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Einfachheit ist nicht Stillosigkeit

Aus mehrstündigen Gesprächen, die Hans Winkler mit Bischof Egon Kapellari geführt hat, ist ein Interviewband entstanden, der sich auch als Bilanz anlässlich der bevorstehenden Emeritierung Kapellaris lesen lässt. Nachstehend Auszüge aus dem Buch.

Hat Papst Benedikt XVI. durch seinen unvorhergesehenen Rücktritt sein Amt entmystifiziert und um seine spezielle Aura gebracht, wie manche, auch Kardinäle, kritisiert haben?

Egon Kapellari: Wir hatten uns an eine Ausprägung des Papstamtes gewöhnt, die stark symbolisch überhöht war. Diese Ausprägung hat aber, wie jede andere, nur einen begrenzten Spielraum. Papst Benedikt hat durch seinen Amtsverzicht diese Linie der Überhöhung unterbrochen. Ein Papst muss vor allem die Kirche leiten, ohne durch ein langfristiges Leiden daran gehindert zu sein.

Es klingt sehr suggestiv, wenn der neue Papst von einer "armen Kirche für die Armen“ spricht. Was kann das bedeuten?

Kapellari: Papst Franziskus hat das Thema Armut der ganzen Kirche mit Nachdruck sozusagen auf den Tisch gelegt, und wir dürfen es nicht mit Interpretationskünsten wieder wegreden. Aber interpretieren müssen wir es jedenfalls, auch beginnend bei unserer eigenen Situation. Wir sollten zuerst einmal fragen: Was heißt Armut für mich, für jeden von uns konkret? Kann ich über soziale Gerechtigkeit in Österreich und global glaubhaft reden, wenn ich nicht zugleich bereit bin, meine privaten Mittel, die auch ein Priester hat, sozial einzusetzen? Darüber hinaus müssen wir als Christen aber beharrlich an einer Verbesserung wirtschaftlicher und sozialer Strukturen im Dienst von Gerechtigkeit und auch Liebe mitarbeiten. Freilich braucht man dazu nicht nur viel Idealismus und Altruismus, sondern auch viel ökonomische Sachkompetenz. Gut gemeint muss da nicht schon gut sein.

Der Papst hat den Namen des Franz von Assisi gewählt. Sie haben gesagt, dieser Heilige werde oft in seinem Wesen missverstanden. Gibt es verborgene Wahrheiten über ihn?

Kapellari: Franz von Assisi würde uns heute wohl nicht raten, die Liturgie möglichst ärmlich zu gestalten. Er hat zum Beispiel verlangt, dass die Kelche kostbar seien und dass für die Altartücher schönes Leinen verwendet werde. Er wollte keine liturgische Armut mit einem Hang zur Schäbigkeit. Das Konzil hat für die Liturgie die berühmte Formel geprägt, dass der Ritus den "Glanz edler Einfachheit“ haben soll. Einfachheit heißt nicht Stillosigkeit.

Was sagen Sie den meist älteren Christen, die sich an einem Wochentag oder einem gewöhnlichen Sonntag zur Feier der Eucharistie versammeln und feststellen, dass sie immer weniger werden? Wie sollen die nicht mutlos werden?

Kapellari: Diese treuen Christen sollten eine Blickumkehr vollziehen und sagen: Wir stehen oder knien bei diesem Gottesdienst stellvertretend auch für alle anderen: für die anderen, die nicht kommen können oder nicht kommen wollen. Auch auf sie hat Christus in der Taufe seine Hand gelegt, und er zieht sie nicht zurück, auch wenn sie sich vom ihm entfernen. Für sie feiern wir stellvertretend die Eucharistie entsprechend einem Wort im Hochgebet: "Wir danken dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen.“ Und wir feiern die Eucharistie nicht nur für die ganze Kirche, sondern stellvertretend auch für die ganze Menschheit, pro totius mundi salute.

"Reform“ ist zu einem fast magischen Wort in der Kirche geworden. Wie könnte eine echte Reform aussehen?

Kapellari: Eine alte und unbestreitbare Redensart spricht von der Kirche als ecclesia semper reformanda und sagt, dass die Kirche immer Reformbedarf hat. Das ist aber nicht immer und überall gleichermaßen dringlich. Ich halte nicht jede Ungeduld, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Kirche artikuliert hat, für prophetisch. Manches erscheint mir eher als ein Reflex im Dienst einer zeitgenössischen political correctness. Im Ringen um Wünsche und Forderungen zur Veränderung der Kirchenverfassung habe ich immer wieder gesagt, dass Widerstand gegen Reformwünsche prophetisch sein kann, auch wenn solche Wünsche und Forderungen bei Meinungsumfragen durch große Mehrheiten unterstützt werden.

Wenn hierzulande heute über das Thema Priester gesprochen wird, dann kommt man sehr rasch auch zum Thema Zölibat. Ist das Lebensmodell des sogenannten Weltpriesters, der allein und unverheiratet in einem Pfarrhof lebt, noch zeitgemäß?

