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Die Jungen haben Angst vor Überforderung

Es sollen einige Gedanken festgehal- ten werden, die zugleich sehr behut- sam ausgesprochen werden müssen, denn der Priesterberuf ist und bleibt ein Geheimnis.

Die Kirche ist immer in Bewegung, ob wir es wollen oder nicht. Sie geht auf die voile Enthüllung des Reiches Gottes zu, ist das pilgernde Volk Got- tes, deshalb entspricht Stillstand nicht ihrem Wesen, sie hat immer einen Schritt über das Bestehende zu tun.

In der Zeit vor dem Konzil konnte man in der Kirche vor allem einen ver- schlossenen Tresor sehen, der das fiberlieferte Gut zu bewahren hatte. Es brandeten auch ungeheure Anstürme an, die heute kaum mehr abgemessen werden können: Reformation, Aufklä- rung, Modernismus. Jeder verschlos- sene Tresor hat aber natürlich auch sein Rišiko.

Das Konzil fand es fur richtig, den Tresor zu öffhen und damit ein neues Rišiko einzugehen. Das Geheimnis schien entschleiert. Es ist bezeich- nend, daß gerade an der nun verstandlichen Kultsprache soviel Kritik jener ansetzt, aie sich mit dem Konzil nicht befreunden können.

Nach dem Konzil wurden wieder einige Angriffe lebendig, die sich zuvor am verschlossenen Tresor nur die Köpfe wundgeschlagen hatten. So wurden vor allem der transzendente Charakter der Kirche und ihre sakra- mentale Leibhaftigkeit in Frage ge- stellt. Ich meine damit, daß gar nicht von Kirche zu reden ist, wenn man nicht davon ausgeht, daß sie eine übematürliche Gabe ist; wer von Kirche redet, kann sich das Reden von Gott nicht ersparen. Zugleich mufi sie greifbar, spürbar, von Menschen mit Fehlem und ihren Höhenflügen als Ursakrament erfahrbar sein. Daß nun der transzendentale Charakter und die sakramentale Leibhaftigkeit befragt werden, ist sicher auch berechtigt. Denn es widerspricht der Würde des Menschen, ihm folgenreichste Aussa- gen einfach bloß hinzustellen und jede Frage zu verbieten.

Der transzendente Charakter der Kirche und ihre Leibhaftigkeit sind noch nicht so erregende Fragen, wenn es etwa um äußere Formen geht, so bei der Gestaltung von Gebäuden und Or- ganisationen. Bei den Sakramenten wird die Šache schon erregender. Ge- schieht wirklich etwas? Oder sind sie nur Hilfen psychologischer und histo- rischer Ari?

Betriebsunfall der Heilsgeschichte?

Noch erregender wird es, wenn es um das Ursakrament geht, die Kirche. 1st sie ein Grab Gottes, ein Betriebsunfall der Heilsgeschichte? 1st sie zu tei- len in Amtskirche und Liebeskirche? Wozu gibt es sie eigentlich? Am erre- gendsten wird es, wenn es um das menschliche Schicksal des Priesters geht. Er hat eine Lebensentscheidung getroffen und muß deshalb verständ- licherweise aufschreien, wenn ihm der Zweifel an den Grundlagen dieser Lebensentscheidung kommt.

Deshalb gibt es ein enges Geflecht zusammenhängender Fragen. Wenn der transzendente Charakter und die sakramentale Leibhaftigkeit fraglich werden, dann mfissen auch viele andere Bezeugungen kirchlichen Lebens auf einmal Probleme werden, schwer werden, vergessen oder abgeschafft werden: etwa die Anbetung, das opus operatum, die Marienverehrung, der Ernst der Eucharistie. Man wird selbstverständlich fragen, ob nicht die Kirche eine bloß soziale Funktion habe, die Anbetung eine bloße Reflexion über die mitmenschlichen Bezüge sei, ob es dann noch tunlich sei, daß der Priester äußerlich gekennzeichnet ist. Völlig unverständlich, ja unwürdig erscheint der Zölibat. Es ist dann auch nicht einzusehen, daß das Priesteramt auf Lebensdauer gegeben sein soll. Und schließlich scheint es nicht mehr erklärlich, warum die Gemeinde vom Amt her gebildet werden soll und nicht eher aus eigener Verantwortung mit Wahl ihrer Funktionäre. Man muß sich völlig klar sein, daß es hier um zwei verschiedene Konzepte geht.

