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Das Trennende - und das Einigende

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Von der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten ist nur jeder Fünfte Katholik, und von den hundert Millionen, die sich zu einer christlichen Glaubensgemeinschaft bekennen, nur jeder Dritte. Aber die Hälfte der amerikanischen Schuljugend besucht katholische Schulen; der verwirrenden Vielzahl der protestantischen Kirchen und Sekten steht die Einheit der katholischen Kirche Amerikas mit ihren über dreißig Millionen Mitgliedern in imposanter Stärke gegenüber; und der prozentuelle Anteil der Katholiken an der Gesamtzahl der Bevölkerung wächst von Jahr zu Jahr. Damit erklärt sich, wenigstens zu einem gewissen Grade, die eigenartige Problematik der protestantisch-katholischen Beziehungen in den USA. Ein protestantischer Geistlicher und Theologieprofessor, Dr. Robert M. Brown, hat versucht, in einem Aufsatz, der in der bekannten katholischen Zeitschrift „The Commonwealth“ erschienen ist, die Einstellung der amerikanischen Protestanten zum Katholizismus und ihre verschiedenen Hintergründe zu analysieren. Wir gehen diese echt amerikanisch-offenherzigen Ausführungen im folgenden auszugsweise wieder. Die „Furche“

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Von der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten ist nur jeder Fünfte Katholik, und von den hundert Millionen, die sich zu einer christlichen Glaubensgemeinschaft bekennen, nur jeder Dritte. Aber die Hälfte der amerikanischen Schuljugend besucht katholische Schulen; der verwirrenden Vielzahl der protestantischen Kirchen und Sekten steht die Einheit der katholischen Kirche Amerikas mit ihren über dreißig Millionen Mitgliedern in imposanter Stärke gegenüber; und der prozentuelle Anteil der Katholiken an der Gesamtzahl der Bevölkerung wächst von Jahr zu Jahr. Damit erklärt sich, wenigstens zu einem gewissen Grade, die eigenartige Problematik der protestantisch-katholischen Beziehungen in den USA. Ein protestantischer Geistlicher und Theologieprofessor, Dr. Robert M. Brown, hat versucht, in einem Aufsatz, der in der bekannten katholischen Zeitschrift „The Commonwealth“ erschienen ist, die Einstellung der amerikanischen Protestanten zum Katholizismus und ihre verschiedenen Hintergründe zu analysieren. Wir gehen diese echt amerikanisch-offenherzigen Ausführungen im folgenden auszugsweise wieder. Die „Furche“

Protestanten erklären, daß ihr Glaube ein .positiver' sei, und der Sinn des Ausdruckes .protestantisch' keineswegs so negativ, wie das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch klingt. ,Pro-testari', so argumentieren sie, bedeute eigentlich: eine positive Behauptung aufstellen, ein Zeugnis eher f ü r als gegen jemanden oder etwas geben. Dieses Thema wird alljährlich einmal aktuell, im Herbst, wenn die Protestanten den Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers an der Kirchentüre zu Wittenberg feiern, hernach aber kommt es in der Regel für einundfünfzig Sonntage wieder in die geistige Mottenkiste. So muß man, um ganz ehrlich zu sein, zugeben, daß eine sehr große Anzahl protestantischer Laien in völliger Unkenntnis ihres eigenen protestantischen Erbes dazu neigt, ihren Glauben negativ zu definieren: ein Protestant zu sein heiße soviel, wie nicht katholisch zu sein. Wenn manchen diese Definierung nicht recht behagt, so noch weniger die Tatsache, daß sie nicht wissen, was die positiven Feststellungen sein sollten; und wenn sie es wissen, dann ist ihnen dabei oft auch nicht recht wohl zumute. Ihre Geistlichen freilich müßten besser im Bilde sein, und sind es oft auch, aber in diesen Tagen der .Rückkehr zur Religion' ist die Religion, zu der so manche protestantische Kirche .zurückkehrt', sehr weit entfernt von der Reformation, noch mehr vom Neuen Testament. Daraus ergibt sich die Situation, daß man es sehr viel einfacher ßndet, die Katholiken mit Steinen zu bewerfen, als daß man diese Steine dazu benützen würde, ein solides Glaubensgebäude zu errichten.

In den Kreisen amerikanischer Protestanten machen sich heute die verschiedensten Arten antikatholischer Einstellung bemerkbar.

