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Gesundheitspolitik in und für Wien

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Zwei Autoren - ein Thema. Der Amtsführende Stadtrat für Gesundheit und Soziales, Alois Stacher (SPÖ), und seine ressortlose Kollegin Gertrude Kubiena, Gesundheitssprecherin der Wiener ÖVP, äußern ihre Vorstellungen zu einem akuten Problem der Bundeshauptstadt.

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Zwei Autoren - ein Thema. Der Amtsführende Stadtrat für Gesundheit und Soziales, Alois Stacher (SPÖ), und seine ressortlose Kollegin Gertrude Kubiena, Gesundheitssprecherin der Wiener ÖVP, äußern ihre Vorstellungen zu einem akuten Problem der Bundeshauptstadt.

Das Gesundheitswesen Wiens hat in den letzten Jahren einen starken Aufschwung genommen und ist aus einer Phase allgemeiner Kritik in eine Situation gekommen, in der wohl noch im Einzelbereich - zum Teil mit Recht - Kritik geübt wird, aber im allgemeinen die wesentlichen Fortschritte anerkannt werden. Dazu hat zweifellos das Interesse der breiten Öffentlichkeit für alle Fragen, vor allem der Gesundheitsvorsorge und der Krankenanstalten - im Zusammenhang mit der Finanzierung -beigetragen. Wo lagen nun in Wien die Probleme, welche konnten gelöst werden, welche sind noch zu lösen?

Primär muß man zwischen dem allgemeinen Gesundheitswesen mit Prävention, Gesundheitsschutz und Vorsorge, der ärztlichen Versorgung und dem Spitalswesen unterscheiden. Auf dem Sektor des allgemeinen Gesundheitswesens gab und gibt es wenige Probleme. Hier sind der Ausbau der Gesundenuntersuchungen sowie der verschiedenen Impfmöglichkeiten, die rechtzeitige Erkennung von Behinderungen, Gehörschäden und Sehstörungen bei Kindern sowie deren prophylaktische zahnärztliche Betreuung besonders zu nennen.

Zielplan erstellt

Die generelle Rhesus-Prophylaxe bei sensibilisierten Frauen verminderte die Sterblichkeit ihrer Kinder, Aktionen mit Blutdruckmessungen, Lungenfunktionsprüfungen, die Einführung von Raucherberatungsstellen, einer Untersuchungsstelle für Adipöse usw. trugen zur Früherkennung verschiedener Erkrankungen bei. Durch alle Formen von Information wurde und wird versucht, das Gesundheitsbewußtsein der Bevölkerung zu heben und allen klarzumachen, daß sie selbst auch zu ihrer Gesundheit beitragen müssen.

Wesentlich schwieriger ist das Problem der ärztlichen Versorgung. Wien hat zwar - auf die Bevölkerungszahl bezogen - die meisten praktischen und Fachärzte Österreichs, doch sind sie regional ungleichmäßig verteilt und zum Teil bereits überaltert. Da gerade die praktischen Ärzte die Basis für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung darstellen, mußte alles unternommen werden, um deren Zahl vorerst wenigstens konstant zu halten und in der nächsten Zeit zu einem Anstieg zu kommen.

Deshalb wurde eine gemeinsame Beratungsstelle für junge Ärzte eingerichtet, die ihnen bei der Niederlassung behilflich ist, es wurden in vielen Neubauten Praxisräume eingeplant, es wurden Lehrpraxen, besonders günstige Kredite, und zusammen mit dem Gesundheitsministerium 100 zusätzliche Ausbildungsstellen geschaffen sowie - eine zum Teil unpopuläre Maßnahme -die Verträge der Ärzte nach Erlangung des „ius practicandi“ nicht verlängert. Alle diese Maßnahmen, zusammen mit den hohen Studentenzahlen, lassen erwarten, daß der Mangel an praktischen Ärzten, Schulärzten, Ärzten für die Rettung, für den Totenbeschaudienst sowie in den Gesundheitsämtern in den nächsten Jahren langsam behoben werden kann.

