller Barrieren für den weltweiten Austausch von Waren, Dienstleistungen und Kapitalien heißt die Parole. Das war sinnvoll, solange die Produktionsbedingungen zwischen den Ländern sehr unterschiedlich waren.

Mittlerweile hat der technische Fortschritt aber diese Bedingungen so trivialisiert und vom Umfeld unabhängig gemacht, daß die wesentlichen Faktoren, mit denen die Länder konkurrieren, nicht mehr die natürlichen Bedingungen, sondern das Lohnniveau und die Verkehrsinfrastruktur sind.

Heute konkurrieren die Industrieländer eben mit dem Lohnniveau in Korea, Indien, Ungarn oder Brasilien, wenn international agierende Unternehmen Entscheidungen über ihre Produktionsstätten treffen.

Die unausweichliche Folge: Verlust von Arbeitsplätzen in unseren Breitegraden und Senkung des Lohnniveaus.

Eine Änderung dieser Situation ist nicht von den Unternehmen zu erwarten. Sie nützen aus, was im Bahmen der Spielregeln möglich ist. Eine langfristige Sicherung der Beschäftigung kann nur vom Überdenken der wirtschaftlichen Steuerungsmechanismen ausgehen. Sie waren gut geeignet, eine darniederliegende Wirtschaft in Gang zu bringen und vom Krieg zerstörte Länder in den Wohlstand zu führen. Die Beibehaltung derselben Bezepte in Zeiten des Überflusses aber ist kontraproduktiv.

In einer Zeit der Überproduktion, der zunehmenden Ausgrenzung von Menschen aus dem Wirtschaftsprozeß, der Gefährdung des Kreislaufes von Einkommensbildung und kaufkräftiger Nachfrage ist es falsch, die weitere Batio-nalisierung und den internationalen Konkurrenzkampf bis aufs Messer zu forcieren. Die Ökonomie ist keine Naturwissenschaft, obwohl auch Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften vergeben werden. Sie ist ein wertgeladenes Gedankengebäude, dessen Neukonzeption überfällig ist.

Wäre es nicht eine Aufgabe für die EU, Konzepte für ein' nachhaltiges Wirtschaften in Europa - und das bedeutet vor allem auch Beschäftigung für alle Arbeitswilligen - zu entwickeln, statt den Kampf um Marktanteile am Weltmarkt zu forcieren?

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