Digital In Arbeit
Gesellschaft

Alt, krank, lästig

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Werden ältere Menschen im Gesundheitssystem benachteiligt, wie ein Buch über Deutschland aufzeigt? Alt und allein zu sein ist ein großes Risiko.

Manchmal machen Krankenhäuser kränker. Diese leidvolle Erfahrung musste auch Ingrid L. machen, als sie Anfang des Jahres wegen einer chronisch eitrigen Wunde am Bein ins Spital musste. Doch während des siebenwöchigen Aufenthalts in einem umliegenden Krankenhaus wurde der Zustand der 72-jährigen Niederösterreicherin immer schlechter, beklagen ihre Töchter: Nach der Entlassung war die Patientin, die vorher noch gehen und sich selbst versorgen konnte, auf eine 24-Stunden-Betreuung angewiesen. Anstatt einer klaffenden Wunde hatte die Patientin zwei weitere, die durch eine unzureichende Versorgung von Behandlungseingriffen entstanden, so die Darstellung der Familie. Die ursprüngliche Wunde hatte sich verschlechtert. Ihre Töchter sind sicher: Wäre ihre Mutter noch länger in diesem Krankenhaus gewesen, wäre sie gestorben. Der Fall liegt nun bei der niederösterreichischen Patientenanwaltschaft. Da der Beschwerde-Prozess noch in den Anfängen liegt, wurden Namen anonymisiert und das Krankenhaus zu diesem Zeitpunkt noch nicht genannt. Der Vorwurf der Kinder von Frau L. ist massiv: Ihre Mutter sei im Krankenhaus in der Pflege vernachlässigt worden. "Man bekam das Gefühl, dass pflegebedürftige Patienten dem Personal zur Last fallen", schreibt eine ihrer Töchter im Beschwerdeschreiben.

Und eine weitere Tochter, Veronika S., seit 22 Jahren Krankenschwester, fügt im Gespräch mit der FURCHE hinzu: "Die Wunde hat solche Schmerzen verursacht. Doch anstatt zu schauen, warum meine Mutter solche Schmerzen hat, wurde sie medikamentös ruhiggestellt. Durch ein Schmerzmittel, das sie nicht verträgt, wurde sie immer verwirrter. Meine Mutter hat gesagt, sie hätte in diesem Zustand sogar ihr Todesurteil unterschrieben." Teile des Personals dieser Abteilung hätten "keine Freude an der Arbeit". Vor allem, wenn es sich um ältere, pflegebedürftige Menschen handle. "Wenn du selbst nicht mehr zurechtkommst, bist du ausgeliefert. Meine Mutter bekam das Gefühl, sie sei eine alte, lästige Frau, die nur jammert." Frau S. glaubt auch nicht, dass das Schicksal ihrer Mutter ein tragischer Einzelfall gewesen ist. Frau L. wurde danach in einem anderen Spital behandelt und ist auf dem Weg der Besserung.

Dass solche Fälle von Vernachlässigung und abwertender Behandlung von alten Menschen keine Einzelfälle sind, untermauert auch das Buch "Der Alte stirbt doch sowieso!" von Ursula Biermann. Die Wissenschaftsjournalistin zeigt auf: Ältere Menschen werden auf vielfache Weise im Medizinbetrieb diskriminiert: Benachteiligungen fangen laut Biermann bei abwertender Kommunikation an, verlaufen über falsche Behandlung bis dahin, dass medizinische Leistungen vorenthalten werden. Das Buch konzentriert sich vor allem auf die Situation in Deutschland. Wie ist es in Österreich?

Unter den Beschwerden, die auf den Tischen der Patientenanwälte landen, sind nur wenige, in denen explizit im Raum steht, dass ein Mensch aufgrund seines Alters diskriminiert wurde. "Als Hauptaspekt kommt es selten vor, eher als Nebenaspekt", sagt Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte. "Aber das Thema birgt viel Angstpotenzial in sich, da man von anderen Ländern hört, dass gewisse Operationen ab einem bestimmten Alter nicht mehr durchgeführt würden. In Österreich haben wir eher die umgekehrte Situation: dass trotz eines hohen Alters noch zu viele medizinisch-technische Leistungen durchgeführt werden." Probleme gebe es eher im Zwischenmenschlichen, also beim Gespräch zwischen Patienten und Gesundheitspersonal. Eines ist aber für Bachinger klar: Altersdiskriminierung im medizinischen Alltag werde sich zuspitzen. Aufgrund des Spardrucks würde es noch schwieriger, sich für den einzelnen Patienten Zeit zu nehmen.

Hohes Risiko: alt und allein

Die mangelnde Zeit sei auch das Hauptproblem, meint Katharina Pils, Vorstand des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie Spezialistin für Geriatrie am Sophienspital, Wien. "Wir Ärzte sind gewohnt, rasch Entscheidungen zu treffen. Wir müssen aber, wenn wir es mit älteren Menschen zu tun haben, entschleunigen." Eine Gruppe ist ihrer Meinung nach sehr gefährdet, schlecht behandelt zu werden: gebrechliche, demente und inkontinente Menschen. "Ich verstehe auch Kollegen, die ungeduldig werden, wenn ein alter Mensch eine halbe Stunde braucht, um sich für eine Untersuchung auszuziehen. Daher brauchen diese alten Menschen Betreuungspersonen, die sie begleiten. Alt und allein ist ein hohes Risiko für schlechte Behandlung." Dennoch fügt Pils hinzu: "Von der gesetzlichen Grundlage und vom Sozialversicherungssystem her gibt es keine Altersdiskriminierung." Es gehe nicht um einzelne Operationen oder Medikamente, hier gebe es eher eine Überbehandlung, es gehe darum, herauszufinden: Was braucht dieser hochbetagte Mensch in diesem Moment wirklich an Therapie?

