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Es gibt kein Zurück mehr

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Keiner hat das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, Kirche und Politik gründlicher durchleuchtet und darüber auch publiziert als der 'emeritierte Pastoraltheologe Klostermann. Seine Auffassungen sind anfechtbar und angefochten. Vorübergehen an ihnen kann man schwerlich. Die FURCHE stellt sie zur Diskussion.

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Keiner hat das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, Kirche und Politik gründlicher durchleuchtet und darüber auch publiziert als der 'emeritierte Pastoraltheologe Klostermann. Seine Auffassungen sind anfechtbar und angefochten. Vorübergehen an ihnen kann man schwerlich. Die FURCHE stellt sie zur Diskussion.

Die Kirche wendet sich mit Recht gegen Bestrebungen, die sie auf den religiösen Binnenraum beschränken wollen. Wenngleich sich nämlich die ihr von Jesus her zukommende Sendung „nicht auf den politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Bereich bezieht“ (Pastoralkonstitution = PK, Art. 42), hat doch die Botschaft Jesu Konsequenzen für alle diese Bereiche.

Die Kirche hat darum Recht und Pflicht, auch auf diese gesellschaftspolitischen Konsequenzen und deren Verletzung in aller Öffentlichkeit hinzuweisen, wenngleich es nicht mehr in die Kompetenz der Kirche fällt, konkrete Lösungen und Handlungsanweisungen für diese Bereiche anzubieten.

Das ist ja auch der Grund, warum Laien auch bei einer „christlichen Schau der Dinge“ und „bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage“, „wie es häufiger, und zwar legitim der Fall ist“, zu sehr verschiedenen Urteilen in diesen Bereichen kommen. In solchen Fällen hat dann niemand das Recht, die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine eigene Meinung in Anspruch zu nehmen“ (PK 43).

Vielmehr sollen die Christen „berechtigte Meinungsverschiedenheiten in Fragen der Ordnung irdischer Dinge anerkennen, und die anderen, die als einzelne oder kollektiv solche Meinungen anständig vertreten, sollen sie achten“.

Dabei „ist besonders in einer pluralistischen Gesellschaft sehr wichtig, daß man das Verhältnis zwischen der politischen Gemeinschaft und der Kirche richtig sieht, so daß zwischen dem, was die Christen als einzelne oder im Verbund im eigenen Namen als Staatsbürger, die von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun, klar unterschieden wird ... Die Kirche darf hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit in keiner Weise mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden, noch ist sie auch in irgendein politisches System gebunden ... Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom“ (PK 75 f.).

Die Begründung liefert der bekannte Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning, nach dem die Kirche wohl „die Grundsätze des natürlichen und christlichen Sittengesetzes verkünden (muß), denen der christliche Politiker und Staatsmann bei seinem politischen Handeln nicht zuwiderhandeln darf. Aber Grundsätze für politisches Handeln in dem Sinn, daß daraus abzuleiten wäre, wie politisch-konkret zu handeln ist, gibt es nicht. Grundsätze können zwar bestimmte Handlungsweisen a limine ausschließen; aus einem Grundsatz allein aber läßt sich niemals eine konkrete Folgerung, also auch ein politisches Handeln, das 'immer konkret ist, ableiten“.

Denn zum konkreten politischen Handeln gehören nicht nur Prinzipien, sondern auch „gutes fachliches Wissen und Können“ (PK 43), wofür die Kirche als solche bei der vom selben Konzil betonten Autonomie der irdischen Bereiche keine unmittelbare Kompetenz mehr hat. Darum sollten sich auch mehr christlich ausgerichtete politische Parteien (schon im eigenen Interesse) weniger auf die Kirche und ihre Prinzipien berufen, sondern vor allem politisch argumentieren.

Die Kirche aber sollte sich, soweit sie verbindlich für alle Katholiken spricht, auf die Bildung und Schärfung der Gewissen beschränken und so den einzelnen Christen und die christlichen Gemeinschaften befähigen, ihre konkreten sozialen und politischen Verpflichtungen als Christen erfüllen zu können. Die Kirche kann gewiß auch darüber hinaus zur Vorsicht mahnen, auf Gefahren aufmerksam und Lösungsvorschläge machen; aber je konkreter diese sind, desto unverbindlicher sind sie und wiegen so viel wie die Argumente, die man dafür vorbringt.

