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Die Dogmatik hat ein neues Gesicht erhalten

Man tut sich schwer, über „Theologie - zwölf Jahre nach dem Konzil” zu berichten, da ja weniger das Konzils- ende als vielmehr der Konzilsbeginn stimulierend wirkte. Außerdem ist die konziliare Situation mit jener Bewe- gung auf dem Feld der Theologie, die fiir die französische Theologie mit dem Stichwort der „Nouvelle Théologie” die fur den deutschen Sprachraum mil dem „Stichwort” Karl Rahner mar- kiert ist, untrennbar verbunden.

Bei allem Verständnis fiir die Ver- flochtenheit der konziliaren Theologie mit der theologischen Arbeit der vier- ziger und ffinfziger Jahre, ist doch die Tatsache nicht von der Hand zu wei- sen, daß die Beunruhigung über die Theologie gerade seit Konzilsende um sich gegriffen hat.

In Verteidigungsstellung

Um die Mitte des vorigen Jahrhun- derts geriet die Kirche und damit auch die Theologie in eine Ghetto-Situation, in der man sich des rauhen Windes der Welt des Liberalismus und Laizismus dutch mannhafte Verteidigung zu wehren suchte. Eine kritische, aber konstruktive Auseinandersetzung mit den Strömungen dieser Zeit schien verdächtig und wurde verdächtigt, wenn man etwa an den österreichi- schen Privatgelehrten Anton Günther (gestorben 1863) denkt. Im besonderen war es die öffnung fur das zeitgenössi- sche philosophische und geschichtli- che Denken, das zu einer Verunsiche- rung um die Jahrhundertwende fiihr- te: Einige bedeutende Theologen, die sicher nicht den Stein der Weisen ge- funden hatten, die aber in ihrem An- liegen ernstgenommen zu werden verdient hätten, wurden unter dem künstlich geschaffenen Begriff ,,Mo- dernismus” zusammengefaßt und durch Pius X. 1907 verurteilt

Dažu kam noch das organisierte Denunziantentum der Integralisten, das 1912/13 seinen Höhepunkt erreich- te. Letztlich fand dieses Treiben mit dem Beginn des Pontifikates Benedikta XV. ein Ende. Durch all diese Maßnahmen ergab sich de facto ein Problemriickstau, der sich erst in den vierziger Jahren lockerte. 1950 leitete die Enzyklika Pius’ XII. „Humani generis” neuerlich ein frostiges Klima ein, in dem Theologen, deren Recht- gläubigkeit heute niemand bezweifeln würde, ihre Lehrstühle verloren, ver- setzt wurden und Publikationsverbot erhielten. Aus all diesen Umständen ist es verständlich, daß die Ankfindi- gung eines Konzils durch Johannes XXIII. 1959 eine neue Situation schuf. Das Konzil sollte ja keine Verurteilun- gen aussprechen, sondem positiv das Evangelium Christi fiir diese Welt aus- legen.

Die Offenbarung immer wieder neu durchdenken

Darin ist ja die Aufgabe der Theologie im Gesamt der Kirche gelegen: Die Offenbarung, die in Jesus Christus ihre uniiberbietbare Spitze hat und die der Kirche zu verkündigen aufgetra- gen ist, soil vom Standpunkt des Men- schen je dieser Zeit durchdacht, ,,ver- antwortet” werden, wobei das Zeugnis der Schrift den Ausgangspunkt zu bie- ten hat, die Verkündigung-Heute das Ziel. Zur Zeit des Konzils und später haben gewisse Themen die Aufmerk- samkeit auf sich gezogen, an denen sich von der Philosophic Oder von der Naturwissenschaft her manche Schwierigkeiten ergaben: Es gab eine Diskussion um die Realpräsenz in der Eucharistie und um das rechte Ver- ständnis der Erbsünde. Dažu kam eine Fülle von Themen zum Bereich Kirche, vor allem die Literatur fiber das Verständnis des Amtes schwoll mäch- tig an. Die ,,Gott-ist-tot”-Theologie wies fiber die kirchlichen Struktur- fragen hinaus auf die zentrale Frage des Gottesverständnisses. In der Auseinandersetzung mit dem Atheismus sucht man falschen Gottesbildern auf die Spur zu kommen. Inzwischen ist die christologische Frage virulent ge- worden, wobei in diesem Zusammen- hang vor allem von der Bibelwissen- schaft her bedeutsame Impulse ausge- gangen sind.

