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Was heißt schon „progressiv“?

Furcht breitet sich heute mehr und mehr in der Kirche aus, obwohl die erste frohe Botschaft vom Erscheinen Christi an die Welt lautete: „Fürchtet euch nicht!“

Ein Mann, der sich um das Fortleben der Kirche sorgt, verglich sie jüngst mit einer schwerkranken Mutter, die ihrer Sinne nicht mehr mächtig ist und in geistiger Umnachtung den Familienbesitz verschleudert; die treuen Kinder verfahren mit ihr, wie man eben mit Kranken verfährt: sie sagen mitleidig ja zu den verwirrten Entscheidungen, die sie trifft, führen sie jedoch nicht aus und lassen die Familie weiterleben wie in den Zeiten, als die Mutter noch gesund war, um so die Existenz der Familie zu retten.

Das Gegenstück zu diesem Bild, ebenfalls von der Sorge um das Fortleben der Kirche geprägt, unterscheidet sich nur in einer Nuance von dem ersten: die Mutter verschleudert den Besitz nicht, sondern versucht in ihrer Umnachtung, entgegen aller Vernunft, selbst unwesentliche Stücke aus dem Familienbesitz vor einer Veräußerung zu retten, die allein einen drohenden Bankrott abwenden könnte.

Beide Einschätzungen der kirchlichen Situation in dieser Zeit sind vorhanden und haben sich deutlich artikuliert. Doch es sind Extrempositionen, hei denen es sich fragt, ob sie angesichts der tröstlichen Verheißungen Christi an seine Kirche überhaupt noch kirchliche Positionen sind: Für Furcht um die Kirche gibt es in der Kirche eigentlich keinen Platz.

Man hat sich angewöhnt, diese Extrempositionen mit den Begriffen „konservativ“ und „progressiv“ zu umschreiben. Ein simples und differenziertes Abstempeln, das nur scheinbar den Vorteil bietet, Strömungen, Richtungen und Meinungen in der Kirche einordnen zu können; tatsächlich sind die meisten, denen es wirklich um die Kirche geht, unzufrieden mit diesem groben Raster, weil sie ihn für unbrauchbar halten.

Was heißt dehn eigentlich „konservativ“? Nur: Daß man Überkommenes lediglich um seiner selbst willen bewahren will? Oder „progressiv“? Nur: Daß man Ohne Rücksicht auf das Überlieferte und Gewordene vorwärts schreiten will? Wer so einordnet, wird der Kirche und ihrer Wirklichkeit nicht gerecht. Er setzt Extrempositionen, die innerhalb der Kirche nicht vertretbar sind, gleich mit legitimen Strömungen in der Kirche. Denn „progressiv“ im kirchlichen Sinn kann nicht nur, sondern muß sogar die gewachsene Wirklichkeit der Kirche als Ausgangspunkt respektieren. Und „konservativ“ ist — auch im kirchlichen Sinn — nicht gleichbedeutend mit einer Absage an jegliche Entwicklung. Sofern beiden Strömungen Kirche noch gemeinsam ist, kann man bestenfalls davon sprechen, daß die Akzente bei der Verwirklichung von Kirche unterschiedlich gesetzt seien. So kann ein Konservativer durchaus progressiv, ein Progressiver durchaus konservativ sein.

Die verkürzten Begriffe „konservativ“ und „progressiv“ haben sich im Zeichen der Polarisierung als wirksames Mittel zur Verketzerung des Gegners erwiesen. In erster Linie werden sie von Extremisten benutzt; doch auch innerkirchlich sind sie im Zeichen einer kleingläubigen Furcht um die Kirche in Mode gekommen.

Furcht allerdings ist eine unangemessene Haltung, wenn man die Situation der Kirche einschätzen will. Wer Furcht hegt, bedarf der Gefahr als Begründung für seine Furcht. Gefährlich, aus der Sicht der einen Gruppe, ist ein Papst wie Paul VI., der in einer Zeit kirchlicher Reformen Grenzen in wesentlichen Fragen markiert. Doch auch die andere Gruppe, die, wollte sie die ihr eigene Pietät nicht verletzen, Johannes XXIII. und das Zweite Vatikanische Konzil als Ärgernis in der Kirche bezeichnen würde, sieht in der Gestalt des jetzigen Papstes eine Gefahr. Während ihm die einen konservative Starrköpfigkeit vorwerfen, bezichtigen ihn die anderen unverantwortlicher Offenheit gegenüber Reformen.

