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1107 Leben gerettet

DAS WARTEZIMMER DES KINDERARZTES Ist voll. Die kleinen Patienten auf dem Schoß, die größeren neben sich auf dem Sessel, meist eine große Einkaufstasche zwischen den Sesselbeinen auf dem Boden, so sitzen die Mütter in dem kleinen, hellen Raum und warten. Einige von ihnen sind zu Fuß oder mit dem Autobus von weit her gekommen — denn der Arzt, von dessen Ordination wir sprechen, befindet sich weder in Wien noch in einer Landeshauptstadt. Und so verbinden die Frauen den Arztbesuch meist mit Einkäufen, Wegen auf das Finanzamt oder in die landwirtschaftliche Genossenschaft. Nun sitzen sie eine viertel oder halbe Stunde ruhig, plaudern erst ein wenig und greifen dann zu den Zeitschriften und Broschüren, die griffbereit auf den niedrigen Tischchen liegen. Eine der jungen Frauen hat gerade nach einem bl-.iß-gelben, bedruckten Doppelbogen gegriffen, der auf der ersten Seite das Photo eines nackten Babys zeigt. Sie liest die ersten Zeilen, die darunter stehen, und ihr Blick bleibt an der Druckschrift bis zur letzten Zeile. Und sie liest sie ein zweites, ein drittes Mal. Die paar Absätz-e scheinen sie zutiefst erschüttert zu haben. Erst als sie mit ihrem Dreijährigen durch die weiße Türe zum Ordinationszimmer verschwunden ist, greifen die Hände ihrer Nachbarinnen gleichzeitig nach der sichtlich so spannenden Lektüre: „Ich werde ein Mädchen sein“, steht in großen Lettern unter dem Babyphoto, und darunter, kleiner gedruckt: „Aus dem Tagebuch eines Ungeborenen.“ Es ist der Lebensbericht eines kleinen Mädchens, das sechs Monate vor seiner Geburt im Mutterleib sterben mußte, weil seine Eltern es nicht haben wollten ...

Die junge Frau mit dem Dreijährigen hat inzwischen das Ordinationszimmer des Kinderarztes verlassen und sich auf den Heimweg gemacht. Der Kleine ist nun ganz gesund, hat der Arzt gesagt. Er ist nur ein bißchen verwöhnt, darum will er nachts keine Ruhe geben. „Es täte ihm sehr gut, wenn bald ein Brüderchen oder Schwesterchen käme“, hat der Doktor noch hinzugefügt. Diese Bemerkung wäre eigentlich ein Stichwort für Frau R. gewesen; denn sie hatte die Absicht gehabt, den Kinderarzt ganz vorsichtig zu fragen, ob er nicht einen Kollegen wüßte, der ihr „helfen“ könnte: das Einkommen ihres Mannes ist recht gering, die Schwiegermutter kränklich und das zweite Kind, das sie seit kurzem unter dem Herzen trägt, käme jetzt sehr, sehr ungelegen. Wenn der Kinderarzt auf die Frage nicht eingegangen wäre, hätte sie auf dem Heimweg eine Bekannte besucht, von der sie wußte, daß sie kürzlich in derselben Lage war und irgendwo einen Ausweg gefunden hatte. So hatte sie sich diesen Tag mit seinen Entscheidungen vorgestellt. Und wahrscheinlich wäre es nicht schwer gewesen, von der Bekannten die Adresse des betreffenden Arztes oder der „hilfsbereiten“ Frau zu bekommen. Aber jetzt gingen ihr die Sätze aus dem „Tagebuch eines Ungeborenen“ nicht mehr aus dem Sinn. „Ich werde die Augen vom Vater und lockige, blonde Haare von meiner Mutter haben“, stand dort, „und das lockige, blonde Haar von meiner Mutter. Auch das ist entschieden: Ich werde ein Mädchen sein.“ Eigentlich hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, ob das Kind, das sie nicht haben wollte, ein Bub oder ein Mädel sein würde. Und schon gar nicht darüber, wie es aussehen könnte, ob es ihr oder ihrem Mann gleichen könnte. Die junge Frau geht sehr langsam mit ihrem Dreijährigen nach Hause, sehr nachdenklich. Am Abend wird sie mit ihrem Mann sprechen. Sie werden eben noch ein bißchen mehr sparen müssen die nächsten Jahre — aber das Kind soll leben.

