6712095-1964_25_14.jpg
Digital In Arbeit

WESTOSTLICHER FILM-DIVAN

ährend die österreichische Kinokrise einem Höhepunkt W zustrebt, wachsen die offiziellen und mehr oder weniger auf Privatinitiative zurückgehenden Filmveranstaltungen wie Pilze aus dem Boden: anstatt sinnvoll koordiniert und geplant zu werden, überschneiden sich die nichtgewerb-liohen Filmkunstvorführungen schon in einem Maß, der zu ernster Sorge berechtigt und die Frage aufwirft, ob damit dem Film Gutes geschieht. Der entsprechend schwache Besuch der zahlreichen Sonderveranstaltungen im Monat Mai und Juni — darunter die VI. Internationalen Filmwissenschaftliche Woche in Wien, die anschließende Festwoche des sowjetischen Films, das dazu parallel laufende Festival Georges Melies und zwei Wochen des „Kriminalfilms“ einer Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Hochsohülerschaft, ganz zu schweigen von dem vor leerem Saale laufenden historischen Filmzyklus des Museums des XX. Jahrhunderts bewies deutlich genug, daß — wie einige Experten ständig warnend verwiesen — für den künstlerischen oder historisch-wichtigen Film in Wien ein Besucherkreis von höchstens 1500 Personen (maximal gerechnet) vorhanden ist (auf allen genannten Veranstaltungen sieht man auch immer die gleichen Interessenten), die bald, durch die augenblickliche Uberfülle des Gebotenen verwirrt und kopfscheu gemacht, ganz abzuschreiben sein werden.

Dem Film geht es wie dem Kinde, das aus Liebe erdrückt wird. Bevor es zu diesem niemals wieder gutzumachenden Mord kommt, sollten sich die dafür zuständigen Stellen einmal entschließen, anstatt abwartend zuzusehen, energisch eine vernünftige Lösung zu erzielen; die vielen gegeneinander arbeitenden Institutionen und privaten Ehrgeizlinge werden ansonsten das Werk vollenden, das „tolle Tanten“ im Verein mit Filrnkaufleuten und dem Fernsehen erfolgreich begonnen haben: das Interesse am künstlerischen Film vollends zum Schweigen zu bringen ...

Bestens eingeführt und zu einer ständigen Einrichtung im filmischen Kulturleben Wiens sind die Internationalen Filmwissenschaftlichen Wochen geworden, die — biennal durchgeführt — heuer bereits die sechste Wiederkehr ihres Auftretens begehen konnten. Diese international auf wissenschaftlichem Sektor stark beachtete repräsentative Veranstaltung stand heuer (vermutlich im Hinblick auf das Shakespeare-Gedenkjahr) unter dem Motto „Dichtung in Film und Fernsehen“ — wobei das Anhängsel der Televi-sionseinbeziehung wohl nur theoretische Bedeutung besitzt und eine unvermeidliche Konzession an gewisse offizielle Stellen darstellt. Eine Fernsehwissensehaft — wo es in Österreich noch nicht einmal eine anerkannte Filmwissenschaft gibt! —.dürfte bein^emi;augenblickli*en,NiV'ea'u'-ü'hd der Situation des- österreichischen Fernsehens im Jahre 1984 mehr einer Farce denn sogar einer Utopie gleichkommen. So waren auch Vorträge und Referate durchaus nur auf die Wechselbeziehung zwischen Dichtung (dramatischer und literarischer) und Film abgestellt — wenn man von den spärlichen Versuchen auf dem pädagogischen Sektor absieht, die aber mehr theoretische Unverbindlichkeiten als wissenschaftliche Erkenntnisse lieferten und in optimistischen Rechenschaftsberichten gipfelten.