Die Kirchlichkeit solcher Extrem- positionen ist fragwürdig. Der Versuch, den Gegner — selbst wenn er Papst ist — auf die jeweils andere

Extremposition zu fixieren, scheint ein wesentliches Kennzeichen jener Entwicklung zu sein, die man heute als Polarisierung bezeichnet. Hier erhebt sich die. Frage, ob jene Polarisierung, die so vereinfacht, und unbefriedigend mit den Begriffen „konservativ“ und „progressiv“ umschrieben wird, überhaupt innerhalb der Kirche stattgefunden hat und stattfindet. Der Verdacht zumindest liegt nahe, daß solche Positionen bereits jenseits der Grenzen dessen liegen, was als Kirche verstanden werden darf: Das Bild von der kranken Mutter Kirche legt den Verdacht nahe, daß es außer den vielbeklagten Irrlehren von links auch solche von rechts gib, die man allerdings leicht übersieht, weil sie sich auf eine — oft recht äußerliche — Tradition berufen können.

Trotz Verantwortung und Sorge: Furcht scheint dem Christen weniger anzustehen als eine gewisse Gelassenheit im Glauben, wie sie gleich in drei Evangelien, bei den Synoptikern Matthäus, Markus und Lukas, im Zusammenhang mit dem Sturm auf dem Meer überliefert wird: Wer mit Christus gemeinsam im Schiff sitzt, das später zum Symbol der Kirche wurde, darf nicht kleingläubig sein. Die damals geforderte gläubige Gelassenheit gilt weiterhin; sie könnte Kennzeichen derer sein, die noch in diesem Schiff Kirche sind, gleichzeitig aber auch diejenigen erkennbar machen, die über Bord gegangen sind und von draußen her um Hilfe rufen.

Auf das Erkennen dessen, was innerhalb und was bereits außerhalb der Kirche ist, wird es ankommen. Auch hier reichen Begriffe wie „konservativ“ oder „progressiv“ nicht aus. Es wird notwendig sein, eine Trennungslinie zu ziehen zwischen den Strömungen, die innerhalb der

Kirche vorhanden und somit legitim sind, und solchen, die die Grenzen dessen überschritten haben, was man noch als kirchlich bezeichnen darf.

Eine solche Grenzziehung gestaltet sich heute schwierig. Es gibt keine Weltreligion, die in so hohem Maß einerseits wissenschaftlich-theologisch aufgearbeitet worden und anderseits juristisch verfaßt ist wie das Christentum, insbeondere die römisch-katholische Kirche. Hier seufzen wir unter der Last einer Vergangenheit, die groß und begeisternd ist, zugleich aber in der heutigen Situation in vielen konkreten Fällen Schwierigkeiten schafft.

Die Verpflichtung auf die Grundwahrheiten, die die Kirche lehrt, kommt heute kaum mehr zum Zuge, da die Themen, mit denen man sich auseinandersetzt, viel differenzierter gestellt sind. Eine derart wissenschaftlich ausgebaute Theologie wie die heutige läßt für die Legitimierung neuer Denkansätze sehr viel Spielraum. Und doch sollte man der Frage nach den Grundwahrheiten größere Bedeutung beimessen. „Glaubensprozesse“ beispielsweise werden nach rechtlichen Maßstäben geführt; es werden zu speziellen Anschuldigungen Fakten gesammelt und ausgewertet. Auf diese Weise wird sich in vielen Fällen keine befriedigende Unterscheidung darüber treffen lassen, was noch kirchlich ist und was nicht mehr. Diese Frage kann bisweilen nur sehr persönlich beantwortet werden.

Die entscheidende und klärende Frage sollte lauten: Glaubst du noch an diese Kirche als Stiftung Christi und willst du mit ihr noch voll verbunden sein? Wo sie mit einem vollen Ja beantwortet wird, hat die Antwort wesentliche Konsequenzen; angesprochen ist nämlich dann in erster Linie der Christ als Glied der Kirche und erst nachgeordnet der Theologe als Wissenschaftler — oder anders ausgedrückt: Die Gliedschaft in der Kirche rangiert vor der Wissenschaft, ist ihr übergeordnet.