Ihre gesellschaftliche und gesellschaftskritische Aufgabe wird die Kirche um so glaubwürdiger erfüllen können, je mehr und je klarer sie selbst über den politischen Parteien angesiedelt ist und je weniger sie selbst als parteipolitische Kraft oder in deren Vorfeld in Erscheinung tritt; denn sie ist für alle Menschen ohne Unterschied der Parteien da.

„Nach unserem Verständnis kann die Kirche nicht Partei sein, nicht in einem Freund-Feind-Verhältnis zu anderen Parteien stehen. Die Kirche fühlt sich allen Menschen verpflichtet“; darum wäre auch „in einem Land, das zu 90% kathoüsch ist, eine katholische Partei kein Element der Integration, sondern der Desintegration der Katholiken“ (Kardinal-Erz-bischof Franz König).

Von daher ist es verständlich, wenn die Kirche ihre Priester und Funktionäre zur parteipolitischen Zurückhaltung in der Öffentlichkeit mahnt - vorausgesetzt freilich, daß das nicht wieder nur einseitig gemeint ist.'

Zudem ist der Kirche und ihren Gliedern nach dem Beispiel Jesu die Sorge und das Engagement für die Armen, Ausgebeuteten und Unterdrückten aller Art, der Einsatz für Menschenwürde und Menschenrecht und der aktive Widerstand gegen deren Schändung indispensabel aufgetragen.

So klar nun diese Grundsätze scheinen, so hat sie die Kirche durchaus nicht immer in der gleichen Klarheit erkannt, und sie hat daraus zu verschiedenen Zeiten auf Grund der verschiedenen Voraussetzungen und der verschiedenen Reife- und Mündigkeitsgrade ihrer Mitglieder auch sehr verschiedene Konsequenzen gezogen.

Heute finden sich nicht wenige, auch praktizierende Katholiken in allen demokratischen Parteien Europas, und zuständige Fachleute sind sich darüber einig, daß etwa die sozialistischen Parteien der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs für Katholiken durchaus wählbar sind, auch wenn sie in einzelnen Punkten eine Politik verfolgen, die mit den christlichen Grundsätzen nicht übereinstimmt oder nicht übereinzustimmen scheint, wie die skandinavischen Bischöfe sogar im Zusammenhang mit der Abtreibungsdebatte festgestellt haben; letzteres wird heute bei jeder politischen Partei schon wegen ihres innerparteilichen Pluralismus oder aus Gründen mehr oder weniger notwendiger Kompromisse gelegentlich vorkommen.

Je mehr überzeugte Christen in den Parteien tätig sind, desto mehr Einfluß, auch als Christen, sollten sie dort wahrnehmen (Erzbischof König). Sie werden freilich in keiner Partei allein sein und ihre Meinung selten ohne Abstriche durchsetzen können, ganz abgesehen vom legitimen Pluralismus auch katholischer Meinungen in Fragen der konkreten Politik.

Es ist aber zweifellos eine Heuchelei, Parteien vorzuwerfen, daß sie

„keine exponierten Katholiken in verantwortlichen Positionen haben“, solange man zugleich jeden exponierten Katholiken diffamiert, von kirchlichen Verantwortungen fernhält oder als „nützlichen Idioten“ hinstellt, der mit solchen Parteien auch nur sympathisiert, und solange man Sozialisten, die sich für ein Gespräch mit der Kirche einsetzen oder gar offen als Katholiken bekennen, unedle Absichten und „Wähler- und Christenfang“ unterstellt - ganz abgesehen von Feindbildern, ja parteipolitischer Gehässigkeit in nicht wenigen Leserbriefen christlicher Wochenzeitungen, ja selbst manchen Artikeln offizieller Kirchenzeitungen, mit denen man sich ja doch wohl an alle Katholiken wenden sollte.

