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Die Gefährdung der Theologen

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Gestehen wir es gleich, daß die Kirche die Theologen benötigt und daß diese keineswegs abzuschaffen sind. Aber sie haben im Christentum schon von allem Anfang an auch Unfug getrieben, und der Historiker kann zuweilen kaum erkennen, ob von ihnen mehr Gutes oder Böses gekommen ist.

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Gestehen wir es gleich, daß die Kirche die Theologen benötigt und daß diese keineswegs abzuschaffen sind. Aber sie haben im Christentum schon von allem Anfang an auch Unfug getrieben, und der Historiker kann zuweilen kaum erkennen, ob von ihnen mehr Gutes oder Böses gekommen ist.

Sicher ist es, daß kaum eine Kirchenspaltung stattgefunden hat, die nicht entweder durch die Botschaft von Theologen der auch mit deren Segen in Szene gesetzt wurde. Und wenn es nicht die fürchterlichen Risse im nahtlosen Rock Christi waren, so ist doch ihre Schuld an den tiefgehenden Verwirrungen der Geister und Herzen, die im Schöße der Kirche periodisch stattfinden, völlig offensichtlich. Und das gilt nicht nur für heute, sondern auch für die Jahrhundertwende mit dem Altmodernismus, für die Zeit der Früh-und Spätaufklärung, das 17. Jahrhundert mit dem fatalen Jansenismusstreit, für das 16. Jahrhundert mit den Schwarmgeistern von Münzer bis Rockelzoon, aber auch für die ganzen ersten anderthalb Jahrtausende der christlichen Geschichte, gekennzeichnet durch nie abreißende Krisen. Doch sollten in der Vergangenheit nicht nur die geistigen Aktivitäten der Theologen kritisch ins Auge gefaßt werden, sondern auch ihr Schweigen, wenn Schweigen keineswegs geboten war, wie etwa in der Zeit der Inquisitoren.

Wie sieht aber nun die existentielle Problematik der Theologen aus? Sie sind vordergründig Intellektuelle, das heißt: geistig Schaffende, also (zumeist) Männer, die schöpferisch sein wollen. Um aber im geistigen Bereich schöpferisch zu wirken (oder auch nur schöpferisch zu erscheinen), muß man „originell“ sein, muß man also Gedanken aus-drüeken, die entweder »och-nie-feeäußert wurden oder vielleicht auch — wiewohl in zweiter Linie — schon „Dagewesenes“ in sehr neuer Gestaltung und Beleuchtung bringen. Die reine Kompilation hat zwar intellektuellen, nicht aber schöpferischen Charakter.

Nun aber liegt im Schöpferischen ■ grundsätzlich ein göttlicher Zug des Menschen, eine Fähigkeit, die innere Freude bringt, aber, wie jede Gottähnlichkeit der Erdenkinder, von großen Gefahren begleitet wird, darunter die Überheblichkeit, der Übermut und eine spezifisch männliche Schwäche: die Eitelkeit. (Frauen sind nicht eitel, sondern gefallsüchtig.) Nicht nur die Künstler, sondern die geistig Schaffenden überhaupt, vor allem aber Gelehrte sind in der Regel eitel wie die Katzen, was sich übrigens zumeist auch negativ auf ihren Sinn für Humor auswirkt. Gegen diese Gefahren, diese Versuchungen gibt es nur ein Mittel: die Frömmigkeit.

Es ist zudem aber auch so, daß schon der Laientheologe, viel mehr aber noch der geistlich beamtete Theologe mit oder ohne Professur in der Öffentlichkeit für die Kirche spricht — gleichgültig, ob er sich nun dessen bewußt ist, oder nicht. Die Augen des Publikums schweifen neugierig von ihm zum Lehramt und dann wieder zu ihm zurück. Es ist ihm schon von daher das „sentire in ecclesia“ (das Denken in der Kirche), zumeist als „sentire cum ecclesia“ (das Denken mit der Kirche) falsch zitiert, aufgetragen.

Diese „Einfühlung in die Gedankenwelt der Kirche“ setzt seiner Originalität, seinem schöpferischen Drang ganz bestimmte Grenzen. Diese Einengung, dieser Rahmen, den er nicht überschreiten darf, mag ihm zuweilen Kummer verursachen. In der Vergangenheit kamen als Sanktion unvermeidliche Bannstrahlen des Magisteriums, und so endete manches theologische Drama mit Apostasie oder mit grämlichem, kaum verdautem Ärger und mit einem Berg von Manuskripten, die traurig in Schreibtischladen vergilbten.