Das darf und soll nicht den Verzicht auf die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung des Theologen bedeuten. Vielmehr heißt es, daß dort, wo die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung den Rahmen der kirchlichen Lehre durchbrechen, wo Gegensätze in wichtigen Fragen auftreten, die moralische Verpflichtung des Gläubigen einen Dialog mit dem Lehramt bedingt. Wir leiden heute weniger oder vielleicht gar nicht an den Ergebnissen theologischer Forschung, sondern daran, daß die Kontroversen nicht vertrauensvoll und diskret erst einmal im innerkirchlichen Raum diskutiert, statt dessen aber ohne Rücksicht auf Lehre und Glaubwürdigkeit der Kirche öffentlich ausgetragen werden. ……

Ein Glied der Kirche kann nicht deren Zersetzung beabsichtigen. Es wird Rücksicht nehmen zumindest auf ein notwendiges Minimum an

Gemeinsamkeit in der Lehre, wird sich bei kontroversen Thesen seiner Verantwortung’ als Christ bewußt werden, wird angesichts übergeordneter Prinzipien in Streitfragen Loyalität üben und seihe Meinung korrigieren, wenn zusätzliche theologische Gesichtspunkte und bessere Argumente sie widerlegen.

Das gegenseitige Vertrauen muß auf beiden Seiten wieder wachsen und stark werden. Hier liegt für beide Seiten eine wichtige und dringliche Verpflichtung. Die Zeit der Furcht, aus der die Verdächtigungen entspringen, muß in der Kirche ein Ende finden. Die Fronten dürfen nicht weiter innerhalb der Kirche errichtet werden. Die Grenzen müssen dort markiert werden, wo sie tatsächlich liegen.

Wer behauptet, die Kirche befinde Sich in geistiger Umnachtung, sei ihrer Sinne nicht mehr mächtig und er dürfe ihren Weisungen nicht mehr folgen, steht nicht mehr auf dem Boden dieser Kirche, nenne et sich „konservativ“ oder „progressiv“. Dasselbe gilt für sogenannte „kirchentreue“ Katholiken, die ohne Rücksicht auf die Kirche und die komplizierte heutige theologische Situation mit einer Plakataktion agitieren: „Die deutschen reform* .katholischen* Bischöfe verfälschen das Evangelium an zentraler Stelle!“, wie es beim ökumenischen Pflngst- treffen in Augsburg geschah. Von Gegenbeispielen aus der anderen Richtung, in denen nahezu jedes Dogma unterspült wird, quillt die Publizistik bereits über. — Eine Kirche ohne oder gegen Papst und Bischöfe gibt es nach katholischem Verständnis nicht. Und wer glaubt, er könne in dieser Kirche nicht mehr mit gutem Gewissen leben, sollte soviel Charakter aufbringen, seinen eigenen Weg zu gehen.

Da die Grenze zwischen dem, was Kirche ist und was nicht mehr, nicht immer klar gezogen ist, wirken die Extrempositionen, die als solche ohnehin zu größerer Publizität gelangt sind als die Kirchen selbst, wie ein Sog, der bestimmte Strömungen innerhalb der Kirche auf sich hin lenkt: insofern drängt sich die Frage auf, ob nicht die mit großer Besorgnis registrierte Polarisierung in ihrer heutigen Form von Kräften außerhalb der Kirche bewirkt oder zumindest begünstigt wird.

Bei weitem nicht jeder, der auf Reformen in der Kirche, auf ein stärkeres kirchliches Engagement für den Frieden und für soziale Gerechtigkeit drängt, vertritt Forderungen, die sich mit der kirchlichen Lehre nicht zur Deckung bringen lassen: im Gegenteil: er vertritt damit durchaus kirchliche Positionen, und nur wenn er sie einseitig als die einzigen kirchlichen Lebensäußerungen postuliert, wenn er das Gebot der Nächstenliebe ohne seinen Zusammenhang mit dem der Gottesliebe interpretiert, stellt sich die Frage, Ob diese Haltung noch kirchlich ist. — Ähnliches gilt für sogenannte „konservative“ Gruppen: Das Eintreten für eine entsprechende Berücksichtigung von kirchlichen Traditionen, für Disziplin, für Autorität und vieles andere mehr ist legitim. Dort aber, wo man das Auge vor der — vom Lehramt legitimierten —■ Dynamik der Kirche verschließt, wo man sich n u r auf das Bewahren eurückzieht, wo man gar zum Boykott kirchlicher Weisungen aufruft, mit der Behauptung, sie sei ihrer Sinne nicht .mehr mächtig, da müssen Grenzen gezogen werden.

