Digital In Arbeit

Behinderte Eltern: Kann das gut gehen?

Der Fall eines blindes Paares, dem die Adoption eines Kindes verwehrt worden war und das daraufhin wegen Diskriminierung klagte, sorgt für Diskussionen. Die Eltern könnten Zeckenbisse oder Sonnenbrände übersehen, warnte ein bekannter Politiker. Kann man Kindern behinderte Eltern zumuten?

Eine blinde Mutter, ein stark sehbehinderter Vater und ein sehendes Kind. Die Reaktionen von Freunden und Verwandten auf die Geburt ihres Babys war vielfältig und reichte von "Ihr werdet’s das schon irgendwie machen“ bis hin zu "Um Gottes Willen, wie soll das funktionieren?!“. Am 3. Juli 2012, als Philip neun Monate alt ist, berichtet die steirische Familie Treffer-Putz in der Fernsehsendung "ORF Sommerzeit“ von ihren alltäglichen Herausforderungen. Für die Mutter war anfangs das Wickeln ihres Sohnes ein großes "Schreckgespenst“: Wie sollte das ohne Augenlicht funktionieren? Jetzt lächelt sie darüber. Bereits im Spital wurde ihr durch tatkräftige Unterstützung der Krankenschwestern die hohe Kunst des Wickelns beigebracht. "Schon nach mehreren Tagen war das kein Thema mehr“, berichtet die blinde Mutter stolz.

Hürden meistern durch Assistenz

Heidemarie Stix, Philips Kinderärztin und selbst Mutter, war anfangs skeptisch und voller Zweifel. Eltern, die nicht einmal das Lächeln ihres Kindes sehen, müssen in ihrer Elternrolle überfordert sein, dachte sie. Nun kommt sie ins Schwärmen, wenn sie von der wunderbaren Interaktion zwischen Kind und Eltern spricht: "Sie haben ein zufriedenes Kind, das viel lächelt. Allein durch ihre Hände hat die Mutter mehr Gefühl als wir sehenden Eltern. Sie hat Finger wie hunderte Augen“. Unterstützung bekommen die Eltern von ihren Verwandten und Freunden, aber auch durch persönliche Assistenz. So kommt jeden Tag eine Assistentin in die Wohnung und verabreicht Sohn Philip die Vitamintropfen, die er braucht. Bei solchen Dingen wollen die Eltern sicher gehen, denn sie können nicht wahrnehmen, ob er die Tropfen auch tatsächlich schluckt. Die Eltern gestehen sich ein, dass ihre Blindheit Grenzen setzt, wobei die-se aber durch Unterstützung ausgeglichen werden können.

Elfriede Dallinger und Dietmar Janoschek sind ein blindes Ehepaar, das sich zur Vervollkommnung ihres Familienglücks sehnlichst ein Kind wünscht. Einem blinden Waisenkind aus ärmlichen Verhältnissen wollen sie Zukunft und Chancen im Leben geben. Doch seit drei Jahren kämpfen sie vergeblich um das Recht auf Adoption. Die MA11 in Wien hat ihr Ansuchen aus persönlichen Gründen abgelehnt. Ob zurecht, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Behinderung sei jedenfalls dezidiert kein Ausschließungsgrund, heißt es seitens der MA11. Geprüft würden ausschließlich die persönliche Eignung, die Lebenssituation und das Umfeld.

