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Wie schwer lernen wir doch, loszulassen!

1945 1960 1980 2000 2020

Wer Probleme hat, wird leicht mit guten Ratschlägen bombardiert: „Du mußt nur dies oder jenes..." Einer dieser Tips: Laß einfach los! Der Rat ist zwar rasch gegeben, aber wie steht es mit seiner Verwirklichung?

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Wer Probleme hat, wird leicht mit guten Ratschlägen bombardiert: „Du mußt nur dies oder jenes..." Einer dieser Tips: Laß einfach los! Der Rat ist zwar rasch gegeben, aber wie steht es mit seiner Verwirklichung?

Eine Karte mit Urlaubsgrüßen aus Grado kommt ins Haus. Nach den Grüßen der Grund des Schreibens: „Liebe Frau Dr.", heißt es weiter, „könnten Sie bis zum ... etwas über .Loslassen' schreiben, das alltäglichste vom alltäglichen Psychologenbrot. Am besten an ein paar Beispielen."

Alltägliches Psychologenbrot! Ich spüre Protest in mir. Ich will darüber nicht so schreiben, als hätte ich eine patente Lösung, wie man gut Loslassen lernen kann, damit das Leben irgendwie leichter wird. Auch ist mein eigenes Leben kein Musterbeispiel für „gekonntes Loslassen". Wenn es das Leben forderte, war es eher ein mühsamer, schmerzhafter Prozeß. „Loslassen" ist für mich eines jener scheinbar leichten, aber sehr komplexen Lebensthemen, die wir lebenslang lernen müssen.

In den Lebensratgebern steht es und ein wohlmeinender Mensch sagt es dem anderen: „Man muß eben loslassen können!" Es wird gesagt, so als müßte der Adressat nur eine Weiche in sich umstellen und schon wäre alles irgendwie leichter.

Wenn ich mein eigenes Leben betrachte und das vieler Menschen, deren Lebensweg ich durch meinen Beruf kennengelernt habe, ist Loslassen nie leicht. Nachträglich erkennen wir oft den Nutzen. Im Prozeß des Loslassens selbst ist es meist Arbeit gegen gewaltige innere Widerstände. Jedes einzelne Loslassen muß neu errungen, ja durch Lebensrealitäten erzwungen werden. Ein langwieriger, häufig unfreiwilliger Prozeß, der manchmal glückt und ebenso oft scheitert.

Ich denke auch an Festhalten

Ich kann über Loslassen nicht schreiben, ohne gleichzeitig an Festhalten zu denken. Haben wir nicht in unserem Leben gerade - und ebenso mühsam - Festhalten gelernt? Mußten wir nicht lernen, auf Menschen, Dinge, Ziele zuzugehen und sie zu halten? Und ist nicht dieses haltende, bewahrende Element ein ebenso großer Wert an sich? Kaum haben wir begriffen und er-griffen, sollen wir wieder loslassen lernen, um Kopf und Hand freizubekommen für Neues?

Sind da nicht Auflehnung und Widerstand verständlich? Es geht ja nicht um den Ballast, den wir loswerden wollen, den wir als Be-Lastung erkannt haben, den wir gern beiseite stellen. Das ist befreiend und leicht.

Aber wie schwer lösen wir uns von unseren Träumen, Sehnsüchten, Idealen. Wie schwer von Freunden. Von unserer Heimat. Wie unendlich schwer von Eltern, von Partnern, von Kindern. Manches können wir niemals loslassen, auch wenn der Kopf dem Herzen es immer wieder vorsagt. Manches, das wissen wir, stirbt erst mit uns, wenn wir alles loslassen müssen, zuletzt sogar uns selbst. Beispiele liefert uns das Leben mehr als genug.

Eine kurze alltägliche Szene: Ein Kind sitzt friedlich auf dem Schoß seiner Mutter, genießt Geborgenheit und Gehaltenwerden. Plötzlich kommt Leben in die kleine Gestalt. Es rutscht vom Schoß der Mutter herunter und läuft auf ein anderes Kind zu, das mit einem Ball spielt. Ein kurzes gemeinsames Spiel und gleich darauf Streit um den Besitz des Balles. Der Balleigentümer schreit „laß los, der gehört mir". Das Kind versucht eine Weile den Ball zu halten, verliert den Kampf, weint und eilt wieder zu seiner Mutter. - Nur ein Spiel - und doch ein spielerischer Lernprozeß vor unseren Augen. Das Thema von Ergreifen und Behalten-wollen. Das Thema von Loslassen-müssen. Etwas, das sich in zahlreichen Variationen im Leben des Kindes wiederholen wird.

