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Digital In Arbeit

Vom Opium zum Motor der Veränderung

Ich die Christen und Sozialisten dieses Wort stehlen lassen sollten. Dialog ist nicht die Begegnung zweier Monolithe, die nach außen darin übereinstimmen, daß sie miteinander reden, und nach innedhin darin übereinstimmen, daß innerhalb jedes Monoliths die Unterdrückung der Meinung des anderen gestattet sei. Dialog ist vielmehr die Begegnung von in sich echt pluralistisch strukturierten geistigen und gesellschaftlichen Bewegungen, etwa in dem Sinne, in dem mein Freund Pater Riener von der Bandbreite solcher Bewegungen gesprochen hat. Man muß den Dialog ernst nehmen als etwas, das geradezu wissenschaftliche Nüchternheit erfordert. Die Frühform des Dialogs, der „Dialog der Neandertaler“, in dem man das Allerhäßlichste, was man über den anderen weiß, diesem anderen an den Kopf wirft, wird in voraussehbarer Zukunft zu Ende sein. Desgleichen eine Form des Dialogs, die heute vielleicht sogar manches für sich hat, nämlich der „Dialog der schönen Seelen“: Wir sind ja alle Christen, wir sind ja alle Sozialisten, wozu streiten wir überhaupt? Und als Nächstes: Wozu reden wir überhaupt? Womit dann das abgeschnitten wäre, was der eigentliche Gesprächsgegenstand sein sollte. Es geht um ein Gespräch, in das man die Zukunft schon einbezogen hat und den anderen daher in seinen besten Möglichkeiten sieht, sozusagen ein ganzes Stück schöner, als er derzeit noch ist — nicht, um sich romantisch etwas vorzumachen, sondern als Vorgabe an Brüderlichkeit, um zum Kern des anderen vorzustoßen.

6. Was aus diesem Gespräch erfließen könnte, ist eine gemeinsame Haltung zur Zukunft bei Sozialisten und Christen, und daraus folgend die gemeinsame Arbeit. Alles schöne Reden nützt nichts, wenn muntere Arbeit es nicht begleitet. Das bloße Reden gelangt sehr bald an den Punkt, an dem man sagt: Wo sind die Taten? Man muß heute gewisse Dinge gemeinsam tun, weil sie eben gemeinsame Aufgaben darstellen, weil wir allein in der Welt, die da auf uns zukommt, einfach nicht damit fertig werden. Das gut schon im Liliputreich Österreich; wird nicht schon wieder darüber geredet, ob dieses Land lebensfähig sei? Und erst recht gilt dies natürlich, was die Welt betrifft. Im Jahr 1980 wird es sechs Milliarden Menschen geben, im Jahr 2000 35 Milliarden. Wer müßte da nicht überheblich genannt werden, der sagt: Ich allein mit meiner bisherigen Auffassung, mit meiner großartigen Tradition usw. werde damit fertig werden?

7. Die zukünftige sich abzeichnende Gemeinsamkeit des Gespräches und der Arbeit Wird vom Offenheit gekennzeichnet sein; das heißt, wenn Ich versuche, mich handelspolitisch auszudrücken: kein Exklusiwertrag — angenommen, dies käme in Frage zwischen Christen und Sozialisten —, sondern die Einräumung der Meistbegünstigung gegenüber jedermann, der bereit ist, an diesem Gespräch, an diesem Handeln teilzunehmen. Das bedeutet unter anderem eine für alle Partner gar nicht Ungefährliche Konkurrenzsituation.

Ein einziges Beispiel betreffend die Bandbreite der christlichen Soziallehre, insbesondere die Enzyklika „Populorum Progressio“: Es wird, auch in diesem kleinen Lande und auch im politischen Bereich, die Frage laut werden: Wer entspricht diesem großartigen Dokument mehr, diese Partei oder jene Partei oder eine dritte Partei — oder wieviel immer wir haben werden, sehr viel Auswahl gibt es ja nicht.

Wer kann antworten auf die Verurteilung etwa des Liberalismus und der „freien Marktwirtschaft“: Jawohl, das ist mein Programm, das vertrete ich in dieser Gesellschaft.

Wer kann antworten auf die Verurteilung gewisser Formen des Kapitalismus: Jawohl, auch dieser Forderung der katholischen Soziallehre entspricht mein Programm.

Wer kann sagen: Ich nehme den in „Populorum Progressio“ geforderten offenen Huma-

nismus nach allen Seiten ernst. loh meine nicht, daß der Humanismus für mich dort aufhört, wo die Religion beginnt, weil dort der Blödsinn beginnt, noch auch meine ich, daß Humanismus nur dann vorliegt, wenn eine religiöse Haltung vorliegt, vielmehr nehme ich auch den Atheismus ernst.

Notwendige Konkurrenz

Ich glaube, dies wird noch sehr viel mehr ins Konkrete gehen, zum Beispiel hinsichtlich jener drei in „Populorum Progressio“ vorgeschlagenen Maßnahmen, welche die Wirtschaft der Zukunft auf dem Erdkreis erfordern wird: ein Mehr an Gemeineigentum, ein Mehr an Planwirtschaft, ein Mehr an Wirtschaftsdemokratie. Welche politische Gruppierung wird dann dieser Forderung der christlichen Soziallehre wirklich entsprechen können, in Theorie und Praxis?