1. Da gibt es den Typus des ,Wenn-sie-dafür-sind-bin-ich-dagegen'. Zu ihm zählt der .Protestant' (ich setze die Anführungszeichen mit Absicht), dessen Energie sich in Ablehnung des Katholizismus erschöpft. Sein Glaube ist ausschließlich verneinend. Er glaubt nicht an den Papst. Er glaubt nicht an die Heiligen. Er glaubt nicht an das Fegefeuer. Er hält nichts von .Priestern' (ein Wort, das er nur in einem Ton des Entsetzens aussprechen kann). Er ist gegen Pfarrschulen. Er ist gegen die Errichtung einer Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl. Er ist gegen jeden Katholiken, der sich um ein. öffentliches Amt bewirbt. Und wenn man nicht genau weiß, wie er sich zu der einen oder anderen Frage stellt, genügt es, ihm die katholische Auffassung mitzuteilen: sofort nimmt er, instinktiv, den entgegengesetzten Standpunkt ein. Nicht so leicht ist es, den Inhalt seines eigenen, protestantischen Glaubens festzustellen. Er fühlt wohl, daß das etwas mit .Freiheit' und mit dem .Recht auf das eigene Urteil' zu tun hat, und er mag auch, in reichlich unklarer Form, über Gewissensfreiheit reden, oder gar (das wurde in letzter Zeit sehr populär) über das Recht, an eine x-beliebige Gottheit eigener Wahl zu glauben; aber all das ist nebulos, und er steht auf weit sicherem Grund, wenn er die Dinge beschreibt, an die er nicht glaubt.

2. Dann gibt es die .bigotten' Protestanten (ein Typus übrigens, von dem auch im katholischen Lager voll entwickelte Exemplare zu finden sind). Er ist beflissen in der Kunst, jeden Schmutz aufzurühren und alles ans Tageslicht zu bringen, was man den Katholiken vorhalten kann. Von .Negativismus' ist bei ihm keine Spur; im Gegenteil, er ist ein Mann von .Tatsachen', der .positiven Information'. Die Sitten-losigkeit der Renaissance-Päpste ist ihm in jedem Detail ebenso genau bekannt wie das Treiben der spanischen Inquisition; er kann über jede Torheit berichten, die mit dem unweisen Placet eines Mitglieds der katholischen Hierarchie jemals im Druck erschienen ist; von den Einzelheiten der .Propagandatätigkeit' eines jeden Kardinals bis zu den .geheimen Schwüren' katholischer Ritterschaften und einem Dutzend anderer, schreckenerregender Dinge weiß er einfach alles. Er nimmt von den Katholiken nur das Schlimmste an, und wenn ein protestantischer Glaubensgenosse einmal etwas Gutes

über den Katholizismus zu sagen hat, dann bezeichnet er ihn als .naiv'.

3. Dann haben wir den Protestanten, der für seine Freiheit fürchtet, falls die Katholiken in den USA das numerische Uebergewicht bekämen. Er hat eine Menge Material über die Lage in einigen vorwiegend katholischen Ländern, wie Spanien, Italien oder Kolumbien gesammelt, und weist auf die Rechtsbeschränkun-gen hin, die der protestantischen Minderheit in diesen Ländern auferlegt sind, ganz abgesehen von der tatsächlichen Verfolgung, der sich ein Protestant da oder dort nicht selten ausgesetzt sieht, wenn er versucht, seinem Glauben neue Anhänger zu gewinnen. Daraus wird der Schluß gezogen, daß es den Protestanten in den Vereinigten Staaten ähnlich erginge, falls der katholische Bevölkerungsteil dominierend würde.

Das ist, bedauerlicherweise, ein Gedankengang, der auch dem ruhig überlegenden Protestanten mehr zu schaffen macht als die vorher erwähnten. Denn es, mangelt nicht an Beweisen, daß in manchen vorherrschend katholischen Ländern die protestantische Minorität mitunter wirklich zu leiden hat; sogar unter offener Gewalttätigkeit. Und zudem gibt es mehr als genug Publikationen katholischer Autoren, wie das in protestantischen Kreisen wohlbekannte Buch .Katholische Grundsätze der Politik' von Ryan und Boland, in welchen angedeutet wird, daß die Katholiken, einmal im Besitz der Mehrheit in den USA, gezwungen sein würden, den Protestanten gewisse Rechte zu verwehren. Das sind Dinge, über die nicht hinwegzukommen ist, solange von katholischer Seite einfach geleugnet wird, daß sie existieren. Freilich ist eine Verständigung auf diesem Gebiet auch so lange nicht möglich, als auf protestantischer Seite die Tatsache geleugnet oder als bedeutungslos übergangen wird, daß führende Köpfe gerade des amerikanischen Katholizismus zu den Vorkämpfern für den Schutz bedrängter Minderheiten zählen; daß sie es entschieden ablehnen, die besonderen Verhältnisse in Spanien als beispielgebend für andere Länder anzuerkennen; daß sie sich offen gegen jeden Gedanken einer .politischen Machtergreifung' der Katholiken wenden; und so weiter. Solchen Stimmen wird im protestantischen Lager nur wenig Gewicht zugesprochen und daher bleibt dort die Furcht vor dem Gespenst einer katholischen Majorität bestehen.