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DIESE EPISODE IST IN KEINER STATISTIK FESTGEHALTEN, nirgends scheint die Tatsache auf, daß das kleine Mädchen, das sieben Monate später zur Welt kam, beinahe eines der 150.000 bis 200.000 Kinder gewesen wäre, die in Österreich alljährlich im Mutterleib sterben müssen. Es ist nur bekannt, daß bisher 3000 Exemplare des „Tagebuchs eines Ungeborenen“ in den letzten Monaten neu aufgelegt worden sind, daß eine Reihe von Ärzten sie in ihren Wartezimmern den jungen Frauen zur Lektüre förmlich vorlegen und daß eine ähnliche Schrift, „Ist wirklich nichts dabei?“, in derselben Auflagenhöhe erschienen ist. Wie viele Frauen durch diese Schriften von einem solchen Ent-

Schluß abgebracht worden sind — wer könnte es sagen? Wenn man da und dort herumhorcht und feststellen muß, wieviel Unwissen und wie viele Meinungen kursieren und den jungen Frauen die Tötung eines Ungeborenen verharmlosen wollen — dann kann man ahnen, wieviel eine sachliche Richtigstellung zu dieser Frage ausmachen kann.

Diese richtigstellende Korrektur in der öffentlichen Meinung ist eine der Hauptaufgaben, die sich die Gesellschaft „Rettet das Leben“ zur Aufgabe gemacht hat. Es ist eine mühsame und sehr langsam zum Erfolg führende Kleinarbeit — aber sie zeitigt ihre Früchte. Der Vorstand des Pharmakologischen Instituts der Universität Wien, Professor Dr. Brücke, als Vorsitzender und die beiden Vorstände der gynäkologischen Abteilungen, Univ.-Prof. Dr. Antoine und Univ.-Prof. Dr. Zacherl, haben von Anfang an den Bestrebungen von „Rettet das Leben“ den Stempel der medizinisch-wissenschaftlichen Richtigkeit aufgedrückt, der ehrenamtliche Geschäftsführer Hofrat Dr. Mikocki reiht Vortrag an Vortrag: Ärzte, Fürsorgerinnen, Pfarrgemeinden, Jugendliche und Familien werden angesprochen. Die Zusammenarbeit mit der Caritas und der SOS-Gemeinschaft funktioniert reibungslos. Hinter allen Bemühungen aber steht der Gedanke: „Noch mehr!“ Mag die Schätzungszahl von 150.000 bis 200.000 Ungeborenen auch ungenau sein, vielleicht sogar parallel mit der steigenden Geburtenzahl etwas gesunken — der Gedanke, daß täglich an die 400 Kinder in Österreich „beseitigt“ werden, müßte in noch weit größerem Ausmaß die Abwehrkräfte mobilisieren.

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EINTAUSENDEINHUNDERTSIEBEN KINDERN hat die Gesellschaft nachweislich das Leben gerettet. Viele von ihnen sind schon drei oder vier Jahre alt, gesunde, frohe Kinder, die heute von ihren Eltern zärtlich geliebt werden. Auch die unverheirateten Mütter, die nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen das Ungeborene ablehnten, haben nach der Geburt meist eine herzliche Bindung an ihr Kind gefunden. Und wo es nicht anders ging, hat „Rettet das Leben“ zu einer guten Adoption verholfen. Zwei Mut-ter-und-Kind-Heime der SOS-Gemeinschaft und das Mütter- und Säuglingsheim der Caritas Socialis bieten den Müttern und ihren Kindern, die sich in einer Notlage befinden, zumindest für eine Übergangszeit Geborgenheit und Unterkunft. Allein im vergangenen Jahr hat „Rettet das Leben“ als Anzahlung für ein weiteres Mutter-und-Kind-Heim 50.000 S aufgebracht, weitere 23.000 S der SOS-Mütterhil'fe zur Verfügung gestellt, 180 Mütter in ständige Betreuung aufgenommen, 44 in Heime vermittelt

Das Hauptproblem liegt jedoch nicht darin, jenen Frauen zu helfen, die von sich aus um Rat kommen. So schwierig es manchmal sein mag, einen Platz in einem Heim, zu sichern oder einen Geldbetrag aufzutreiben — werdende Mütter, die von sich auch den Weg zu „Rettet das Leben“, zur SOS-Gemeinschaft, zur Caritas oder zur Beratungsstelle der „Frauen von Bethanien“ finden, brauchen zwar konkrete Hilfe, sind aber sehr leicht davon zu überzeugen, daß das kommende Kind ein Lebensrecht besitzt. Unvergleichlich schwieriger ist es, werdende Mütter anzusprechen, die diesen Weg nicht von sich aus einschlagen. Und noch schwerer, diese Frauen und Mädchen überhaupt zu finden.