Wer wird dann ehrlich sagen können: Jawohl, wenn der Papst sagt, es geht um mehr Gemeineigentum unter diesen und jenen Umständen, stehe ich ohne wenn und aber dahinter!

Wer wird sagen können, wenn es um Planung in Freiheit geht: Ich bin nicht nur für Freiheit, sondern auch für das vernünftige Maß an Planung?

Wer wird sagen können, und das ist vielleicht der heikelste Punkt: Ich bin wirklich für Wirtschaftsdemokratie, ich akzeptiere die christliche Soziallehre, auch wenn sie mir wider den Strich geht — oder aber ich sage: das ist ein Übersetzungsfehler aus dem Lateinischen, da warten wir erst einmal ab.

Das ergibt Kpnkurrenzsituationen, die nicht immer leicht zu bewältigen sein werden, weil sie — hoffentlich nicht allzu frühzeitig — ins Politische gehen. Aber wir haben nun einmal diese konkreten Dokumente der katholischen Soziallehre, und da heißt es: Hier ist Rhodos — hier mußt du Farbe bekennen, sei's auch, was ja nichts Unanständiges ist, Parteifarbe.

Ich möchte nur noch versuchen, das eine oder andere anzudeuten an Hand meines Modells des Christen der Zukunft und des Sozialisten der Zukunft, auch insofern es nicht um gemeinsame Züge geht, sondern um solche, die sich zunächst einmal — obzwar bei wechselseitigem Interesse — getrennt entwickeln werden.

Ich glaube, für den Christen der Zukunft wird sich in überwältigendem Maße zeigen, daß der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist. Der Christ, auf sich allein gestellt, kann seinem Nächsten in der Welt, die da kommt, einfach nicht helfen, wenn seine Caritas nur eine private Tugend ist, statt außerdem eine öffentliche Tugend, „Caritas politica“, gesellschaftliche Nächstenliebe. Gewiß, man muß den einzelnen Menschen helfen, der auf der Straße nach Jericho zu Schaden gekommen ist; aber außerdem muß die Straße nach Jericho umgebaut werden, so daß dort, nach menschlichem Ermessen, niemand mehr ausgeraubt und erschlagen wird. (Es gibt noch eine dritte mögliche Version dieser Geschichte, dahingehend, daß Berufskatholiken vorbeiziehen und dem Mann liegenlassen, weil sie rechtzeitig bei einer Sitzung der Caritas in Jericho sein müssen. Wir wollen aber nur die beiden anderen Versionen ins Auge fassen.)

Die Wichtigkeit des Gesellschaftlichen für den Christen wird immer deutlicher auch mit Bezug auf den Kirchenbegriff, der ja nicht nur von den Sozialisten, sondern auch von den Christen selbst häufig nicht verstanden wird — eben weil er derzeit eine Umakzen-tuierung ins Gesellschaftliche erfährt. Ist Kirche eine Art Altweibermühle, in der Männer in komischer Uniform die Menschen in den Himmel zaubern? Oder ist Kirche, als Volk Gottes, eine Gesellschaft besonderer Art? So daß es gar keinen anderen Weg in die Zukunft gibt als den brüderlich gemeinsamen — unter anderem auch durch gesellschaftliche Strukturreformen, an denen eine handelnde Kirche mitwirkt.

Ist die Kirche ein geschlossener Klub oder sehen wir vielleicht noch gar nicht ihre ganze Dimension? Vielleicht gibt es sehr viel mehr Christen, als wir meinen. Vielleicht ist die heutige Trennung Christen-Atheisten etwas, das theoretisch und praktisch überwunden werden muß und überwunden werden kann, und zwar durch gemeinsame Arbeit an der Zukunft. Es ist schon von meinem Freund Pichler sehr klar dargestellt worden, in welche Sackgasse die Christen durch eine verengte Interpretation des Evangeliums geraten können. Ich glaube, es wird in Zukunft sehr viel klarer werden als bisher, daß es nicht gleichgültig ist, ob man Herr oder ob man Knecht ist, daß es zwar historische Situationen gibt, in denen die menschliche Möglichkeit fehlt, diese Klassenscheidung zu beseitigen, daß dies aber keine Entschuldigung bedeutet, diese Scheidung dann zu belassen, wenn sie beseitigt werden kann. Ich muß sagen, lieber Pater Riener, daß mir in diesem Sinne der Begriff „links“ doch einer positiveren Beleuchtung wert 'scheint. Ich will dies mit Hilfe eines Zitates versuchen, das sich auf Lateinamerika bezieht.

