7211696-1992_33_03.jpg
Digital In Arbeit

Wirtschaftsflaute bis 1993?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Weltwirtschaft präsentiert sich in einem labilen Zustand. Es gibt weder eindeutige Tendenzen zu einem Aufschwung, noch zu einem Abschwung. Vor dem Hintergrund labiler Wachstumsaussichten werfen die herbstlichen Lohnverhandlungen bei uns erste Schatten.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Weltwirtschaft präsentiert sich in einem labilen Zustand. Es gibt weder eindeutige Tendenzen zu einem Aufschwung, noch zu einem Abschwung. Vor dem Hintergrund labiler Wachstumsaussichten werfen die herbstlichen Lohnverhandlungen bei uns erste Schatten.

Den aktuellen Stand der Weltwirtschaft zu diagnostizieren, fällt nicht leicht. Eine eindeutige Tendenz zu weiterem Abschwung oder neuem Aufschwung ist nicht erkennbar, die Konjunkturbewegung scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Dies könnte den unteren Wendepunkt des Zyklus markieren, von dem aus sich Nachfrage und Produktion wieder kräftig beleben.

Verschiedene Umstände stimmen aber skeptisch: Zum einen dauert die Wachstumspause schon ungewöhnlich lange; schon seit mehr als einem Jahr sind in den USA, denen eine Vorreiterrolle zukommt, die Rahmenbedingungen für einen Aufschwung günstig -doch der zündende Funke will nicht überspringen. Zum anderen sind in Europa die Zinsen auf einem historischen Höchststand, und die Deutsche Bundesbank hat Mitte Juli den Leitzinssatz neuerlich in die Höhe geschraubt; kreditfinanzierte Ausgaben für Konsum oder Investitionen sind dadurch mit hohen Finanzierungskosten belastet. Schließlich setzt das hohe Zinsgefälle zwischen Europa und den USA den Dollar unter starken Abwertungsdruck; dies erschwert für die europäischen Länder den Export, von dem sie den entscheidenden Impuls für einen Konjunkturaufschwung erhoffen.

Unabhängig von der gegenwärtigen Unsicherheit ist den Konjunkturforschern ihr Untersuchungsobjekt nicht mehr so vertraut wie ehedem. Das klassische Wechselspiel von Hochkonjunktur und Rezession im Rhythmus von etwa vier Jahren ist kaum mehr zu erkennen, die Zyklen werden tendenziell länger und sind weniger deutlich ausgeprägt.

Von den mannigfaltigen Ursachen seien nur zwei hier erwähnt: erstens verzichtet die Wirtschaftspolitik zunehmend auf eine aktive Konjunktursteuerung über die Staatsausgaben und -einnahmen; teils, weil sie von ihrer Wirkung nicht mehr so überzeugt ist, teils aber auch, weil durch permanente Defizite und steigende Staatsverschuldung budgetpolitischer Handlungsspielraum verlorengegangen ist. Zweitens reagieren auch Konsumenten und Investoren nicht mehr wie „auf Knopfdruck" auf wirtschaftspolitische Maßnahmen, sie orientieren ihr Handeln eher an mittelfristigen Zukunftserwartungen und Rahmenbedingungen.

Die weltwirtschaftliche Rezession der frühen und die Hochkonjunktur der späten achtziger Jahre waren jeweils die längsten der Nachkriegszeit. Setzt sich dieses „neue" Muster fort, könnte den Industrieländern noch eine Durststrecke wirtschaftlicher Stagnation bis in 4bs Jahr 1993 bevorstehen.

Zu den üblichen Unwägbarkeiten der Zukunft treten gegenwärtig neue Risikomomente, die Unternehmen wie Haushalte zu vorsichtiger Disposition veranlassen und daher die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpfen. In den USA ist dies etwa der Vormarsch ausländischer Konkurrenten auf dem Inlandsmarkt - durch Import und Direktinvestitionen -, der auf einen Verlust an technologischer Wettbewerbsfähigkeit in strategischen Wirtschaftsbereichen hinweist; die langjährige Vernachlässigung von Investitionen in die immaterielle Infrastruktur, zum Beispiel das Bildungssystem; die Auswirkungen der „Friedensdividende" nach dem Ende des Kalten Krieges auf die Wirtschaftsstruktur. In Japan wurde durch den Verfall der Aktienkurse und seine Folgewirkungen das Vertrauen in das Finanzsystem schwer erschüttert; auch läßt sich die Verlagerung der Wachstumskräfte vom Export zur Binnenwirtschaft nicht friktionsfrei bewerkstelligen.

