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Reform tut not

Die Sozialgesetzgebung Österreichs galt lange Zeit schlechthin als vorbildlich. Es wurde auch in den letzten beiden Jahrzehnten viel getan, um die einmal konzipierte Konstruktion zu vervollkommnen. Die Verwirklichung des Solidaritätsprinzips auf Versicherungsbasis und die subsidiär aufgebaute Organisation der Fürsorge haben unendlich viel Gutes geleistet und sehr viel Leid, Not und Kummer von Menschen abgewendet.

Dennoch ist die Vision eines vollkommenen Wohlfahrtsstaates sehr viel blasser und auch unglaubwürdiger geworden. Das Vertrauen in das Funktionieren der Sozialbürokratie wurde in zunehmendem Maße erschüttert. Es haben sich eben in unserer Konsumgesellschaft neue Phänomene herausgebildet, mit denen der Gesetzgeber früher nicht rechnen konnte. Deshalb sind aber die Prinzipien unserer Sozialgesetzgebung nicht falsch, sondern müssen der heutigen Situation angepaßt werden.

Stiefkinder des Wohlfahrtsstaates

In unser Blickfeld treten heute zahlenmäßig bedeutende Gruppen hilfsbedürftiger Personen, denen mit den bisher üblichen Methoden nicht oder nicht ausreichend geholfen wird. Manchmal verhindert die gewährte Unterstützung geradezu eine noch mögliche Entfaltung ihrer Persönlichkeit.

Die zuständigen Fachleute geben die Anzahl der Geisteskranken in Österreich mit rund 140.000 Personen an. Alle haben längere oder kürzere Anstaltsaufenthalte hinter sich. Die überwiegende Mehrheit lebt inmitten einer meist uneinsichtigen, oft unbarmherzigen Umwelt. Nach dem Wissen und Können der modernen Psychiatrie, Psychologie und Heilpädagogik wäre es möglich, einen hohen Prozentsatz der schweren Fälle, der „capita mortua“, zu rehabilitieren, so daß sie in den Arbeitsprozeß sinnvoll eingegliedert werden könnten. Aber die Fachleute für diese Eingliederungshilfe fehlen, auch die notwendigen Gelder fehlen, um selbst leichteren Fällen wirksam zu helfen. Dadurch entstehen für die Patienten und ihre Angehörigen unlösbare Probleme und unnötige Härten.

Einige zehntausende Personen leben in Österreich, die mit dem unschönen und nicht ganz fachgemäßen Etikett „Gehirngeschädigte“ versehen sind. Es sind fast nur Kinder und Jugendliche. Zur Zeit der Naziherrschaft hat man noch ihre Existenzberechtigung verneint und sie als „lebensunwert“ kurzerhand liquidiert. Aber auch diese, in sich sehr differenzierte Personengruppe läßt sich mit Verständnis, Geduld und Liebe sozial eingliedern. Das beweisen die Leistimgsergebnisse der Sonderund Spezialsonderschulen. Aber vielen dieser Kinder und Jugendlichen bleibt eine Eingliederung in den Arbeitsprozeß und in ein ihnen angepaßtes Leben verwehrt, weil die dazu erforderlichen Einrichtungen nur als Modelleinrichtungen vorhanden sind und ausgebildetes Personal fehlt. So bleiben diese Kinder für ihre Eltern und ihre Geschwister ein Leben lang eine oft kaum tragbare Last der Sorge und Verantwortung.

Wien zählt zu den selbstmordreichsten Städten der Welt. Auch die gesamtösterreichi-schen Statistiken über den Selbstmord geben ein sehr unerfreuliches Bild. Die Lebens-müdenfürsorge der Caritas betreut seit 1948 jährlich rund 1400 Patienten fürsorgerisch, psychiatrisch und seelsorglich. Es war bisher unmöglich, für diese Arbeit eine Subvention oder Spende zu erhalten.

Ein besonders schwieriges Problem stellen die psychisch labilen, unangepaßten, neurotischen Personen dar. Unter diesen ist die Gruppe der Suchtkranken besonders auffällig. In Österreich gibt es etwa 350.000 Alkohol-kranke. Sehr viele Alkoholiker sind Väter, aber auch der prozentuelle Anteil der dem Trunk ergebenen Frauen und Jugendlichen steigt beängstigend an. Die Methoden der Alkoholikerbetreuung wurden in den letzten Jahren durch neue Erkenntnisse und praktische Erfahrungen sehr entwickelt. Aber nur sehr wenige kommen in eine Trinkerheilstätte. Für die große Masse und deren unglückliche Familien gibt es keine Hilfe. Es fehlen die notwendigen stationären und ambulanten Einrichtungen, es mangelt an Personal, an Geld, an Interesse.

