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EINE ANDERE KIRCHE?

Umsonst schrie Rassandra, Pniamqs' Tochter, ihre Warnungen an die Nacht; Troja ging unter. Wenn man manchen zeitgenössischen Kassandren — sie können auch männlichen Geschlechtes sein — glauben könnte, müßte man den Untergang der Kirche nach dem Zweiten Vatikanum, ja geradezu auf Grund dieses Konzils, als unmittelbar bevorstehend ansehen. Man sieht da und dort nur noch schwarz in schwarz.

In dieser Verwirrung scheinen einige grundlegende Gedanken angebracht.

In der Eröffnungssitzung des Zweiten Vatakanums sagte Papst Johannes, „die Hauptaufgabe des Konzils Hege darin, das heilige Überlieferungsgut der christlichen Lehre mit wirksameren Methoden zu bewahren und zu erklären“; es sei darum nicht seine „Aufgabe, diesen kostbaren Schatz nur zu bewahren, als ob wir uns einzig und allein für das interessierten, was alt ist, sondern wir wollen freudig und furchtlos an das Werk gehen, das unsere Zeit erfordert, und den Weg fortsetzen, den die Kirche seit zwanzig Jahrhunderten zurückgelegt; hat“. „Heute ist es wahrhaftig nötig, daß die gesamte christliche Lehre ohne Abstrich in der heutigen Zeit von allen durch ein neues Bemühen angenommen wird... Ja diese sichere und beständige Lehre, der gläubig zu gehorchen ist, muß so erforscht und ausgelegt werden, wie unsere Zeit es verlangt.“

Und das Konzil selbst: „Die Kirche umfaßt Sünder in ihrem eigenen Schoß. Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung.“ „Jede Erneuerung der Kirche besteht wesentlich im Wachstum der Treue gegenüber ihrer eigenen Berufung... Die Kirche wird auf dem Wege ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform gerufen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und irdische Einrichtung ist; was also etwa je nach den Umständen und Zeitverhältnissen im sittlichen Leben, in der Kirchenzucht oder auch in der Aast der Verkündigung — die von dem Glaubensschatz selbst genau unterschieden werden muß — nicht genau genug bewahrt worden ist, muß deshalb zu gegebener Zeit sachgerecht und pflichtgemäß erneuert werden.“

Also doch eine andere Kirche? Wenn man freilich die Frage stellt: Soll oder darf die Kirche des Jahres 1967 eine andere sein als die von Jesus Christus gestiftete, so kann ein gläubiger Christ darauf nur mit Nein antworten. Denn wo immer und wann immer und unter welchen Umständen immer sich Kirche realisiert, muß sie sich als Seine Kirche realisieren, muß sie sich aus Seinem Wort, aus Seiner Eucharistie, aus Seiner Agape zur Gemeinde der Glaubenden, zur gottesdienstlichen Gemeinde, zum brüderlichen Liebesbund konstituieren, muß sie jene Wesensprädikate aufweisen, die der Gemeinde Christi von Anfang an zu eigen waren, muß sie Gemeinde der Glaubenden, Hoffenden und Liebenden bleiben. So ist aber die Frage von Grund auf falsch gestellt. (Hierzu: Minister a. D. Dr. Heinrich Drimmel, an: „Die Furche“ vom 8. April 1967, 21.) Davon ist nämlich gar nicht die Rede. Es ist vielmehr zu fragen, ob unter Voraussetzung jener wenigen Konstitutionen und jener wesentlichen Prädikate die Kirche Jesu Christi unverändert dieselbe bleiben kann und darf, die sie etwa im ersten oder vierten oder zwölften oder sechzehnten Jahrhundert war. Und da ist zu sagen: Gerade eine so verstandene, statische, immobile, petrifizierte Kirche ist nicht die von Jesus Christus gestiftete Kirche.

Die Kirche Christi ist zunächst kein monophysitisches, spiriitualistisches, angelistisches Gebilde, sondern notwendig ein göttlich-menschHches Geheimnis, in dem weder der eine noch der andere Pol vom je anderen aufgesaugt werden darf. Darum ist sie, unbeschadet des bleibenden, göttlichen Elementes, notwendig auch veränderlich wie die Menschen, die sie konstituieren und leiten. Darum ist sie auch versuchbar und sündig. Darum bedarf sie noch der Bekehrung und der Buße, des Erbarmens und der Gnade, der Erneuerung und der ständigen Reform.

Doch nicht nur das. Als auch irdisches, zeitliches, gesellschaftliches Gebilde steht sie notwendig in der Welt und in dauernder Interdependenz mit ihr. Gewiß „geht sie nicht wie die anderen gesellschaftlichen Gebilde durch die Zeit“; aber durch die Zeit zu gehen und dieser Zeit die Botschaft Gottes ja neu zu verkünden, ist ihr geradezu aufgetragen. Darum trägt sie die Kleider der jeweiligen. Zeit, nimmt sie ihre Gewohnheiten an, spricht sie ihre Sprache. Es ist erstaunlich, wie weit hier gerade die alte Kirche gegangen ist, um nach dem Beispiel Pauli allen alles zu werden und „auf jede Weise einige zu retten“ (vgl. 1. Kor. 9, 22).