Die schon seit Jahren bewährte Themendreiteilung in Wissenschaft, Wirtschaft und Erziehung war auch diesmal — nicht unbedingt zum Vorteil der Veranstaltung — beibehalten worden, und es stellte sich leider heraus, daß einesteils die Literaturwissenschaft von der Wichtigkeit des Mediums Film als Gestaltungsfaktor des dichterischen Wortes nicht nur keinerlei Ahnung besitzt, sondern auch bisher keine Notiz genommen hat (welche wissenschaftliche Weltfremdheit), andernteils die Pädagogik festgefahren, und schließlich die Wirtschaft über die erstaunliche und erstaunt gemachte Feststellung, daß es derzeit eine emsthafte Kinokrise gebe, auch nicht weitergekommen ist. Bei diesem Themengebiet wurde die ganze Sorglosigkeit aller Betroffenen in einem Maße augenfällig, die nur den Schluß zuläßt, die österreichische Filmwirtschaft habe ihren Untergang mitverschuldet; die Referate wurden in allerintimstem Kreise abgehalten, kein österreichischer Produzent, Verleiher oder Kinobesitzer fand es für nötig, sich für das Problem zu interessieren, das ihn selbst derzeit am dringlichsten betrifft — und dies obwohl so grundlegende und fundierte Vorträge zu hören waren wie etwa jener von Dr. Josef Handl, der in knappster und dabei umfassendster Weise die „ökonomischen und soziologischen Ursachen der Kinokrise in Österreich“ beleuchtet (dessen bevorstehende Drucklegung eine verdienstvolle Tat bedeutet). Wem eben nicht mehr zu helfen ist...

In der Gruppe Erziehung standen Diskussionen mit Schülern dreier Altersgruppen (Volksschüler, Hauptschüler und Mittelschüler) über den Unterschied zwischen Dichtung und ihrer Verfilmung im Vordergrund. Hier wurde die Filmfremdheit und Abwertung dieses Mediums durch manche damit befaßten Lehrer zur Offenbarung: Weder mit schwärmerischer Verzückung eines postkartenschönen, edelpatrio-tischen Kulturfilms wird dem Jugendlichen der Film nähergebracht noch mit autokratisch behauptetem, dabei sachkundigem reinem „Intellekt“ als Trugbild entlarvt; wie man es richtig macht, zeigte Dr. Gertrude Behringer in einer ebenso charmant wie blendend zielstrebig geführten Aussprache mit Hauptschülern über die Unterschiede zwischen Bühne (beziehungsweise Bühnendokumentarverfilmung) und Spielfilm anhand der Apfelschußszene im Burgtheaterfilm „Wilhelm Teil“ und dem danach frei gedrehten Spielfilm „Burgen in Flammen“. Die Jugendlichen, durch kluge Fragen angeleitet, formulierten so überaus klar und prägnant (selbstverständlich in naiver Ausdrueksweise) die Vor- und Nachteile jeder Version, wie sie eine wissenschaftliche Abhandlung kaum treffsicherer und kürzer zustandebringt. Und um wieviel moderner man das Problem Jugend und Filmerziehung in unserem Schweizer Nachbarland anpackt (als bei uns), bewies der Züricher Pädagoge Dr. Hans Chresta, der in seinem Vortrag über „Filmerziehungsarbeit in der Schweiz“ ebenso wie in klugen Randbemerkungen zu den einzelnen Referaten eine Aufgeschlossenheit dem Film gegenüber bewies, die unseren Pädagogen völlig abgeht. Wir können auf diesem Gebiet von der Schweiz vieles lernen ...

Von der Wissenschaft soll ganz geschwiegen werden; abgesehen von einem ebenso interessanten wie umfassenden Referat des Wiener Filmkritikers und Lehrbeauftragten an der Filmschule der Akademie der Bildenden Künste, Hans Winge, herrschte in den Kreisen der Wissenschaft zu dem Tagungsthema absolutes Schweigen; ja wenn der Film nicht einmal für akademischen Boden „fein und tragbar“ geworden ist, wie soll dann überhaupt Filmkunst vertreten werden? Diese Sünden der Weltfremdheit, Interesselosigkeit und Überheblichkeit haben letztlich nicht weniger entscheidend zu der augenblicklichen Filmkrise beigetragen ...