Die Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen bietet ein ähnliches Bild der Problematik. Der größte Teil der Kriminellen rekrutiert sich aus dieser Gruppe. Eine bessere Kenntnis der Ursachen der Verwahrlosung würde die Einstellung der Öffentlichkeit zu diesem Problem wesentlich ändern. Aber auch auf diesem Arbeitsgebiet hat die Wissenschaft große Fortschritte gemacht, und es gibt in Ansätzen viele echte und praktisch erprobte Möglichkeiten der Resozialisierung. Doch wiederum: es fehlt an Verständnis, an geschultem Personal und an Geld.

Die Überalterung der Bevölkerung ist geradezu ein Alptraum geworden, das Alter und Altern für sehr viele Menschen wie ein Fluch.

Wir haben in unserer technisierten, tempobeherrschten Zeit für die Alten mit ihrem langsamen Lebensrhythmus kein Verständnis, keine Geduld. Die Amerikaner schicken ihre Alten nach Florida, dort entsteht ein „Grei-sen-Staat“. War isolieren sie vom Leben nicht sosehr in den Alterspensionen, Heimen und Pflegestationen, wir isolieren sie in ihren Wohnungen, im Kabinett im dritten Stock. Nur etwa drei Prozent der Alten können in den vorhandenen Institutionen stationär untergebracht werden. Es gibt keine „Betten“, kein Geld für zeitgemäße Heime und vor allem kein Personal.

Mangel an sozialen Berufen

Über die Spitalsmisere ist oft genug in Presse und Rundfunk geredet worden. Alte Menschen sind fast überhaupt nicht mehr unterzubringen. Neu adaptierte Abteilungen in Kliniken müssen geschlossen werden, weil die benötigten Schwestern nicht da sind. Es heißt anderseits, es seien genug Schwestern da, aber sie werden mit nichtpflegerischer Arbeit (bis über 60 Prozent ihrer Arbeitszeit) belastet, die Aufgabe von Hilfspersonal oder Sekretärinnen wäre. Einer der Hauptgründe, warum wir trotz unserer vorbildlichen Sozialgesetzgebung ein so tiefes Unbehagen empfinden und es so viele Menschen gibt, die vergeblich auf Betreuung warten, ist der Mangel an geschulten Fürsorgern und Fürsorgerinnen.

In Schweden verlassen jährlich etwa 600 neu ausgebildete Männer und Frauen die Sozialakademien und werden sofort in der Sozialarbeit eingesetzt. In Österreich mit nur um eine halbe Million kleineren Bevölkerungszahl beträgt der Nachwuchs höchstens 40 bis 60 Sozialarbeiter im Jahr. Die Dienstposten sind daher stark unterbesetzt, der Nachwuchs ist geringer als die Zahl der durch Pensionierung Ausscheidenden. Und je weniger Personal, um so mehr Bürokratie, um so weniger Anreiz zum Beruf.

Etwa 70.000 Kinder werden bei uns in Heimen betreut. Seit wenigen Jahren bemüht man sich, Erzieher als qualifizierte Fachkräfte in Schulen mit öffentlichkeitsrecht heranzubilden. Der Bedarf an Erziehern steht aber in krassem Mißverhältnis zum Angebot.

Eine Aufgabe der Gesellschaft

Dieser kurze Aufriß soll keine Anklage sein, sondern ein Hinweis auf offene und brennende Probleme, die uns alle angehen. Denn die Reform der Sozialarbeit bedarf der Unterstützung durch die ganze Gesellschaft.

Unsere Gesellschaft versteht es ja sonst glänzend, sich gegenseitig zu stützen. Wer sich in das standardisierte Milieu der verschiedenen Kreise einbaut, wer nicht auffällt, sich angepaßt verhält, wer dazugehört, dem stehen alle Vergünstigungen offen: Förderungen, Stipendien, Ermäßigungen, Privilegien des Sozialbauens, der Existenzsicherung und Existenzerweiterung.

Diese stillen Subventionen der Allgemeinheit sind den meisten Menschen, die sie als gutes Recht in Anspruch nehmen, als solche gar nicht bewußt.

Die Außenseiter der Gesellschaft, die Alleinerhalter einer großen Familie, die Alten mit der Mindestrente, die psychiatrischen Patienten und die Suchtkranken, die Neuroti-ker, Psychopathen und Asozialen sind benachteiligt und arm. Arm in der christlichen wie in der sozialistischen Gesellschaft. Denn gegenüber diesen Außenseitern hat die Gesellschaft alterprobte Reaktionsweisen entwickelt: einen Akt anlegen, eine Rente geben oder einsperren: in der Versorgung, in der Irrenanstalt oder im Gefängnis.

Wir sollten etwas bescheidener sein. Wir sollten weniger für das Prestige ausgeben und mehr für die Kinder tun, die rotzige Nasen haben und nicht anziehend wirken. Die unbewältigten Probleme von heute können sich zu einer Gefahr für morgen entwickeln. Es ist in der heutigen Wohlstandsgesellschaft nicht wichtig, jedem Kind nach seiner Geburt ein Wäschepaket durch eine Fürsorgerin zu überbringen. Es kann aber für die Entwicklung eines Kindes von großer Bedeutung sein, ob eine geschulte und befähigte Sozialarbeiterin für dieses Kind und seine Mutter in einer entscheidenden Lebenssituation Zeit für ein intensives Gespräch und die Möglichkeit der Vermittlung der richtigen Hilfe hat.

