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Das Gesvindheitswesen im

1945 1960 1980 2000 2020

Eine ehemalige Wiener Amtsärztin berichtet über ihre Erfahrungen mit dem Schicksal

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Eine ehemalige Wiener Amtsärztin berichtet über ihre Erfahrungen mit dem Schicksal

Hausbesuch bei einem alleinstehenden 91jährigen alten Herrn. Der ehemalige Offizier, ein Hüne von einem Mann, liegt in seinen Kleidern, schwer atmend, mit geschlossenen Augen auf dem Di-van. Sein alter Freund steht aufgeregt daneben und erklärt mir die Situation: Der 91jährige war vor einigen Tagen im diabetischen Koma ins ...Spital eingeliefert worden, wurde mit Insulin „eingestellt" und „geheilt" entlassen. So wie er daliegt, in seinen Kleidern, wurde er vor 24 Stunden mit der Ambulanz zu Hause abgeladen. Niemand, auch nicht sein Arzt, wurde verständigt. Unfähig, sich die 50 Einheiten Insulin selber zu spritzen, ist er im Begriff in ein neues Koma einzutreten. Ich stürze zum Telefon und wähle die Rettung.

„Bitte kommen Sie sofort... Lebensgefahr..." - Momenterl, nicht so eilig! Wie alt ist denn der Herr?" - „91 Jahre." - „Aha, Sie wollen uns schon wieder einmal überlisten, Frau Doktor, und uns Ihre Alten anhängen. Wo kämen wir denn da hin...? Und wo liegt der Mann denn eigentlich?" - „Bei sich zu Hause, in seiner Wohnung..." -„Ja das geht uns dann überhaupt nix an, wann er nicht auf der Straß'n liegt..." - „Wenn Sie nicht sofort kommen und den Mann in ein Spital transportieren, so lasse ich einen Pressefotografen kommen. Stillschweigen, dann: „Gut, wir kommen halt."

Dieses Gespräch... Rettung... Straße... erinnert mich an einen

anderen Hausbesuch. Josef W., 64 Jahre, alleinstehend, gänzlich entkräftet. Magenkrebs im letzten Stadium, Hungerödeme, starke Schmerzen. Sein Arzt ist außerstande, den Kranken zu betreuen, verweigert den Hausbesuch und versucht - aber ohne Erfolg - ein Spitalsbett zu verschaffen. Schließlich gibt er dem Patienten einen guten Rat: „Ziehen Sie sich einen Mantel an und legen Sie sich auf die Straße. Dann ist die Rettung verpflichtet, Sie in ein Spital einzuweisen." Geschehen in Wien - schon 1974.

Es wäre am besten für uns alte Menschen ein Gesetz zu machen und mit einer Injektion unser Leben zu beenden. Es wäre kein Mord, sondern für uns alle eine Erlösung, eine Hilfe. Die hilflosen alten Menschen dahinsiechen zu lassen ohne Hilfe, das ist Mord. Es wird sich niemand finden zur Pflege von unheilbar kranken alten Menschen. Niemand mag uns, gehässig kommen sie uns alle entgegen. Vielleicht kann man Tabletten erfinden, damit die Menschen nicht so alt werden."

Hochachtungsvoll Anna B.

(Aus dem Brief eine 74jährigen Rentnerin, Dezember 1973)

„Seitdem ich meine alte Mutter

vor ihrem Tod einige Wochen nach Lainz geben mußte und ich das Unglück der armen, alten Menschen mit eigenen Augen gesehen habe,' läßt mich der Gedanke an diese armen Alten nicht mehr los... Bei einem Abendbesuch im Pavillon eins klammerte sich am Gang ein altes Mutterl an mich und sagte weinend: „Schauen Sie, mich haben sie heute hier in dieses Gefängnis eingeliefert und ich habe doch wirklich nichts verbrochen." Ich tröstete sie, aber da kam die „Schwester" hinzu und sagte: „Gemma, gemma" und stieß sie in den Saal zurück... Da man leider selbst immer älter wird und sich denken muß, wenn ich einmal als siecher, kranker Mensch nicht mehr allein in meinem Heim bleiben kann, sondern eben nur in Lainz unterkommen muß, so ist es verständlich, daß man darauf sinnt, wie man sich selbst durch Selbstmord helfen könnte... " Maria E. Wien Dezember 1973

„... Ich deutete Ihnen ja schon an, wie entsetzt ich über die Behandlung der alten Frauen im Wilhelmi-nenspital war! Einer armen 85jäh-rigen sterbenden Frau zu sagen, die um die Schüssel bittet, weil sie es nicht mehr halten kann: „ Wirst halt in Deinem eigenen Dreck liegen!" Oder die arme Frau B., die zwei hohe Holzbretter auf jeder Seite

ihres Bettes hatte, weil nicht genug andere Betten vorhanden waren: Sie litt psychisch so sehr darunter, daß sie die Schwester bat, ob es denn nicht möglich wäre, die Bretter wegzunehmen, da sie sich ja ohnedies nicht bewegen konnte und man das Gefühl habe, man läge schon im Sarg. Worauf die Schwester tröstlich sagte: „Da kommen wir ja eh bald hin."