Um Über- und Fehlbehandlungen vorzubeugen, wird auf Pils' Station ein sogenanntes "geriatrisches Assessment" durchgeführt: Dabei wird der Patient umfassend über mögliche Risikofaktoren befragt, um nicht nur ein Symptom zu behandeln. Dafür wäre, so Pils, ein Facharzt für Geriatrie zuständig, den es immer noch nicht gibt. Spezialisten auf diesem Gebiet haben sich eigenständig darin fortgebildet.

So eine Grundeinschätzung über den Zustand des alten Patienten könnte auch einem Problem vorbeugen: dem Zuviel an Pillen, die zahlreiche alte Menschen schlucken. Eine aktuelle Studie von der Landesklinik und der Paracelsus Privatuniversität in Salzburg bestätigt: Hochbetagten Menschen werden zu viele und auch falsche Medikamente verschrieben. Laut Studienergebnis nehmen 58 Prozent der 543 untersuchten Patienten der internen Abteilung (Durchschnittsalter 82 Jahre, 60 Prozent Frauen) mehr als sechs Medikamente. 36 Prozent der Patienten schlucken verzichtbare Medikamente, 30 Prozent für Alte inadäquate; bei fast 8 Prozent liegen Doppelverordnungen und bei 23 Prozent Fehldosierungen vor. Bei fast 66 Prozent ist mit potenziellen Interaktionen der Medikamente zu rechnen.

Für den Gesundheitsexperten vom Ludwig Boltzmann Institut, Karl Krajic, ist klar: Es wird im Gesundheitssystem diskriminiert, aber nicht nach Alter, sondern nach Art des Problems und der Intervention: "Die Interessen der Spitzenmedizin und der Krankenhäuser sind besser strukturell abgesichert als der Pflegebereich." In der mangelnden Langzeitversorgung liege die Diskriminierung: "Wir haben ein System, das Probleme bevorzugt, die mit möglichst einer einmaligen technischen Intervention behandelbar sind", sagt der Wissenschafter, der im Bereich Langzeitbetreuung forscht. "In Österreich liegt man gut, wenn man etwa einen Unfall hat. Da gibt es eine hochwertige Versorgung, auch für ältere Menschen. Nicht mehr so einfach ist es im Bereich Rehabilitation. Schwierig wird es für chronisch Kranke und Pflegebedürftige."

Wie zum Beispiel für Demenzkranke. Am Dienstag wurde der erste österreichische Demenzbericht vorgestellt. Der dramatische Inhalt: Bis 2050 könnte die Zahl Betroffener von derzeit 100.000 auf 270.000 Menschen ansteigen. Eine Kostenexplosion werde erwartet, wenn nicht rechtzeitig vorgesorgt werde, mahnt Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse. Das große Ziel: Betroffene sollten möglichst spät ins Pflegeheim. Sind sie erst einmal dort gelandet, steigen die Kosten - sinken kann hingegen in manchen Fällen die Lebensqualität der alten Menschen. Das ist jedenfalls die vielfache Erfahrung der Allgemeinmedizinerin Gabriela K., die zudem Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation ist: Wer keine Angehörigen habe, der bleibe im Spital übrig; vor allem die Menschlichkeit fehle oft. Im Pflegeheim sei es vielfach ebenso: Ihre Großmutter musste in ein solches. Die Familie schaffte die häusliche Pflege der 92-jährigen Frau nicht mehr. "Schweren Herzens" habe die Großmutter zugestimmt. Was dann folgte, verärgert Frau K. enorm: "Die Großmutter, obwohl noch gehfähig, wurde sogleich in einen Rollstuhl gesetzt, dann wären Patienten pflegeleichter", erfuhr sie: "Auch bekommen die Bewohner Schlaftabletten, damit sie alle um 19 Uhr, wenn Schichtwechsel ist, schlafend im Bett liegen", so die Darstellung der Ärztin. "Dabei sieht die Pflegeordnung vor, dass Bewohner ins Bett gehen dürfen, wann sie wollen." Auch Inkontinenzeinlagen würden zu selten gewechselt. Alles Dinge, die laut K. eines vermissen lassen: den würdigen Umgang mit hochbetagten Menschen. Es handelt sich um ein Pflegeheim im Osten Österreichs. Frau K. vermutet aber, dass solche Situationen in vielen Pflegeheimen vorkommen. Auch Frau K. wandte sich an die Patientenanwaltschaft und versucht in Gesprächen mit Veranwortlichen, "die Situation für alle Bewohner zu verbessern".

"Plötzlich wie ein Kind behandelt"

Bisher hätten Gespräche aber noch nicht viel gefruchtet, außer dass ihre Oma nun später "niedergelegt" werde, sagt Frau K. Im Heim werde nur gesagt: Ihre Großmutter sei so aufsässig. Dabei wehre sie sich nur dagegen, wie ein Kind behandelt zu werden. Sie sei eine emanzipierte Frau gewesen. "Nach einem erfüllten Leben, zack, ist man Heimbewohner und entmündigt, muss für alles dankbar sein, immer brav Bitte und Danke sagen, und zu allem Ja."