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Lunacek - © BKA/Dunker​
Feuilleton

Ulrike Lunacek: „Hunger nach Kunst und Kultur wird groß sein“

1945 1960 1980 2000 2020

Kunst und Künstler(innen) kommen in der aktuellen Corona-Krise unter die Räder. Kaum im Amt, ist Kultur-Staatssekretärin Ulrike Lunacek da gefordert wie nie – vor allem was Nothilfen betrifft. Aber sie hofft bereits auf die Zeit danach.

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Kunst und Künstler(innen) kommen in der aktuellen Corona-Krise unter die Räder. Kaum im Amt, ist Kultur-Staatssekretärin Ulrike Lunacek da gefordert wie nie – vor allem was Nothilfen betrifft. Aber sie hofft bereits auf die Zeit danach.

Eigentlich wollte Ulrike Lunacek dieser Tage bei der Diagonale sein. Doch das Filmfestival findet ebenso nicht statt wie praktisch der gesamte Kulturbetrieb. Eine Riesenherausforderung – auch für die neue grüne Kultur-Staatssekretärin.

DIE FURCHE: Wenn ein Filmfestival wie die Diagonale von einem Tag auf den anderen abgesagt werden muss, ist das nicht nur ein künstlerischer Super-Gau, sondern geht auch wirtschaftlich ans Existenzielle. Was können Sie den Festivalorganisatoren da ad hoc anbieten?
Ulrike Lunacek:
Lassen Sie mich angesichts der dramatischen Lage mit einer allgemeinen Antwort beginnen: Ich verstehe die Existenzsorgen, die viele – gerade vor allem prekär Beschäftigte und kleine Kulturvereine – derzeit haben, sehr gut, habe ich doch selbst in meinen anfänglichen Berufszeiten teilweise unter prekären Umständen gearbeitet. Kunst und Kultur sind gerade in Österreich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – und deshalb sind sie durch die jetzt unbestritten notwendigen Gesundheitsschutz-Maßnahmen auch wirtschaftlich sehr stark betroffen. Ich darf Ihnen aber versichern, dass das von der Bundesregierung vorgestellte Vier-Milliarden-Hilfspaket selbstverständlich auch kleinen wie gro­ßen Kunst- und Kulturunternehmen und in der Kunst und Kultur-Tätigen zugutekommen wird.

Was die Diagonale betrifft, da wurde die volle Förderung bereits ausbezahlt und die schon getätig­ten Ausgaben oder noch anfallenden Kosten können selbstverständlich abgerechnet werden. Gleichermaßen gilt dies für das Internationale Filmfestival Crossing Europe in Linz, das für Ende April geplant war – und gestern abgesagt wurde. Das Österreichische Filminstitut und andere Fördergeber werden das meines Wissens ähnlich handhaben. Und bei derzeit beantragten Fördermitteln etwa für digitale Projekte wird ebenso getrachtet, dass sie finanziert werden können.

DIE FURCHE: Das Milliarden-Hilfspaket der Bundesregierung stellt Kredite in Aussicht. Aber gerade im Kunstbereich, wo viele als Klein(st)-Unternehmen organisiert sind, und die vielfach vor einem Totalausfall stehen, geht es um eine Soforthilfe. Wird es die geben?
Lunacek: An der Umsetzung unterschiedlicher konkreter Maßnahmen arbeiten wir derzeit intensiv. So etwa auch an einem Härtefonds für freischaffende Künstlerinnen und Künstler (wenn sie etwa Neue Selbständige sind) und Kleinst- bzw. Einpersonenunternehmen. Die Höhe des Fonds sowie der individuellen Unterstützungsleistungen wird erst ausverhandelt. Aber für den Fall, dass keine Kredite genehmigt werden können und die von der Regierung genehmigten Kreditgarantien nicht greifen, soll es tatsächlich nicht-rückzahlbare finanzielle Beträge geben – etwa für Mieten, die nicht mehr bezahlt werden können.

DIE FURCHE: Ist es denkbar, dass im Kunstbereich Sozialversicherungsbeiträge gesenkt werden, denn Steuersenkungen treffen wenig verdienende Künstler kaum?
Lunacek: Ist jemand SVS-versichert und erleidet durch die Corona-Virus-Maßnahmen oder durch Erkrankung bzw. Quarantäne finanzielle Einbußen, dann kann er/sie einige Unterstützungen in Anspruch nehmen: Etwa die Stundungen oder Ratenzahlung der Beiträge der Sozialversicherung der Selbständigen SVS. Oder die Herabsetzung der vorläufigen Beitragsgrundlage bzw. die gänzliche oder teilweise Nachsicht der Verzugszinsen. Es gibt im Zusammenhang mit Corona auch einen Maßnahmen-Fächer mit steuerlichen Erleichterungen, wie die Herabsetzung der Vorauszahlungen für die Einkommens- oder Körperschaftssteuer. Derzeit ist nicht angedacht, die Sozialversicherungsbeiträge im Kunstbereich zu senken – das müsste ja dann entsprechend dem Gleichheitsgrundsatz auch für an­dere betroffene Bereiche gelten.