Nicht nur aus Funktionen

Der Geist Gottes aber wirkt überall. Sein Atem weht und man weiß nicht, woher. Auf einmal gibt es in jüngster Zeit die verblüffende Wahrnehmung, daß Gemeinde einfach nicht zustande kommt, wenn es nur einen, wenn auch gut ausgebildeten Funktionär, einen Könner verschiedener theologischer Kenntnisse und pastoraler Fertigkeiten gibt. Die verblüffende Wahrnehmung besteht, daß irgendwo ein Mensch sein muß, der in Amt, Beauftragung und auch in seiner Lebensform darstellt, daß dieser Geist, aus dem allein Kirche existieren kann, un- verfügbar ist. Es braucht also den demütigen Wahrer, damit zu erkennen ist, daß der Geist Gottes gegeben wird und nicht von uns erzeugt wird. Oder anders herum gesagt: Die Gemeinde entsteht nur zu einem Teil aus den Funktionen und kann mit einer bloßen Wahrnehmung der Funktionen gar nicht leben.

Die ersten Jahre nach dem Konzü brachten einen Ansturm durch eine scheinbar vom Konzil geöffnete Bresche. Priester revoltierten, viele verließen ihr Amt, sehr viele Katholiken konnten nicht verstehen, warum etwa der Papst, verwundet und geschlagen von einer brodelnden Unruhe, mit Hartnäckigkeit am Zölibat festhielt Die vorgebrachten Argumente für dessen Aufhebung wirkten überzeugend, seine Verteidigung lahm und defensiv. Doch allein schon dieses zähe Festhalten erweckte in immer mehr Nachdenklichen die Frage, ob hier nicht deshalb Widerstand geleistet würde, weil instinktiv gefühlt wurde, daß doch mehr auf dem Spiel stünde als die Bewahrung oder Aufhebung des Gesetzes des Zölibats.

Doch der Wind war ungünstig. Als Spätfolge des Krieges, als Ausfluß verschiedener Philosophien wuchs die normative Kraft des Faktischen. Soziologie und Psychologie wurden von manchen wie Glaubens quellen verehrt. Sehr bald wurden sie für viele zum allein möglichen Betrachtungsmuster. Heute scheinen sie jedoch wieder ein wenig zurückgerückt und abgelöst zu sein durch neue - vor allem politische — Systeme der Selbsterlösung. Diese neuen Systeme nehmen auf jenen Stühlen der heutigen Gesellschaft Platz, die zuvor leergefegt wurden. Wenn Emanzipation, Engagement und Kritik den Rang von Selbstwerten erlangen, ohne sich die Frage gefallen zu lassen, wofür man sich denn nun engagiert hat, wohin man sich nun emanzipieren und für welchen Wert man Kritik üben sollte, dann sind sie Wegbereiter dafür, daß sehr wohl in dieses Vakuum neue Systeme und Ideologien stoßen können. Es könnten religionshafte Systeme höchster Grausamkeit sein. Beachtenswertist in diesem Zusammenhang der in vielen pädagogischen Bestrebungen zu beobachtende Abbau des Geschichtsunterrichtes. Wurzeln werden abgesägt und neue Blüten verheißen. Doch das sind nur mehr Kunstblumen.

Ein Tiefpunkt wurde etwa um 1970 herum erreicht. Zugleich dürfte es die Krisis gewesen sein: Der Tiefpunkt bestand in der Sicht des Priesters allein vom Funktionalen her. Er ist der Mann, der gewisse pastorale Fähigkeiten und Tätigkeiten anbietet. Der Priestermangel wurde zum Hebel der Pression, um den Priester des Geheimnisses der Berufung zu entkleiden und zum bloßen Funktionär zu machen. Mit einer gewissen Überraschung konnte man registrieren, daß auf einmal, nachdem man sich zunächst bemühte, den Priester weniger als Kultperson zu sehen, nun die Priesterweihe in möglichst großer Zahl gefordert wurde, wobei aber in Wirklichkeit wohl an die Abschaffung der gültigen Vorbedingungen gedacht war. Diese Ansicht geistert auch heute noch in lustloser Heftigkeit weiter herum.

Der Gedanke des vir probatus könnte das Signal einer Wende gewesen sein. Es wurde festgehalten, daß die probatio unverzichtbar ist, die Bewährung. Nicht nach den erworbenen Fertigkeiten wurde zunächst gefragt, sondern eher nach Zeugnisschaft eines entschlossenen Lebens. Die Idee des vir probatus wurde nicht verwirklicht. Zugleich stellten sich auch weitere Fragen - etwa, wer denn die probatio ausspreche. Damit war man wieder am Bischof angelangt, am Spüren des Volkes und am Glaubensmaß der Kirche.

