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Zerfällt die Arbeitsgesellschaft?

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Folgenschwere gesellschaftliche Veränderungen während der letzten Dekade diagnostiziert ein Bericht an die europäischen Sozialminister. Besonders betroffen sei der Arbeitsmarkt. Würde man vorherrschende Trends verlängern, so ergäben sich in nur zwei Generationen „tief gespaltene Gesellschaften von Minderheiten”.

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Folgenschwere gesellschaftliche Veränderungen während der letzten Dekade diagnostiziert ein Bericht an die europäischen Sozialminister. Besonders betroffen sei der Arbeitsmarkt. Würde man vorherrschende Trends verlängern, so ergäben sich in nur zwei Generationen „tief gespaltene Gesellschaften von Minderheiten”.

Wie dies aussehen könnte, erläutert eine kürzlich veröffentlichte Studie des „Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung”: Die Gesellschaft von morgen „würde eine Kerngruppe von rund 25 Prozent vollbeschäftigten, hoch-qualifizierten und sozial abgesicherten Arbeitern und Angestellten vor allem in multinationalen Konzernen - sowie Beamte, Freiberufler und international mobile Experten - umfassen.

Umgeben wäre diese Gruppe von 25 Prozent eher peripheren .flexiworkers': Weniger qualifiziert, weniger gut entlohnt und weniger abgesichert, weil den Marktkräften stärker ausgesetzt, würden sie hauptsächlich in kleinen, abhängigen Firmen arbeiten. In absteigender Linie wären diese beiden Gruppen umgeben von bis zu 50 Prozent mehr oder weniger am Rand stehenden Menschen, die oft arbeitslos sind, Gelegenheitsoder Saisonarbeit erledigen und sich am Rande der Bedürftigkeit oder Armut bewegen.”

Stabile Ganztagsbeschäftigung würde für die Mehrheit ein Wunschtraum bleiben. Jetzt schon seien in Frankreich 51 Prozent der unter 25jährigen arbeitslos oder auf „Jobben” angewiesen. Selbst in Deutschland gäbe es erste Anzeichen für Probleme. Was noch vor 15 Jahren die Norm in der Arbeits weit war, nämlich die Vollzeitbeschäftigung, werde „in den meisten fortgeschrittenen postindustriellen Gesellschaften mittlerweile zur Ausnahme.” Kurzarbeit oder vorzeitige Pensionierung überdeckten derzeit das Problem.

Man müsse sich dieser Herausforderung stellen, eine Marginalisierung verhindern. Denn eines stehe fest: Der gesellschaftliche Konsens der Nachkriegszeit bezüglich der Beziehungen von Arbeitsmarkt und Produktion habe jetzt - soweit er je existiert hat - zu bestehen aufgehört.

Ende der Vollbeschäftigung

Was war schuld daran* Der Befund lautet:

□ Die Vollbeschäftigung nach dem Zweiten Weltkrieg hat verbreiteter Arbeitslosigkeit (40 Millionen in der Region) Platz gemacht. Die Gewerkschaften sind überall zugunsten der Unternehmensvertretungen auf dem Rückzug. Von 1975 bis Ende der achtziger Jahre ist der Anteil ihrer Mitglieder von 37 auf 28 Prozent der Beschäftigten gesunken.

□ Trotz beachtlichem Wirtschaftswachstums ist die Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Besonders gewachsen ist der Anteil von Langzeitarbeitslosen an den Nichtbeschäftigten: In der EG liegt er derzeit bei 50 Prozent, in Italien bei 70, in Belgien bei 76 Prozent.

□ Unter den offenen Stellen sind immer weniger reguläre Arbeitsplätze zu finden (allein in England habe dieser Anteil 1991 rund 40 Prozent betragen). Zahlreicher werden auch jene, denen die Arbeit gekündigt und unter ungünstigeren Bedingungen wieder angeboten wird, die sich einer Umschulung unterziehen müssen, die Probleme mit den ge-

änderten (technischen) Anforderungen an ihre Arbeit haben.