Zu allen Zeiten hat es bitter enttäuschte Theologen gegeben, und solange Kirchen Kirchen bleiben und nicht zu Schwätzergenossenschaften degradiert werden, wird sich das nicht wesentlich ändern. Mit der gesteigerten Nachsicht des kirchlichen Lehramts im letzten Viertel unseres Jahrhunderts ist die Sachlage nur insoweit eine andere geworden, als dem einzelnen schöpferischen Theologen eine noch viel größere Verantwortung aufgebürdet wird, über die er sich unglücklicherweise nicht immer im klaren ist. Wem nicht gleich energisch widersprochen wird, der glaubt sich leicht im Recht.

Mit anderen Worten: Der Theologe hat es persönlich schwerer als die übrigen originalen Denker. Er ist existentiell frei, aber auf der anderen Seite ganz stark gebunden, wie alle jene, die weit oben stehen. Auch ein absoluter Monarch kann alle Macht in Händen haben und doch viel gebundener sein als ein Kutscher oder Kanalräumer. Die Aussagefreiheit des Theologen ist auch durch die Autorität seiner Kirche weniger begrenzt als durch den überlieferten Glaubensschatz (depositum fidei), der ihn in ganz bestimmte Schranken weist.

Dazu kommt noch die menschliche Rücksicht auf die einfachen Gläubigen, die der Theologe nicht unnötig verwirren, verunsichern oder beunruhigen darf. Sie blicken zu ihm auf, sie betrachten ihn zu Recht oder Unrecht als „Autorität“. Das laute Gerede über den „mündigen Christen“ ist recht und schön — es gibt ihn wirklich hie und da —, aber die große Masse besteht aus theologischen Kindern, und da gilt das Jesus-Wort: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde“. Als ich zum letztenmal Köln besuchte, fand ich ein handgeschriebenes Gedicht an der Türe der Marienkirche kleben. Es war von einer simplen Seele an die Adresse der Abbruchskommando-Theologen gerichtet und machte in seiner Schlichtheit auf mich einen tiefen Eindruck. Der geistigen Eitelkeit dürfen nun einmal keine Menschenopfer gebracht werden!

Sollte das alles nun heißen, daß der Theologe nur ein Papagei sein darf, der auf jedes originale Schaffen verzichten muß? Keineswegs. Aber er soll sich auch daran erinnern, daß der Meister sich vor allem in der Beschränkung zeigt. Zwar muß er oft lästige Begrenzungen in Kauf nehmen, doch steht er einer besonders schwierigen Aufgabe gegenüber, die ihm eigentlich größeren Ruhm und Ehre bringen könnte als den ungebundenen Denkern in den anderen Disziplinen. Wer über das Liebesleben der Ohrwürmer schreibt, braucht sich keinen Zwang anzutun. Dasselbe gilt auch für die Kunst. Es hat aber zum Beispiel gerade in der Malerei immer wieder Leuchten gegeben, die „technisch“ behindert waren und Größeres und Bleibenderes geschaffen haben als jene, denen alle Mittel zur Verfügung standen. So hat sich Egon Schiele im Ersten

Weltkrieg an Stelle einer Leinwan mit Packpapier begnügen müssen.

Also hat der Theologe doch ei Handicap? Einen „engeren Rahmen“? Zweifellos. Auf die Freiheit, die in viel größerem, aber moralisch keineswegs unbegrenztem Maßstab einem Philosophen, einem Dichter, einem Biologen, einem Psychologen zusteht, muß der Theologe verzichten. Es hat ihn ja schließlich auch niemand gezwungen, Theologe zu werden. Die Kirche ist nun einmal ein Kreuz inmitten dieses Tales der Tränen, und rein aus Spaß wird man weder Pfarrer noch Ordensmann, Nonne, Diakonissin oder eben auch — Theologe, der sich unter anderem um die „heiligen Geheimnisse“ bemüht. Dienst in der Kirche und an der Kirche ist Fron voller Enttäuschungen, Rückschläge und vitaler Einschränkungen. Zu beneiden in der Kirche sind jene, denen dieses Joch nicht schwer auf den Schultern liegt, wobei es die Theologen allerdings noch am leichtesten haben. Missionsschwestern in der Lepra-Station, Pfarrer an der Großstadtperipherie oder im böse verstockten Dorf — das ist sicher ein härteres Schicksal.