Glanz- und Höhepunkte der Woche bildeten wie immer die Filmvorführungen: Hier war eine Auslese kostbarster und edelster Filmwerke ,zusamrnjäggetragen worden, die . in. ihrer VolUcommeahdl^^^in-' pef^talthema verfilmter Dichtung Rechnung tragend — ihresgleichen seit Jahren in Wien nichts zum Vergleich hatte. (Daß dennoch das Presseecho so gering, die Publikumsteilnahme daher ziemlioh spärlich und die Abwesenheit von Filmleuten, -kritikern und -Journalisten so auffällig war, ist eine typisch österreichische Situation!) Von dem ersten und einzigen Film mit Eleonora Duse über den „Hamlet“-Film mit Asta Nielsen, Eugene O'Neills „Anna Christie“ (dem ersten Tonfilm der Garbo) bis zu Welles' monströsem „Macbeth“ und der meisterhaften japanischen Verfilmung von Maxim Gorkis „Nachtasyl“ durch Akira Kurosawa wurde alles aufgeboten, was man bisher noch nie — oder zumindest seit Jahrzehnten nicht mehr — in Wien an großen Werken der Dichtung im Film zu sehen bekam. In diesen Nachmittags- und Abendveranstaltungen wurde die Filmwissenschaftliche Woche zum Ereignis. Es kann allen leid tun, die es versäumt haben...

Es hat sich aber trotz aller Erfolge herausgestellt, daß auch für die Internationale Filmwissenschaftliche Woche eine neue Form gefunden werden muß; in ihrer Thementeilung festgefahren, in ihrer Durchführung schon allzusehr im Klischee verhaftet, hat sie zwar ihre Notwendigkeit abermals bewiesen — doch soll sie lebendig bleiben (und auch die Wissenschaft muß ihren Kontakt mit der Umwelt bewahren), braucht sie eine Erneuerung, eine Verjüngung. Den Veranstaltern sei eine solche ans Herz gelegt — und wir werden eine VII. Internationale Filmwissensohaftliche Woche in Wien 1966 mit Freuden begrüßen!

Kaum war die eine Woche vorüber, wurde der Filmfreund schon mit der nächsten befaßt: einer schon seit langem übernommenen Verpflichtung nachkommend, führte der Verband der österreichischen Film Journalisten eine „Festwoche des sowjetischen Films“ durch. Es erhebt sich hier schon von vornherein die Frage, ob eine solche auf jeden Fall wichtige Manifestation — denn den Stand der Filmkunst des Ostens kennenzulernen ist nicht minder wichtig als den des Westens, politisch gesehen sogar noch bedeutsamer, da sich aus dem Film in jeder Hinsicht erkenntnistheoretisch bedeutsame Standpunkte ablesen lassen

— erstens sinnvoll so knapp im Anschluß an eine andere Festwoche veranstalten läßt, und zweitens, ob sie nicht doch sorgfältiger geplant werden sollte. Denn die gebotene Übersicht war für den gegenwärtigen Stand des russischen Filmschaffens wohl nicht ganz bezeichnend.

Die gezeigten Filme erstreckten sich auf einen Zeitraum von sechs Jahren; sollten indessen die in den westlichen Filmländern auftretenden neuen Strömungen nicht auch in der Sowjetunion (wie etwa Polen, der Tchechoslowakei usw.) einen Niederschlag gefunden haben? In der Zusammenstellung der Festwoche war dergleichen nur schwer zu erkennen. Mit Mühe und Sorgfalt wurden konservative und ältere Beispiele zusammengesucht. Ist der russische Film wirklich in den letzten Jahren nicht weiter gekommen? Wenn wir von „Iwans Kindheit“, einem großartigen Filmkunstwerk (über das unten noch zu reden ist) absehen, muß es dem Zuschauer scheinen, als seien alle gezeigten Filme noch zur gleichen Zeit entstanden wie etwa „Erziehung der Gefühle“ oder spätestens „Reise mit Hindernissen“, als seien „Wenn die Kraniche ziehen“, „Der letzte Schuß“, „Ein Brief, der nicht abging“ oder „Die Ballade vom Soldaten“ nie gedreht worden ...

