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Wenn Er heute kommt, dann kennt man ihn nicht

1945 1960 1980 2000 2020

Wir erleben heute keinen Wandel in den Werten, sondern die Rückbesinnung auf die Grundfrage menschlicher Existenz: Wozu und wie man lebt. Die Politik ist gefordert.

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Wir erleben heute keinen Wandel in den Werten, sondern die Rückbesinnung auf die Grundfrage menschlicher Existenz: Wozu und wie man lebt. Die Politik ist gefordert.

Seit zwei Jahrzehnten lebe und erlebe ich Politik. Seit zehn Jähren darf ich in einer Stadt wie Wien politische Verantwortung tragen. Eine Stadt ist etwas besonders Spannendes: sie ist das köstlichste Kunstwerk menschlicher Tätigkeit, aber auch der Ort der größten Verwirrung und der tiefsten Sehnsüchte des Menschen.

Schon die Bibel hat dieses Bild der Stadt gekannt. Der Turmbau von Babel ist das Symbol der Selbstüberhöhung des Menschen und der Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, das himmlische Jerusalem, die lichte Stadt am hohen Berg, der Ort der Erfüllung der Menschheit in der Geschickt-lichkeit unserer Existenz.

Physisches und Metaphysisches und die darin heute so spürbaren Wandlungen kann man — wenn man will — unendlich intensiv und sensibel erleben. .

Ungeheuer, wie sich die Probleme der Menschen hier gewandelt haben: Nicht mehr Verkehrsprobleme und Freizeitfragen, nicht mehr Zulagenwünsche und Gruppeninteressen sind es, die uns heute bewegen, sondern schlicht und einfach die Frage nach dem Leben, dem Uberleben und dem ewigen Leben.

Ich bin nicht bereit, darüber zu philosophieren, ob das alles wirklich Endzeitcharakter hat oder ob wir uns nur infolge der Jahrtausendwende das alles einbilden. Ich kann nur feststellen, daß die Fragen von „Grün“, dem Problem der Umwelt und der Ökologie, längst Lebensfragen geworden sind. Was ist es, als die Frage nach dem Leben, wenn wir uns damit beschäftigen müssen, ob wir genügend gesundes Wasser, reine Luft und ungefährdete Böden haben, um die Lebensvoraussetzungen zu sichern?

Nicht mehr Plätze für Bäume werden gesucht, sondern Plätze für Menschen. Aus Bruder Baum ist Bruder und Schwester Mensch geworden.

Seit geraumer Zeit bewegt uns die Frage, wie es mit dem Geborenwerden aussieht, ob und wie man auf die Welt kommt. Und ebenso wird die Frage nach dem Sterben immer öfter gestellt, nämlich, ob der Fortschritt der Medizin die Würde des Menschen wahrt und welches Verhältnis die Menschen zum Tode haben. Und dazwischen liegt die Frage, wie man leben soll und wozu man lebt.

Wer mit jungen Menschen viel diskutiert, wird erleben, daß nicht mehr Detailmaßnahmen, sondern Grundsätzliches, so die Frage nach dem Lebenssinn, im Mittelpunkt steht. Von der Politik, von den Kirchen, von der Wissenschaft, von den Ur-Institutionen wie Eltern und Schule wird eine Beantwortung dieser Frage erwartet. Jeder Hinweis auf Gott, mag er auch in der peryertierte-sten Form einer Sekte, einer Illusion, einer Droge, in der Hingabe an die Mystik liegen, wird von vielen dankbar aufgenommen.

Neben der Veränderung der politischen Themen und der noch immer nicht erreichten Notwendigkeit, das Verhalten im politischen Leben zu ändern, hat gerade hier der so oft zitierte „Wertewandel“ stattgefunden.

Nein, es ist kein Wandel in den Werten — es ist nichts anderes als die Rückbesinnung auf die Grundfrage der menschlichen

Existenz: Wozu und wie man lebt. Daher ist auch alles Gerede von der „Wende“, vom Rechtsruck und dergleichen ein Unsinn. .

Gerade viele junge Menschen weisen uns darauf hin, wozu die Politik wirklich da ist, wozu die Politiker wirklich da sein sollten, und welche Fragen wirklich ungelöst sind.

Man braucht auch diese Werte gar nicht zu suchen, neu aufzubauen oder gar eine Semantik zu bieten. Sie sind schlicht und einfach für den Menschen in der Gottes- und Nächstenliebe und in den Zehn Geboten formuliert.

Oft habe ich mir das zweifelhafte Vergnügen gemacht, jüngere Menschen zu fragen, ob sie die Zehn Gebote kennen. Die gesellschaftliche Konvention gebietet es, dabei zu nicken. Wenn man aber dann nachfragt, wie sie heißen, erlebt man seine Wunder.