Was tut aber der Theologe, der nach bestem Wissen und Gewissen glaubt, von der Lehre seiner Kirche abweichen zu müssen, der sich an den entsetzlichen „Dogmen“ stößt? Da entsteht manchmal tatsächlich ein Gewissenskonflikt, der dann durch das Odium Theologicum, den Neid und die Eifersucht opponierender oder hetzender Kollegen, womöglich noch vertieft wird. Es kommt der Augenblick, da der Theologe sich die Frage stellen muß, ob er die Lehre seiner Kirche vertreten will oder nur vor allem seine eigene Glorie anstrebt. Hat er denn auch unbedingt recht? Ist er allein erleuchtet und hat seine Kirche bis dato in Finsternis gelebt? Ist er selber unfehlbar — und dabei kaum geneigt, die Unfehlbarkeit anderer Institutionen anzuerkennen?

Es gibt natürlich Fälle, in denen nichts als ein Bruch übrigbleibt, das (wahrscheinlich irrige) Gewissen keinen Ausweg mehr zuläßt und der Austritt aus der Kirche die sittlich einzig annehmbare Lösung darstellt. Aber wie selten ist das wirklich der Fall! Wie oft gleitet da der gute Theologe von der männlichen Eitelkeit in die weibliche Gefallsucht hinüber. Nur zu oft begegnen wir diesem Übel heute im Zeitalter der Massenmedien: andersgläubige Meinungen verursachen viel mehr Aufsehen als Bestätigungen uralter Lehrsätze. Ein Priester, der sich zur Abwechslung für die Tele-Kamera einen Betonkragen umhängt und dann zur Erbauung des staunenden Publikums einen Libertinismus verzapft, wobei er mit seinem offenen Rundmaul wie ein von einer Sexwelle überwältigter Karpfen aus sieht, ist wahrscheinlich erfolgreicher als ein evangelischer Bischof — wir haben einen solchen in Österreich —, der in der Abschlachtung der Ungeborenen die Einladung zu einem neuen Auschwitz sieht.

Nun, der Applaus der Damen, die Schlagzeilen in der Presse, die Waschzettel der Verleger, die flimmernden Bildschirme; der Jubel des von Kierkegaard so verachteten P. T. Publikums, das alles verführt so manchen, zum Glück aber bei weitem nicht alle Theologen. Was heute vor allem verführt, ist der Einbruch des Weltlichen und Zeitlichen in die stille Studierstube des Theologen, der dann, viel zu häufig den Büchern und vor allem dem Zwiegespräch mit Gott entfliehend, sich verzückt und selbst-entzückt an den Hals der Öffentlichkeit wirft.

Der Aion, dieses biblische Wort, das Welt und Zeit zugleich bezeichnet, ist es, das den Blick so mancher Theologen trübt, die dann Eintagstheologien am laufenden Band produzieren. Doch die Welt ist nun einmal, wie uns Maritain schon vor langer Zeit verriet, eine Welt Gottes, des Menschen und des Teufels. Daher auch die steten Warnungen Christi, Pauli und des Johannes.

Das himmlische Vaterland ersetzt uns aber die Welt keineswegs, und auch die Kirche ist in ihr nur eine Pilgerin. Das sind Binsenwahrheiten, die selbst dem einfältigsten Christen und nicht nur dem Doktor der Theologie einleuchten sollten.

Doch sind im Herzen und im Sinnen so vieler Theologen nicht nur das unentschuldbare Verlangen, von der Welt anerkannt zu werden, wirksam, sondern auch noch zwei andere, vielleicht verzeihlichere Faktoren: die ehrliche Angst, daß die Kirche den Anschluß an die Welt und die Zeit versäumen könnte, und der naive Glaube, daß der Aion mit all seinen Ideologien, Strömungen, Parteien, Philosophien und „Denkmodellen“ doch so viele Wahrheiten und Erkenntnisse beherbergt, daß die Kirche von ihm in aller Bescheidenheit lernen müsse. Die Kirche habe eben kaum mehr ein Recht, zu „missionieren“. Nun endlich hat die Welt (und die „Menschheit“) das Wort. Nicht die Kirche soll, geleitet vom Heiligen Geist, mit ihren Lehren und Gnadenschätzen das Gesicht der Erde verändern, sondern der Aion soll mit seinen zeitgemäßen Prinzipien und Wissenschaften — wie Demokratie, Atomphysik Sozialismus, Psychoanalyse, Biologismus, „Mitmenschlichkeit“, Libertinismus und „soziale Gerechtigkeit“ marxistisch-gulagistischer Couleur — die Kirche umgestalten.

