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Muß Politik der harten Währung weich werden?

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Seit Beginn der siebziger Jahre ist das System der fixen Wechselkurse zusammengebrochen. Seither wird die Festsetzung der Kurse verstärkt als wirtschaftspolitisches Instrument eingesetzt, allerdings zum Teil mit einer neuen Zielrichtung, nämlich zur Stabilisierung der Preisentwicklung im Inland.

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Seit Beginn der siebziger Jahre ist das System der fixen Wechselkurse zusammengebrochen. Seither wird die Festsetzung der Kurse verstärkt als wirtschaftspolitisches Instrument eingesetzt, allerdings zum Teil mit einer neuen Zielrichtung, nämlich zur Stabilisierung der Preisentwicklung im Inland.

Wechselkursverschieburigen werden nicht mehr allein im Hinblick auf die Sicherung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts, sondern auch in der Absicht, die Inflation zu dämpfen eingesetzt. Auch Österreichs „Hartwährungspolitik“ läßt sich so interpretieren.

Wann kann man überhaupt von „harter“ oder „weicher“ Währung sprechen? Dies zu beurteilen, ist gerade dann schwierig, wenn sich - wie in den letzten zehn Jahren - die Wechselkurse sehr unterschiedlich entwickeln. In diesem Zeitraum wurde der Schilling z. B. gegenüber der italienischen Lira aufgewertet, im Vergleich zum Schweizer Franken jedoch abgewertet.

Um nun die effektive (nominelle) Kursentwicklung zu ermitteln, werden diese bilateralen Kursverschiebungen - im einfachsten Fall mit den jeweiligen Anteilen der entsprechenden Länder am Außenhandel gewichtet - zusammengefaßt.

Die Kursentwicklung wird üblicherweise deswegen verfolgt, weil man ihre Folgen für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft erfassen will. Dafür eignet sich jedoch der nominelle Index nicht. Deshalb wird meist ein realer Wechselkurs ermittelt, der auch die unterschiedlichen Preisoder Kostenentwicklungen in den Ländern berücksichtigt.

Der reale Wechselkurs und damit die relativen Preis- (oder Kosten-)niveaus zweier Volkswirtschaften ändern sich nämlich nicht, wenn z. B. mit einer fünfprozentigen nominellen Aufwertung eine um 5 Prozent geringere Inflationsrate (oder Kostensteigerung) im Vergleich zu den Handelspartnern verbunden ist.

Auf dem Bestehen eines solchen Zusammenhangs baut auch die Hartwährungspolitik auf: Durch eine Aufwertung lassen sich die Importpreise senken und dadurch wird eine zurückhaltendere Lohn- und Preispolitik begünstigt. Beides soll niedrigere Inflations- raten herbeiführen. Dieser Prozeß ist tatsächlich - wenn er wie in Österreich durch eine abgestimmte Einkommenspolitik flankiert wird - erfolgreich.

Auf längere Sicht treten jedoch nicht nur Vorteile auf. So sind unter gewissen Voraussetzungen negative Handels- bzw. Leistungsbilanzfolgen zu erwarten. Dies wird zunächst weitgehend dadurch unterdrückt, daß die Exporteure die Kosten fast gänzlich selbst tragen. Die österreichischen Exportpreise sind trotz der Aufwertung relativ zu den Konkurrenten kaum gestiegen; die internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit hat sich damit kaum verschlechtert.

Diese Situation provoziert natürlich zwei Fragen: worauf sind dann Österreichs Handels- und Leistungsbilanzprobleme zurückzuführen? Welche Folgen hat die oben angedeutete Preissetzungspolitik langfristig?

• Das außenwirtschaftliche Ungleichgewicht dürfte - darüber sind sich die meisten Experten einig - vornehmlich strukturelle Ursachen haben. Die hei

mische industrielle Produktion und damit auch der Export sind zuwenig auf neu entwickelte, mit qualifizierten Fachkräften hergestellte Güter ausgerichtet.

• Um die Preise für österreichische Exportgüter auf dem Weltmarkt auch nach einer Aufwertung in ausländischer Währung konstant zu halten, müssen sie in heimischer Währung gesenkt werden. Dies bedeutet eine Verringerung der Gewinne für die Exportindustrie.

