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Not und Ärgernis der Ökumene

Die evangelische Christenheit der liberalen Har- nack-Zeit war mit Recht stolz auf ihre wissenschaftliche Leistung und ihr zweifelloses Ansehen an den Universitäten Deutschlands. Aber auf ihr Bekenntnis zu Christus, den Gekreuzigten, der den alten Heiden und allen Neuheiden immer Torheit bleiben wird und bleiben muß, wurde sie erst gestellt, als das nationalsozialistische Deutschland sie fragte, ob es bei der Torheit des Kreuzes bleiben soll. Und sie fand sich im Bekenntnis zum Gekreuzigten, das in der „Bar- mener theologischen Erklärung“ und bald darnach in der „Botschaft der Bekenntnissynode von Dahlem“ (beide 1934) und der Bekenntnissynode von Oehn- hausen (1936) seinen dokumentarischen Ausdruck fand. Karl Barth verweigerte als einziger Hitler den Eid und ging in seine Vaterstadt Basel zurück. Die „Deutschen Christen" blieben in der Minderheit. Wie von selbst rückte die Front der „Bekennenden Kirche" in der Abwehr des Neuheidentums neben die katholischen Volksgenossen.

Damit war „von selbst" (wie man diese heimliche Führung Gottes vorsichtig nennt), und nicht von der immer streitbaren Kontroverstheologie, die Frage des beiden Gemeinsamen, und mit ihr die Frage: Kirche von innen her gestellt. Gott selbst hatte in der Notzeit die Konfessionen „zusammengeprügelt“ (As- mussen). Uebrigblieb nach dem Krieg von der Notgemeinschaft eine freundlichere Atmosphäre. Die Frage der einen Kirche, das alte ökumenische Anliegen, erhielt, wir hoffen, nicht nur vorübergehend eine ungewöhnliche Wucht. Die innerevangelische Auseinandersetzung (Karl Barth, Rudolf Bultmann, Hans Asmussen, Max Lackmann, dieser vor allem in seiner Schrift „Ein Hilferuf aus der Kirche für die Kirche", Stuttgart 1955) wird reger, mutiger und vor allem konkreter. Die Michaelsbruderschaft (1931), Nachfolgerin des Berneucbener Kreises (gegründet 1923) sucht nach einem liturgischen Ausdruck der neu erlebten kirchlichen Gemeinschaft und des Glaubens. Man erkennt, daß die „Reformation“, von daher gesehen, eine „Deformation" bedeutet (Lackmann, Credo Ecclesiam, S. 10).

Es ist ein wirklich neues Verhältnis zwischen den Brüdern im Kommen. Was an leidenschaftlichem Mißverstehen und Anfetzungen zwischen den Konfessionen möglich ist, hat das grobianische 16. Jahrhundert für alle Zeiten abgeleistet. Auch die spätere feindselige Verachtung gilt als endgültig begraben. Die Gegenwart will auf beiden Seiten, das ist das Tröstlichste, Ernst und Verantwortungsbewußtsein. Der evangelische Kirchentag in Frankfurt am Main und der Kölner Katholikentag (1956) offenbarten keinerlei Gereiztheit. Im Gegenteil: es wurde das Gemeinsame und die gemeinsame Abwehr des massierten Atheismus als Auftrag der Stunde erkannt. Die Nachbarschaft fordert nicht mehr heraus, sie verpflichtet. Zuerst als menschliches Benehmen, als Achtung vor der Ueberzeugung und als mitteleuropäische Umgangsart. Manchmal hat man freilich den Eindruck, es müßten gerade wegen dieser Anständigkeit des Umgangs die sachlichen Unterschiede um so schärfer herausgestellt werden. „Die Aufgabe der Toleranz besteht darin, trotz der sehr wesentlichen Unterschiede die gemeinsame christliche Verpflichtung gegenüber der Oeffentlichkeit wahrzunehmen" , (Landesbischof Hans L i 1 j e, Hannover).

Religiös gesehen, ist damit wenig getan, wenn man sich im Verkehr mit den Nachbarn anderen Bekenntnisses auf Wohlerzogenheit verpflichtet weiß. Niemand wünscht, daß daran sich etwas ändere. Aber, das ökumenische Anliegen kann so auf ein honettes Stoppgeleise gebracht sein.