„Eine mißbrauchte und ausgebeutete Bevölkerung kann nicht mit Worten abgespeist werden, sie versteht weder den Katechismus noch die Lehren des Christentums, wenn ihre Kinder und sie selbst verhungern. Tiefgreifende Änderungen im Wirt-

Schafts- und Sozialsystem dieser unglücklichen, vernachlässigten, unterprivilegierten Länder sind ein Muß. Diese Länder sind noch im Stadium der Sklaverei, im vollen Begriff des Wortes. Unsere Rolle besteht darin, diese durch ihr großes Elend apathisch gewordenen Menschen aufzurütteln. Wir können nicht warten, bis es den Regierungen paßt, etwas zu unternehmen, um die Situation zu verbessern, wir müssen uns rühren und handeln, ohne auf die leeren Versprechungen der Regierungspolitiker und der herrschenden Klassen zu rechnen. Es ist an uns, die Dinge ins Rollen zu bringen.

Es wäre schön, nun einen Quiz zu veranstalten, von wem diese Sätze sind. Sie sind von Dom Helder de Camara, Erzbischof von Recife und Olinda in Brasilien2. Ich sage das, um auf die Bandbreite des Christentums hinzuweisen. Ich würde in diese Bandbreite durchaus und energisch einschließen jene Art von „linker“ Haltung, die wir hier in diesem Zitat gehört haben.

Zielbilder und Korrekturen

Ich will nun noch einige Züge an dem Modell des Sozialisten der Zukunft aufzeigen. Ich glaube, der Sozialist der Zukunft wird erkennen, daß der Humanismus, wie ihn manche Formen des Sozialismus an manchen

Orten bisher gepflegt haben, zu eng ist. Er wird sehen, daß Humanismus nicht heißt: Jedem Menschen ein Badezimmer, ein Automobil, einen Fernsehapparat, und vielleicht noch einen zweiten fürs Schlafzimmer, und dann ist er ein Mensch, dann ist er glücklicher, mehr Mensch als ohne all das. Vielmehr dämmert dem Sozialismus eine Dimension, die man etwas geschwollen als transzendente Dimension des Menschen bezeichnen könnte; sie ist hier schon mehrfach angesprochen worden. Der Mensch ist ein Tier, das die Fähigkeit hat — jene allein menschliche Fähigkeit — sich immer wieder selbst zu übersteigen, nie mit dem zufrieden zu sein, was er hat, und auch nicht mit dem was er ist. Das wird glaube ich, eine Bereicherung des Sozialismus sein, die aus dem Christentum kommt, aber auch aus einem kämpferischen ethischen Atheismus kommen kann, das ist durchaus genauso denkbar.

Das zweite, was dem Sozialisten der Zukunft klarer werden wird als heute* ist die Bedeutung des Christentums nicht als Opium des Volkes, sondern als Motor der Veränderung. Heute gibt es noch jenes gewisse Unbehagen des einen oder anderen Sozialisten, wenn er hört: die Christen wollen nicht nur in die Kirche gehen, dort die Religion in der Sakristei abgeben und dann draußen nichts weiter als brave Staatsbürger sein, die, wenn sie ganz brav sind, sogar SPÖ wählen, sondern sie wollen sich als Christen gesellschaftlich engagieren. Die Sozialisten werden deutlicher als heute erkennen, daß dieses gesellschaftliche Engagement der Christen eines ist, das, wenn man miteinander redet und miteinander handelt, in die gleiche Richtung gehen kann wie das gesellschaftliche Engagement des Sozialismus.

Ein dritter Punkt betrifft das sozialistische Zielbild. Was nicht passieren kann und passieren soll, wenn der Sozialismus Sozialismus

bleiben will, ist die Lösung des sozialistischen Herrn Karl, des „Genossen Karl“ sozusagen: Na was brauch ma das alles, wir kommen ja eh nie in diese klassenlose Gesellschaft, also hören wir auf damit, 50 Schilling mehr auf die Rente, 500 Stimmen mehr bei der nächsten Gemeindewahl, das ist das höchste der Gefühle. Ich glaube, das wäre die Bankrotterklärung einer großen Bewegung, und solchen Bankrott des sozialistischen Idealismus müßten gerade auch die Christen, die schließlich die Idealisten schlechthin sind oder sein sollen, bedauern.

Ich glaube jedoch, daß sich am sozialistischen Zielbild eine realistische Korrektur vollziehen wird, die aus dem Christentum kommen kann. Die Sozialisten werden deutlicher als heute sehen, daß es einen Unterschied gibt zwischen dem Zielbild als Ideal, als Fixstern, nach dem man steuern kann, und dem utopistischen Zaubertrick, mit dem man angeblich in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren im Paradies auf Erden sein kann. Es geht um eine reale Utopie, an deren Annäherung Sozialisten und Christen in Gemeinsamkeit arbeiten können. Pater Karl Rahner schrieb unlängst über die „Mitarbeit an der Neuen Erde3“: es ist nicht egal, was ich als Christ in der Geschichte mache — wenn ich nur schön brav bin, ist alles andere gleich. Vielmehr ist das, was wir Christen auf dieser Erde machen, auch bedeutsam für unsere absolute Zukunft in Gott. Oder, wie es in „Populorum Progressio“ mit unüberbietbarer Deutlichkeit heißt: Die Arbeit am Himmelreich wird schon auf dieser Erde geleistet. Daraus ergeben sich fast zwangsläufig die gemeinsamen Aufgaben für Christen und Sozialisten der Zukunft.

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