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Österreichs Vitalität ist ungebrochen

1945 1960 1980 2000 2020

Auch heuer geben die Österreicher wieder Milliarden für Weihnachtsgeschenke aus. Ein Indiz dafür, daß es der Wirtschaft besser geht als vielfach vermutet.

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Auch heuer geben die Österreicher wieder Milliarden für Weihnachtsgeschenke aus. Ein Indiz dafür, daß es der Wirtschaft besser geht als vielfach vermutet.

Insider haben es seit Jahren mit steigender Genugtuung zur Kenntnis genommen, daß es Österreichs Wirtschaft weit besser geht als dies in und von der öffentlichen Meinung zur Kenntnis genommen wird. Kontakte mit Unternehmen, Bilanzanalysen und die Erfahrungen der diversen Förderungsstellen liefern hinreichende Beweise dafür, daß jene Unternehmen, die nicht in alarmierenden Schlagzeilen auftauchen, eine erstaunlich gute Entwicklung genommen haben.

Langsam scheint es aber deutlich zu werden, daß die Genugtuung von Insidern nichts nützt, sondern nur die Auffassung der breiten Bevölkerung wirtschaftspolitisch von Belang ist. Bevölkerungsumfragen zeigen, daß nämlich noch immer ein verkehrtes Bild der Realität dominiert. Eine vom Fessl-Institut im Auftrag der Bundeswirtschaftskammer durchgeführte Umfrage zeigt, daß im Herbst 1987 66 Prozent der Befragten mit einer eher schlechten künftigen Wirtschaftsentwicklung rechnen und 73 Prozent die Arbeitsplätze als eher unsicher sehen. Gegenüber dem Sommer haben sich die Werte nur leicht verbessert.

Der anhaltend hohe Stand der Verunsicherung schlägt sich 1987 in einer Rekordsparquote von voraussichtlich 13,0 Prozent des verfügbaren persönlichen Einkommens nieder (1983 bis 1985 betrug sie zwischen 8,3 und 8,5 Prozent, 1986 11,2 Prozent). Niemand darf sich daher wundern, daß dieses Angstsparen den privaten Konsum als Konjunkturstimulus nur schwach wirksam werden läßt.

Die breite Öffentlichkeit hat jahrelang von den Politikern gelernt, die Lage der Wirtschaft nach makroökonomischen Eckdaten zu bewerten: Arbeitslosenrate, Wachstumsrate, Höhe der Inflation und Ergebnis der Zahlungsbilanz schienen geeignet, vor allem im internationalen Vergleich, Grund zur Befriedigung zu liefern. Daß in der Blütezeit des Austrokeynesianismus die Lage der einzelnen Unternehmen wegen Eigenkapitalschwund und geringem Cash-flow immer prekärer wurde, beunruhigte politisch bloß die zuständigen Interessenvertreter.

Der von der neuen Bundesregierung verfolgte wirtschaftspolitische Kurs bedeutet eine Abkehr von den Methoden der siebziger und der frühen achtziger Jahre.

Weil nun aber von den öffentlichen Händen immer weniger finanzielle Impulse erwartet werden, ist es umso wichtiger, ob und inwieweit sich die Unternehmen darauf einstellen können beziehungsweise eingestellt haben.

Nach dem Ergebnis der jüngst durchgeführten Konjunkturgespräche der Bundeswirtschaftskammer haben auffallend viele Unternehmen in der Industrie und im Gewerbe ihre strukturellen Anpassungen erfolgreich abgeschlossen und arbeiten überwiegend mit einem vollen oder befriedigenden Auslastungsgrad ihrer Kapazität. Die Ertragslage hat sich seit dem Beginn der achtziger Jahre wesentlich verbessert, wie für den Bereich der Industrie die Cash-flow Berechnung des Institutes für Wirtschaftspolitik (in: Monatsberichte 11/87, S. 690f) nachweist.

Die österreichischen Unternehmer sind — nunmehr auch mit entscheidend gestiegener öffentlicher und politischer Akzeptanz -ertragsorientierter und gerade wegen der relativen Preisstabilität geringer gewordenen Möglichkeit der Preisanhebungen kostenbewußter geworden.

Die Hartwährungspolitik hat sich durchgesetzt und zeigt auch im Unternehmerverhalten deutliche Resultate: Kollektiwertrags-Abschlüsse, die lohnstückkosten-orientiert sind, Verlagerungen in der Beschaffungspolitik in Länder mit weichen Währungen. Nicht zuletzt haben in vielen Betrieben Finanzmanager das Sagen, die als beinharte Rechner Finanzierungen und Veranlagungen bestimmen.

Die Arbeitsplätze jenseits der verstaatlichten Grundstoffindustrie sind sicherer geworden: gefährdet scheinen höchstens fünf Prozent der Beschäftigten zu sein. So signalisieren die letzten Konjunkturdaten aus dem Gewerbe, daß immerhin rund 570.000 Personen beschäftigt, daß 76 Prozent der Unternehmen ihre Beschäftigtenzahl halten und je zwölf Prozent diese zu steigern und zu verringern trachten. Die Konjunkturgespräche der Bundeswirtschaftskammer zeigten auch interessante Signale für den Arbeitsmarkt: der Lehrstellenmarkt kippt bereits (über Mangel wird zunehmend geklagt), die Nach-' frage nach Facharbeitern und Saisonbeschäftigten ist stetig und wird im Hinblick auf die reform-diskussionsbedingte Pensionierungswelle noch ansteigen.