Offensichtlich sind dagegen die öffentlich gewordenen Vorbehalte und diskriminierenden Kommentare, die es in Oberösterreich gab, wohin sich das Paar im Anschluss wandte. "Zeckenbiss. Sonnenbrand. Blinde Eltern könnten das übersehen.“ Mit dieser Aussage sprach der oberösterreichische Soziallandesrat Josef Ackerl dem blinden Ehepaar ab, die Elternrolle verantwortungsvoll erfüllen zu können. Beschämend, wie wenig sich ein Politiker mit der wirklichen Lebenssituation behinderter Menschen und Eltern auseinandergesetzt hat. Die Psychologin der Bezirkshauptmannschaft Linz-Land sieht einen drastischen Unterschied zwischen behinderten leiblichen Eltern und behinderten Adoptiveltern. "Bei einer Adoption handelt es sich um ein rechtlich konstruiertes Eltern-Kind-Verhältnis, und bei einem behinderten Paar aufzuwachsen, muss ich einem Kind ja nicht antun“, soll sie bei einem von Familie Janoschek protokollierten Gespräch gesagt haben. Das Paar klagte das Land Oberösterreich vor dem Linzer Bezirksgericht wegen Diskriminierung, das Verfahren wurde am 23. Jänner vertagt.

Eltern durch Adoption

Jährlich gibt es in Österreich über 200 Adoptionen. In Wien sind in den letzten Jahren eine Handvoll Menschen mit Behinderungen durch Adoption zu Eltern geworden. Auch einem sehbeeinträchtigen Ehepaar - er blind, sie stark sehbehindert - ist von der MA11 ein Adoptivbaby zugesprochen worden, mit bestem Erfolg.

Auch meine Frau und ich wünschten uns als jung verheiratetes Paar Kinder. Im Labor wollten wir sie nicht zeugen, das schlossen wir aus. So beschlossen wir ein Kind zu adoptieren, besuchten Pflegefamilienkurse der MA11 und waren vier Jahre lang die bestausgebildeten Eltern, aber ohne Kind. 2002 überreichten wir dann der Stationsschwester im Krankenhaus endlich eine Bescheinigung des Magistrats und bekamen dafür unsere drei Tage alte Tochter Katharina. Der größte Moment unseres Lebens. Mein Rollstuhl war dabei kein Problem.

Statt des Vaters liest die Tochter

Wie ging es uns als Eltern? Wer in der Nacht aufzustehen hatte, wenn Katharina weinte, war nie ein Streitpunkt, so wie das bei anderen Paaren manchmal der Fall ist. Meine Frau Judit schuf Möglichkeiten, damit ich meine Vaterrolle erfüllen konnte. So montierte sie zum Beispiel an der am Boden stehenden Wippschaukel eine Schnur, mithilfe derer ich Katharina in den Schlaf schaukeln konnte. Ich träumte immer davon, meiner Tochter meine selbstgeschriebenen Kinderbücher vorzulesen. Als es soweit war, konnte ich aufgrund meiner voranschreitenden Sehbehinderung allerdings die Texte nicht mehr lesen. Katharina hatte jedoch eine Lösung. Sie kam mit dem Buch zu mir und meinte: "Papa, ich lese dir die Geschichte vor.“ Und dann legte sie sich zu mir auf die Couch, hielt das Buch, blätterte darin und erzählte lang und breit ihre Version der Geschichte.

Und wie geht es einem Kind mit behinderten Eltern? Katharina war um die fünf Jahre alt, als ich mit ihr einmal auf dem Spielplatz war. Ein fremdes Kind zeigte auf mich und meinte zu meiner Tochter: "Was hat denn dein Papa?“ Ich telefonierte gerade, meine persönliche Assistentin hielt mir das Mobiltelefon ans Ohr. Katharina sah mich an und meinte zum Kind: "Na, ein Handy!“

Inzwischen gehört auch ein vierjähriger Pflegesohn zu unserer Familie. Vor kurzem fragte er mich zum ersten Mal: "Papa, warum sitzt du im Rollstuhl?“ Ich erklärte ihm, dass meine Beine gelähmt sind und ich sie nicht bewegen kann. Einen Tag später kam er wieder zu mir und sagte: "Papa, es ist kein Problem, dass du im Rollstuhl sitzt, Hauptsache du lebst!“

* Der Autor ist Behindertensprecher der ÖVP, Nationalratsabgeordneter und Kinderbuchautor.

FURCHE-Navigator Vorschau