’Daß dies nicht geschehe, ist’ das offenbare''Anliegen der Bücher, die uns der schwäbische Pfarrer und Theologe Richard Baumann in den letzten Jahren schenkt. Er stellt in einer neuen und geistig selbständigen Weise ganz konkrete Fragen der alten Kontroverstheologie: und vor allem die heikelste, weil zentralste und notwendigste, die des Primats. Und er stellt sie an seine evangelischen Brüder. Daß er nicht allein ist mit seiner Glaubensnot, zeigt schon die hohe Auflage seiner Bücher. Die erste Schrift, „Evangelische Romfahrt", liegt bereits in

6. Auflage vor.

Inzwischen sind zwei andere gefolgt. „D e s Petrus Bekenntnis und Schlüssel“ (Schwaben-Verlag, Stuttgart, 232 Seiten) und „Fels der Welt, Kirche des Evangeliums und Papsttum" (Katzmann-Verlag, Tübingen, 452 Seiten, Preis 22.80 DM). Ausgang seiner theologischen Ueber- legungen ist der entscheidende Text, Mt. 16, 13—19: „Selig bist du, Simon, Jonas' Sohni — — Du bist Felsgrund, und auf dieser Grundfeste will ich meine Kirche bauen, die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Dir will ich die Schlüssel zur Herrschaft der Himmel geben. Und was du auf Erden bindest, wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösest, wird in den Himmeln ge- löset sein." Und er fragt seine evangelischen Mitbekenner: „Gilt dieses Evangelium heute? Vielmehr: Sind wir Evangelischen diesem Evangelium gehorsam?" Luther nennt diese Stelle „weitaus das beste Stück und der Hauptspruch in dem Evangelium, wie es Matthäus beschreibt". Und Richard Baumann setzt hinzu: „Wir Evangelischen sollen mit Luther überzeugt sein, daß im Hauptspruch Gottes Wort vorliegt. — Es geht um Gottes Wort und um den Gehorsam aufs Wort" („Des Petrus Bekenntnis", S. 11). Und er selbst bezeugt diesen Gehorsam auf das Wort Gottes im Alten und im Neuen Bund. Und wenn Baumann Theologen zitiert, ist das nur evangelische Theologie. Er ist in ihr gut daheim. Und er kennt die Theorien, durch welche sie mit diesem Text fertig zu werden versuchte. Aber in dieser Stelle fundiert der Herr selbst die Verfassung der kommenden Kirche. „An einem Verfassungssturz oder Sturz der Grundordnung könnte nur der Feind sich freuen, demgegenüber Christus Seine feste Burg gebaut hat“ (S. 60). Und Baumann geht alle auf Petrus bezüglichen Stellen der Schrif durch, immer mit der Exegese evangelischer Kommentare, und faßt das Ergebnis mit Zitat aus der Enzyklika „Ueber den mystischen Leib" von Pius XII. zusammen, um die ungesagte Uebereinstimmung aufzuzeigen.

Aber es bleibt das Aergernis, das vorausgesagte Aergemis. „Bildet der Fels den Fels Christus, der Knecht seinen Herrn ab, so nimmt er teil an Jesu Los, als unbrauchbar weggeworfen zu werden“ (S. 97). Und das Wegwerfen offenbart die Not. „Die Frage nach dem Haupt der Kirche ist unsere Not ... und das ist die Krankheit der Glieder, an der die Kirche nachgerade zu sterben droht, daß sie nicht auf die Weisungen des Hauptes hören, sondern auf fremde Weisungen." (Martin Niemöller, zitiert S. 99.) „Wir kommen am Fels nicht vorbei" (S. 99). „Allen prote stantischen Abschwächungsversuchen gegenüber kann nicht bezweifelt werden, daß die Stelle Matthäus 16 die feierliche Proklamation des Petrus enthält", eine Grundanschauung, „auf der sich folgerichtig das katholische Kirchensystem erbaut hat“ (Otto Pfleide- rer in „Das Urchristentum", 2. Auflage, 1902, zitiert