□ Die Verschiebung der Arbeit von der Industrie in den Dienstleistungssektor hat die Entstehung neuer Beschäftigungsformen begünstigt, vor allem die Einführung flexibler Arbeitszeiten in verschiedensten Formen. Im Dienstleistungssektor hat sich folgendes Modell herausgebildet: Ein Kernteam mit gesicherter Vollzeitbeschäftigung umgeben von „Zulieferern” mit ungesicherten, zeitlich beschränkten Verträgen, die nur bei Bedarf eingesetzt werden.

Im Grunde genommen ist es erstaunlich: Noch nie waren das Qualifikationsniveau der Beschäftigten und die Investitionen in die Ausbildung so hoch. Und dennoch findet eine Abwertung des Menschen im Arbeitsprozeß statt. Es gäbe eine regelrechte Vergeudung von Wissen und Fertigkeiten, diagnostiziert der Bericht. Eine Untersuchung in London habe die Unterauslastung der Qualifikation im Bankensektor auf über 50 Prozent geschätzt.

Wachstumsbranche Schwarzmarkt

Besonders bedenklich sei, daß die „informelle Wirtschaft” - sie spielt sich jenseits der gesetzlich geregelten Wirtschafts- und Arbeitsbeziehungen ab - stark an Bedeutung gewinnt. Auch die eindeutig im Bereich des Verbrechens angesiedelten Aktivitäten expandierten: das Drogengeschäft, der illegale Waffenhandel, der Schmuggel, verbotene Glücksspiele, Hehlerei, der Handel mit Giftmüll... Man könne davon ausgehen, daß mindestens fünf bis zehn Prozent der Wertschöp-fung auf diese Weise entstehen, in manchen Ländern liege der Anteil sogar bei 35 Prozent.

Alle diese Phänomene zeigen, daß es zu einer „De-Institutionalisierung” der Arbeit kommt. Diese Entwicklung registriert die Studie als ein über den Arbeitsmarkt hinausgehendes Phänomen. In einer merkwürdigen Weise entstehe parallel zu dieser Auflösung eine engere Verflechtung in Wirtschaft und Gesellschaft durch Abbau der Handelsschranken und Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnik.

Der Zusammenbruch des kommunistischen Ostens habe entscheidend zu dieser zwiespältigen Konstellation beigetragen. Seit 1989 sei beides geschehen: „eine wachsende Integration und ein wachsender Bruch”. So komme es zu einer „stärkeren Desintegration bei zunehmender Abhängigkeit.” Es greife die Angst um sich, die wachsende internationale Konkurrenz könne die reichen Länder dazu zwingen, ihre Sozialstandards abzubauen.

Diese Sorge wird auch durch den Druck aus der Dritten Welt genährt: Das dichte Informationsnetz (typisches Beispiel ist das Satellitenfernsehen) macht den Reichtum der Industrieländer allgegenwärtig im Bewußtsein der -Menschen in den Entwicklungsländern. Daher auch der wachsende Immigrationsdruck, der so viele Menschen verunsichert.

So zeigt Europa zu Beginn der neunziger Jahre ein Bild, das man noch vor zehn Jahren für ausgeschlossen gehalten hätte: Das soziale Gefüge läßt Anzeichen von Auflösung erkennen. Langsam gehe die gemeinsame moralische Basis verloren, diagnostiziert der Bericht. Gewalt in verschiedensten Formen nehme überhand: Terror, Vergewaltigung, ethnische Säuberungen, organisiertes Verbrechen, Korruption in Wirtschaft und Politik werden zu Erscheinungen, denen Menschen tagtäglich begegnen - und das zu einer Zeit, in der die Menschenrechte überall betont werden, da die so gefürchteten Diktaturen im Osten zusammengebrochen sind, die neuen Staaten aber in einem Chaos zu versinken drohen.

Soziale Wohlfahrt könne einfach nicht mit dieser „Ent-Zivilisierung” koexistieren, stellt die Studie fest. Um eine „neue europäische Unordnung” zu vermeiden, gelte es, alle integrativen Kräfte zu stärken, denn das Auseinandergehen geschieht von selbst: Eine nüchterne Analyse, der nichts hinzuzufügen ist, hoffentlich ein Denkanstoß für jene, die sich alles Heil von noch mehr Markt erwarten.

„Weifare in a Civil Society” - Bericht des „Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung” an die für soziale Angelegenheiten zuständigen Minister der Europäischen Region für deren Zusammenkunft in Bratislava (28. Juni bis 2. Juli 1993).

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