Um die Wirkung einer solchen Ent-

wicklung umfassender darstellen zu können, soll nun eine vereinfachende Zweiteilung vorgenommen werden. Dabei sollen Export- und Importgüter . zur Gruppe der international gehandelten Güter zusammegefaßt werden. Ihr Preis wird am Weltmarkt einheitlich bestimmt. Diesen Preis kann ein kleines Land mit überwiegend standardisiertem Güterangebot kaum beeinflussen.

Sinken nun infolge einer Aufwertung die Importpreise so müßten auch jene heimischen Produzenten, die mit den Importeuren konkurrieren, ihre Preise zurücknehmen und Gewinnschmälerungen in Kauf nehmen. Importkonkurrenz- und Exportbereich sind also dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt und werden dajier als exponierter Sektor bezeichnet.

Im Gegensatz dazu steht der geschützte Sektor. Hier entstehen Güter urid Leistungen, die international nicht gehandelt werden. Dieser Markt ist national abgegrenzt, öffentliche und private Dienstleistungen, Handels- und Transportleistungen, sowie das Bauwesen wären hier zu nennen. Dieser Sektor ist nun durch eine gewisse Autonomie in der Preissetzung gekennzeichnet. Hier lassen sich steigende Kosten weitgehend in steigende Preise Umsetzen.

Eine Aufwertung führt nun offensichtlich zu einer unterschiedlichen Entwicklung der Preise und Gewinne in den beiden Sektoren: Sie sinken im exponierten und steigen im geschützten Sektor. Ein solcher Trend wird durch eine hohe Binnennachfrage, z. B. durch massive staatliche Impulse noch verstärkt. öffentliche Investitionen konzentrieren sich ja überwiegend auf den geschützten Sektor und wirken dort - vor allem bei Vollbeschäftigung - noch preis- und gewinnsteigernd.

Halten derartige Tendenzen längerfristig an, könnten sie zu einer Umstrukturierung der Volkswirtschaft führen. Investitionen im exponierten Sektor werden weniger rentabel als im geschützten und eine entsprechende Verlagerung der Produktionsfaktoren wäre die Folge.

Allerdings läßt sich ganz allgemein im Wachstumsprozeß der Volkswirtschaften - auch unabhängig von Wechselkursbewegungen - ein solcher Trend weg von der Industrie und hin zum Dienstleistungssektor feststellen. Ähnliches gilt für die Preise: sie steigen im geschützten Sektof wegen der geringeren Produktivitätsfortschritte üblicherweise stärker als im exponierten.

Eigene Untersuchungen für eine ganze Reihe von Industrieländern (inklusive Österreich) bestätigen nun - trotz aller Vorbehalte - die empirische Relevanz der oben angedeuteten Zusammenhänge. Auf Österreich angewandt bedeutet dies: Wir stellen eine Umstrukturierung fest, die über dem natürlichen Trend liegt. Eine wechselkursbedingte Umstrukturierung zuungunsten der Industrie ist somit nicht auszuschließen.

Kurz- und mittelfristig hat demnach die Hartwährungspolitik sicherlich preisstabilisierend gewirkt und auch die Leistungsbilanz zunächst kaum wesentlich verschlechtert. Langfristig würde aber ein eher schrumpfender exponierter Sektor das österreichische Angebot an international handelbaren Gütern reduzieren und damit die Leistungsbilanzprobleme weiter verschärfen.

Autonome Wachstumschancen könnten nur beschränkt wahrgenommen werden, da erhöhte Einkommen auch die Nachfrage nach international handelbaren Gütern verstärken. Die Bekämpfung des Importsogs zur Überwindung des außenwirtschaftlichen Ungleichgewichts würde restriktive Maßnahmen erfordern.

Mit den hier skizzierten Überlegungen wird nicht gegen „Hartwährungspolitik“ an sich plädiert, sondern für eine umfassendere Berücksichtigung möglicher Konsequenzen eingetreten. Es dürften nicht nur einseitig die Vorteile einer solchen Währungsstrategie bedacht werden, sondern auch deren Kosten. Diese wären durch flankierende wirtschaftspolitische Maßnahmen zu minimieren.

Dr. Alfred Sitz ist Assistent am Institut für Volkswirtschaftstheorie und -politik an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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