Später sind die Abläufe nicht mehr so einfach. Ein Schulbub kommt bedrückt nach Hause. Der beste Freund ist jetzt häufiger mit einem anderen Buben zusammen. Er fühlt sich beiseite geschoben, stehengelassen. Eine Weile versucht er, den Freund zurückzugewinnen, bis er merkt, daß er nicht allein halten kann, was beide halten müßten. Er zieht sich verletzt zurück. Er ist losgelassen worden aus einer für ihn wichtigen Beziehung und muß nun selbst loslassen lernen, um für neue Kontakte offen zu sein. Das ist schwer für ihn und braucht Zeit.

„Wir lieben uns", sagt ein junges Paar, aber wir können nicht miteinander auskommen. Wir finden im Grunde keine Gemeinsamkeit. Aber der Gedanke, ohne einander zu leben ist auch unerträglich. Das Gefühl „nicht mit Dir und nicht ohne Dich" leben zu können, beeinträchtigt sie beide. Jeder Trennungsgedanke löst tiefe Verlustängste aus. Die Vorstellung einander mehr Raum zu geben für persönliche Entwicklungen, den anderen sein zu lassen, nicht alles und jedes unbedingt gemeinsam zu tun, widerspricht den Erwartungen, die sie mit Partnerschaft verbinden und kann nur sehr langsam reifen.

Vom Mann verlassen

„Ich werde nicht damit fertig, daß mein Mann von mir weggegangen ist" erklärt eine Frau in mittleren Jahren. „Wir haben drei Kinder großgezogen, ein Haus gebaut. Es ging uns gut. Plötzlich hat mein Mann gemeint, er wolle so nicht weiter leben. Er möchte noch etwas vom Leben haben. Er ist ausgezogen und wohnt jetzt allein. Ich werde damit nicht fertig. Ich kann nicht loslassen, was bisher mein ganzer Lebensinhalt war" sagt sie uns es ist zu spüren, daß sie es nicht kann. „Vielleicht kommt er doch zurück. Jetzt, wo wir es doch so schön haben könnten." Die Umstellung, die Wandlung, die Neuorientierung sind Anforderungen, die sie nur zögernd ansehen kann. Der Mut, etwas Neues zu wagen, gleicht einem Experiment mit ungewissem Ausgang.

„Meine Frau hat sich von mir und unserem Sohn abgewandt, beschreibt ein Mann und kann die Veränderung seiner Frau nicht begreifen. Sie möchte frei sein. Sich selbst verwirklichen. Ich weiß nicht, was sie damit meint. Ich habe sie nicht eingeengt. Sicher macht man Fehler, aber ich war immer für die Familie da. Jetzt will sie nur noch freundschaftlich mit mir Zusammensein. Damit kann ich nichts anfangen und das will ich auch nicht. Ich muß meine Vorstellungen über meine Frau revidieren und die Erwartungen an ein gutes Familienleben fallenlassen." Der Mann geht durch eine schwere Depression. Er leidet unter Eß- und Schlafstörungen. Kaum ist er fähig, seiner Arbeit nachzugehen. Erst nach Monaten hat er sich soweit gefangen, daß er wieder ein kleines Licht sehen und am Leben teilnehmen kann. Die Vorstellung von einem intakten Familienleben hat er losgelassen. „Ich muß mich abfinden", sagt er.

Ein älterer Mann erlebt eine schwere psychische Erkrankung seiner Frau. Er wehrt sich gegen die Diagnose, hält fest am Bild der Frau, die er bisher gekannt hat. „Sie war immer so tüchtig, hilfsbereit, verständnisvoll.

(Petri)

Jetzt ist sie wehleidig, fordernd, ichbezogen." Er mag die Veränderung nicht wahrhaben, kann sich nicht fügen, fühlt sich irgendwie verraten, betrogen um den Traum vom friedlichen Lebensabend. Und in seiner Weigerung das Unannehmbare anzunehmen, beginnt sein Kampf gegen die Krankheit. Die vertiefte Zuwendung, die damit einhergeht, tut der Kranken wdhl und ihr Zustand bessert sich soweit, daß sie zu Hause leben kann.