4. Einen weiteren Grund der Furcht, und oft auch den Gegenstand eines gewissen Neides, bildet für viele amerikanische Protestanten die monolithische Struktur der römischen Kirche. Man ist überzeugt, daß da alle Teile völlig gleichartig sein müssen; daß alle Katholiken auf gleich welchem Gebiet der selben Meinung sind, und wenn nicht, daß dann ein Wort des Priesters genügt, um sie auf einen Nenner zu bringen. Man betrachtet mit tiefer Besorgnis das Bild der katholischen Organisationen, die parallel mit fast allen .regulären' Organisationen im amerikanischen Leben bestehen: katholische Veteranenvereine, katholische Schulen, katholische Spitäler, katholische Wohlfahrtswerke, und so weiter, ad infinitum; das alles, dessen ist man sicher, ist hierarchisch, eingebaut in die gewaltige Machtpyramide, an deren Spitze der Papst steht. Zum Teil wurzelt diese Besorgnis in einem uneingestandenen und sogar unbewußten Zurückschrecken vor Institutionen, die ihrem Wesen nach .undemokratisch' sind. Demokratie ist gleichbedeutend mit Freiheit, der Katholizismus ist undemokratisch, daher ist Katholizismus gleichbedeutend mit Unfreiheit oder Tyrannei — einem solchen Syllogismus begegnet man häufig, obzwar die praktische Erfahrung lehrt, daß der Katholik einem .Meinungszwang' der Art, wie der Protestant sie befürchtet, ja gar nicht kennt.

Neben den genannten Typen des amerikanischen Antikatholizismus findet sich aber noch ein anderer, und es wäre sehr wichtig für die Kaholiken, zu versuchen, ihn zu verstehen. Es handelt sich hier um den Protestanten, der im Protetantismus mehr sieht und empfindet als eine systematische Polemik gegen Rom, nämlich einen bejahenden Glauben, und der diese Religion ernst nimmt, nicht nur am Reformationssonntag, sondern das ganze Jahr hindurch. Wie sehr er auch, vom katholischen Standpunkt aus gesehen, irren mag, er selbst fühlt sich als Glied der von Jesus Christus gestifteten Kirche und verpflichtet, dieses Erbe hochzuhalten. Für ihn war die Reformation nicht eine individualistische .Revolte', sondern ein Versuch, die Lehre, die Christus durch Wort und Tat verkündet, in ihrer Reinheit wiederherzustellen. Aus dieser Ueber-zeugung heraus, und nicht aus Bigotterie, aus politischen Befürchtungen oder Eifersucht, sondern weil er dem Evangelium, so wie er es versteht, treu bleiben will, stellt er “sich gegen Aspekte des Katholizismus, die ihm der biblischen Lehre zu widersprechen scheinen. Dem Katholiken kann nicht zugemutet werden, daß er eine solche Stellungnahme gut heißt, er sollte aber wenigstens versuchen, die Ehrlichkeit des christlichen Glaubens, der ihr zugrunde liegt, zu würdigen.

Das Beste, worauf wir unter den gegebenen LImständen hoffen dürfen, Protestanten wie Katholiken, ist nicht, daß wir aufhören, verschiedener Meinung zu sein, sondern daß wir uns über die rechten Punkte einigen, in denen unsere Meinungen auseinandergehen. Das können wir nur, wenn wir beiderseits am Essentiellen unseres Glaubens festhalten, und wenn wir uns über das, was uns trennt, in christlicher Liebe auseinandersetzen. Unter diesen beiden Voraussetzungen kann es wohl sein, daß der Heilige Geist uns enger zusammenführt, als es bisher je geschehen ist.

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