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ERFAHRENE MITARBEITER VON „RETTET DAS LEBEN“ sind zu der Einsicht gekommen, daß mindestens die Hälfte der Kinder am Leben wäre, wenn die Mutter vor der Tat Gelegenheit gehabt hätte, mit einem Menschen zu sprechen, der sie auf die Schwere ihres Tuns aufmerksam gemacht hätte. Es ist Tatsache, daß ein hoher Prozentsatz dieser Kindesmorde aus Unwissenheit und Gedankenlosigkeit vorbereitet und geduldet wird. Man fährt über das Wochenende angeblich auf Skiurlaub, in Wirklichkeit aber zu einem „empfohlenen Arzt“ oder „erledigt“ das Ganze ohne Aufhebens an einem Werktag in ein paar Stunden, bleibt vielleicht dann wegen „Grippe“ noch zwei Tage zu Hause und denkt nicht weiter nach darüber. Es gibt Büros und Betriebe, in denen dieses Thema zur Tagesordnung der Plaudereien in der Frühstückspause gehört und die Kolleginnen mit größter Selbstverständlichkeit von ihren Erfahrungen auf diesem Gebiet erzählen, ohne allzuviel daran zu finden. Hier muß die Aufklärungsarbeit einsetzen. Einzelne Beispiele aus der

Tätigkeit der letzten Jahre zeigen, daß Gespräche von Frau zu Frau am sichersten zum Erfolg führen — wenn es nur rechtzeitig gelingt, den Kontakt herzustellen. Da ist ein junger Mann, Student, dessen Mädel ein Kind erwartet. Das Mädchen hat seinen Eltern nichts davon erzählt und ist auf der Suche nach einem Arzt, der einen solchen Eingriff vornehmen will. Mehr zufällig als in bestimmter Absicht erzählt der Student einer Kollegin davon: ihr gelingt es, den Namen und die Adresse des Mädchens zu erfahren, und sie verständigt „Rettet das Leben“. Rasch und diskret ruft eine Mitarbeiterin der Gemeinschaft das Mädchen an und vereinbart ein Zusammentreffen. Halb und halb in der Annahme, dort die erstrebte „Hilfe“ zu finden, kommt die werdende Mutter. Zwei Stunden des Gesprächs, der Debatte verstreichen — dann ist das Mädchen entschlossen, das Kind zur Welt zu bringen. Es folgt ein Geständnis gegenüber den Eltern, die sich bereit erklären, für das Kind zu sorgen. Ein paar Monate später, nach gründlichem gegenseitigem Prüfen, heiratet das junge Paar, noch ehe das Kind zur Welt kommt — es ist ein gesundes, freundliches Baby, das seine Eltern inzwischen sehr glücklich macht.

Eine Heirat der Eltern, diese beste und nächstliegende Lösung des Problems, ist nicht überall möglich. Und sie wird auch nicht unter allen Umständen befürwortet. Ein Mädchen erwartet i ein Kind von einem Mann, der in keiner Weise zu ihm paßt und von dem es weiß, daß er eine Heirat nur im Hinblick darauf eingehen würde, daß er selbst arbeitsscheu ist, die Eltern des Mädchens aber über ein nennenswertes Vermögen verfügen. Ein uneheliches Kind aber würde einen Skandal bedeuten. So sucht das Mädchen bei einer Freundin Rat, die es an „Rettet das Leben“ verweist. Nach langem Schwanken und Überlegen beschließt die werdende Mutter, ein paar Monate zu verreisen, das Kind dann in Wien zur Welt zu bringen und über Vermittlung der Gemeinschaft adoptieren zu lassen. *

MANCHMAL LIEGT DIE WURZEL DER SORGEN, die eine junge Mutter zu dem Entschluß bringen, ihr Kind töten zu lassen, nicht im Materiellen oder in der Angst vor einem Skandal, sondern in falschen Vorstellungen von der rechtlichen Lage des unehelichen Kindes. Eine unverheiratete Frau, selbst nicht mehr ganz jung, erwartet ein Kind, dessen Vater um vieles jünger ist als sie. Aus verschiedenen Gründen will sie nicht, daß der junge Mann, der studiert und alle Chancen für eine glänzende Karriere hat, von der Existenz dieses Kindes erfährt. Sie befürchtet aber, daß es das Kind „einmal sehr schwer haben würde“, wenn sie angäbe „Vater unbekannt“. Und sie hat noch andere recht verworrene Begriffe über die rechtliche Lage der ledigen Mutter und ihres Kindes. Aus dieser Unklarheit der Befürchtungen heraus spielt sie mit dem Gedanken, es „erst gar nicht soweit kommen zu lassen“. Eine kurze Erklärung, das Studium der schriftlichen Unterlagen über den Rechtsschutz der werdenden Mutter genügen, um sie zu beruhigen und das Leben des Ungeborenen zu sichern.

1107 Kinder, frohe, gesunde kleine Buben und Mädchen, leben heute in Österreich, die nie das Licht der Welt erblickt hätten, wenn nicht vor ein paar Jahren eine Handvoll Ärzte, Juristen und einfach tatkräftig interessierter anderer Christen beschlossen hätten, etwas zum Schutz der Ungeborenen zu tun. 1107 Menschenleben sind gerettet worden, aber im selben Zeitraum ist die Zahl derer, die nicht geboren worden sind, mit einer Million nicht zu hoch beziffert. Es gehört viel Kraft dazu und viel Vertrauen, gegenüber diesem Zahlenverhältnis nicht den Mut zu verlieren...

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