Europa ist auf der Suche nach einer neuen politischen und wirtschaftlichen Architektur. Während im Westen um die Vollendung der Integration gerungen wird, schreitet im Osten die Desintegration fort. Der stimulierende Effekt des EG-Binnenmarktkonzepts auf die Investitionen dürfte bereits größtenteils vorweggenommen sein. Unsicherheiten über die Verwirklichung der Beschlüsse von Maastricht könnten sich in näherer Zukunft ebenso als Hemmschuh für die Wachstumskräfte erweisen wie die rechtlichen und institutionellen Infrastrukturdefizite in den östlichen Reformländern.

Österreich war in den letzten Jahren von überdurchschnittlich guter Konjunktur begünstigt. Der Wirtschaftsboom hat, unter anderem dank lebhafter Nachfrage aus Deutschland als unmittelbare Folge der Wiedervereinigung, länger angehalten und war stärker ausgeprägt als in den meisten anderen Industrieländern. Auch heuer dürfte Österreich seinen Wachstumsvorsprung gegenüber dem OECD-Durchschnitt verteidigen, wenngleich er geringer sein wird als bisher.

Die österreichische Konjunktur kann sich vor allem auf kräftige Nachfrage aus dem Inland stützen, die sie vor den widrigen

Einflüssen der internationalen Rezession abschirmen. So ist die Bauwirtschaft mit Aufträgen so gut ausgelastet wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Der Handel profitiert von der hohen Kaufbereitschaft der Haushalte, die - trotz der jüngsten Krisenmeldungen aus der Industrie - weiter mit steigenden Einkommen und sicheren Arbeitsplätzen rechnen. Tatsächlich bieten das Baugewerbe und der Dienstleistungssektor gute Beschäftigungschancen, die den Personalabbau der Industrie mehr als wettmachen. Im Tourismus steigt die Zahl sowohl inländischer wie ausländischer Gäste.

Dennoch steht Österreichs Wirtschaft vor wichtigen Bewährungsproben. Je länger die internationale Konjunkturschwäche andauert, umso schwieriger ist es gerade für ein kleines Land, sich ihrem Einfluß zu entziehen. Zudem wird Österreich durch die Veränderungen im Westen wie im Osten Europas

unter deutlich stärkeren Konkurrenzdruck geraten - sowohl auf den Auslandsmärkten wie im Inland. Der Steigerung der Internationalen Wettbewerbsfähigkeit muß daher das Hauptaugenmerk der Wirtschaftspolitik gelten.

Der Budgetpolitik steht eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Konsolidierungsziel bevor. Das Nettodefizit im Bundeshaushalt 1993 soll 2,7 Prozent des Brutto-Inlands-produktes (BIP) nicht überschreiten. Das strukturelle Budgetproblem ist nach wie vor ungelöst - die Ausgaben wachsen tendenziell rascher als die Einnahmen - daher wird es immer schwieriger, die Etappenziele zu erreichen. Die Nagelprobe für die Konsolidierung wird darin bestehen, ob es gelingt, das Nettodefizit auf Dauer auf der angepeilten Zielmarke von höchstens 2,5 Prozent des BIP zu halten. Dies bedingt zum Teil einschneidende Maßnahmen in wichtigen Aufgabenbereichen. Hiezu zählt die zur Entscheidung anstehende Pensionsreform, die langfristig zu einer nachhaltigen Entlastung des Bundes als Träger der Ausfallhaft führen sollte.

Die Lohnverhandlungen im Herbst werden vor dem Hintergrund labiler Konjunkturaussichten, sinkender Unternehmenserträge, ungelöster Strukturprobleme der Industrie und des Konsolidierungsbedarfs der öffentlichen Haushalte geführt. Mit der Öffnung der Ostgrenzen geraten manche Industriezweige durch das Konkurrenzangebot aus den Reformländern unter massiven Kosten-und Ertragsdruck. Für die betroffenen Unternehmen ist dies ein eindeutiges Signal, die Strukturverbesserung von Produkten und Produktionsverfahren zu forcieren.

Dieser Prozeß erfordert freilich Zeit, und die Lohnpolitik sollte danach trachten, diesen Anpassungsprozeß nicht durch überhöhte Steigerung der Arbeitskosten zu erschweren. Die Errichtung von wettbewerbsverzerrenden Handelsbarrieren kann keine Zukunftsstrategie sein.

Der Autor ist Referent für Konjunkturanalyse und -progno-se sowie für internationale Wirtschaft am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. Der Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau