Wenn der Storch notlanden muss

Die Babyklappe und die Möglichkeit einer anonymen Geburt sollen Neugeborenen das Leben retten. Die Kinder ohne Wurzeln bezahlen einen hohen Preis.

Am Dienstag, acht Uhr morgens vor einer Arztpraxis im oberösterreichischen Leonding: In eine Fleecejacke gehüllt liegt ein Neugeborenes auf der Fußmatte. Das blasse Mädchen ist mit einer Wäscheklammer abgenabelt, wenige Stunden alt und zittert. Ein Paketbote entdeckt das Kind, die Ordinationsassistentin kommt herbeigeeilt. Die Kleine schläft selig, während der Arzt sie untersucht. Sie ist leicht unterkühlt, aber in bester Verfassung. Kurz später läutet in der Linzer Kinderklinik das Telefon.

Ein ähnliches Schicksal teilen all jene Kinder, die seit Einführung der Babyklappe 2001 abgelegt wurden. Es sollen etwa 50 sein. Die genauen Zahlen dazu kennt niemand. Gleichzeitig wurde die Möglichkeit zur anonymen Geburt eingeführt - eine Option, die mehr Frauen nützen als die Babyklappe, weil sie eine medizinisch begleitete Geburt ermöglicht. Schätzungsweise 340 Kinder sind seither anonym geboren worden. Zuvor war es in Österreich strafbar, sein Kind nach der Geburt zu verlassen.

Die österreichische Bioethikkommission hält die Angebote Babyklappe und anonyme Geburt für "begrüßenswert“. In Deutschland sollen diese Möglichkeiten bald der Vergangenheit angehören: "Babyklappen verletzen das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu den Eltern massiv“, kritisiert der dortige Ethikrat. Die Gegenseite wiederum argumentiert, dass damit das Leben eines Kindes geringer gewichtet werde als das Wissen um seine Herkunft.

Statt der anonymen Geburt soll es in Deutschland künftig verpflichtende Schwangerschaftsberatungen und eine "vertrauliche Geburt“ geben: Dabei müssen Frauen ihre Daten in einem Kuvert hinterlassen, damit das Kind ab dem 16. Lebensjahr erfahren kann, wer seine leibliche Mutter ist. Mitarbeiter von Beratungsstellen fürchten, dass man mit dieser Politik jenen Frauen, die anonym bleiben möchten, die Möglichkeit einer medizinisch begleiteten Geburt nehmen könnte.

Die Suche nach seiner Geschichte

Lukas war 2001 das erste anonym geborene Kind in Wien. Nach acht Wochen kam er zu seiner späteren Adoptivfamilie. Heute macht sich der Elfjährige intensive Gedanken zu seinen Wurzeln. Auch seine engagierten Adoptiveltern können ihm bei dieser Suche nicht weiterhelfen. Wer die biologische Mutter ist, wie sie ausgesehen hat, wie sie "so war“, wird er wahrscheinlich nie erfahren. Deshalb ist Lukas seit einem Jahr in Therapie. "Je älter er wird, umso komplexer werden seine Fragen. Er weiß, er kann nichts über seine Mutter erfahren. Das zu akzeptieren, fällt ihm sehr schwer“, erzählt seine Adoptivmutter. Besonders traurig macht es Lukas, wenn er sieht, wie seine drei Geschwister, allesamt Pflegekinder, in Kontakt mit verschiedenen Mitgliedern ihrer Herkunftsfamilien stehen.

In Frankreich zeigen die langjährigen Erfahrungen mit anonym geborenen Kindern, wie schwierig die Situation für Betroffene ist. Schon seit den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts besteht dort die Option der anonymen Geburt. Bei der nationalen Anlaufstelle CNAOP können anonym geborene Kinder und leibliche Eltern Daten hinterlegen und nachfragen. "Damit es nicht so weit kommt, beraten wir schwangere Frauen über sämtliche Alternativen. Mehr als die Hälfte entscheidet sich dann für eine reguläre Adoptionsfreigabe, einige wenige für ihr Kind“, erzählt Anna Putz, leitende Sozialarbeiterin in einem Wiener Jugendamt.