Magdalena B. 77 Jahre, ehemalige Pflegerin Wien, Februar 1974

Eine verweinte Frau von ungefähr 60 Jahren öffnet mir die Türe. Unter ständigen Weinkrämpfen führt sie mich ins Nebenzimmer, wo ihre Schwester, 62 Jahre, im sterbenden Zustand liegt. Diese war vor einiger Zeit an einem Gehirntumor im Wilhelminenspital operiert worden. Ihre Überlebenschance war vom Anfang an fast null gewesen. Als es klar wurde, daß sie nur mehr kurze Zeit zu leben hätte und meistens halb bewußtlos da lag „...da sagte mir die Oberschwester bei der Besuchszeit, daß sie dringend das Bett brauchen und meine Schwester am nächsten Tag nach Hause transportiert wird. ,Sterben kann sie auch zu Hause', meinte sie. Ich flehte sie an, das nicht zu tun, unsre

8 2jährige Mutter, die bei uns wohnt, würde das nie überleben. Ich selber bin schwer krank, leide seit Jahren an Depressionen... Es war nichts zu machen. ,Wir setzen Ihre Schwester morgen am Gang ab, wenn sie niemand übernimmt, das weitere interessiert uns nicht!' sagte sie noch..." Gesagt, getan. Als die Am* bulanzträger an der Türe läuteten, öffnete durch einen Zufall die alte Mutter... Beim Anblick ihrer Tochter stürzte sie mit einem lauten Schrei zu Boden und starb zwei Tage später in Lainz an Gehirnschlag.

„...Ich möchte Ihnen kurz Einblick geben in die Krankengeschichte meiner Tante, die im August mit 68 Jahren gestorben ist: ...Gebärmutterkrebs, Radiumbestrahlungen, andauernde Blutungen, unerträgliche Schmerzen. Trotzdem Spitalsentlassung wegen Bettenmangels. Sie lag zu Hause ohne Betreuung, andauernde Schmerzen. Der praktische Arzt weigerte sich zu kommen, um schmerzstillende Injektionen zu geben... „Zweimal wollte sich meine Tante vom Fenster stürzen. Endlich brachten wir

es wieder zuwege, daß sie ins Allgemeine Krankenhaus kam. Dort lag sie, aber um schmerzstillende Medikamente zu bekommen, mußte man lange darum bitten und bekam sie nur dann, wenn man der Schwester einen Geldschein in die Hand drückte."...

Wieder Spitalsentlassung. Zu Hause ständiges Schreien vor Schmerzen. Als Pflegefall nach Lainz eingeliefert. „Dort war es genau so: Man mußte den Schwestern ständig Geldscheine in die Hand drücken um Medikamente oder eine Hilfeleistung zu erhalten. Gerda K. Wien, Dezember 1973

Frau Barbara Sch. ist 81 Jahre, blind, hat Asthma, Lungenblähung, schwerste Atemnot. Keinerlei ärztliche Betreuung zu Hause. Sie wird vom ...Spital, trotz Protest, Bitten und Flehen, zu Hause abgeladen. Obwohl sie immer wieder betont, daß sie gänzlich alleinstehend ist und keinen Arzt hat. Die Oberschwester: „Das sagt jeder, daß er niemanden zu Hause hat, das glauben wir schon längst nicht mehr! Da bekämen wir ja nie ein Bett frei. Es wird sich schon herumsprechen, daß Sie wieder da sind!" Es hat sich auch herumgesprochen. Die Empörung aller Hausinsassen und der ganzen Umgebung ist groß. Ich muß mir erst einen Weg zur Kranken

bahnen, die, blind vor sich dahin-starrend, schwer atmend, in Todesangst zu ersticken, dasitzt und um ein Medikament fleht. Man hat die Frau ohne Medikamente zur Behebung der Atemnot vom Spital nach Hause geschickt!

Kunigunde K. 92 Jahre, lebt allein. Extreme Schwäche nach schwerer Gallenoperation. Die alte Frau wird gegen ihren Willen entlassen, mit dem tröstlichen Wort der Abteilungsschwester: „Es wird sich schon jemand um Sie kümmern, wenn Sie einmal wieder zu Hause sind; das geht uns schließlich nichts mehr an..." Die Frau liegt allein zu Hause, nimmt tagelang keine Nahrung zu sich, läßt alles unter sich...

Der Bettenmangel in Alters- und Pflegeheimen ist katastrophal. Die langjährige Fürsorgerin eines Pflegeheims sagte mir, wenn man alle Alters- und Pflegeheimbetten von denen freimachte, die sie zu „Unrecht" belegen, müßten nicht so viele alleinstehende, schwerkranke alte Menschen kläglich zu Hause zugrunde gehen.

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