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Digital In Arbeit

Die Arbeit flexibler im Leben verteilen

Frühpensionierung erspart Arbeitsplätze, verurteilt zur Untätigkeit: Anlaß zu allgemeinen Gedanken zum Thema Arbeit in den folgenden zwei Beiträgen.

Es ist nicht nur die ideologische Verklärung der Arbeit und die Gewöhnung an sie, die das Leben im Ruhestand so schwierig macht. Auch medizinische Untersuchungen belegen, daß es unsinnig ist, älteren Menschen jede Art von Arbeit zu verbieten... So fanden etwa amerikanische Arbeitsmediziner im Test heraus, daß die Leistungsunterschiede zwischen Arbeitern einer Altersgruppe größer waren als die zwischen Teams verschiedener Altersgruppen. „Einige sind schon mit 30 tatterig, andere erst mit 80, und manche werden ihr Leben lang nicht tatterig", folgerten die amerikanischen Altersforscher aus ihren Untersuchungen...

Im Durchschnitt altern die Menschen heutzutage jedoch so langsam, daß der physische Leistungsabbau nur noch bei Schwerstarbeitern die Pensionierung mit 65 Jahren rechtfertigt. Doch auf die körperliche Kraft kommt es in den meisten Berufen am wenigsten an. Wichtiger sind in der Regel geistige Beweglichkeit, Nervenstärke und die Fähigkeit Streß-Situationen zu bewältigen. Diese Fähigkeiten aber lassen bei den meisten Männern erst um das 70. Lebensjahr herum, bei den Frauen sogar erst in den Achtzigern nach.

Die Erkenntnisse der Geronto-logen zeigen, wie fragwürdig die Forderungen nach einem immer früheren Ausstieg aus dem Arbeitsleben sind. Zum einen grenzen sie eine immer größer werdende Gruppe von Menschen aus dem Arbeitsleben aus und tragen dazu bei, daß die Menschen sich immer früher in unnatürliche Lebensformen fügen müssen.

Zum anderen bewirkt die Entfernung älterer Menschen aus dem Arbeitsprozeß, daß das Arbeitstempo und die Leistungsanforderungen immer weiter gesteigert werden können....

Sinnvoller als eine immer weitere Vorverlegung der Altersgrenze scheint daher ein Weg, den einige Gewerkschaften, Unternehmen und Betriebsräte schon beschritten haben: Der gleitende Ausstieg aus dem Arbeitsleben. So vereinbarten etwa die Tarifpartner in der Zigarettenindustrie, daß ältere Arbeitnehmer zwei Jahre vor dem Bezug der Rente die Möglichkeit haben, sich für verschiedene Entlohnungsmodelle zu entscheiden.

Sie können wählen, ob sie bei vollem Lohn nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten, oder aber bei 75 Prozent der Bezüge überhaupt nicht mehr arbeiten wollen. Wer keines von beiden will, kann auch ganz normal bei vollem Gehalt weitermachen wie bisher.

Noch besser als solche Lösungen sind allerdings Vorschläge, die noch einen Schritt weiter gehen. So fordern Arbeitszeit-Experten zum Beispiel, die konventionelle Dreiteilung des Lebens in die Blöcke Ausbildung, Berufsleben und Ruhestand zu durchbrechen:

Etwas mehr Bildung und Freizeit in der Erwerbsphase, etwas mehr Arbeit in der Jugend oder im höheren Alter — je nachdem ;wie es in den Lebensplan des einzelnen paßt. Es sei „unmenschlich und absurd", meint etwa der Nürnberger Wissenschaftler Bernhard Teriet, „daß die Mehrheit der Arbeitnehmer in der Mitte ihres Lebens zuwenig, in der zweiten Hälfte dagegen zuviel Zeit für sich selber hätte."

Dieser Gedanke läßt sich durchaus noch etwas weiterspinnen. Warum sollte es nicht möglich sein, daß Arbeitnehmer gerade dann, wenn das Bedürfnis nach Zeit für sie selbst am größten ist, etwa weil eigene Kinder großgezogen werden müssen, eine Pause einlegen und dafür später etwas nacharbeiten?...