Wie der einzelne Christ zum konkreten politischen Handeln verpflichtet ist, was in demokratischen Staaten nur über Parteien möglich ist, können auch katholische Organisationen zu politischen Problemen Stellung nehmen, freilich nur in Namen ihrer Mitglieder; und sie sollten sich hüten, ihre Stellungnahme als die vom katholischen Glauben her einzig mögliche hinzustellen; ja sie müssen damit rechnen, daß andere Katholiken als einzelne oder in Gemeinschaft aus dem gleichen Glauben heraus zu ganz anderen konkreten Urteilen kommen und auch diese öffentlich vertreten und zu begründen versuchen.

Ganz anders ist die Situation rein kirchlicher Organisationen wie etwa der Katholischen Aktion. Für sie gilt, solange sie kirchliche und nicht nur freie katholische Organisation bleiben will, dasselbe, was für die Kirche gilt: sie kann nicht unter dem Deckmantel ihres kirchlichen Charakters den legitimen politischen Pluralismus abschaffen und einen neuen, für

Katholiken verbindlich sein wollenden, einen und einzigen politischen Katholizismus etablieren wollen.

Manche Äußerungen von Funktionären und Teilorganisationen der Katholischen Aktion Österreichs weisen in diese Richtung. Solange solche Unklarheiten in der Praxis bestehen, wird es auch begreiflicherweise mißverständlich, wenn der Präsident der Katholischen Aktion Österreichs eine Berufung in die Reformkommission der ÖVP annimmt, wo er ja wohl nicht nur als Privatperson interessant ist.

Auch die jüngsten Bestrebungen nach einem „Nationalkomitee der österreichischen Katholiken“ können nur den Sinn haben, nun, da die Bischöfe offenbar nicht so konkret werden wollen und auch die Katholische Aktion als solche das nicht soll, daneben einen irgendwie doch verbindlichen Katholizismus für alle Katholiken zu kreieren, „das gemeinsame Wollen“ des katholischen Volks in Fragen des Strafrechts, der Schul-,

Familien- und Ehegesetzgebung „kompetent und befugt“ zu artikulieren und einen „sicheren Leitfaden“ für die Politiker jeweils zu erstellen; solche Aussagen können nur „von einem verfaßten Katholizismus kommen“.

Es ist ja auch bezeichnend, daß dieser Vorschlag ausgerechnet nach der jüngsten Wahlniederlage der ÖVP wieder forciert und ein „geeignetes Forum (Nationalkomitee) aller Katholiken und ein „österreichischer Katholizismus als eigenständige Kraft“ (FURCHE) gefordert wird..

Für das, was vom Glauben her für alle Katholiken gefordert ist, ist nach wie. vor die Kirche als solche „zusammen mit ihren Hirten“ zuständig

(PK 76). Darüber hinaus Verbindlichkeiten für alle Katholiken zu fordern, widerstrebt der christlichen Freiheit - abgesehen davon, daß sich solche Forderungen im Bereich der Politik und Wirtschaft ohnedies als immer wirkungsloser erweisen.

Offenbar gibt es kein Zurück in die alte „Sicherheit“, Geschlossenheit und Geborgenheit.-Wenn also „Katholizismus“, dann nur in Pluralität.

Was allerdings gerade in solch einer Situation unerläßlich ist, ist die Erziehung und Bildung der Christen zur Verantwortung, zur Unterscheidung des Christlichen und zur rechten Wahrnehmung ihrer mündigen Selbstentscheidung. Dies bleibt der Kirche aufgegeben. Und hier hätte auch die Katholische Aktion eine ernste, wenn auch nicht leichte Aufgabe, und sie müßte diese Grundsatzschulung für alle Katholiken leisten, in welchen politischen Parteien immer sie angesiedelt sind.

Allen müßte sie die befreiende Botschaft Jesu und ihre Konsequenzen glaubwürdig verkünden und unter Umständen sogar eine vermittelnde, die Gegensätze ausgleichende Funktion übernehmen.

Zum Ganzen vgl. N. Greinacher - F. Klostermann: „Vor einem neuen politischen Katholizismus?“ (F 1978). Hier auch die fehlenden Belege.

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