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Klüger werden

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Florian Krumpöck - © Foto: lucasbeck.com

Florian Krumpöck: "Ich spiele, bis man mich abführt"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Pianist, Dirigent und Intendant des "Kultur-Sommer-Semmering", Florian Krumpöck, will gegen den anhaltenden Kultur-Lockdown klagen. Ein Gespräch über die Unverzichtbarkeit der Kultur für die Bildung einer Gesellschaft, die Zerstörung der freien Szene und das analoge Wesen der Kunst.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Pianist, Dirigent und Intendant des "Kultur-Sommer-Semmering", Florian Krumpöck, will gegen den anhaltenden Kultur-Lockdown klagen. Ein Gespräch über die Unverzichtbarkeit der Kultur für die Bildung einer Gesellschaft, die Zerstörung der freien Szene und das analoge Wesen der Kunst.

Es war im November 2020, als eine Meldung für Aufmerksamkeit sorgte: Florian Krumpöck, Pianist, ehemaliger Chefdirigent der Norddeutschen Philharmonie und seit 2015 Intendant des „Kultur-Sommer Semmering“, wolle vor dem Verfassungsgerichtshof eine Klage gegen den Kultur-Lockdown einbringen – gemeinsam mit dem Kulturmanager Florian Dittrich und dem Rechtsanwalt Wolfram Proksch. Noch werde der „Blumenstrauß an rund 20 Individualanträgen“ erarbeitet, so Krumpöck – vom Galeristen über die Opernsängerin bis zum Beleuchter. Spätestens Anfang März sollen die Anträge beim VfGH eingebracht werden. Was veranlasst Krumpöck zu diesem Schritt? Und inwiefern hängen für ihn Kultur und Bildung zusammen? Die FURCHE hat ihn zum Interview gebeten.

DIE FURCHE: Mittwoch dieser Woche hat Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer im Ö1-„Morgenjournal“ angedeutet, dass neben der Gastronomie nun auch die Kultur „bereit“ für vorsichtige Öffnungen wäre. Sie fordern das seit Langem – u. a. mittels einer Klage. Wie bewerten Sie ihre Aussagen?
Florian Krumpöck: Es ist erfreulich, dass nun mit einiger Verspätung die starken Präventionskonzepte der Kulturbetriebe als Grund für eine Gleichstellung bei möglichen Öffnungsschritten mit der Gastronomie angeführt werden. Mir fehlt allerdings das Selbstverständnis: Es gibt meines Wissens nach in der Verfassung kein Recht auf Wirtshausbesuche des gut frisierten Menschen! Und beschämend finde ich die geradezu propagandistisch anmutende Überspielung der existenzbedrohenden wirtschaftlichen Lage für die gesamte freie Szene mit Schlagwörtern wie „gutes Einvernehmen“. Tatsächlich macht sich Wut breit. Mein Hauptproblem ist, dass die Kultur zwar durch Grundrechte geschützt ist, bei den aktuellen Eingriffen in diese Grundrechte aber nicht evidenzbasiert vorgegangen wird.

DIE FURCHE: Gegen welche Grundrechte wird aus Ihrer Sicht konkret verstoßen?
Krumpöck: Man verstößt gegen mehrere: nicht nur gegen die Freiheit der Kunst, sondern auch gegen die Versammlungsfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung und jenes auf Teilhabe am kulturellen Leben, wie es in Artikel 27 der Allgemeinen Menschenrechte steht. Seit Beginn der Lockdowns wurde auch immer argumentiert, dass man Kirchen wegen der Religionsfreiheit nicht zusperren dürfe. Die Folge war, dass die freie Musikszene zwar schon gespielt hat, aber nur Messen. Das ist für mich nicht akzeptabel, denn es kann doch keine Hierarchie der Grundrechte geben! Wenn man den Religionsgemeinschaften Gottesdienste mit Sicherheitsvorkehrungen freistellt, was legitim ist, erwarte ich mir, dass das für die Kulturbetriebe genauso gilt.

DIE FURCHE: Die Schulen wurden mittlerweile in Österreich – begleitet von einer umfangreichen Teststrategie – geöffnet, die Kultur bleibt hingegen gemeinsam mit den Freizeiteinrichtungen geschlossen.
Krumpöck: Der Deutsche Kulturrat hat es letztens geschafft, dass bei der aktuellen Verordnung die Kultur von den Freizeiteinrichtungen getrennt wurde. Das ist schon ein erheblicher Vorteil. Ich glaube aber insgesamt, dass wir Bildung und Kultur viel mehr zusammendenken müssen, von der Verteilung der Ministerien bis zur Budgetverteilung. Die Trennung dieser Sphären war ein Kardinalfehler – und die Politiker, mit denen wir heute zu tun haben, sind bereits ein Produkt ihres eigenen Systems. Allein, dass man die Bedeutung der Kunst und Kultur tatsächlich erklären muss, zeugt von einem Mangel an kultureller Bildung. Vor 30 Jahren hätte es das nicht gegeben.

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