Das sechste Gebot wird von den meisten noch gewußt, das fünfte und das vierte folgen schon zögernd, der Rest ist nur mehr ein hoffnungsloses Herumgerate. Die ersten drei Gebote aber, die alle Gott betreffen, kennt fast keiner mehr. Wenn Er kommt, kennt man ihn heute nicht.

Kann aber unser Leben, die Welt, der Kosmos (das Griechische wählt dieses Wort nicht nur für die Schöpfung, sondern auch für Schmuck und Zierde) schon begriffen werden ohne die Suche und das Wissen um das Woher und Wohin?

Kann eine Zeit, die sich der Hoffnungslosigkeit oft mit Genuß hingibt, diese überwinden, ohne um den Schöpfer und sein Reich zu wissen?

Dabei ist der Politiker, die politische Partei oder die tägliche Politik hoffnungslos überfordert. Die Politiker sind ohnehin schon in Gefahr, Wanderprediger zu werden. Der Bundespräsident wurde oft schon in der Rolle eines Staatsmoralisten gesehen, der stellvertretend für uns sagt, was gut und schlecht ist.

In der Erkenntnis der eigenen Existenz und deren Sinnhaftig-keit kann uns aber niemand vertreten — man muß sich selbst darauf besinnen.

Doch halt! Die Politik kann schon etwas leisten. Sie kann sich selbst prüfen und Voraussetzungen bieten, daß drei Begriffe, die für das Verhältnis der Menschen zueinander von entscheidender Bedeutung sind, wieder in ihr Recht als politische Kategorie kommen, nämlich Sprache, Zeit und Raum.

Die Sprache ist heute nicht mehr zur Mitteilung bestimmt, sie wird besetzt. Es gibt den Sprachenkampf und die Kampfsprache. Die öffentliche Sprache ist unverständlich geworden, lügenhaft, nebensächlich, überquellend, sinnlos.

Die Sprache soll wieder der Vermittlung dienen, nämlich der Mitteilung von Mensch zu Mensch. Sie soll sich wieder der starken und einfachen Worte bedienen und nicht jener Konstruk-te, von denen die Medien täglich voll sind. „Deine Rede sei ja, ja, nein, nein.“

Schulden müssen bezahlt werden, auch wenn sie Milliardenhöhe haben, Menschen freisetzen bedeutet, arbeitslos sein, Steuerhinterziehung bedeutet Diebstahl, sich's richten bedeutet Betrug. Privilegien sind Ungerechtigkeit und das Verschweigen von Problemen bedeutet, eine ganze Generation um ihre Zukunft zu betrügen.

Zeit müssen wir wieder für uns selber finden, denn die Freizeit ist heute keine Freiheit mehr, sondern Zwang, in dieser Zeit anderen zu imponieren, Zeit zu vernichten, Geld zu verbrauchen, Beziehungen zu töten.

Zeit müssen wir dem Nächsten hingeben, der Gemeinschaft. Es besteht eine innere Verpflichtung, neben den Steuern der Gemeinschaft auch Zeit zur Verfügung zu stellen, sonst wird ein Staat, eine Demokratie, eine Gemeinde, ein Verein, eine Kirche, eine Jugendorganisation oder die Nachbarschaftshilfe nie funktionieren.

Zeit müssen wir gewinnen, um überhaupt zu wissen, vor welchen Problemen wir stehen und wer wir selber sind. Dazu braucht es aber Raum, nicht nur Bauten der Gemeinschaft, das Pfarrzentrum und die Kulturstätte, sondern Raum in uns, Platz, den wir uns nehmen, um den Nächsten und die Gemeinschaft überhaupt zu erleben, zu fühlen, zu spüren.

Wenn wir die Sprache nicht haben, noch Zeit und schon gar nicht den inneren Raum, den Nächsten zu begreifen, in uns aufzunehmen, umso weniger können wir Ihn und sein Reich erfassen.

Wollen wir uns vorbereiten, dann müssen wir uns die Frage stellen, was in Gottes Kosmos wirklich wichtig ist, wieviel Erde der Mensch zum Leben braucht, was unser Reich ist und auf was hinauf sein Reich von Ihm geschaffen wurde.

Wird da nicht vieles, was uns wichtig vorkommt, unbedeutend? Wird nicht dadurch unser Leben um vieles einfacher? Sind nicht diese „Werte“ für jeden verständlich?

Wenn eine Wende notwendig ist, dann wahrscheinlich die unserer eigenen Einstellung — zum eigenen Leben und zur Existenz unserer Welt.

Der Autor ist Landeshauptmannstellvertreter und Vizebürgermeister der Bundeshauptstadt Wien.

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