Eigentlich wollte Ulrike Lunacek dieser Tage bei der Diagonale sein. Doch das Filmfestival findet ebenso nicht statt wie praktisch der gesamte Kulturbetrieb. Eine Riesenherausforderung – auch für die neue grüne Kultur-Staatssekretärin.

DIE FURCHE: Wenn ein Filmfestival wie die Diagonale von einem Tag auf den anderen abgesagt werden muss, ist das nicht nur ein künstlerischer Super-Gau, sondern geht auch wirtschaftlich ans Existenzielle. Was können Sie den Festivalorganisatoren da ad hoc anbieten?
Ulrike Lunacek:
Lassen Sie mich angesichts der dramatischen Lage mit einer allgemeinen Antwort beginnen: Ich verstehe die Existenzsorgen, die viele – gerade vor allem prekär Beschäftigte und kleine Kulturvereine – derzeit haben, sehr gut, habe ich doch selbst in meinen anfänglichen Berufszeiten teilweise unter prekären Umständen gearbeitet. Kunst und Kultur sind gerade in Österreich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – und deshalb sind sie durch die jetzt unbestritten notwendigen Gesundheitsschutz-Maßnahmen auch wirtschaftlich sehr stark betroffen. Ich darf Ihnen aber versichern, dass das von der Bundesregierung vorgestellte Vier-Milliarden-Hilfspaket selbstverständlich auch kleinen wie gro­ßen Kunst- und Kulturunternehmen und in der Kunst und Kultur-Tätigen zugutekommen wird.

Was die Diagonale betrifft, da wurde die volle Förderung bereits ausbezahlt und die schon getätig­ten Ausgaben oder noch anfallenden Kosten können selbstverständlich abgerechnet werden. Gleichermaßen gilt dies für das Internationale Filmfestival Crossing Europe in Linz, das für Ende April geplant war – und gestern abgesagt wurde. Das Österreichische Filminstitut und andere Fördergeber werden das meines Wissens ähnlich handhaben. Und bei derzeit beantragten Fördermitteln etwa für digitale Projekte wird ebenso getrachtet, dass sie finanziert werden können.

DIE FURCHE: Das Milliarden-Hilfspaket der Bundesregierung stellt Kredite in Aussicht. Aber gerade im Kunstbereich, wo viele als Klein(st)-Unternehmen organisiert sind, und die vielfach vor einem Totalausfall stehen, geht es um eine Soforthilfe. Wird es die geben?
Lunacek: An der Umsetzung unterschiedlicher konkreter Maßnahmen arbeiten wir derzeit intensiv. So etwa auch an einem Härtefonds für freischaffende Künstlerinnen und Künstler (wenn sie etwa Neue Selbständige sind) und Kleinst- bzw. Einpersonenunternehmen. Die Höhe des Fonds sowie der individuellen Unterstützungsleistungen wird erst ausverhandelt. Aber für den Fall, dass keine Kredite genehmigt werden können und die von der Regierung genehmigten Kreditgarantien nicht greifen, soll es tatsächlich nicht-rückzahlbare finanzielle Beträge geben – etwa für Mieten, die nicht mehr bezahlt werden können.

DIE FURCHE: Ist es denkbar, dass im Kunstbereich Sozialversicherungsbeiträge gesenkt werden, denn Steuersenkungen treffen wenig verdienende Künstler kaum?
Lunacek: Ist jemand SVS-versichert und erleidet durch die Corona-Virus-Maßnahmen oder durch Erkrankung bzw. Quarantäne finanzielle Einbußen, dann kann er/sie einige Unterstützungen in Anspruch nehmen: Etwa die Stundungen oder Ratenzahlung der Beiträge der Sozialversicherung der Selbständigen SVS. Oder die Herabsetzung der vorläufigen Beitragsgrundlage bzw. die gänzliche oder teilweise Nachsicht der Verzugszinsen. Es gibt im Zusammenhang mit Corona auch einen Maßnahmen-Fächer mit steuerlichen Erleichterungen, wie die Herabsetzung der Vorauszahlungen für die Einkommens- oder Körperschaftssteuer. Derzeit ist nicht angedacht, die Sozialversicherungsbeiträge im Kunstbereich zu senken – das müsste ja dann entsprechend dem Gleichheitsgrundsatz auch für an­dere betroffene Bereiche gelten.

Es gibt gerade von Künst­ler(inne)n viele kreative Ideen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in dieser Situation zu stärken.