Kapellari: Mit dem Leben im Zölibat folgt der Priester der Lebensform Jesu Christi. Der Zölibat Christi, der auch von Paulus gelebt wurde, ist der Hauptgrund, warum sich in der Kirche schon sehr früh eine Strömung gebildet hat, die den Zölibat nicht nur als guten Rat, sondern als Gebot für Geweihte festgelegt hat. Es wird heute meistens verdrängt, dass der Zölibat schon im 4. Jahrhundert da und dort als Pflicht vorgeschrieben war. Er wurde also nicht erst, wie immer wieder behauptet wird, im Mittelalter vorgeschrieben.

Sie gelten als ein führungsstarker Bischof. Was ist überhaupt Führung in der Kirche? Einem Pfarrer kann man ja wenig anschaffen, und absetzen kann man ihn auch nur schwer. Sie mussten in manchen Fällen auch öffentliche Maßregelungen aussprechen.

Kapellari: Nicht wenige Priester jeder Generation waren Helden und Heilige. Auch heute gibt es weltweit einige solcher Priester. Von uns hierzulande wird viel weniger verlangt. Aber die Einhaltung zivilgesellschaftlicher Standards betreffend unseren Lebensstil, betreffend unser Geld und Gut, betreffend unser Verhältnis zwischen Freizeit und Dienstzeit und betreffend unsere Bereitschaft, sich weiterzubilden und mit unserer Gemeinschaft Kirche über alles individuelle Temperament hinaus solidarisch zu sein, erwarten von uns nicht nur die meisten Katholiken, sondern auch viele ethisch sensible nichtchristliche Angehörige der Zivilgesellschaft.

In der katholischen Kirche sind Frauen von Weiheämtern ausgeschlossen. In den Kirchen der Reformation können sie sogar Bischöfinnen werden. Wie erklären Sie das jemandem, der kritisch anfrägt?

Kapellari: Ich verstehe, dass viele Menschen nicht begreifen, warum das nicht möglich sein soll. Wenn ein Bischof im deutschen Sprachraum nicht für die Priesterweihe von Frauen eintritt, begegnet er oft mindestens emotionalem Widerstand auch in der eigenen Kirche. Ich halte mich aber klar an die Vorgaben des kirchlichen Lehramtes. Die Päpste haben mit der ihnen aufgegebenen lehramtlichen Autorität und keineswegs in Geringschätzung von Frauen erklärt, dass eine Weihe nicht möglich ist. Das kann man nicht einfach als irrational abqualifizieren. Eine an den Anfang zurückreichende ununterbrochene Tradition der katholischen Kirche und aller Kirchen des Ostens ist der Überzeugung, dass die Kirche von Jesus Christus her keine Vollmacht hat, das zu tun. Der Priester als Mann wird in dieser Tradition als jemand gesehen, der in persona Christi - wie Thomas von Aquin es ausdrückt - die Eucharistie leitet. Er repräsentiert dabei den menschgewordenen Gottessohn Christus und ist als solcher nicht ersetzbar. Das Christentum ist keine Naturreligion, sondern eine Religion der Heilsgeschichte. Es glaubt also an einmalig Geschehenes. Daran stoßen sich immer wieder Zeitgeist und Weltgeist.

Darf man Bischof werden wollen?

Kapellari: Im Ersten Timotheusbrief des Neuen Testaments steht der Satz: "Wer das Amt eines Bischofs anstrebt, der strebt nach einer großen Aufgabe.“ Einen Priester, der heute nach dem Bischofsamt strebt, sollte man aber sehr kritisch anschauen und ihn einladen, dies auch selbst zu tun.

Kann man "Bischof lernen“?

Kapellari: Niemand weiß längere Zeit vorher, dass er Bischof werden wird; auch die darüber Entscheidenden wissen es nicht. Man tut in einer Diözese aber gut daran, die Gesamtkompetenz des Presbyteriums zu fördern, sowohl betreffend die Gaben des Herzens als auch die Gaben des Intellekts und die Gabe zur Bewältigung praktischer Aufgaben. Nur wenn dieser Pool in einer Diözese einigermaßen gefüllt ist, findet man neue Bischöfe, Generalvikare, Leiter von Priesterseminaren, Bischofsvikare und so weiter.

Gibt es Pläne, die nicht angegangen worden sind?

Kapellari: Viele Wünsche und Sehnsüchte, die auf zentral Religiöses zielen, wurden nicht erfüllt und bleiben weiter offen. Sie hängen an der biblischen Frage: "Wird der Menschensohn noch Glauben finden, wenn er kommt?“ Diese Frage wird uns weiter begleiten, und große Erfolge wird es in naher Zukunft wohl nicht geben. Ich denke da oft an ein Wort von Martin Buber: "Erfolg ist keiner von den Namen Gottes, aber brennendes Feuer ist einer seiner Namen.“

Egon Kapellari • Was kommt? Was bleibt?

Gespräche an einer Lebenswende

Styria 2013, 191 Seiten, geb., € 19,99

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