Ja bei diesen Wandlungen zeigt sich schon ein Tieferes an: Die je neue Zeit gibt der Kirche auch je neue Aufgaben, stellt ihr neue Fragen, auf die sie wieder je neue Antworten aus der Offenbarung suchen muß. So wird sie gezwungen, immer neue Stollen in das alte Gestein der Offenbarung zu treiben, und dabei entdeckt sie immer wieder neue Schätze und sieht alte plötzlich in neuem licht. Auf diese Weise gibt es eine Dogmenentwicklung und ein neues und tieferes Verständnis alter Wahrheiten. Darum ist der Kirche ja auch der Geist verheißen, der sie „in alle Wahrheit einführen wird“ (Jo. 16, 13).

Dieses Pneuma aber ist über uns ale ausgegossen (Apg. 2, 17 f.y und beschenkt uns mit seinen Charismen, die „es einem jeden auf besondere Weise zuteilt, wie es will“ (1. Kor. 12, 11). Unter diesen Charismen zählt schon Paulus das des Verkündens aus Erleuchtung und das des Lehrens auf. Das ist gewiß zunächst ein Erleuchtetsein von der Weisheit Gottes (1. Kor. 1, 17—31); das schließt aber die denkerische Bemühung des menschlichen Geistes nicht aus, sondern ein. Wohl sind Glaube und Wissenschaft nicht dasselbe, nicht einmal Glaube und Theologie. Und doch ist es dem Menschen aufgegeben, alles, was er erfährt und tut, wenigstens im nachhinein mit seinem grübelnden Verstand zu bedenken und, soweit er selbst daran beteiligt ist, diese seine Beteiligung auch vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Auch diese Aufgabe ist jeder Zeit je neu gestellt, und seit es Christentum gibt, gibt es auch diese denkerische Bemühung. Das ist von besonderer Bedeutung in einem so reflektierenden Zeitalter, wie es uns gegeben ist. Die Flucht in einen bloßen Irrationalismus hilft uns hier wenig. Sie macht unsere Verkündigung nur umermst.

Als eine Art Schibboleth der „anderen“ Kirche sieht man nicht selten ihren „Rückzug aus der Politik“ an. Aber auch hier ist zweifellos seit langem eine Entwicklung im Gange.

Und auch hier hat das Konzil eine klare Sprache geredet. Das Schockierende für manche liegt freilich darin, daß der Weg, den die österreichische Kirche seit 1945 konsequent gegangen ist, nun vom Konzil selbst bestätigt wurde. Da ist zunächst eine klare Trennung in der Zielsetzung: „Die ihr eigene Sendung, die Christus der Kirche übertragen hat, geht nicht auf die politische, wirtschaftliche oder soziale Ordnung. Das Ziel, das ihr gesetzt ist, gehört nämlich der religiösen Ordnung an.“ „Die Kirche darf im ihrer Aulgabe und Zuständigkeit in keiner Weise mit der bürgerlichem Gesellschaft verwechselt - werden, noch ist sie irgendeinem politischen System der Welt verpflichtet.“ Darum sollen „auch die Gläubigen um der Heilsökonomie Gottes willen genau unterscheiden lernen zwischen den Rechten und Pflichten, die sie haben, insofern sie zur Kirche gehören, und denen, 'die sie als Glieder der menschlichen Gesellschaft haben. Beide sollen sie harmonisch miteinander zu verbinden suchen und daran denken, daß sie sich auch im jeder zeitlichen Angelegenheit vom christlichen Gewissen führen lassen müssen; keine menschliche Tätigkeit, auch in weltlichen Dingen nicht, läßt sich ja der Herrschaft Gottes entziehen. Heutzutage ist es aber besonders wichtig, daß die Unterscheidung und die Harmonie zugleich möglichst klar im Handeln der Gläubigen aufleuchte, damit die Sendung der Kirche den unterschiedlichen Verhältnissen der heutigen Welt voller entsprechen kann.“

Die Kirche bedauert unter Hinweis auf den Fall Galilei sogar ausdrücklich das undifferenzierte Denken, Reden und Handeln früherer Zeiten, gewisse geschichtliche Fehlentwicklungen und „Geisteshaltungen, die einst auch unter, Christen wegen eines ungenügenden Verstehens der rechtmäßigen Autonomie der Wissenschaft nicht gefehlt haben“.

