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Corona

Kirche - © Foto: iStock/coldsnowstorm
Religion

Kirchen im Lockdown: "Wir waren und sind da"

1945 1960 1980 2000 2020

Viele hatten das Gefühl, im Lockdown sei auch die Kirche verschwunden. War dem so? Wie hat sich Seelsorge verändert? Und was spendet Trost? Gabriele Eder-Cakl, Pastoralamtsleiterin der Diözese Linz, im Gespräch.

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Viele hatten das Gefühl, im Lockdown sei auch die Kirche verschwunden. War dem so? Wie hat sich Seelsorge verändert? Und was spendet Trost? Gabriele Eder-Cakl, Pastoralamtsleiterin der Diözese Linz, im Gespräch.

Was ist systemrelevant? Diese Frage wurde oft gestellt im vergangenen Jahr der Pandemie – und die Antworten waren für die christlichen Kirchen nicht allzu erfreulich. Mit dem Ende der öffentlichen Gottesdienste schien für viele die gesamte Kirche aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden. Seit vergangenem Sonntag sind nun – unter strengen Hygieneauflagen – wieder Gottesdienste möglich. Doch was bedeutet all das für die Seelsorge und für die Rolle der Kirchen in der Krise?

Die FURCHE hat darüber mit Gabriele Eder-Cakl gesprochen, seit 2017 Direktorin des Pastoralamts der Diözese Linz, das für die Planung der diözesanen Seelsorge zuständig ist und auch die Pfarrgemeinden unterstützt. Die katholische Theologin und dreifache Mutter bekleidet damit das höchste Amt, das für eine Frau auf diözesaner Ebene möglich ist.

DIE FURCHE: Nach sechs Wochen haben am vergangenen Sonntag erstmals wieder öffentliche Gottesdienste stattgefunden. Wie gut waren sie besucht?
Eder-Cakl:
Viele Menschen waren sehr froh, dass sie wieder den Gottesdienst feiern und Gemeinschaft erleben konnten. Es gibt aber auch einige, die sagen: „Ich bin lieber vorsichtig und bleibe noch beim Fernsehgottesdienst oder bei der Hauskirche. Oder ich gehe während der Woche in die offene Kirche und zünde eine Kerze an.“ Es ist deshalb auch ganz wichtig, dass die Kirchen immer offen sind. Viele Pfarrgemeinden haben sich auch insofern darauf eingestellt, als sie Stationen gestaltet, Texte aufgelegt, Bilder, Videos oder Musik präsentiert haben. Die Kreativität ist groß. Aber natürlich, viele vermissen die Gemeinschaft.

DIE FURCHE: In der Öffentlichkeit wurden vielfach nur die gestreamten Gottesdienste wahrgenommen – begleitet mit der Sorge mancher, dass es durch die Konzentration auf den Priester zu einer „Reklerikalisierung“ kommen könnte.
Eder-Cakl:
Ich glaube nicht, dass es dazu gekommen ist. Alle Seelsorgerinnen und Seelsorger – egal ob Priester oder Laientheologinnen – haben das gemacht, was für sie möglich war. Und wir haben versucht, sie so weit wie möglich zu unterstützen. Man muss generell davon abkommen, sich bei der Seelsorge nur auf die Gottesdienste zu konzentrieren. Seelsorge ist ja viel mehr! Was die Menschen in den letzten Monaten am dringendsten gebraucht haben, waren Kontakt, Zuspruch, die Gewissheit: Da ist jemand! Und dieser Kontakt ist auf vielfältige Weise gehalten worden – einerseits über das Telefon, aber auch über den Gartenzaun, mit Briefen und über Social Media. Es gab auch das „Team Nächstenliebe“ der Caritas, das sich um Menschen in der Nachbarschaft gekümmert hat. Dazu kamen Beziehungsberatung, das Mobbing-Telefon oder die Betriebsseelsorge. Es war ganz wichtig, dass die über Telefon erreichbar war.

Was ist systemrelevant? Diese Frage wurde oft gestellt im vergangenen Jahr der Pandemie – und die Antworten waren für die christlichen Kirchen nicht allzu erfreulich. Mit dem Ende der öffentlichen Gottesdienste schien für viele die gesamte Kirche aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden. Seit vergangenem Sonntag sind nun – unter strengen Hygieneauflagen – wieder Gottesdienste möglich. Doch was bedeutet all das für die Seelsorge und für die Rolle der Kirchen in der Krise?

Die FURCHE hat darüber mit Gabriele Eder-Cakl gesprochen, seit 2017 Direktorin des Pastoralamts der Diözese Linz, das für die Planung der diözesanen Seelsorge zuständig ist und auch die Pfarrgemeinden unterstützt. Die katholische Theologin und dreifache Mutter bekleidet damit das höchste Amt, das für eine Frau auf diözesaner Ebene möglich ist.