Man sollte nicht unbedingt unterstellen, daß solche Äußerungen bewußt eine Zersetzung anstreben. Im Gegenteil: Man darf annehmen, daß in den meisten Fällen subjektiv echte Sorge um die Kirche vorhanden ist. Derjenige, dem es wirklich um die Kirche geht, sollte zu verstehen versuchen, daß es Menschen gibt, die wirklich befürchten, die Kirche könnte mit ihren äußeren Formen auch ihr Wesen verändern; nicht jeder kann das, was er seit Kindertagen gelernt und gelebt hat, hinter sich lassen, um mit leichtem Notgepäck gläubig in eine scheinbar ungewisse Zukunft aufzubrechen, wie es Christus von seinen Jüngern verlangt hat. Auf der anderen Seite sind beispielsweise jene Geistlichen zu verstehen, die ihre Kirche um fast jeden Preis „modern“ und attraktiv machen möchten, weil sie bestürzt bemerkt haben, daß immer mehr Christen den Gottesdiensten fernbleiben, daß ihr Religionsunterricht nicht mehr „ankommt“. Für manchen Seelsorger mag die Verlockung groß sein, Gott und Kirche sozusagen im „Supermarktangebot“ anzupreisen, um im Sinne des Apostolats wenigstens ein Minimum an Glauben zu retten. Die innere Krise der Seelsorge äußert sich nicht zuletzt darin, daß der Priester in einer Gesellschaft, in der nur noch die Leistung zu zählen scheint, selbst kaum noch äußerlich meßbare Leistungen aufweisen kann. Daß viele rigorose Forderungen junger Christen typisch für eine menschliche Entwicklungsphase sind, .ist außerdem bekannt.

Hier hilft Verstehen, nicht die Verketzerung. Und Verstehen äst die Voraussetzung dafür, daß man wieder miteinander ins Gespräch eintritt. Im Gespräch, das vom gegenseitigen Vertrauen gekennzeichnet und von der Verantwortung für die gemeinsame Kirche getragen ist, würde sich vermutlich erweisen, daß die überwiegende Mehrzahl derer, die inzwischen Extrempositionen bezogen haben oder sich von ihrem Sog angezogen fühlen, als erstes doch die Kirche wollen, an der heute so viele leiden. An diesem Wollen von Kirche werden sich die Geister scheiden; die Frage muß nur klar und mit Respekt vor der Person, den Beweggründen und der Meinung des andern gestellt werden. Hier liegen Chance und Aufgabe der Kirche, ihre verwirrten Glieder wieder zu entwirren und fester an sich zu ketten. Hier allerdings werden auch die Grenzen gegenüber dem zu ziehen sein, was nicht mehr Kirche ist und sein kann, weil es nicht mehr Kirche im vollen Sinn sein will.

Es gilt, die einander widerstrebenden Strömungen in die Kirche heimzuholen und ihnen unter der gemeinsamen Verantwortung Und Sorge für die Kirche ihren legitimen Platz zuzuweisen. Ist es nicht heilsam, wenn uns innerhalb der Kirche dieser oder jener Stachel im Fleisch sitzt, der uns unruhig sein läßt wegen der vielen Unzulänglichkeiten und Halbheiten, deren wir uns als Menschen schuldig machen? Der Christ will und darf sich schließlich nicht mit grundsätzlichen Lippenbekenntnissen zufriedengeben, und so wird er beim langen Marsch durch diese Welt auf die Endzelt hin den Konkurrenten links und rechts von sich nicht als Feind betrachten, sondern als Ansporn und Ermunterung, sofern er nur auf derselben Bahn und in derselben Richtung läuft.

Zur heutigen Situation in der Kirche gibt es Parallelen. Die Zeit eines Thomas von Aquin und die eines Martin Luther kannte ähnliche Spannungen, die diese Männer unter größeren persönlichen Risiken als Gläubige und als Menschen auf sich genommen haben, als es heute üblich ist. Diese Einsicht sollte heute gerade einem Konservativen anstehen, für den die Vergangenheit lebendig bleibt, und zwar, ohne den Weg durch die Gegenwart in die Zukunft zu blockieren. Von ihm wird bei allem Bemühen um die Vervollkommnung seiner selbst und der Kirche die Gelassenheit gefordert, die auf die gläubige Zuversicht, auf die christliche Hoffnung gegründet ist, daß die Pforten der Hölle diese Kirche nicht überwältigen werden.

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