Von den wenigen Müttern, die später aus ihrer Anonymität heraustreten, weiß Putz, wie belastet diese Frauen sind: "Ihre ursprünglichen Probleme, die sie zur anonymen Geburt veranlasst haben, sind nach wie vor ungelöst, mit der Trennung von ihrem Kind müssen sie ein weiteres Trauma verarbeiten, meistens ohne fremde Hilfe.“

Ein Dilemma, tausend Ursachen

In Deutschland wie in Österreich lassen sich die betroffenen Frauen keiner bestimmten sozialen Gruppe zuordnen. Ihr beruflicher Status ist ganz unterschiedlich: Studentin, Beamtin, Prostituierte oder Arbeitslose. Auch ihr Alter ist breit gefächert, von vermutlich minderjährigen Müttern bis hin zu Frauen jenseits der 40. Mindestens die Hälfte der anonym gebärenden Frauen sind gebürtige Österreicherinnen, ein Drittel stammt aus anderen Ländern, die Nationalität der restlichen Frauen ist unbekannt. "Viele haben bereits Kinder und leben mit ihnen auch im selben Haushalt“, sagt Sozialarbeiterin Putz.

Die betroffenen Frauen geben folgende Gründe an, warum ihnen ein Leben mit ihrem Kind unmöglich erscheint: Gewaltbeziehungen oder Schwangerschaften infolge von Vergewaltigungen, wirtschaftliche Probleme, ethnische Konflikte oder ein illegaler Aufenthalt in Österreich. Österreichische Frauen begründen ihre Entscheidung häufig damit, dass das Kind von einem anderen Mann stammt oder aus anderen, etwa beruflichen Gründen nicht in ihre Lebensplanung passt.

Das Jugendamt beobachtet seit 2007 einen zunehmenden "Geburtstourismus in Wien: "Immer mehr Frauen, die wahrscheinlich aus Rumänien, Polen und Bulgarien stammen, kommen zur Geburt nach Wien und reisen danach wieder heim“, berichtet Putz.

Zunehmend entbinden Frauen anonym, die nicht krankenversichert sind oder illegal der Prostitution nachgehen. "Dabei entsteht der Eindruck, dass diese Frauen auf den Verdienst angewiesen sind und nicht sozialversichert sind“, berichtet Putz. Häufig sei der Schritt zur anonymen Geburt keine rein freiwillige Entscheidung der Frauen: "Immer wieder ist enormer Druck durch das Umfeld der Frau, etwa Familie, Partner oder Zuhälter, ausschlaggebend.“

Viele Fragezeichen und Fantasien

Das Jugendamt bemüht sich, den Wünschen der Mütter bezüglich der Adoptivfamilie ihres Kindes nachzukommen: "Am wichtigsten ist es den Frauen, dass sich die Adoptiveltern liebevoll um das Kind kümmern und ihm mehr bieten können als sie selbst“, sagt Martina Reichl-Roßbacher, Leiterin des Referats für Adoptiv- und Pflegekinder in Wien.

Fünf Jahre lang haben die Adoptiveltern von Lukas auf ihn gewartet: "Dann hat das Telefon geläutet und er war von heute auf morgen da.“ Über die familiäre Situation haben sie den kleinen Buben von Anfang an aufgeklärt. "Wir haben ihm Fotos von dem Tag gezeigt, an dem wir ihn abgeholt haben.“

Vor Kurzem haben Lukas’ Adoptiveltern gemeinsam mit ihm die Geburtsstation besucht, in der er auf die Welt kam. "Die Hebamme konnte sich noch an die Geburt erinnern und hat ihm davon erzählt. Zu sehen, wo er das Licht der Welt erblickt hat und wer ihn auf die Welt geholt hat, war der weitest mögliche Schritt zurück in seine Vergangenheit“, sagt seine Adoptivmutter. Das schönste Geschenk wäre für Lukas ein Foto von seiner leiblichen Mutter. Für den Fall, dass sich die Frau doch noch beim Jugendamt melden sollte, hat der Elfjährige ein Baby-Foto und einen Brief für sie hinterlegt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau