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Zeit nehmen, nicht vertreiben!

1945 1960 1980 2000 2020

Zu Silvester 1992 sprach der berühmte Psychiater Erwin Ringel in der Pfarrkirche Klein St. Paul in Kärnten „von der Zeit”.

1945 1960 1980 2000 2020

Zu Silvester 1992 sprach der berühmte Psychiater Erwin Ringel in der Pfarrkirche Klein St. Paul in Kärnten „von der Zeit”.

Das Thema des heutigen Abends ergibt sich fast von selbst: denn wann werden wir mehr an die Zeit gemahnt, als in einem Augenblick, wo ein Jahr in das andere übergeht. „Die Zeit, die ist ein gar sonderbar Ding. Im Anfang ist sie rein gar nichts, doch am Ende spürt man nichts als sie.” (Hugo von Hofmannsthal)

In diesem Satz liegt eine merkwürdige Feststellung. Manchmal vergeht die Zeit so rasch, als wäre sie nicht vorhanden, dann wieder wird sie uns intensiv bewußt, weil sie stillzustehen scheint und auf uns lastet. Wilhelm Busch hat gedichtet: „So ist es mit der Zeit allhie: erst trägt sie dich, dann trägst du sie, und wann's zu Ende, weißt du nie!” Daraus sollten wir einen doppelten Schluß ziehen: wir sollten sowohl dem Rasen wie dem Stillstehen der Zeit gegensteuern.

Das bedeutet zuerst einmal: wenn die Zeit stille zu stehen scheint, dann sollten wir sie in Rewegung setzen. Ich möchte erklären, wie ich das meine: Wenn uns Schicksalsschläge treffen, schwere Krisen in unserem Leben entstehen, was niemandem erspart bleibt, dann wird der Moment fast zur Ewigkeit, dann scheint die Zeit nicht weiterzugehen, wir sehen nur unseren Kummer, erkennen keinen Ausweg und daher wird der Augenblick zur Unendlichkeit. In dieser Situation, glaube ich, sollten wir eine Rewegung in die Zeit hineinbringen; wir sollten sagen: „Mit der Zeit kann alles anders werden! Es kommt ein neuer Tag, dieser neue 'Tag wird uns vielleicht lehren, aus der Krise herauszufinden und wir werden dann sogar etwas für unser künftiges I .eben gewonnen haben”. Die Dinge können sich ja „mit der Zeit” ändern, oder ich kann sie anders sehen als im ersten Schrecken. „Was immer Roses widerfuhr, die Zeit geht hin und tilgt die Spur!” hat der Dichter gesagt. Aber es ist zu wenig, nur die Zeit vergehen zu lassen. Wir müssen vielmehr aus dem bloßen passiven Erleiden erwachen und versuchen, durch aktives Gestalten unsere Lage zu verbessern, nur dann stimmt der Schil-ler'sche Satz: „Des Menschen Engel ist die Zeit!”

Ich weiß aus den kritischsten Situationen meines Trebens, daß dann die Besserung begann, als mir der erste Gedanke kam, was ich machen könnte, um mit dem erlittenen Schlag besser fertig zu werden. Sofort fühlte ich mich ermutigt, und es gelang mir jedes Mal, Auswege zu entdecken, die mir bis dahin verborgen waren.

Und nun zum Umgekehrten: wenn der Augenblick in Seligkeit verfliegt, sodaß wir ihn kaum bemerken, dann glaube ich, sollten wir uns bemühen, ihn festzuhalten. Ist es nicht erschütternd, daß wir oft später, Jahre, ja oft Jahrzehnte danach sagen: „Wie schön war das damals! Wie glücklich bin ich damals gewesen, aber damals habe ich es eigentlich gar nicht begriffen, damals habe ich es gar nicht erlebt, ,pfeilschnell war der Augenblick verflogen' (Schiller) und so bin ich eigentlich an dem Glück vorbeigerast.”

Mit anderen Worten: wir sollten in Zukunft bewußter leben, den Augenblick auskosten, das Glück festhalten, als ein Licht, das in unser weiteres Leben hineinleuchtet. Wir alle, liebe Freunde, erleben solche Lichter und leben aber oft an ihnen vorbei und nützen sie nicht. Und das ist ein Versäumnis, das ich zutiefst bedaure für alle, die es erleiden.

An diesem Punkt angekommen möchte ich die Frage stellen: Was machen wir mit unserer Zeit?

Ich bringe zuerst einen schrecklichen Begriff: „Zeit verschwenden”. Das dürfen wir nicht! Denn, wir sollten uns stets bewußt sein, wie kostbar Zeit ist. Denn niemand weiß, wieviel Zeit ihm geschenkt wird. Eines Menschen Zeit ist aber auf alle Fälle relativ begrenzt. Und es scheint mir daher sehr wichtig, daß wir unsere Zeiteinteilung so gestalten, daß wir Zeit nicht vergeuden, sondern sie benützen, Sinnvolles zu gestalten, was uns und andere im Leben weiterbringt.

Ich bringe ein anderes Beispiel, nicht minder schrecklich: „Zeit vertreiben!” Wenn man die Zeit vertreibt, dann heißt das, zumindest wörtlich genommen, daß man keine Zeit mehr hat. Und keine Zeit haben bedeutet ei-■ gentlich: gar nicht mehr am Leben sein. Vergessen Sie nicht: der Satz „Ich habe keine Zeit”, den wir so oft Menschen sagen, die mit uns dringend sprechen wollen, ist nicht nur herzlos, sondern auch apokalyptisch, denn er bedeutet gleichsam unsere Nicht-Existenz!