DIE FURCHE: Nach sechs Wochen haben am vergangenen Sonntag erstmals wieder öffentliche Gottesdienste stattgefunden. Wie gut waren sie besucht?
Eder-Cakl:
Viele Menschen waren sehr froh, dass sie wieder den Gottesdienst feiern und Gemeinschaft erleben konnten. Es gibt aber auch einige, die sagen: „Ich bin lieber vorsichtig und bleibe noch beim Fernsehgottesdienst oder bei der Hauskirche. Oder ich gehe während der Woche in die offene Kirche und zünde eine Kerze an.“ Es ist deshalb auch ganz wichtig, dass die Kirchen immer offen sind. Viele Pfarrgemeinden haben sich auch insofern darauf eingestellt, als sie Stationen gestaltet, Texte aufgelegt, Bilder, Videos oder Musik präsentiert haben. Die Kreativität ist groß. Aber natürlich, viele vermissen die Gemeinschaft.

DIE FURCHE: In der Öffentlichkeit wurden vielfach nur die gestreamten Gottesdienste wahrgenommen – begleitet mit der Sorge mancher, dass es durch die Konzentration auf den Priester zu einer „Reklerikalisierung“ kommen könnte.
Eder-Cakl:
Ich glaube nicht, dass es dazu gekommen ist. Alle Seelsorgerinnen und Seelsorger – egal ob Priester oder Laientheologinnen – haben das gemacht, was für sie möglich war. Und wir haben versucht, sie so weit wie möglich zu unterstützen. Man muss generell davon abkommen, sich bei der Seelsorge nur auf die Gottesdienste zu konzentrieren. Seelsorge ist ja viel mehr! Was die Menschen in den letzten Monaten am dringendsten gebraucht haben, waren Kontakt, Zuspruch, die Gewissheit: Da ist jemand! Und dieser Kontakt ist auf vielfältige Weise gehalten worden – einerseits über das Telefon, aber auch über den Gartenzaun, mit Briefen und über Social Media. Es gab auch das „Team Nächstenliebe“ der Caritas, das sich um Menschen in der Nachbarschaft gekümmert hat. Dazu kamen Beziehungsberatung, das Mobbing-Telefon oder die Betriebsseelsorge. Es war ganz wichtig, dass die über Telefon erreichbar war.

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DIE FURCHE: Woher kommt dann der Eindruck, dass die Kirche verschwunden sei?
Eder-Cakl:
Vielleicht hat man große Aktionen erwartet, aber wir waren und sind da. Manche Seelsorger haben sich vielleicht im ersten Lockdown zurückgezogen und sind nicht sichtbar gewesen, aber andere waren dafür sehr aktiv. Wir haben jedenfalls von der Leitung her bald Schritte gesetzt, dass die Menschen aus ihren Kokons herauskommen. Und es hat digitale Schulungen gegeben. Betriebsseelsorger haben über Videokonferenzen Kontakt zu ihren Leuten aufgenommen. Und die Katholische Jugend hat sich auf Social-Media-Seelsorge spezialisiert, weil sie dort die jungen Leute erreicht.

DIE FURCHE: Dennoch gab es eine lebhafte Diskussion über die „Systemrelevanz“ der Kirchen. Die Corona-Pandemie sei „Lehrstück und Trigger für die Säkularisierung und Privatisierung der Religionen in westlichen Gesellschaften“, meinte etwa Ulrich Körtner im Mai 2020 in der FURCHE. Und der Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner fand in seiner Corona-Umfrage 2020 u. a. heraus, dass die Krise „Gewohnheitschristen weiter entwöhnt“ habe.
Eder-Cakl:
Ich sehe durch Corona eher einen Qualitätsschub in der Seelsorge. Es ist klar geworden, dass jene Angebote wirklich gesehen werden, die eine gute Qualität haben. Diese Qualität hat sich u. a. auch darin geäußert, wie Streaming-Gottesdienste gefeiert werden oder ob in der Kirche Stationen eingerichtet werden und so weiter. Und was die Säkularisierung betrifft: Corona hat auch hier nur aufgezeigt, was schon ist, also wie sich die Kirchen- und Glaubensbeziehung der Menschen heute darstellt. Und das schreckt mich nicht, weil ich einerseits seit vielen Jahren die Entwicklung verfolge – und andererseits merke, dass es uns auch kreativ macht. Die Social-Media-Seelsorge ist hier ein wesentlicher Punkt.

Hier hat sich ein eigener pastoraler Raum eröffnet. Und der ist nicht „schlechter“ als ein anderer. Ich zitiere hier gern Tomáš Halík, den tschechischen Priester und Religionsphilosophen, der meint, dass wir alle von verschiedenen Seiten auf dieselbe Bergspitze hinaufsehen, auf denselben Gott. Hören wir also auf, diese Zugänge gegeneinander auszuspielen! Das ist mir wichtig, das entspricht meiner Theologie. Die große Herausforderung ist und bleibt aber, wie wir in Zukunft Gemeinschaft leben können. Denn die ist ja für uns als Kirche enorm wichtig: nicht nur beim Gottesdienst, auch bei diversen Gruppen in den Pfarrgemeinden. „Es muss Leute geben, denen der Glaube vertraut ist“, sagt unser Bischof Manfred Scheuer.