Das Programm für eine Reform der Sozialarbeit muß erarbeitet werden. Wir müssen zunächst und zuerst wissen, woran wir wirklich sind. Methodische Untersuchungen sind unerläßlich. Ein vager zahlenmäßiger Überblick genügt nicht. Genaue Differenzierungen sind unbedingt notwendig.

Der Sozialberuf muß erstrebenswert gemacht werden. Gute Bezahlung, erhöhtes Sozialprestige, intensive lachliche Schulung und Weiterbildung müssen gesichert werden.

Die Vorgesetzten der Sozialarbeiter sollen nicht nur gute Organisatoren und Juristen sein, sondern müssen auch über gründlichste Kenntnisse und praktische Erfahrungen auf dem Gebiet der modernen Sozialarbeit haben. Nicht die Kartei, gleichsam als vollkommene Photographie eines Falles, ist wichtig, sondern die gute, kontinuierlich geführte und konsequent geleistete Arbeit am Menschen.

Abkehr von der Rentenmentalität: Die Rente wie das Gefängnis sollten die ultima ratio bleiben, wenn die Institutionen für Rehabilitation und Resozialisierung ihre Möglichkeiten erschöpft haben. Eine „Chance“ hilft dem Außenseiter sehr wenig, seine Probleme bedürfen einer intensiven und längeren Bemühung.

Mehr Raum der freien Wohlfahrtspflege

Ferner sollte sich die öffentliche Hand darüber Mar werden, daß die freie Wohlfahrtspflege kein Mitläufer, sondern ein wertvoller Partner in der Sozialarbeit ist und werden kann. Echte Leistungen, die im Interesse der 'Allgemeinheit liegen, sollten entsprechend honoriert werden. Das bisherige Trinkgeldsystem der Subvention ist für die freie Wohlfahrtspflege nur eine Beleidigung.

Aber auch die freie Wohlfahrtspflege muß lernen, gesicherte und schon erprobte (wenn auch vielleicht noch ungewohnte) moderne Methoden der Sozialarbeit anzuwenden. Sie wird finanziell mit der öffentlichen Wohlfahrt nie konkurrieren können. Aber sie sollte den Ehrgeiz haben, die besser ausgebildeten und besser geführten Sozialarbeiter in der schwierigsten Materie arbeiten zu lassen, neue Wege zu erkunden, neue Methoden zu erproben und neue Modelleinrichtungen zu schaffen.

Wir müssen also umdenken lernen. Die Denkschablone einer umfassenden Sozialversicherung auf der Basis der verpflichtenden Solidarität aller für alle darf die Verantwortung für den Nächsten nicht auf eine finanzielle Beitragsleistung einschränken.

Das Prinzip der Solidarität verlangt als Ergänzung das Prinzip der Subsidiarität. Auch das ist in unserem Sozialsystem sehr wesentlich schon verankert. Die Gesetze und Organisationsformen der öffentlichen Fürsorge sind subsidiär aufgebaut. Aber in diesem System wird dennoch der Arme wie ein nicht zu beseitigendes Übel verwaltet, das gleichsam selbst schon Staatseigentum geworden ist. Seine materiellen Bedürfnisse werden nach allgemeinen Richtsätzen errechnet und von Amts wegen durch Aushilfen und Renten befriedigt.

Es muß aber für den hilfsbedürftigen Menschen noch andere Zuständigkeiten geben, und es müssen für ihn geschaffen werden: Institutionen, die sich mit der Hilfsbedürftigkeit des Individuums nicht abfinden, die ihn sozial eingliedern, die ihn rehabilitieren, die ihn resozialisieren! Institutionen, die ein Motor der wissenschaftlichen und sozialpädagogischen Entwicklung sind Institutionen, die nicht nur den Hilfsbedürftigen selbst, sondern auch seine Umwelt beeinflussen und formen helfen Institutionen, die die freiwillige Mitarbeit der Gesellschaft an der Lösung schwieriger Sozialprobleme organisieren können. Institutionen, die durch ihr rechtzeitiges und richtiges, gekonntes Eingreifen dem Staat, der Gesellschaft auf die Dauer sehr große und kostspielige Leistungen ersparen.

Aber davon sind wir in Österreich noch sehr weit entfernt. Die Träger der freien Wohlfahrtspflege führen bei uns ein Aschenbrödeldasein. Sie haben zwar gezeigt, was sie können, und viele vorbildliche Modelleinrichtungen geschaffen, sie haben auf vielen Gebieten Pionierarbeit geleistet, und all das auf Terrains mit höheren Schwierigkeitsgraden. Aber ihre Institutionen werden mit wenigen Ausnahmen völlig unzureichend von der Gesellschaft wie von den zuständigen Behörden unterstützt und gefördert.

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