Ich setze gegen diese zwei wahnsinnigen Begriffe ein scheinbar ganz simples Wort: „Zeit nehmen!” Nehmen wir uns Zeit im Trubel der Welt für uns selbst. Nehmen wir uns Zeit, und das sage ich Ihnen gerade als Psychotherapeut, nehmen wir uns Zeit für unsere Kinder! Vor kurzem hat der Bischof von Graz, Johann Weber, gesagt: „Die Zeit ist das kostbarste Nahrungsmittel, das wir unseren Kindern zuteil werden lassen können, mindestens so wichtig wie Brot und Milch!”

Ich sehe heute viele junge Menschen, die an nichts so sehr leiden wie daran, daß die Filtern dem Gelderwerb nachjagen und, wenn sie heimkommen, weder Zeit noch Kraft noch Lust haben, sich ihren Kindern ganz zu widmen. So wachsen, wie es Manes Sperber gesagt hat, „Waisenkinder mit Vater und Mutter” heran. Das heißt: sie haben Vater und Mutter, aber sie sind in ihrer seelischen Entwicklung durch die fehlende Zeit ihrer Eltern eigentlich verwaist. Daher bitte ich Sie: Nützen Sie die Zeit! Was Sie den anderen geben, geben Sie auch sich selbst. Das Wort „Ich liebe Dich” ist leicht auszusprechen, und viele Menschen verwenden es zti oft, und es wird dann inflationär, wertlos. Der wahre Beweis der Liebe ist die Zeit, die ich einem Menschen widme.

Wenn mir jemand sagt: „Ich gehe gerne nach Hause nach der Arbeit”, so weiß ich, daß dies das sicherste Kennzeichen ist für ein glückliches Eheoder Familienleben. Die Zeit, die wir einem Menschen schenken, kann mit einer Abstimmung für oder gegen je manden verglichen werden. Die uns zur Verfügung stehende Zeit ist begrenzt, wie wir wissen, und doch scheint sie uns, je älter wir werden, erweitert. Das folgende Gedicht von Franz Werfel spricht diesen sonderbaren Umstand an:

Was machen wir mit der Zeit, die wir auf diese Weise gewinnen? Und bei dieser Gelegenheit komme ich zu dem, was wahrscheinlich unser wichtigster Zeitgewinn ist: wenn wir nämlich Gott in unser Leben hineinnehmen. Der erste Gedanke in diesem Zusammenhang ist natürlich die Erweiterung unserer Zeit für das ewige Leben, das Besiegen des Todes durch die Transzendenz. Wir gewinnen aber auch in unserer irdischen Existenz dadurch eine neue Dimension. •

Nach meiner Überzeugung ist unsere Religion nicht nur eine Rotschaft für das Jenseits, sondern auch für das Diesseits! Wenn wir uns an die Gedanken und Gebote halten würden, die uns Christus vermittelt hat, dann glaube ich, wäre es um die Welt von der Wiege bis zur Bahre um vieles besser gestellt! Schiller hat gedichtet: „Was Du dem Augenblicke ausgeschlagen, das gibt Dir keine Ewigkeit zurück!” Religiös gesprochen kann man manchmal sagen: „Nur wenn Du mitunter dem Augenblick etwas verwehrst, kannst Du die Ewig keit gewinnen!” Aber ich bin der Überzeugung, daß auch gerade unsere Religion uns lehrt, das Diesseits positiv zu erleben, nicht nur als Stätte des Jammers, nicht nur als eine Stätte der Askese, der Entbehrung, des Sich-Selbst-Reschuldigens und -Anklagens, sondern auch als eine Möglichkeit, ein frohes, freudiges und erfülltes Leben zu führen. Das zu bedenken, möchte ich Sie gerade am Reginn eines neuen Jahres herzlich bitten.

Und da möchte ich einen Gedanken von Herbert Pietschmann an den Schluß stellen, der gesagt hat: „Die Selbstverwirklichung Gottes auf Erden ist die gelebte Nächstenliebe.” Und was wir tun und was einem anderen Menschen gut tut, was wir tun, um einander nahezukommen, miteinander zu sprechen, miteinander zu lieben, zu lernen, das ist sicher vom Guten und das führt uns letztlich dorthin, wo wir alle hinkommen wollen.

„Oh, wie schon ist Deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet, wenn Dein Glanz herniederfällt und den Staub mit Flimmern malet, wenn das Rot, das in der Wolke blinkt auch in meine Kammer dringt Wie, soll ich klagen, soll ich zagen, irre sein an Dir und mir? Nein! Ich will im Busen tragen Deinen Himmel schon allhier und dies Herz, ehe es zusammenbricht, trinkt noch Glut und schöpft noch Licht” (Carl Lappe)

So schließt mein Bekenntnis in dieser Stunde nicht so sehr mit einem Buf in das Jenseits, sondern mit einem Bekenntnis zum Diesseits. Es ist nicht wahr, daß man nur ins Himmelreich kommt, wenn man auf alle Freuden des Diesseits verzichtet. Daß Sie möglichst viel Glut trinken und sich damit dem Lichte nähern, von dem die Italiener sagen: „Das Alter ist die Transparenz des Lichtes”, das möchte ich Ihnen zu diesem Jahresende von ganzem Herzen wünschen!

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