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Priester - was bedeutet uns das?

1945 1960 1980 2000 2020

Die unlängst vorgebrachte harte Kritik an der Priester- und Theologenausbildung (FURČHE 24/1986) empfindet der zuständige Bischof als „verletzend“ und teils „nicht verständlich“.

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Die unlängst vorgebrachte harte Kritik an der Priester- und Theologenausbildung (FURČHE 24/1986) empfindet der zuständige Bischof als „verletzend“ und teils „nicht verständlich“.

FURCHE: Herr Bischof, in einem Interview wurde jüngst Kritik an der Priester- und Theologenausbildung geübt. Sehen Sie als der zuständige Referatsbischof der Österreichischen Bischofskonferenz die Lage in diesem Bereich auch so kritisch?

BISCHOFJOHANN WEBER:Seit längerer Zeit bin ich Referent für die geistlichen Berufe, für die Semi- narien und Theologischen Fakultäten in Österreich. Ich glaube, die Verhältnisse ziemlich genau zu kennen. Natürlich hat jeder Bischof seine eigene Verantwortung, aber aus der Kenntnis, die ich habe, muß ich sagen, daß ein hochqualifiziertes Bemühen in allen Seminarien besteht. Die Anforderungen an diesen Lebensweg sind sehr groß und eine große Herausforderung. Natürlich sind damit auch jene besonders angespannt undherausgefordert, die hier Verantwortung tragen. Es wird immer notwendig sein, den Ausbildungsweg zum Priester zu verbessern, aber es ist im Prinzip schon sehr viel geschehen und geschieht ständig weiter.

FURCHE: Ist den nun erhobenen Vorwürfen bereits Kritik im kleineren Kreis, etwa im Gespräch mit Ihnen, vorangegangen?

WEBER: In dieser Weise ist mir die Kritik das erste Mal bekannt geworden. Wir sind ständig im Gespräch miteinander, aber vielleicht sind diese Vorwürfe nicht immer direkt und zuerst - wie es bei Matthäus empfohlen wird - an jene gerichtet worden, die die Verantwortung tragen. Mit mir wurde darüber nicht gesprochen.

FURCHE: Bisher ist nicht deutlich geworden, ob sich die Vorwürfe gegen bestimmte Seminare und Fakultäten richten oder pauschal gemeint sind. Müßte eine konstruktive Kritik nicht etwaige Mißstände ganz konkret beim Namen nennen?

WEBER: Hier ist wirklich jeder Diözesanbischof für seine Diözese verantwortlich. Von der Sache her und auch vom Kirchenrecht werden ihm die Seminare ganz besonders ans Herz gelegt, und eine konkrete Schwierigkeit muß eben in der konkreten Diözese behandelt werden.

FURCHE: Ist die Aussage, Prie- sterseminare dürften „nicht länger Therapiestationen für Leute sein, die krank sind oder krank werden sollen", nicht ein sehr ernster Vorwurf, da ja Diözesanbischöfe laut Kirchenrecht Sorge dafür zu tragen haben, daß kranke Menschen nicht Priester werden?

WEBER: Mir ist der Sinn dieses Satzes nicht verständlich, und ich glaube, man kann diesen Satz einfach nicht annehmen.

FURCHE: Haben Sie den Eindruck, daß man in den Seminaren und an den Fakultäten durch die jüngste Kritik verunsichert ist?

WEBER: Wenn eine solche Sache laut wird, und sie hat ein gewisses Echo gefunden, dann ist es natürlich schon verletzend, wenn man so etwas hört, aber ich möchte es auch nicht allzu hochspielen. Es wird immer so sein, daß eben Leute verschiedene Meinungen haben.

FURCHE: Sehen Sie, unabhängig von der aktuellen Kritik, Bereiche in der Priester- und Theologenausbildung, die einer dringenden Reform bedürfen?

WEBER: Es ist so, daß die Priesterausbildung ständig neu bedacht werden muß, weil sich ja die Zeiten sehr rasch ändern. Wir haben ja nicht einen Einheitstyp von jungen Leuten, der durch alle Jahrzehnte gleich ist. Die Anforderungen der Seelsorge ändern sich. Wir stehen zum Beispiel vor der ganz ernsten Aufgabe: Wie können wir junge Leute gut avisbilden, die dann in der Seelsorge oft sehr ausgesetzt sind? Sie kommen nicht mehr in ein geschütztes Milieu, wenn es das jemals gegeben hat, und vor allem haben wir durch den Priestermangel auch den Umstand, daß junge Priester sehr früh in verhältnismäßig große Pfarren kommen. Wie können wir sie also ausbilden, daß sie diesen neuen Anforderungen - oft in einer Umgebung, die scheinbar Gott nicht braucht - gewachsen sind? Das sind die großen Themen, die wir ständig miteinander überlegen und beraten.

FURCHE: Wie sieht denn gegenwärtig die quantitative Entwicklung beim Priestemachwuchs aus?