DIE FURCHE: Zahlreiche Initiativen versuchen, Kultur nun online zu stellen – Autor(inn)en etwa machen virtuelle Lesungen, damit die Bücher, die im Frühjahr erscheinen, nicht völlig untergehen. Theater- und Opernaufführungen gehen auch ins Netz etc. Aber diese Aktivitäten, so erfreulich sie sind, stützen die allgemeine Mentalität zur Gratiskultur, und die Kulturschaffenden können dar­aus nichts lukrieren. Kann die Politik da gegensteuern – und will sie das?
Lunacek: Wir befinden uns in einer sehr ungewöhnlichen, noch nie dagewesenen Gesundheitskrise, in der Solidarität und das Aufeinander-Achten ein zentraler Faktor sind, um diese nicht eskalieren zu lassen und sie so rasch wie möglich zu überwinden. Es gibt gerade von Künstler(inne)n, aber auch von Kulturinstitutionen und der Zivilgesellschaft viele kreative Ideen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in dieser Ausnahmesituation zu stärken. Von Fenstern und Balkonen wird musiziert, die Wiener Staatsoper zeigt täglich Aufzeichnungen früherer Vorstellungen. Es wird aufgerufen, während man zu Hause sitzt, österreichische Filme anzusehen. Es gibt Flash-Mobs von Musikbands in den Sozialen Medien. Und vieles mehr. Das finde ich wunderbar!

Und nein, ich denke nicht, dass dieses Gratis-Angebot eine Mentalität der Gratiskultur befördert, sondern ich hoffe im Gegenteil, dass es das Interesse an Kunst und Kultur stärkt – und dass damit auch meine Bemühungen für FairPay, nämlich einer gerechten Bezahlung für Kunst- und Kulturtätige, nach dieser Corona-Krise rasch umgesetzt werden können.

DIE FURCHE: Sie haben am Freitag mit Katrin Vohland die Leitung des Naturhistorischen Museums neu besetzt. Wie argumentieren Sie als Mitglied einer Partei, die seit jeher gegen politische Besetzungen im nichtpolitischen Bereich auftritt, dass nun eine grüne Ex-Politikerin zum Zug kommt?
Lunacek: Meine Entscheidungen basieren ausschließlich auf sachlichen und qualitativen Kriterien. Ich bin vom Typ her kein Mensch, der parteipolitisch agiert, habe selbst fast die Hälfte meines schon recht langen Erwachsenenlebens außerhalb der Parteipolitik verbracht und auch in meiner Zeit als Politikerin bewiesen, dass ich über Parteigrenzen hinausdenke. Die Auswahlkommission (die übrigens genauso wie die Ausschreibung von meinem Vorgänger besetzt bzw. gemacht wurde) hat nach intensiver Beratung einstimmig zwei Personen als besonders geeignet für die wissenschaftliche Geschäftsführung bewertet. Der laufende Vertrag endet schon am 31. Mai, d. h. es blieb keine Zeit, den gesamten Prozess neu aufzusetzen.

Daher habe ich mit beiden Bewerber(inne)n ausführliche Gespräche geführt und habe mich nach reiflicher Überlegung für Frau Dr. Vohland entschieden. Sie bringt große und interdisziplinäre Erfahrung im musealen wie im Forschungsbereich mit. Sie hat ein ambitioniertes Konzept für die künftige Ausrichtung des Hauses vorgelegt und neue Perspektiven für die Weiterentwicklung des Naturhistorischen Museums, zum Beispiel in Richtung Citizen Scien­ce, in ihrem Programm. Ich bin überzeugt, dass sie als neue Generaldirektorin gemeinsam mit dem neuen wirtschaftlichen Leiter, Herrn Mag. Markus Roboch, ein großartiges Programm für die nächsten fünf Jahre auf die Beine stellen wird. Dem bisherigen wissenschaftlichen Leiter, Herrn Professor Köberl, habe ich persönlich für seine wertvolle und aufbauende Arbeit an der Spitze des NHM gedankt. Nach zehn Jahren ist es jedoch vertretbar, einen Führungswechsel einzuleiten, der eine weitere Modernisierung vorantreiben wird.

DIE FURCHE: Kunst, Kultur, Film haben im Wahlkampf wie in der Politik der letzten Jahre kaum eine Rolle gespielt. Wie wollen Sie dem gegensteuern?
Lunacek: Wahlkämpfe sind das Werben um „Herzen und Köpfe“, da werden auch viele kreative Mittel eingesetzt, da ist viel künstlerisches Potenzial gefragt – sei es, wenn es um Fotos oder um kreative Texte oder um Kreativität in der Grafik geht. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gab es sehr viele künstlerische Beiträge von Bürger(inne)n – mir ist etwa das Lied „Nehmen’s den Alten“ von Agnes Palmisano und Paul Gulda in Erinnerung – wie haben wir doch herzhaft gelacht und uns gefreut über diesen außergewöhnlichen Einfall! So gesehen haben künstlerische Konzepte immer schon in Wahlkämpfe Einzug gehalten.

Ich möchte in meiner Zeit als Staatssekretärin das Verständnis dafür stärken, dass (die Förderung von) Kunst und Kultur essenziel­ler Teil unserer demokratischen Gesellschaft sind: als Wohl für die Seele und auch als kritischer und auf jeden Fall anregender Faktor in unserem Leben. Nach der Corona-Krise – und diese Zeit wird kommen – wird der „Hunger nach Kunst und Kultur“ hoffentlich groß sein, und alle werden die Theater, Konzertsäle, Museen, Bibliotheken, Kinos und alle Festivals, die ihnen wochen- oder monatelang abgegangen sind, zur Freude der Künstler(innen) stürmen!

Aufgrund der außergewöhnlichen Umstände wurde das Interview schriftlich geführt.