Nicht so schwierig ist die Situation bei den Fachärzten, von denen Wienabgesehen von wenigen Sparten wie Urologen, Neurologen, Psychiatern -genug hat, wenn auch hier wieder die Verteilung nicht gleichmäßig ist. Im allgemeinen kann man sagen, daß die

ausgedehnten Neubaugebiete im Osten und im Süden Wiens den größten Nachholbedarf aufweisen.

Im Zentrum der Anstrengungen der letzten Jahre stand jedoch das Spitalswesen. Hier ist daran zu erinnern, daß die Spitäler Wiens historisch unkoordiniert und ungeordnet gewachsen sind und daß sich gerade in einer Nachholphase nach dem Zweiten Weltkrieg die Medizin so rasant entwickelt hat und in einem Maße technisiert wurde, wie es vor 20 Jahren unvorstellbar erschien. Dementsprechend galt es gleichzeitig, Zielvorstellungen für die Zukunft zu erarbeiten und einen möglichst gleichmäßigen Standard der Spitäler herbeizuführen.

Zum ersten Punkt wurde ein „Zielplan für die Krankenversorgung und Altenhilfe Wiens“ ausgearbeitet und im Jänner 1975 vom Wiener Gemeinderat einstimmig beschlossen. Hand in Hand damit ging die Novellierung des Krankenanstaltengesetzes. Es wurden die Spitäler nach ihrer Leistungsfähigkeit der medizinisch hochwertigsten „Zentralversorgung“ (Universitätskliniken, Zentren), der „Schwerpunktversorgung“ (Spitäler mit allen Fächern) und der „Standardversorgung“ (Spitäler mit Abteilungen für innere Medizin, Chirurgie, eventuell Frauenheilkunde und Pädiatrie) zugeordnet.

Anderseits wurde Wien in Versorgungsräume gegliedert, in denen die Krankenanstalten in Gruppen zusammengefaßt sind, um eine bessere Organisation zu erhalten. Der Bau des neuen Allgemeinen Krankenhauses, der im Konzept bereits fertig war, wurde forciert, das neue Rudolfsspital fertiggestellt und in Betrieb genommen, der Bau des Sozialmedizinischen Zentrums Ost begonnen, zahlreiche Abteilungen wurden umgebaut und ausgebaut sowie der Kontakt mit den Privatspitälern verstärkt.

Gleichzeitig wurde alles unternommen, um die Personalsituation zu verbessern. Schon bei der Erstellung des Zielplanes zeigte sich nämlich, daß noch so viele Krankenhäuser und Pflegeheime gebaut werden, aber aus Mangel an Pflegepersonal nicht betrieben werden könnten. Deshalb wurden die Krankenpflegeschulen ausgebaut, so daß die Zahl der Schüler von 565 (1972) auf 1840 (1979) angestiegen ist. Es sind zu den damals vorhandenen 1300 Personalwohneinheiten 1450 neu geplant bzw. bereits gebaut worden, so daß sich ihre Zahl bis Ende 1979 mehr als verdoppeln wird. Das hilft, Schwestern aus anderen Bundesländern nach Wien zu bringen.

Psychiatrie-Reform

Auch im Sozialmedizinischen Zentrum Ost wurde deshalb zuerst die Schwesternschule, dann das Personalwohnhaus und jetzt das Pflegeheim gebaut, nach dessen Fertigstellung erst das Krankenhaus folgt. Bis dahin müßte genügend Personal vorhanden sein, um es zu betreiben.

Gerade durch die Technisierung in der Medizin, aber auch die Fortschritte der Therapie ist es einerseits notwendig, anderseits möglich geworden, besonderes Augenmerk auf die Humanisierung der Krankenhäuser zu legen. Dies gilt im besonderen für die psychiatrische Versorgung, die einen ungeheuren Nachholbedarf hat, zu deren Reform aber auch ein völliges Umdenken aller, der Ärzte, der Pflege sowie der gesamten Bevölkerung notwendig ist.