Für die österreichische Wirtschaftspolitik ergeben sich aus der beschriebenen Situation beachtliche Konsequenzen:

1. Dem wirtschaftlichen Klima kommt gerade wegen der schrumpfenden budgetären Möglichkeiten steigende Bedeutung zu. Gelingt es, die Arbeitsplatz-verunsicherung auf ihren echten Kern zu reduzieren, so wird auch die Sparquote sich wieder normalisieren, und der private Konsum könnte in beachtlicher Weise die Konjunktur stimulieren und zur Beschäftigungslage positiv beitragen.

2. Die österreichische Wirtschaft befindet sich auf einem gesicherten, zumindest ein Prozent umfassenden realen Wachstumspfad. Das bedeutet, daß der Wohlstand jährlich um rund 14 Milliarden Schilling wächst. Das Klima der ungebremsten Erwartungen, welches weithin in eines ähnlicher Befürchtungen umgeschlagen ist, muß darauf eingestellt werden.

3. Der Anteil der Bruttoanla-geinvestitionen ist mit knapp 23 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im internationalen Vergleich (OECD-Durchschnitt rund 20 Prozent) durchaus zufriedenstellend. Ein beachtlicher Stimulus könnte in rechenbaren umweltpolitischen Rahmenbedingungen liegen. Ein modernes umweltbezogenes Anlagenrecht mit einer klaren Fristenregelung für die Umstellung sollte rasch verabschiedet werden. Auch eine mit dieser Legislaturperiode befristete Tätigkeit des Ökofonds im Bereich des ehemaligen Umweltfonds könnte aktivierend wirken (statt dessen bleiben Entscheidungen monatelang liegen).

4. Die österreichische Wirtschaft hat ihre Erwartungen an die Politik drastisch verlagert: Steuerreform und Flexibilisierung der Rahmenbedingungen dominieren. Die Exportwirtschaft verlagert ihre Bemühungen zunehmend auf den EG-Markt: je rascher eine verläßliche, rechenbare Integrationspolitik die Signale für eine Euro-Anpassung der Wettbewerbspolitik setzt, umso rascher werden auch in den geschützten Sektoren dynamische Prozesse der Marktanpassung ablaufen. Wo es jedoch noch finanzierbare Potentiale öffentlicher Aufträge gibt (zum . Beispiel Leitungen der E-Wirt-schaft, Kraftwerksbau, beschleunigte Telefonumstellung auf ganze Telefone) sollten Entscheidungen rascher getroffen werden.

5. Aus dem Bereich der Arbeits* marktpolitik kommen deutliche

Signale an die Bildungspolitiker, welche offenbar nur mit großer Verzögerung auf sekuläre Anspruchsverschiebungen reagieren. Weiterbildungs- und Umschulungsprogramme sollten höchste Priorität genießen. Die Handelsschulen und AHS sollten zugunsten HTL's zurückgedrängt werden.

6. In den letzten Jahren steigt die Zahl derer, die es als selbständige Unternehmer versuchen wollen. So hat es allein im Gewerbe 1986 rund 10.000 Neuzugänge gegeben. Eine Veranstaltung an der Linzer Universität über das Selbständigwerden brachte vor zwei Monaten 800 Hörer auf die Beine.

7. Konjunkturdestabilisierend wirken sich die zunehmenden Käufe österreichischer Konsumenten im Ausland aus (rund zehn Milliarden Schilling jährlich). Ein Regional-Modell von Professor Schneider (Universität Linz) zeigt, daß eine Bremsung des Kaufkraftabflusses aus Oberösterreich die negativen Folgen der Verstaatlichtenkrise fast kompensieren könnte. Mehr Grenzkontrollen helfen aber nur gegenüber den Oststaaten, gegenüber Westeuropa hilft nur eine Politik der dynamischen Preisanpassung, deren wichtigstes Element die Unterbindung von Abschottungen des österreichischen Marktes ist.

Erst vor wenigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, bei hochrangig besuchten Seminaren in Argentinien und Uruguay das Modell der österreichischen Sozialpartnerschaft beziehungsweise die Lage der österreichischen Wirtschaft darzustellen. Die österreichischen Wirtschaftsdaten lösten dort — gerade weil man sonst nur von österreichischen Skandalen hört - Anerkennung und Neid aus. Zurückgekehrt hatte ich sofort wieder medial den Eindruck, in einem wirtschaftskrisengeschüttelten Land zu sein.

Fü? mich bleibt es daher von größter Wichtigkeit, daß Parteien und Verbände in diesem Land konsequent den von ihnen betriebenen kollektiven Diebstahl des Selbstwert- und Erfolgsgefühls der Bürger beenden. Erst dann wird man sich ernsthaft mit den wirklichen Problem auseinandersetzen können.

Der Autor ist Leiter der Wirtschaftspolitischen Abteilung der Bundeswirtschaf tskam-

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