Das Miterleben dieser Geschichte hat dem Interessierten wesentliche Bereicherung gebracht. Durch all diese Diskussionen hat die dogmatische Theologie ein neues Gesicht erhalten; man wird an den Ergebnissen dieser Epoche „seit dem Konzil” nicht mehr Vorbeigehen können. Das ist meine Überzeugung. Ich betrachte dies alles für einen wirklichen Gewinn, weil das Verantworten der Hoffnung, in der wir leben, überzeugender geworden ist.

Dem steht entgegen, daß viele Christen seit dem Konzil die Theologie nicht so positiv bewerten werden, daß sie darin eine eher unnötigerweise beunruhigende Kraft der nachkonzilia- ren Entwicklung sehen. Dabei kann man an die Wogen denken, die etwa die Professoren Herbert Haag (in der Frage nach dem Teufel) und Hans Küng (im Problemfeld der Unfehlbarkeit und der Christologie) provoziert haben. Man denkt außerdem an die Unruhe, die durch solche Predigten und Publikationen verursacht wurde, in denen theologische Meinungen - bisweilen falsch verstanden und vergröbert - vorschnell vulgarisiert wurden.

Das Selbstverständnis der Theologie in der nachkonziliaren Zeit ist daher vor allem durch die Frage eines theologischen Pluralismus sowie durch die Problematik der Beziehung zwischen Theologie und Lehramt gekennzeichnet Zur ersten Frage hat die Internationale Päpstliche Theologenkommission im Oktobe 1972 einen Text verabschiedet, der - mit Kommentaren von Kommissionsmitgliedern versehen - unter dem Titel „Die Einheit des Glaubens und der theologische Pluralismus” erschien. Die erste These weist für die gesamte Arbeit die Richtung: „Einheit und Pluralität in der Aussage des Glaubens gründen zutiefst im Christusmysterium selbst.

Dieses ist ein Mysterium universeller Versöhnung und Vereinigung (vgl. Eph 2, 11-22), überschreitet aber gerade darum die Aussagemöglichkeiten jeder geschichtlichen Epoche und entzieht sich damit jeglicher abschließenden Systematisierung (vgl. Eph 3, 8-10).” Der Versuch, in unserer heutigen geschichtlichen Situation die Offenbarung des lebendigen Gottes in einer neuen Weise zu verstehen und zu formulieren, ist die Aufgabe der T.heo- logie. Die Christusbotschaft, die in der Kirche verkündet und überliefert wird, ist dabei der Ausgangspunkt und das letzte Kriterium für alle Bemühungen. Die dogmatischen Formulierungen der Vergangenheit sind auf diesem Weg Orientierungspunkte und Leitlinien, die festzuhalten sind; doch kann sich die theologische Arbeit nicht darin erschöpfen, nur Formeln zu wiederholen und zu interpretieren.

Die Sitzung der Internationalen Theologenkommission im September 1975 hat diese theologische Problematik weitervefolgt in ihren „Thesen über das Verhältnis von kirchlichem Lehramt und Theologen zueinander”. Von der Gemeinsamkeit der Aufgaben beider und auch von der Verschiedenheit beider können sich gewisse Spannungselemente ergeben, die aber in Geduld ausgetragen werden sollten. Das Lehramt hat vor allem darauf bedacht zu sein, die Unversehrtheit und Einheit der Verkündigung der Botschaft Jesu zu schützen. Diese scheinen aber für manche Zeitgenossen gerade durch die Theologen gefährdet zu sein.

Ein Element der Spannung liegt auch in der Art der theologischen Arbeit, die heute ein anderes Gesicht hat als vergleichsweise im Mittelalter. Die innertheologische Diskussion erreichte damals aus verschiedenen Gründen kaum den einfachen Gläubigen. Heute spielt sich jede innertheologische Diskussion „auf dem Marktplatz” ab: wissenschaftliche Bücher und Zeitschriften sind überall einsehbar, Thesen mit „News-Wert” werden bereitwillig von den Massenmedien ausposaunt. Angesichts dieser Situation ist gewiß ein größeres Maß an Verantwortlichkeit in der Publikation nötig, ein größeres Maß an Vorsicht. Anderseits darf dieses berechtigte Anliegen nicht zu einem Hemmschuh theologischer Arbeit und Forschung werden.