S. 107).

„Die Schlüsselgewalt ist wirklich eine Gewalt... Es geht hier um eine geistliche Führung, und zwar in einem Sinn, der in der Tat nicht weniger umfassend ist als für das Papsttum“ (Freiherr v. Campenhausen, zitiert S. 114). „Ueber Raum und Zeit, hörten wir, bleibt die Kirche des Neuen Testaments in Einem Mann auch sichtbar als die Eine bis zur Vollendung der Zeit" (S. 121). Felsharte Tatsache der Geschichte ist es: „So, nämlich durch die auf den Fels gebaute Kirche, hat dei gegenwärtige Herr Seine Macht vom Himmel auf Erden erwiesen. Oder war diese Kirche eine von Menschen? Die Frage muß gestellt werden: und ist heute gestellt." — „War sie bis zu Luthers Tauf tag, am 11. November 1483, aus Gott — oder von Menschen? An Pfingsten erstand sie als der Leib Christi, als ,der Christus' auf Erden. Eftdete dieser, ehe Luther auftrat, oder durch sein Auftreten? War die Kirche jemals in 1900 Jahren von den Höllenpforten überwältigt?" (S 146).

Ist die Kirche auf den Fels gegründet oder ist das Papsttum „vom Teufel gestiftet” (S. 154 f.), wie der alte Luther sich selbst überschrie? So scharf und unausweichlich formuliert Richard Baumann die Frage an seine Glaubensbrüder. Und er stellt das ernste Bemühen der evangelischen Theologie, „das Ungeheure, Himmel und Erde Bewegende, was an und durch Luther geschehen ist“ (S. 1601, zu verstehen, in den wichtigsten Stimmen zusammen. Und wir sehen staunend, daß sie selbst bisher kein einheitliches Bild ihres Gründers aufweisen kann.

Aber Luther spricht auch ein Ja zum „Fels aus Gnade und Barmherzigkeit“, und Baumann fügt hinzu: „Ja, bei diesem biblischen Ja sollen wir Söhne der Reformation unseren geistlichen Vater festhalten“ (S. 171). Das Erlebnis der christlichen Einheit in der Notzeit, in der die evangelischen Christen, genau so wie die Katholiken, die Papstrundschreiben „Mit brennender Sorge" verbreiteten, und die gemeinsamen Märtyrer dieser Zeit verpflichten. „Uns Ueberleben- den ist Frist gegeben, daß wir dem König der Wahrheit in Seinem Wort und Werk uns stellen und das ganz ungespaltene Ja geben Ihm, der nicht Ja und Nein war“ (S. 198). Er schließt mit der Gewissensfrage: „Ist die Kirche des Neuen Testamentes Petrus in seinem Amt unterstellt — was hindert uns, Gott in Seinem Wort und Werk recht zu geben?" (S. 228).

In seinem dritten und umfassenden Werk „Fels der Welt, Kirche des Evangeliums und Papsttum“ drängt Richard B a u m a n n immer mit Argumenten der evangelischen Theologie auf eine Entscheidung. Wir lasen, sagt er, bisher Paulus mit den Augen Luthers. Die Auffächerung der Theologie brachte es, daß die notwendige Revision von einem dem anderen zugeschoben wurde. Er durchgeht nun die gesamte protestantische Exegese zu Johannes 21 („Weide Meine Lämmer ..."). Vierzehn Theologen gestehen: „Die Einheit und Einigkeit der Herde ist die Haupt sorge des scheidenden Hirten. Hier wird Petrus mit der Leitung der Kirche, der Gesamtkirche, betraut. Er ist Oberhirte in der Zeit zwischen der Auffahrt des Herrn bis zu Seiner Wiederkehr. E i n Hirt und eine Herde.“ Nach Matthäus 16, 18 f., ist der Primat über die Gesamtkirche ausgesprochen, das „Recht der Gemeindeleitung und der gemeindlichen Gesetzgebung“: der Teilnahme an der Vollmacht Jesu; der Disziplinargewalt. Er ist legitimer oberster Leiter der christlichen Gemeinschaft, stellt Baumann mit Berufung auf evangelische Theologen fest, gegen den „Erbsauerteig falscher Tradition“ (S. 166). Dieser Primat wurde in einer Stafette der Ordinationen weitergegeben bis zur Stunde. Der Hirt der Kirche wird nach Christus immer nur der Eine sein.