Nach diesem toten Punkt setzte in den letzten Jahren eine neue positive Anreicherung ein: Spiritualität ist wieder gefragt, auch die emotionale Kirchenerfahrung. Man gewann wieder Sinn für das „zwecklose” Fest; eine tiefere Nachdenklichkeit über die eigentlichen Lebensquellen der Gemeinde setzte ein. Man dachte nach, wonach eigentlich die Zahl der Priester zu bestimmen sei und man wurde ein wenig betroffen von dem Gedanken, ob sich nicht ein neuer Klerika-, lismus eingeschlichen habe, der dem

Volk Gottes eigentlich sehr wenig zutraut und nur gebannt auf die Priesterzahl hinschaut. Dies verdichtet sich zur Frage, ob es nun nicht etwa einen zweiten Anlauf brauche, um die einseitig klerikale Kirche zu überwinden, nachdem scheinbar der erste Anlauf des Konzils nicht gereicht hat.

Ein Nachbeben ist zumindest in einigen Ländern in den letzten Jahren zu registrieren: Man kann allenthalben hören, daß die Laientheologen voll den Priester ersetzen könnten und man gab sich der Hoffnung hin, daß mit der sinkenden Zahl der Priester die Zahl der anderen Berufungen wachsen würde. Beides aber wurde sehr bald als irrig erkannt.

Es ist nun wohl nicht schwer, die Schlußfolgerung zu ziehen: Eine Diözese wird Priester haben, wenn sie Transzendenz und sakramentale Leibhaftigkeit will. In diesem Sinn hat sie jene Priester, die sie verdient. Aber es ist eine Wechselbeziehung vorhanden: Wie kann die Transzendenz und die sakramentale Leibhaftigkeit zur allgemeinen Atmosphäre werden, wenn es so wenig Priester gibt, wie es heute bereits der Fall ist? Und wie können hinreichend neue Priester werden, wenn es diese neue Atmosphäre nicht gibt? Beides muß angegangen werden. Vor allem ist der pragmatische Hebel anzusetzen, daß junge Leute den Mut haben, diesen Beruf zu ergreifen.

Die Situation des heutigen Priestermangels ist nüchtern anzusehen und abzusehen. Vor allem um 1980 wird es in Österreich sehr besorgniserregende Zustände geben, wenn die starken Priesteijahrgänge der letzten Zeit vor dem Weltkrieg aus dem Dienst ausgeschieden sind. Optimistische Zahlenkunststücke mit Prozentberechnungen helfen uns nur wenig.

Besonders groß ist bei jungen Leuten die Angst vor der Überforderung. Sie zucken zurück vor der Erwartung, daß sie alles können sollen, es wird ihnen eingeredet, daß sie von Ort zu Ort rasen werden, um zu konsekrieren, sie merken die Abgehetztheit vieler Seelsorger, die kaum mehr Zeit zu einem guten Gespräch, zur Besinnung und zur Meditation haben und gerade aus diesem Zeitmangel in sehr zeitraubende Beschäftigungen stürzen, die auch öfter ihr Herz besetzen.

So erklärlich diese Erscheinungen sind, so gehen sie doch immer irgendwie von der Vorstellung aus, daß wir allein und nur wir allein es seien, die die Kirche noch in Gang halten. Und noch eines müßte dann auch gesagt werden: Gibt es nicht mitunter eine kleine Psychose mit einem ständigen Reden von der Überlastung? Mitleid ist gut, Selbstmitleid aber hat sein Gift.

Hier sind die düsteren Prognosen verschiedener Fachleute nicht ganz schuldlos. Sie gehen vor allem an einem vorüber: Sie übersehen die gnadenhafte Antwort der Gemeinden. Es wird noch immer zu sehr ein Priesterbild gezeigt, in dem der Priester allein den Karren schiebt. Daß auf seine Wahrung und Verkündigung der un- verfügbaren Botschaft die Gemeinde sehr wohl antwortet und auch noch mehr antworten kann und ihm in ihrer Geisterfülltheit viel an Entspanntheit und Ruhe geben kann, wird verschwiegen. Wie gesagt: Wir tun noch immer so, als würden wir Priester allein die Kirche machen.

Für den Neubau

So scheint es, daß nun schon viele Baumaterialien für einen Neubau herbeigeführt sind:

Das Volk Gottes hat ein gutes Selbstbewußtsein gefunden. Die Pfarrgemeinderäte sind etwa dafür ein Ausdruck. Es gibt wieder die Emotion- ohne sie ist Begeisterung und wohl auch die Be-geist-erung nicht möglich. Es ist nur zu beten und zu hoffen und zu sorgen, daß die Charismatiker ihre Weltbezogenheit finden und bewahren und nicht isolierte Inseln in der Kirche werden, sondern Oasen.

Eine neue Kirchlichkeit scheint Bahn zu brechen. Man mag den Papst wieder und vielleicht auch die Bischöfe. Unsere Priesterstudenten ringen um eine demütige Profilierung. Und geschenkt möge es uns werden, daß die jungen Priester und Theologen in einer Diözese vom Volke Gottes wieder geliebt werden. Ich denke, die Kirche wird wieder vertrauender.

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