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Mein Stammbaum im Nirgendwo

Es ist Donnerstag, der 24. April, genau 12 Uhr 45. An der Kreuzung Wientalstraße/Lilienberggasse in Wien-Hietzing geht gerade eine Frau mit ihrem Hund spazieren, als sie auf einer Wiese ein pink geblümtes Puppenwagenoberteil entdeckt. Darin liegt schlummernd ein Bündel Mensch, eingehüllt in eine Decke mit Winnie-Pooh-Motiv, den winzigen Leib in einem violetten Strampler. Die lange Nabelschnur lässt auf eine Hausgeburt schließen, insgesamt ist der hellhäutige Säugling jedoch gesund. Wer auch immer ihn hier wenige Stunden nach der Niederkunft ausgesetzt hat: Er oder sie wollte, dass er gefunden wird.

Warten auf die Mutter

Entsprechend groß war die Hoffnung, dass sich die leibliche Mutter doch noch melden würde. Doch bis heute liegt die Herkunft des Buben völlig im Dunkeln. Noch im Laufe dieser Woche soll er deshalb zu seinen neuen Eltern übersiedeln, die das Wiener Referat für Adoptiv- und Pflegekinder ausgesucht hat. Rund ein halbes Jahr dauert es, bis die Adoption rechtskräftig wird. Bis dahin haben die leiblichen Eltern (theoretisch) noch die Chance auf eine Rückführung. Danach gibt es diese Möglichkeit nicht mehr.

Viel Erfahrung mit Findelkindern hatte man in Wien - zum Glück- nicht: Seit Jahren hat hier niemand mehr ein Neugeborenes im Freien ausgesetzt - und damit wegen Gefährdung bis zu fünf Jahre Haft bzw. im Todesfall bis zu zehn Jahre riskiert. Ein Kind in eine "Babyklappe“ zu legen (in Wien etwa jene des Wilhelminenspitals) bleibt hingegen straffrei. Ein Säugling wurde hier im Vorjahr deponiert - er war damit österreichweit der einzige; 2012 sind sechs Kinder bundesweit in einer solchen, gewärmten Vorrichtung gelandet.

Ungleich mehr Kinder kamen bei einer "anonymen Geburt“ zur Welt, wie sie in jedem Spital mit geburtshilflicher Abteilung möglich ist. Laut Jugendwohlfahrtsbericht waren es 2012 österreichweit 44 Kinder, deren Mutter ihre Identität verschwiegen hat (in vier Fällen hat sie sich später gemeldet); 2013 waren es bereits 46 Babys - mit sieben späteren Aufhebungen der Anonymität. Manchen dieser Kinder hat die leibliche Mutter einen persönlichen Gegenstand oder gar einen Brief hinterlassen. Viele haben aber gar nichts, womit sie das Dunkel ihrer Herkunft notdürftig erhellen können. Sie sind Wurzellose, wie das Findelkind von Wien.

Musste diese Verletzung des (in der UN-Kinderrechtskonvention verankerten) Rechts auf Identität hingenommen werden, um ihr Leben zu retten? Seit 2001 "Babyklappe“ sowie "anonyme Geburt“ in Österreich auf dem Erlassweg erlaubt wurden, wird darüber diskutiert. Befürworter sehen in diesen Angeboten einen wirkungsvollen Weg, um die Zahl der "Neonatizide“ (Tötung eines Kindes binnen 24 Stunden nach der Geburt) zu reduzieren. Laut einer Studie der Kinder- und Jugendpsychiaterin Claudia Klier von der Medizinuni Wien wurden zwischen 1991 und 2001 sieben von 100.000 Neugeborenen getötet, in den Jahren 2002 bis 2009 nur drei von 100.000 Babys. Weil solche Taten meist die Folge ungewollter, verdrängter Schwangerschaften wären, sei die anonyme Geburt "ein sehr effektives Mittel, um diesen Frauen in ihrer schwierigen Situation zu helfen und sie vor, während und nach der Geburt medizinisch und psychosozial zu betreuen.“

Zu einem ganz anderen Befund kommt die Kinderrechtsexpertin Maria Orthofer: So sei zwar die Häufigkeit von Neugeborenentötungen in Österreich seit 1975 um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen (damals trat der Paragraph 79 Strafgesetzbuch - "Tötung eines Kindes bei der Geburt“ - in Kraft). Durch die anonyme Geburt gebe es hingegen "keinen erkennbaren zusätzlichen Rückgang“. Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen von Wiener Krankenhäusern hätten die anonym gebärenden Mütter als "sehr verantwortungsbewusste Frauen“ beschrieben, die ihre Kinder nie getötet hätten. Sie hätten ihnen eher eine "bessere“ Mutter geben wollen, als sie glaubten, es je selbst sein zu können, so Orthofer.