Wir sind nach verschiedenen Versuchen mit ambulanter Nachbetreuung, sernistationärer Therapie, Ubergangsheimen und strukturellen Maßnahmen im Psychiatrischen Krankenhaus gerade dabei, einen Zielplan für die psychiatrische Versorgung Wiens auszuarbeiten und alle Maßnahmen darauf auszurichten, daß psychisch Kranke und Behinderte getrennt werden, daß die „geschlossenen“ Abteilungen möglichst geöffnet werden, daß der Kranke nur möglichst kurz im Krankenhaus bleibt und dann die notwendige psychosoziale Nachbetreuung in seinem Wohngebiet erhält, mit einem Wort, daß er wieder in die Gesellschaft integriert Wird.

Dies erfordert, was wir auch bei allen anderen Gesundheitseinrichtungen forcieren, eine enge Zusammenarbeit aller Gesundheits- und Sozialdienste. Diese müssen in der Peripherie, in der Nähe der Menschen wirken, das Krankenhaus soll nur noch für die da sein, die anders nicht behandelt oder am Leben erhalten werden können.

Dies und vieles andere, das der Kürze wegen hier nicht genannt werden konnte, zu organisieren und zu koordinieren, die finanziellen Mittel aufzubringen, das Verständnis der Bevölkerung zu verstärken und möglichst viele zur Mitarbeit zu motivieren, gehört zu den vornehmsten, wichtigsten, aber auch faszinierendsten Aufgaben der Wiener Gesundheitspolitik.

Von Stadtrat GERTRUDE KUBIENA

Das gesamte Gesundheitswesen in Wien ist derzeit im Umbruch begriffen. 1975 wurde der Zielplan für die Krankenversorgung und Altenhilfe im Wiener Gemeinderat einstimmig beschlossen. In der Einleitung heißt es, daß verschiedene Planungsstufen unterschieden werden: Zielplanung - Realisationsplanung - Realisation -Bewertung - Plankorrektur.

Für den vorliegenden Zielplan wurden die Bedarfsprognosen auf das Jahr 1985 ausgerichtet. Es ist nicht genau zu sagen, in welchem Stadium wir uns derzeit befinden. Ich würde am ehesten meinen, zwischen Realisationsplanung und Realisation. Viele Maßnahmen sind im Ansatz gut, jedoch dauert die Planung so lang, daß die Realisation schon fast irreal erscheint. Ich denke im besonderen an das Sozialmedizinische Zentrum Ost, das nördlich der Donau einem echten Notstand punkto Gesundheitsversorgung abhelfen sollte, das uns schon seit einer Ewigkeit versprochen wird, von dem aber bisher nur die Krankenpflegeschule existiert. i

„Soziale Feuerwehr“

Auch beim Neubau des Allgemeinen Krankenhauses haben Planung und Realisation so lange gedauert, daß man sich vor der Bewertung nur furchten kann. Kein Mensch baut heute noch solch einen Riesenkasten! Würde man jetzt planen, kehrte man sicher zum Pavillonsystem zurück.

Für positiv halte ich, daß überhaupt ein Zielplan erstellt wurde. Auch die Aufstockung der sozialen Hilfsdienste ist zu begrüßen, wenn ich auch die derzeitige Organisation für nicht extrem glücklich halte.

Meine Zielvorstellungen für die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung, wobei ich auf wesentliche Punkte in der Folge noch eingehen werde, sind:

1. Optimale Gesundheitsversorgung für jeden und überall in Wien und in Österreich durch Anpassung der verfügbaren Krankenhausbetten an die Einwohnerzahl der Bezirke

2. Freie Arztwahl

3. Freier Ärztestand

4. Erleichterung der Arbeit für den praktischen Arzt, mehr Zeit für das Gespräch mit Patienten

5. Bezirksnahe Betreuung

6. Umorganisation der Sozialen Hilfsdienste

7. Förderung des Umdenkprozesses gegenüber Randgruppen

8. Hilfe zur Selbsthilfe durch Motivation zum Selbsttun

9. Vermenschlichung des Spitalsbetriebes

10. Die echte Dezentralisierung der Psychiatrie

11. Parteipolitik raus aus den Spitälern!

Der praktische Arzt ist und soll die Säule in der Patientenversorgung bleiben^ Der persönliche Kontakt und Einsatz des praktischen Arztes ist durch nichts zu ersetzen. Ein Gesundheitsbeamter wird nie im Leben die Arbeitsleistung des freien praktischen Arztes erbringen können.