Zur christlichen Lösung konkreter Fragen- der Welt und des Menschen müssen zwei Dinge zusammenkommen: das Licht der Offenbarung und die nötige Sachkenntnis; das erste kann die Kirche vermitteln helfen, für das zweite ist sie, soweit es sich um weltliche Probleme handelt, gar nicht zuständig. Darum weiß sie auf viele konkrete, auch sehr wichtige Fragen, keine Lösung, mindestens keine fertige Lösung. Dabei wird eine neue Schwierigkeit offen zugegeben, daß nämlich die Christen, auch wenn sie sachkundig sind und die Dinge im Lichte der Offenbarung betrachten, nicht selten zu völlig verschiedenen konkreten Lösungen und Lösungsvorschlägen kommen. In solchen Fällen hat „niemand das Recht, die kirchliche Autorität ausschließlich für sich und seine eigene Meinung zu beanspruchen. Immer aber sollen sie in aufrichtigem Dialog sich gegenseitig Klarheit zu verschaffen versuchen..., die gegenseitige Liebe bewahren und vor allem auf das gemeinsame Wohl bedacht sein.“ Solch ..berechtigte Meinungsverschiedenheiten“ werden dann besonders im politischen Bereich zugegeben, weshalb hier die Beachtung der genannten Prinzipien auch von besonderer Bedeutung ist: „Besonders in einer pluralistischen Gesellschaft ist es sehr wichtig, daß man das Verhältnis zwischen der politischen Gemeinschaft und der Kirche richtig sieht, so daß zwischen dem, was die Christen als einzelne oder im Verband im eigenen Namen als Staatsbürger, die von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun, klar unterschieden wird.“

Hier geht es also um klar erkannte und verkündete Grundsätze und nicht um eine Frage einer Mehrheit, oder Minderheit, der Konvenienz, oder gar eines billigen pragmatischen Zweckdenkens. Das hat auch gar nichts zu tun mit einer Abwertung des politischen Tuns oder mit „politisch Lied — ein garstig Lied“; das Konzil betont sogar nachdrücklich Recht und Pflicht aller Bürger, auf je ihre Weise „zur Förderung des Gemeinwohles“ mitverantwortlich beizutragen. Aber was nach diesem Konzil nicht mehr möglich ist, ist die Vergatterung der Christen um Dinge und Parolen, auf die sie auf Grund ihres Glaubens nicht verpflichtet werden können, weil sie in der Offenbarung Gottes und in den darin klar zu erkennenden religiösen und sittlichen Grundsätzen keine genügende Deckung haben. Der Katholik ist seiner Kirche verpflichtet, aber nicht einem bestimmten Katholizismus und schon gar nicht einer bestimmten katholischen Ideologie. Das alles bringt freilich auch neue Aufgaben mit sich, Aufgaben einer intensivierten Bildung, und zwar einer christlichen Grundsatzbildung, die die christlichen Kirchen zu leisten haben, und einer staatsbürgerlichen Bildung und politischen Schulung, die die entsprechenden gesellschaftlichen Einrichtungen, wie Schulen, Jugendorganisationen, politische Parteien, zu leisten haben. Aber diese Bildungsaufgabe wächst uns ja heute in allen Bereichen verstärkt zu.

Wenn man aber schon vom praktischen Erfolg her denken will, wiewohl das kein allzu christlicher Gesichtspunkt ist, dann soll man sich doch an die Seelsorgesituation in den städtischen Pfarren, in den Haupt- und Berufsschulen der zwanziger und dreißiger Jahre zurückerinnern. Die Kirche hat jedenfalls heute nicht nur in der Welt, sondern auch in Österreich mehr allgemeines Ansehen als damals, und ihr Wort wird heute auch in kritischen Situationen über alle Parteien hinweg mehr gehört und ernster genommen, als das lange schon war, jedenfalls ernster als in jener „guten alten Zeit“, in der, wie sich ein Abgeordneter zum Nationalrat ausdrückte, „noch Einheit herrschte vom Beichtstuhl bis zum Parteilokal“ und in der, wie es der Schreiber selbst erlebte, der Pfarrer einer Pfarre, deren Kirchenbesucher damals schon zur Hälfte sozialistische Wähler waren, Ortsparteiobmann der christlichsozialen Partei und der erste Kaplan Ortsparteisekretär war. Wer das als Seelsorger erlebt hat und in kritischen Zeiten erlebt hat, kann nur sagen: Nie wieder! Hier wurde einfach die religiöse Sendung der Kirche für viele unglaubwürdig. Aber manche scheinen sich noch immer kein größeres Unglück vorstellen zu können, als daß in einem Staat mehrere politische Parteien mit gutem Gewissen für Katholiken wählbar werden.

Also die Kirche Christi — ja, aber eine „unveränderliche“, eine petriflzierte Kirche — nein, und zwar gerade deshalb nein, weil die Kirche Christi eine Kirche auf dem Weg ist, eine Kirche der Hoffnung, eine Kirche der Zukunft, eine Kirche jenes Geistes ist, der der Geist der Liebe und des Lebens ist, der Geist immer euer Schöpfung und immer neuer Geburt

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