Dieser Wunsch ist nachvollziehbar, insbesondere bei Frauen mit illegalem Aufenthaltsstatus, nach Vergewaltigung oder großem Druck aus dem Umfeld. Doch rechtfertigt er auch, Kindern jedes Wissen um die eigene Herkunft zu nehmen? Nein, hat der Deutsche Ethikrat schon 2009 befunden - und empfohlen, die rund 80 Babyklappen sowie die Angebote zur anonymen Geburt aufzugeben. (Die österreichische Bioethikkommission hat als Reaktion im Februar 2010 betont, dass "insbesondere die anonyme Geburt die Chance der Begleitung der Frauen in einer extremen Notlage“ bietet.) Im Juni 2013 hat der Deutsche Bundestag schließlich das "Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt“ beschlossen; vor wenigen Tagen, am 1. Mai, trat es in Kraft.

Schwangere haben künftig einen Rechtsanspruch auf anonyme Beratung, es gibt ein Hilfetelefon ("Schwangere in Not“), Online-Angebote (www.geburt-vertraulich.de) sowie eine Informationskampagne. Jene, die ihre Mutterschaft auch nach psychosozialer Beratung verheimlichen wollen, können ihre persönlichen Daten in einem versiegelten Umschlag hinterlegen. Beraterinnen begleiten sie auch später und zeigen ihnen Möglichkeiten zur Rücknahme des Kindes auf. Votieren sie dagegen, wird ihr Kind zur Adoption freigegeben. Mit 16 Jahren kann es seine Herkunft erfragen - auch gegen den Willen der Mutter, wie Claudia Klier und der Wiener Abtreibungsmediziner Christian Fiala auf anonymegeburt.at betonen.

Vertraulich statt anonym

Für die deutsche Psychotherapeutin Irmela Wiemann ist weniger Anonymität hingegen eine gute Entscheidung. Schließlich weiß sie aus jahrzehntelanger Arbeit in der Beratung von Pflege- und Adoptiveltern, wie sehr das Nichtwissen um die eigene Herkunft Kinder und ihre Familien belastet. "Bereits ein ,normales‘ Adoptivkind fühlt sich von seiner ersten Mutter verlassen und hat Identitäts- und Selbstwertprobleme. Die multiplizieren sich, wenn ein Kind erfährt, dass es in eine Klappe gelegt wurde oder dass es der Mutter oder dem Vater nicht einmal wert war, den Namen bekannt zu geben“, erklärt Wiemann gegenüber der FURCHE. Dieses existenzielle "Nein“ bringe manche Kinder dazu, auch zu sich selbst nein zu sagen. Entsprechend erhöht sei das Suizidrisiko.

Umso wichtiger ist es, so Wiemann, dass Adoptiveltern die unbekannten Eltern zumindest in Gedanken "erschaffen“. Das beginnt mit dem Sammeln möglichst vieler Informationen beim Abholen des Kindes im Krankenhaus und reicht bis zum Versuch, an gute Eigenschaften der unbekannten Eltern anzuknüpfen: "Man könnte sagen: Dass du so gut fußballspielen kannst, kommt vielleicht von deinem Vater, oder dass du so gut singen kannst, von deiner Mutter.“ Wesentlich sei auch, die Notlage der leiblichen Eltern damals zu verdeutlichen: "Man muss klar machen: Keine Mama und kein Papa gibt sein Kind leichten Herzens her. Sie müssen damals schwerwiegende Gründe gehabt haben. Aber sie wollten, dass du lebst. Und wenn Sie dich heute sehen würden, wären sie stolz auf dich!“

Auch Luca sollte leben - allen Umständen zum Trotz. Es ist im Oktober 2010, als er in einem Wiener Spital das Licht der Welt erblickt. Drei Stunden nach der Geburt geht seine Mutter - und lässt bewusst nichts zurück. Man weiß nur, dass sie zwei weitere Kinder hat und eines an einer schweren Stoffwechselerkrankung leidet.

Am Montag darauf stehen seine neuen Adoptiveltern Martina und Kurt (alle Namen geändert) im Krankenhaus und sehen, wie "ihr“ Kind zum ersten Mal die Augen öffnet. Alles werden sie fortan dokumentieren: seine Vitalität, seinen Eigensinn - und wie er dem Adoptivvater gleicht! Als Luca später fragt, ob er einmal in Martinas Bauch war, wird seine "Lebensmama“ ihm von seiner "Bauchmama“ erzählen. Und als er nachts herzzerreißend "Mama!“ schreit und auch sonst "irgendwie unrund“ wirkt, werden seine Adoptiveltern mit ihm eine Entwicklungsdiagnostik sowie Ergo- und Psychotherapie in Anspruch nehmen. "Es tut uns leid, dass wir ihm gar nichts erzählen können und dass er nie seine beiden Geschwister kennenlernt“, sagt Martina. "Wir hoffen auch, dass er sich nicht einmal alles mögliche zusammenreimt.“

Sie selbst hütet sich vorerst davor. Nur an seinem Geburtstag muss sie immer an jene Frau denken, die Luca einst das Leben schenkte - und dann für immer verschwand: "Die sitzt dann wohl auch irgendwo und denkt an ihn!“

Adoptiv- und Pflegekindern ein Zuhause geben

Von Irmela Wiemann. 3. Auflage, Balance 2012, 232 Seiten, kart., e 16,40

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