Bekanntlich haben wir eine breite Palette an verschieden leichter oder schwieriger mobilisierbaren sozialen Hilfsdiensten: Mobile Krankenschwestern - Heimhilfe - Essen auf Rädern - Besuchsdienst - Aufräumdienst - Wäschedienst.

Ich stelle mir vor, daß man in jedem Bezirk eine Sozialstation oder Zentralstation für soziale Hilfsdienste einrichten sollte. Diese Sozialstation sollte die angeführten sozialen

Hilfsdienste vermitteln und mit dem praktischen Arzt zusammenarbeiten. Mit Einverständnis und auf Anordnung des praktischen Arztes könnte nicht nur zu Hause, sondern auch für die mobilen Patienten in der Sozialstation Blutdruck gemessen, Verband gewechselt, Gymnastik durchgeführt werden.

In der Sozialstation sollten auch Angebote und Nachfragen bezüglich erweiterter Nachbarschaftshilfe aufliegen. Viele alte Menschen wollen gerne etwas tun, sie suchen nach einer sinnvollen Beschäftigung. Andere wieder brauchen Hilfe, ob es sich um Einkauf, kleine handwerkliche Arbeiten im Haushalt oder Partner für gemeinsame Spaziergänge oder Theaterbesuche handelt.

Dringend benötigte soziale Hilfsdienste sollten als „soziale Feuerwehr“ jederzeit mobilisierbar sein. In manchen Fällen ist die schnellste Hilfe die beste Hilfe. Ein akut erkrankter alter Mensch braucht sofort Heimkrankenpflege, Heimhilfe und dazu unter Umständen noch für einige Tage ständige Betreuung. Ich glaube nicht, daß dazu eine Super-ausbildung notwendig ist. Man könnte Zivildiener oder in Ausbildung stehende Sozialarbeiter heranziehen.

Wie Erfahrungen aus Deutschland zeigen, ist der Bedarf quantitativ nicht sehr groß. Wenn aber die Notwendigkeit eines sozialen Soforteinsatzes besteht, dann dringend und berechtigt. Wer krank ist und zu Hause bleiben will, soll es auch können. Auch das Sterben in den eigenen vier Wänden halte ich für ein elementares menschliches Recht.

Im Spital sollte sich der Patient geborgen und nicht einer übermächtigen und ihm unverständlichen Maschinerie ausgeliefert fühlen. Dazu gehört, daß ihn jemand aufklärt, was mit seinem Körper geschieht. Zumindest soll er wissen, was ihm wer herausschneidet. Dazu gehört das Gespräch mit dem behandelnden Arzt bei Aufnahme und Entlassung und vor und nach einem größeren Eingriff. Da jetzt ja immer mehr Ärzte ihr Studium vollenden, halte ich die Durchführung dieser Maßnahme für absolut realisierbar.

Parteipolitik raus!

Die Psychiatrie wird erst dann wirklich aus ihrem Ghetto am Stadtrand herauskommen, wenn zumindest an jedes Schwerpunktkrankenhaus eine teils offenejeils geschlossene psychiatrische Abteilung angeschlossen sein wird. Bei der Behandlung in der Nervenabteilung eines allgemeinen öffentlichen Krankenhauses fällt sicher endlich der Makel im Bewußtsein der Bevölkerung weg.

Bei der Besetzung von Primariaten sollten ausschließlich ärztliches Können und Führungsqualität entscheiden, nicht das Parteibuch. Auf dem Operationstisch ist mir die Couleur egal, gut muß der Operateur sein. Abgesehen davon glaube ich nicht, daß die politische Besetzung eines Primariates viele Wählerstimmen bringt, daher ist sie doppelt sinnlos. Auch bei den Schwestern erscheint mir die Parteizugehörigkeit für ihre Qualifikation als Stations- oder Oberschwester völlig unwesentlich, das gleiche gilt für das männliche Pflegepersonal. Gebraucht werden menschliche Menschen, die dennoch Führungsqualitäten haben.

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