Theologie nach dem Konzil - das bedeutet einen Lernprozeß. Theologie ist Dienst an der Verkündigung, an der Aufgabe der Kirche.

Die Theologen müssen lernen, die Möglichkeiten, die heute zu Verfügung stehen, zu gebrauchen. Das Lehramt bedarf der Theologie, denn jedes Verkünden setzt ein (theologisches) Bedenken des zu Verkündenden voraus. Auch das Lehramt muß lernen, mit den nicht immer aufs erste schon voll gelungenen Versuchen eines neuen Verstehens der Botschaft Jesu Geduld zu haben. Die Kirche insgesamt bedarf einer Verkündigung des Glaubens, die verstehbar ist, die als Antwort auf die Fragen und Erfahrungen des Menschen heute erlebt werden kann. Die Gläubigen müssen lernen, offene Fragen auszuhalten; allzu fertige und rasche Antworten haben keineswegs die Präsumption der Sachrichtigkeit.

Die Theologie nach dem Konzil hat sicher nicht nur Hilfe geleistet, es gab auch bedauerliche Pannen. Aber grundsätzlich müßte Vertrauen die Atmosphäre beherrschen. Wir alle sind als Glaubende unterwegs, auch die Theologen gen ist. Sicherlich gibt es auch gerade hier Fakten, auf Grund deren sich die Kirche verpflichtet fühlt, mahnend ihre Stimme zu erheben.

Zur Meinungsbildung, auf Grund derer die Kirche in die Lage versetzt wird, eine fundierte Stellungnahme zu sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen abzugeben, sind Gespräche zwischen den verschiedenen Instanzen und Organen der Kirche sowie den legitimierten Vertretern der Arbeitnehmer- und Unternehmer-Interessen notwendig. Die Kirche betrachtet es als ihre Aufgabe, die Grundprinzipien der christlichen Soziallehre zu verkünden und die Grundsätze für menschliches Handeln verpflichtend festzulegen. Ihre Aufgabe ist es, dem Menschen aufzuzeigen, „was ihm zum Heil dient”, zeitlich und ewig.

Begibt sie sich auf das Gebiet praktischer Lösungen, so kann sie Wege aufzeigen, die nach ihrer Auffassung gangbar sind und die sie den Sachverständigen des weltlichen Bereiches als Diskussionsbeitrag anbietet. Insofern hat die christliche Soziallehre und Sozialethik enorme Bedeutung für das Zusammenleben in der Gemeinschaft Die Kirche paßt sich nur zögernd und langsam der Entwicklung an. Die Lösungen, die gesucht werden, sind aber zukunftsorientiert. Hieraus entstehen oft Spannungen und Mißverständnisse. Das Problem der sozialen Gerechtigkeit ist in Zukunft anders zu sehen als im 19. Jahrhundert.

Im Raume der Wirtschaft kann die Kirche nur urteilen, wenn ihre Vertreter über die nötige, nicht nur theoretische, Sachkenntnis verfügen. Darum dürfen die Theologen nicht vergessen - sie sind die Berater der Bischöfe -, daß die Anwendung des Gelernten, je nach Zeitumständen und Verhältnissen, außerordentlich unterschiedlich sein kann, und hier die in den Dingen stehenden christlichen Unternehmer diejenigen sind, die bessere Einsicht in die Zusammenhänge haben.

Hier muß und will auch die Kirche vom Unternehmer lernen, wenn sie seine Welt zu beurteüen hat. Der Unternehmer muß aber bereit sein, sein Wissen und seine Erfahrung der Kirche zur Verfügung zu stellen. Im kirchlichen Raum kennt man den Unternehmer und seine Tätigkeit ebensowenig oder so verzerrt, wie das Unternehmerbild in der Öffentlichkeit schlechthin verzerrt ist.

Die Unternehmer haben das Recht, mit ihrer Erfahrung und ihrem Rat gehört und beachtet zu werden; sie stehen mitten im Geschehen und sind nicht nur die größeren Sachkenner, sondern auch für die Gestaltung verantwortlich und haftbar. Die Unternehmer haben ein Recht, von der Kirche anerkannt und unterstützt zu werden in ihrem Bemühen um eine gerechte, ausgewogene Sozial- und Betriebsordnung.

Es muß darum gemeinsame Aufgabe von Kirche und Unternehmern sein, laufend im Gespräch miteinander zu bleiben, da die gesellschaftliche Entwicklung unabhlässig neue Fragen aufwirft.

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