Aber: „Dann verschwand plötzlich der Eine und das ,Wir' (die Pfarrer) sind da" (S. 180). Das ist Luthers Werk, wenn er 1522 sagt: „Ebenso sollten wir auch billigerweise Petrusse heißen, weil wir den Felsen Christus erkennen" ‘(S. 185). Wenn der alternde Luther lärmt, „daß der wahrhafte Antichrist sitzt im Tempel Gottes .. . und der römische Hof des Satans Synagoge und Schule sei" (S. 187), fragt Baumann: „Hat der Doktor der Heiligen Schrift Jesus, den König, Seine Sache sagen lassen, als Sein Wort gestern und heute und allezeit?“ (S. 191). „Auf die Frage, ob Luther habe den Herrn Seine Sache sagen lassen und ob er die im Evangelium bezeugte Gotteswirklichkeit durch die Geschichte hindurch bejaht habe, ist vielleicht sowohl mit Nein wie mit Ja zu antworten. Geschichtswirksam wurde das breite Nein. Das ja ist kaum noch als Schatten vorhanden. Diese Offenbarung Jesu Christi ist wie aus dem Sehfeld Luthers verschwunden. Seine Netzhaut hat hier einen toten Fleck“ (S. 192).

Die Nachkriegssynoden von Amsterdam (1948) und Evanston (1954) sind Aufrufe zur Einheit, zur Buße, Ausdruck des Scaridalums, der Zerrissenheit. „Die Kirchenlosigkeit wird offenbar." „Denominationen“ beraten: „Wir proklamieren hier kein Dogma. Wir reden als Mensch zu Menschen" (Evanston, Dokumente 1954, 51). Und Richard Baumann fügt zu diesem Bekenntnis hinzu: „Das ist freilich etwas, das mit dem ersten Konzil der Kirche, dem Apostelkonzil, Apg. 1,5, nichts mehr gemein hat" (S. ,268). Der deutsche Kirchenkampf offenbarte die Not- : wendigkeit einer übergreifenden, unbedingten geistlichen Autorität. Ein den Konfessionen gemeinsames Gebet von damals begann: „Wir gedenken der hei- lichen christlichen Kirche (Einzahl I) unter allen Völkern .. .“ (S. 292). Das bedeutete Reformation der Reformation (S. 289). Die Mauer aber steht wieder. Aussteht „der Sprung mit Gott' über die Mauer" (S. 299). „Die wahre Rechtsgestalt der Kirche kann nur Eine sein“ (S. 343), und er bringt am Schluß von führenden Protestanten Zeugnisse einer Hoffnung auf den Sprung über die Mauer.

Wie schwer es bei ehrlichstem Willen 1st, die Mauer, an der 400 Jahre gebaut haben, zu überspringen, wird deutlich in dem veröffentlichten Briefwechsel zwischen einem katholischen und einem kal- vinischen Geistlichen in dem Buch „Dennoch Brüder, Katholisch-protestantische Begegnung“ (übertragen von Irmgard Vogelsanger-De Roche, Verlag H. Böniger, Zürich, 213 Seiten). Zwischen dem Kanonikus Leon Christiani, früher Professor am Institut catholique in Lyon, und dem evangelischen Pfarrer Jean Rilliet, derzeit Pfarrer der französischen Gemeinde in Zürich, die einander als Militärgeistliche kennen und schätzen gelernt hatten, kommt es zu einem zwischenkonfessionellen Briefwechsel über die Frage: „Wo beginnt das, was uns trennt, wo hört das auf, was uns eint?“ (S. 14). Auf diese Frage wird von beiden Seiten mit voller Offenheit, Eindeutigkeit und Wahrhaftigkeit eine Antwort gesucht. Nach einem einleitenden Geplänkel kommen sie überein, an Hand des gemeinsamen apostolischen Glaubensbekenntnisses die beiderseitigen Standorte klar zu umreißen, ohne „Toleranz", ohne jeden unsauberen Synkretismus. Eine wertvolle Bestandaufnahme der wirklichen, nämlich der wirksamen Unterschiede. Es stellt sich oft heraus, daß der gleiche Wortlaut verschieden verstanden oder aus einer vierhundertjährigen Gewordenheit verschieden empfunden wird. Die wörtliche Gemeinsamkeit ist oft so stark, daß man mitten im Text nachblättern muß, wer von den beiden hier seine Meinung äußert. Der Wert dieses Briefwechsels und sein Ergebnis (soweit man sachlich und hinsichtlich der Zuständigkeit davon reden kann) liegt darin, daß 1. einmal zwei in der Seelsorge Tätige, unter der Not der Ge- spaltenheit Leidende, ohne Auftrag, nicht nur ihr Bekenntnis, sondern auch die weit wirksameren Gegenstimmungen offen, aber in brüderlicher Liebe aussprechen. 2. Daß dabei die Vorstellung offenbar wird, „die wir uns auf der einen und auf der anderen Seite von der Einheit und Wahrheit machen".