Kaum scheint es diesen „trojanischen Eseln in der Stadt Gottes“ in den Sinn zu kommen, daß eine solche Kirche nicht nur ihre Faszination für die Menschen verlieren würde, sondern daß jene, die guten Willens sind, an Stelle einer desakralisierten und despiritualisierten Kirche ebensogut völlig weltlichen Organisationen beitreten könnten — dem Roten Kreuz, der DKP, der TJNESCO, dem Tierschutzvereih oder den Jusos. Die wollen doch sicherlich alle das Beste! Kurioserweise will aber die Welt mit allen ihren Schwächen, mit ihren satanischen Aspekten und ihrem Materialismus in der Kirche einen Fels sehen und keinen synthetischen Schaumgummischwamm.

Eines ist sicher: Was heute absolut modern ist, wirkt morgen garantiert veraltet. Die typischen Vertreter der Angleichungstheologie haben zudem das Pech, daß sie dank ihrer ridi-külen geistigen Spätzündung den Baum anbellen, nachdem das Kätzchen schon längst weg ist. Das kommt davon, wenn man im Schlepptau des Aion einhersegelt! Der stete Wechsel läßt auch die Gemüter nicht zur Ruhe kommen: Theologiestudenten wissen oft nicht mehr, was, wie und wem sie glauben sollen. Man erinnere sich, daß noch gestern christliche Pazifisten dem Henker ihre Kehle boten, doch heute predigt man zwanglos das Schädeleinschlagen. Theologie der Gewalt! Theologie der Befreiung! So haben wir in .der Christenheit heute zur Abwechslung den Kult von Guerillapriestern oder von schwarzen Terroristen.

Was wollen nun eigentlich einige ,;»jasarer. Theologen außer, jpolitisstoi 'Nachtgebeten mit Vietkongfahnen? Einen allmächtigen Staat, der alle Produktionsmittel besitzt, plus eine Quasikirche mit Mehrheitsherrschaft, Modetorheiten, von photogenen Hierarchen geführt, eine Kirche, die mit Begriffen wie Erbsünde, Teufel, Auferstehung, Tugend, Gehorsam, Askese, Ehre und Ehrfurcht, Übernatur, Jungfauengeburt, ewiges Leben, dem Numinosen und vor allem mit dem Heiligen gründlich aufgeräumt hat? Wollen sie ein Christentum ohne „Amtskirche“? Da gilt das Wort von Ida Görres, die in ihren Nocturnen richtig gesagt hat: „Es gibt nichts Destruktiveres als Christentum ohne Kirche“.

So viele Theologen beklagen sich über die Maulkörbe, die ihnen die Kirche im Prinzip gerne umhängen möchte, aber sie vergessen eben, daß die Theologen zu allen Zeiten in der Kirche und an der Kirche gelitten haben. Wer glaubt, daß es Thomas von Aquin leicht gehabt hat, wer vergißt, was Johannes vom Kreuz, was Ignatius, was Newman zuni Teil auch in Gefängnissen gelitten haben, sollte einmal in der Kirchengeschichte darüber nachlesen. Kein kirchliches Leben ohne Tränen! Viele der positiven Ideen der Reformkatholiken sind erst hernach angenommen und verwirklicht worden.

Die Tragödie der theologischen Halbwelt liegt aber hauptsächlich in der Problematik, des Intellektuellen mit schöpferischem Drang und allen seinen Versuchungen. Beim Theologen ist, dank der zentralen Wichtigkeit seiner Materie, die Verantwortimg besonders groß, und schon daher sind für ihn Frömmigkeit, Meditation und Gebet von zentraler Wichtigkeit. Vernachlässigung seines Glaubenslebens verunsichert den Theologen in geradezu unheimlichem Ausmaß. Gerade ihn versucht der Dämon besonders gerne, was ja auch Luther auf der Wartburg erfuhr. Theologie handelt, wie das Wort besagt, primär von Gott, aber auch von seiner Schöpfung und seiner Kirche, der man in Treue und Liebe verpflichtet ist. Die „Gotteslehre“ kann eigentlich nur auf den Knien, in Ehrfurcht gedacht und gelehrt werden. Geschieht das aber heute?

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