Je gründlicher wir uns die Forderung nach einem Recht auf Arbeit für ältere Menschen überlegen, desto klarer wird, daß man diese Forderung nur im Zusammenhang mit der Gesamteinstellung zur Arbeit sehen kann.

Wenn in der verstaatlichten Industrie Personalkosten eingespart werden, so wird stets versichert, daß die Arbeitsplätze durch natürlichen Abgang und vorzeitige Pensionierung freigeworden seien. Gott sei Dank, es ist niemand arbeitslos geworden!

Auch die Gewerkschaft und der Sozialminister setzen auf eine Senkung des Pensionsalters, um Beschäftigungsprobleme zu bewältigen. Bedenkt man aber, daß auch die Ausbildungsdauer und die Zahl der Studenten laufend steigen, so wird deutlich, daß im>mer weniger Erwerbstätige einer wachsenden Zahl von Nichtbeschäftigten gegenüberstehen werden. Schon jetzt kommen auf 3,1 Millionen Berufstätige 4,3 Millionen Nichtbeschäftigte in Österreich.

Solange die Erwerbstätigen bereit sind, für die nicht im Erwerb stehenden Personen aufzukommen, ist alles problemlos. Diese Bereitschaft wird vor allem dann gegeben sein, wenn ein persönliches Naheverhältnis, wie etwa in der Familie, vorliegt.

Problematisch wird die Versorgung der Nichtbeschäftigten dann, wenn sie über den anonymen Umverteilungsmechanismus der Sozialversicherung und der öffentlichen Budgets erfolgt. Dann wird der Beitrag vor allem als Einkommensminderung erlebt.

Schon derzeit fließen 15,5 Prozent unseres Sozialprodukts in die Sozialversicherung. Es zeichnet sich aber ab, daß Belastungen von 30 Prozent nicht auszuschließen sind. Langfristig wird dadurch aber der stillschweigend geschlossene Generationenvertrag gefährdet.

Auch aus diesem Grund sollte nicht auf dem Weg einer Polarisierung in Arbeitsbienen und Drohnen vorangeschritten werden.

Zweifellos sind wir in der Segmentierung unseres Lebens zu weit gegangen: Die totale Trennung von Arbeits- und Lebensraum beschert uns Kinder und Jugendliche, die keine Vorstellung von produktiver Tätigkeit haben, und Hausfrauen, die von dem Dilemma, für ihre Kinder dazusein und anerkannte Leistungen für einen größeren Personenkreis zu erbringen, zerrieben werden.

Auf der anderen Seite steht eine Berufswelt, in der Tempo und Effizienz das Element der menschlichen Begegnung verkümmern lassen. Aus ihr versuchen sich viele schließlich in eine Pension zu retten, in der sie sich jedoch oft nutzlos und enttäuscht fühlen und auf die Rolle des Hobby-Betreibens beschränkt sehen.

Mir gefällt daher die Idee der Durchmischung: Jugendliche würden vieles besser lernen, wenn sie nicht nur mit Theorie vollgestopft würden, sondern auch praktisch lernen könnten. Viele Erwachsene wiederum, besonders Männer, würden wertvollere Arbeit leisten, wenn sie nicht so ausschließlich ihre Kräfte im Berufsleben* verzehrten. Nicht zuletzt würden ältere Menschen ein erfüllteres Alter erleben, wenn sie ihren Möglichkeiten entsprechend tätig werden könnten.

Verordnen und programmieren läßt sich all das nicht, wohl aber begünstigen: Flexiblere Arbeitszeiten, mehr Teilzeit- und vor allem auch Heimbeschäftigung (die enormen Fortschritte der Mikroelektronik müßten hier ungeahnte Möglichkeiten eröffnen), Schaffung autonomer Arbeitsgruppen mit selbständiger Arbeitseinteilung, usw... Solche und ähnliche Möglichkeiten würden Chancen für ein unterschiedlich intensives Berufsengagement eröffnen.

Dieses System wird jedoch nur dann funktionieren, wenn die direkte Verantwortung der Menschen füreinander, also vor allem in der Familie gestärkt wird, somit der anonyme Generationenvertrag durch konkretere persönliche Verantwortung entlastet wird. - Auch das ließe sich politisch fördern.

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