3. Welch gefährlicher Pharisäismus es ist, die Schuld, daß es zur Trennung kam, allein auf die „Häretiker" und „Schismatiker" abzuwälzen. 4. Daß wahrscheinlich der Weg zur Einheit primär nicht die Aufgabe des Standpunktes, sondern die Vertiefung des Glaubens, die Liebe und das Gebet ist. Grund: die „subjektive Wahrheit". 5. Dann erst haben Konferenzen und gemeinsame Kongresse Aussicht und Wert. 6. Als trennend wird in diesem Meinungsaustausch deutlich: die Beurteilung der Reformation und ihrer Begründer; eine Spannung zwischen überbetonter Freiheit des Gewissens und der Ueberzeu- gung (die kennen an sich auch die Katholiken), und ihr gegenüber die Sorge Nummer 1: die Wahrheit. Auch Sätze, wie etwa: „Das Evangelium enthält auch nicht ein Wort über eine pontifikale Nachfolge, welche die Privilegien des Petrus allein auf Rom übertragen hätte" (Rilliet, S. 136). Ueberlegungen, wie sie Richard Baumann als Protestant für unausweichlich hält, sind da noch ausständig. 7. Hoffnung darauf gibt eine Feststellung: „Wenn ein Protestant gewisse Behauptungen der Reformatoren für übertrieben hält, wenn er glaubt, daß Luther und Calvin die Heilige Schrift schlecht verstanden haben, kann er auf seine Verantwortung hin eine andere Haltung einnehmen" (Rilliet, S. 37 f.). Weder Luther noch Calvin sind unfehlbare Autoritäten (S. 39). 8. !n den „fundamentalen Wahrheiten“ besteht weithin Ueber- einstimmung. (Diese Unterscheidung lehnt die Kirche ab.) 9. Ueber Verschiedenheiten, die in dieser Auseinandersetzung beiseite blieben (Marien- und Heiligenverehrung, die Wesensverwandlung, Primat, Zölibat und andere), ist ein zweiter Band angekündigt mit dem Titel: „Stein des Anstoßes." — Und wieder die Mauer: „Wahrscheinlich wird die Mauer, die sich zwischen uns erhebt, durch unseren Briefwechsel nicht umgestürzt, aber wir werden sie doch weniger hoch empfinden“ (Rilliet, S. 19). Das ist ein Schlußurteil über das Buch.

Um Luther im Wortlaut weitesten Kreisen zugänglich zu machen, bringen der bekannte evangelische Theologe Helmut Gollwitzer und K. G. Steck (in der Fischer-Bücherei, Frankfurt-Hamburg, 207 Seiten) eine Auswahl heraus als „Bekenntnis eines tief angefochtenen Menschen, über das, was ihn bedrängte, und über das, was ihn errettete", mit dem Zweck, „über konfessionelle und historische Schranken hinweg" die Persönlichkeit des Reformators an seinen eigenen Zeugnissen verstehen zu lassen. — Auffällt Gollwitzers Klage, daß trotz der hundert lexikonstarken Weimarer Gesamtausgabe von Luthers Werken und ungezählter kleiner Auswahlen und Sonderdrucke, und trotz der mit Kail Barth einsetzenden Lutherrenaissance Luther selbst, vom kleinen Kreis der Theologen abgesehen, nicht gelesen wird. Seine Bekenner nehmen das Bild über ihn aus zweiter

Hand. — Die Auswahl ist chronologisch geordnet und sucht seinen Werdegang weiten Kreisen darzutun. Nur Luthers Selbstzeugnis aus dem Jahre 1545 ist an die Spitze gesetzt.