WEBER: Es herrscht, wie gesagt, in jedem Seminar und in jeder Diözese eine sehr große Bemühung. Aus den diözesanen Seminarien gehen heuer 31 Weltpriester hervor, dazu kommen 23 Ordenspriester. Es waren schon weniger, trotzdem können wir über diese Zahl nicht ganz froh sein, denn wir sehen zugleich den Mapgel durch die große Überalterung und durch die vielen neuen Aufgaben. Ich nenne nur ein Beispiel: Allein in unserer Diözese sind seit dem Krieg 40 neue Pfarren gegründet worden. Es gibt weitere Aufgaben, die besser angegangen werden müssen. Heute ist der Priestermangel schon eine sehr schwierige Sache.

Dazu kommt aber etwas ganz Entscheidendes: Die Zahl und die Wertschätzung der geistlichen Berufe ist ein deutliches Barometer für den Zustand einer ganzen Region, über Österreich hinaus. Wie weit sind wir als ganze Diözese, als ganze Kirche auf dem Weg, immer tiefer in die Kraft und in die Herrlichkeit des christlichen Lebens hineinzugehen, immer tiefer das Geheimnis Gottes auszuloten? Wie weit ist unsere Diözese eine betende Diözese? Das sind die unumgänglichen Voraussetzungen, daß geistliche Berufe überhaupt wachsen können.

FURCHE: Die nächste ordentliche Bischofssynode 1990 wird sich mit der Frage der Priesterausbildung befassen. Werden Sie, Herr Bischof, Österreich in Rom vertreten? Sind die Lineamenta, das erste Vorbereitungspapier dafür, hierzulande schon gründlich unter die Lupe genommen worden?

WEBER: Der Titel der Synode 1990 lautet: Priesterbildung unter den heutigen Umständen. Es geht auch um die Weiterbildung, aber primär um die Ausbildung. Wichtig ist der Beisatz: unter den heutigen Umständen. Wobei eine Synode nur große Richtlinien geben kann, weil die Kontinente, die Mentalitäten, alle verschieden sind. Ich bin von der Bischofskonferenz zum Delegierten gewählt worden, diese Delegation bedarf, das war immer so, noch der Bestätigung von Rom. Die ist noch nicht gekommen, aber es Hegt das erwähnte erste Arbeitspapier vor, und dort wird ausdrücklich gewünscht, daß es möglichst breit beraten wird, und bis Ende Oktober 1989 müssen die Rückmeldungen erfolgen.

Ich habe dieses Papier schon einer sehr großen Anzahl von kompetenten Personen aus dem Priester-, Ordens- und Laienstand gegeben, und wir treffen einander jetzt in verschiedenen Gruppen, um unsere ersten Anmerkungen, Verbesserungen für diese Lineamenta anzubringen. Es kommt dann im Frühjahr noch das direkte Arbeitspapier für die Synode selbst.

FURCHE: Herr Bischof, erwarten Sie, daß die Priesterausbildung in nächster Zeit Gegenstand einer intensiven Auseinandersetzung sein wird? Sollte hier auch eine karte innerkirchliche Debatte nicht gescheut werden?

WEBER: Ich möchte, daß sie viel mehr ins Gespräch kommt, aber nicht allein in Expertenkreisen, sondern daß ein Erwachen durch das österreichische Volk geht: Was ist das eigentlich, der Priester? Wir sehen das viel zu sehr nur funktional. Was kann er tun, und was kann ein anderer tun? Haben wir genug, haben wir zu wenig? Ich glaube, daß die innere Herausforderung des Priestermangels noch kaum verstanden wird. Es gibt zwar viele Pfarren ohne einen Priester am Ort, aber das sind meistens kleine Pfarren, und es trifft in Summe einen relativ kleinen Teil der Katholiken. Es werden dann doch alle „Verrichtungen“ - wie Begräbnisse, Taufen, Messen - gehalten, und dadurch ist das noch nicht so im Bewußtsein drinnen.

Ich glaube, es muß einErwachen- und das soll ruhig eine harte, intensive Diskussionzwischen denen, die direkt verantwortlich sind, sein - im ganzen Volk Gottes geben: Was bedeutet das? Im Denken der Kirche, in der Aussage der Schrift? Wir haben Hirten, die nicht bloß etwas tun, sondern geweiht sind, und wir brauchen solche Hirten, wir brauchen diese Zeugen Christi, wir brauchen diese Jünger des Herrn, die einiges verlassen, um ihm nachzufolgen und damit auch ein Zeichen des Reiches Gottes zu sein.

Vorläufig ist, glaube ich, die Sorge noch nicht tief genug drinnen in den Menschen, und sie wird auch nicht tief genug geführt, weil man vor allem fragt: Haben wir einen Priester, haben wir keinen, was müssen wir jetzt tun? Das sind wichtige Dinge - aber was ist das Wesen des Sakramentes der Priesterweihe? Hier wünsche ich mir eine intensive und von mir aus auch harte Diskussion.

Du Gespräch mit dem Grazer Diözesanbischof führte Heiner Boberski.

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