Ein letztes Beispiel:

„Mein Leben ist leer geworden. Ich bin oft deprimiert. Die Kinder sind gegangen, jeder lebt sein eigenes Leben und hat mit sich zu tun. Das Haus ist jetzt viel zu groß. Viel zu leer. Mein Mann redet wenig. Ich fühle mich überflüssig. Mit der Hausarbeit für uns zwei bin ich schnell fertig. Mich braucht niemand mehr so richtig. Kontakt mit anderen habe ich nie pflegen können. Meine Familie war mir immer genug. Jetzt kommt natürlich auch niemand. Die Kinder sagen „Du klammerst, Du klebst am alten. Mach es Dir doch schön, Mama." Ich weiß gar nicht, wie ich das machen soll. Man wird ja auch ein bißchen scheu mit den Jahren."

Hier beschreibt eine Frau und Mutter, deren ganzes Leben auf Umsorgen der Familie ausgerichtet war, die Wandlung, die von ihr binnen kurzer Frist erwartet wird. Löse dich von den alten Vorstellungen und fülle dein Leben mit neuen Inhalten!

Trifft das - wie in diesem Beispiel - eine Frau, die darin völlig ungeübt ist und eigenen Interessen kaum nachgehen konnte, kann es leicht eine Uberforderung sein. Wie soll eine Mutter, die über den Zeitraum von 20 Jahren nur für die Familie da war, nahtlos einen neuen Lebensabschnitt mit neuen Menschen, neuen Aufgaben, ja mit sich selbst als Gegenstand ihres Interesses füllen können?

Zum schwersten gehört wohl, festgefügte Vorstellungen und Lebensentwürfe loszulassen. Von Gesundheit und Schönheit Abschied zu nehmen, Berufswünsche zu begraben. Zu akzeptieren, daß Begabungen nicht reichen, bestimmte Menschen nicht für sich zü gewinnen sind, Entfremdungen zu erleben, zurückzubleiben mit unerwiderten, unerwünschten Gefühlen. Loslassen wird oft erlebt wie das Durchtrennen einer Lebensschnur. Ein wertloses, viel zu kurzes Schnurende, mit dem sich nichts mehr anfangen läßt, bleibt in der Hand.

Aus dem Zustand der Leere, der Entwertung, des Verlustes wieder Hoffnung und Mut zu schöpfen ist schwer und braucht heilende Zeit. Unsere Seele muß sich erholen können von den Ermüdungen, die durch Verluste eintreten, muß vorsichtig ja-sagen lernen zu neuen Möglichkeiten und die Kraft finden, neue Wagnisse einzugehen.

Die richtige Balance

Die große Kunst scheint - und dafür gibt es keinen wohlfeilen Rat -neben dem Halten den Wert des Loslassens zu sehen, als eine Wandlung, die ermöglicht, auf Neues zuzugehen. Solange der Balanceakt zwischen Festhalten und Loslassen glückt, fühlen wir uns lebendig.

Ein Schluß sollte etwas Allgemeingültiges enthalten, eine Zusammenfassung, vielleicht sogar eine Empfehlung. Das kann nicht gelingen. Nicht bei diesem Thema. Ich denke nach, schreibe und warte auf meinen Sohn. Er ist kein Kind mehr. Und trotzdem fühle ich manchmal noch seine kleine warme Hand in meiner. Er mochte sich lange nicht von mir trennen. „Mama, Hand!" war eine sehr häufige Bitte. Jetzt faßt er nach anderen Händen. Das ist normal und gut. Wenn eine Erinnerung wie diese auftaucht, geht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht als wollte er sagen „Mama, das ist so lange her!" Zeiträume werden von Jüngeren anders erlebt. Fürmichistes wie gestern. Nachdem Lächeln als Antwort: „Aber wenn ich ein Muttersöhnchen wäre?" Es ist uns beiden klar, daß wir das nicht wollen. Nun lächeln wir. Unser Lächeln hat unterschiedliche Inhalte. Er ist schon bei seiner nächsten Unternehmung. Ich bleibe zurück und schreibe über Loslassen.

Die Autorin ist als Psychologin Ehe- und Familienberaterin am Institut für Sozialdienste in Bregenz.

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