Ich sehe durch Corona eher einen Qualitätsschub in der Seelsorge. Und was die Säkularisierung betrifft: Corona hat aufgezeigt, was ist. Und das schreckt mich nicht.

DIE FURCHE: Kommen wir zu einem Bereich, der in der Krise besonders gefordert ist: die Krankenhausseelsorge. Was hat man hier im letzten Jahr gelernt?
Eder-Cakl:
Es hat sich gezeigt, wie enorm bedeutsam die Krankenhaus- und Altenheimseelsorge ist. In den ersten Wochen war ja der Zutritt zu den Anstalten zum Teil nicht möglich, doch das ist Gott sei Dank geändert worden. Die Seelsorger(innen) sind ja nicht nur wichtige Begleiter jener Kranken und Sterbenden, die das möchten, sowie Bindeglieder zu den Angehörigen; sie sind auch wichtige Betriebsseelsorger für Pflegepersonal und Ärzte. Was man im letzten Jahr auch gemerkt hat, ist, wie wichtig Trauergottesdienste für die Hinterbliebenen sind. Viele mussten verschoben werden, es gibt auch Onlinegebete. Aber mittlerweile sind immerhin bis zu 50 Personen bei einem Begräbnis möglich.

DIE FURCHE: Welche Erfahrungen hat man bei der Telefonseelsorge (142) gemacht?
Eder-Cakl:
Hier wurde überdurchschnittlich viel geleistet, es gab sowohl bei uns in der Diözese Linz als auch in ganz Österreich doppelt so viele Anrufe und viermal so viele Chatberatungen wie davor. Wobei Letztere vor allem von jüngeren Personen genutzt wurden.

Eder-Cakl - © Foto: Violetta Wakolbinger

Gabriele Eder-Cakl

Gabriele Eder-Cakl ist seit 2017 Direktorin des Pastoralamts der Diözese Linz, das für die Planung der diözesanen Seelsorge zuständig ist und auch die Pfarrgemeinden unterstützt. Die katholische Theologin und dreifache Mutter bekleidet damit das höchste Amt, das für eine Frau auf diözesaner Ebene möglich ist.

Gabriele Eder-Cakl ist seit 2017 Direktorin des Pastoralamts der Diözese Linz, das für die Planung der diözesanen Seelsorge zuständig ist und auch die Pfarrgemeinden unterstützt. Die katholische Theologin und dreifache Mutter bekleidet damit das höchste Amt, das für eine Frau auf diözesaner Ebene möglich ist.

DIE FURCHE: Bei den Jungen mussten auch prägende Erlebnisse wie Erstkommunion und Firmung bzw. Konfirmation verschoben werden. Welche Folgen hat das?
Eder-Cakl:
Was Erstkommunion und Firmung betrifft, so gibt es auch hier kreative Ansätze – von der Onlinevorbereitung bis hin zu Treffen im Freien. Aber natürlich leiden die Jungen enorm darunter, sich nicht treffen zu können, das ist wirklich eine Durststrecke. Und bei der Erstkommunion kann es sein, dass Kinder sie erst in der vierten statt in der zweiten Klasse Volksschule erleben. Verschoben werden mussten übrigens auch die Hochzeiten, allein in Oberösterreich gibt es normalerweise rund 2000 pro Jahr. Hier wird also im nächsten Jahr einiges zusammenkommen.

DIE FURCHE: Einiges zusammenkommen wird auch nach der Pandemie – in Form wirtschaftlicher und sozialer Verwerfungen, die große Ängste auslösen. Wo sehen Sie hier die Rolle der Kirchen?
Eder-Cakl:
Soziale Gerechtigkeit und insbesondere das Thema Arbeitslosigkeit sind zentrale Fragen für uns. Wobei wir durch die katholische Soziallehre ein gutes theoretisches Instrument in der Hand haben, das wir nun konkret einbringen müssen. Ich ermutige unsere Leute deshalb auch, mit den Sozialpartnern ins Gespräch zu kommen und gemeinsam nachzudenken: Wie geht es weiter? Wie sieht soziale Gerechtigkeit aus?

DIE FURCHE: Und auf persönlicher, spiritueller Ebene? Was spendet Trost?
Eder-Cakl:
Ich denke, dass wir vom Glauben her immer wieder über uns hinausdenken können und unsere Ängste und Sorgen, aber auch das, was uns freut, im Gebet vor Gott legen können. Mir persönlich helfen immer wieder die biblischen Jesaja-Texte, in denen es darum geht, dass Gott immer auch ein wenig größer ist als ich und du. Man braucht sich also nicht nur zu fürchten.

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