In der Zeit dieser Auseinandersetzung ist ein

Buch, das von W. H. van de Pol, „Das refor-

matorische Christentum“ (Benziger. Einsiedeln,

450 Seiten. Preis 19.80 sfr.), von höchster'Aktualität. ' Der VerfffIsfer, ’ selber ursprflftglKli 1 va'ii‘ge1iščKel‘ Theologe, versieht zur Zeit an der katholischen Universität in Nimwegen die Lehrkanzel über das refor-

matorische Christentum. Der Zweck dieses Werkes ist, jedes Gespräch zwischen den Konfessionen in korrektester Sauberkeit auf die Wahrheit und auf die Tatsachen zu verpflichten. Die Zeiten einer Auseinandersetzung und Begegnung, wie sie sich zwischen Martin Luther und seinen Gegnern begab, die, geschichtlich zuverlässig, zuletzt Grisar präsentierte, sind vorbei. Nur das sachliche Gespräch soll das

Wort haben. Und wenn schon ein Gefühl mitredet,

dann darf es nur die glühende Liebe zur Wahrheit und die beiderseitige Trauer und Beschämung darüber sein, daß wir 400 Jahre nicht imstande waren, das Gebet de Herrn zu erfüllen „ut omnes unum sint".

Dieses Buch erstellt für d’e Katholiken dafür eine Voraussetzung: die sachgerechte Kenntnis des Gesprächspartners. Der phänomenologische Vorgang seiner Darstellung ist in diesem Tatsachenbericht besonders am Platz. Das Phänomen des reformatorischen Christentums wird in seinen Ursachen, seinem Entstehen, seiner Entfaltung, in seiner Vielfalt, seiner Typik und seinem Wesen, in der Spannung zwischen der subjektiven, alogisch erfaßten Offenbarung und der aus ihr hervorgehenden Glaubensbereitschaft dargestellt. „Was uns als katholische und reforma- torische Christen voneinander scheidet, ist nicht der Glaube an Christus als den menschgewordenen Gott und Seligmacher: diesen Glauben haben wir miteinander gemeinsam. Was uns voneinander unterscheidet, ist der Glaube an die Kirche als eine übernatürliche sakramentale Wirklichkeit in .mystischrealem, seinshaftem Sinn'. Ein reformatorischer Christ, der zur vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche zurückkehrt, tut dies nicht deshalb, weil er die .Reformation' nicht begriffen hätte; er tut es, weil er die katholische Kirche als die eine, sichtbare, zugleich übernatürliche Wirklichkeit erkennt und annimmt, die vom Evangeliiun vorausgesetzt wird, auf die es sich bezieht und auf die es den Menschen hinweist" (S. 448).

Die eine heilige Kirche ist heute das Gebetsanliegen, das vorläufig alle christlichen Bekenntnisse eint. Eine Woche im Jahr wird das besonders deutlich: Zwischen den Aposteltagen vom 18. bis 25. Jänner. Die Not der Klärung wird aber bis in die einzelnen Dörfer und Familien dringlicher, als sie es früher sein konnte. Die geschlossen konfessionelle Siedlung oder die getrennte Rechtsstellung innerhalb eines Staates ist vorbei. Nicht nur der Verkehr, die ständige Binnenwanderung stellt Tag für Tag den einzelnen vor Fragen, und er muß entscheiden. Zürich, aus dem im 16. Jahrhundert alle Katholiken bis auf den letzten ausgetrieben wurden, hat heute mehr als 100.000 katholische Bekenner. Der katholische Vorort Luzern hat mit einem Viertel der Bewohner Protestanten. Die Aussiedlung und Austreibungen nach dem letzten Weltkrieg haben die Konfessionskarte vor allem in Mitteleuropa völlig über den Haufen geworfen. Toleranz ist keine Lösung und endet bei der Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?" Die Mission rivalisierender Christen macht Christus zum Aergernis und zum Gespött. Die vorliegenden Bücher, allei Rabin das schwer empfunden und sind daran, ihren Teil beizutragen, Aergernis und Not zu beheben.

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