Die reichlich konservative Filmoper „Eugen Onegin“ (1958) führte geradewegs zu dem Kinderfilm „Serjosha“, der 1960 auf dem Festival in Karlovy Vary mühsam einen Preis errang, weiter zu dem breiten Familienepos „Blutsverwandtschaft“, wovon wieder ein direkter Weg zu der schleppenden Tolstoj-Verfilmung „Auferstehung“ führt, die übrigens schon seit einiger Zeit im Kinoprogramm der Bundesländer erscheint. Eine Ausnahme bildete der neue Kosmonautenfilm „Der Weg zu den Sternen“, der aber nur propagandistisch, keineswegs filmisch bedeutsam ist. So blieb also allein „Iwans Kindheit“ — ein Meisterwerk auf einsamer Höhe, das gerade dadurch nicht in das Festival paßte und die Mittelmäßigkeit, ja sogar Unterdurchschnittlichkeit der anderen Filme noch gewaltig unterstrich.

Es gibt im sowjetischen Filmschaffen (wenn man dieser Woche Glauben zu schenken geneigt ist) nur drei Probleme: die Flucht in die Vergangenheit (der klassischen Literatur und Musik), den Krieg und Kinder — mitunter letzteres gemischt; daß eine derartige Mischung dennoch ein Kunstwerk ergeben kann, bewies dieser Erstlingsfilm des jungen Andrej Tarkowski. der auch mit vollstem Recht vor zwei Jahren auf der Filmkunstausstellung in Venedig mit dem Hauptpreis, dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurde. Wie hier nicht nur mit allen Mitteln einer entfesselten Kamera, einer raffinierten optischen Gestaltung, einer symbolisch meisterhaften Bildsprache und poetisch gezeichneten, psychologisch durchdachten Konzeption das erschütternde Bild eines elternlosen Buben gezeigt wird, der nur den Krieg, das Morden und die Rache an dem Mörder kennt

— und dennoch irgendwo in einem verschütteten Winkel seiner Kinderseele vom Glück der Jugend, vom Spiel und der Liebe seiner Mutter träumt, das ist ebenso grandios wie vollkommen, ebenso einfach wie allgemein zu Herzen gehend. Hier hat der Film eine Vollkommenheit erreicht, die ihresgleichen sucht — und die einfach nicht glauben läßt, daß dieser Film nur eine Ausnahme darstellen soll, daß es daneben nicht auch noch andere, bedeutendere Werke geben soll als die in der Festwoche aufgeführten.

Vj an best in ausländischen Zeitungen viel von russischen 1“! Filmen; es soll einen „Hamlet“ geben, den Konsinzew, einer der Meister des Sowjetfilms, gemacht hat; es gibt einen vieldiskutierten Film über Atomwissenschaftler, „Neun Tage eines Jahres“; der junge Regisseur Bassow hat einen Film über die Stalin-Ära, „Die Stille“, gemacht, Alexander Stolper einen anderen mit dem Titel „Die Lebenden und die Toten“. Wo sind sie? Sagen diese Werke nicht mehr üc f den sowjetischen Film der Gegenwart aus als diese mühsam aus Verleihbeständen zusammengesuchten „Archivexemplare“ (wobei noch dem Verleih, der auf diese Weise die Veranstaltung gerettet hat, ein Sonderlorbeer gebührt!)?

Sie müßten wir kennenlernen; und damit das Land, das wir noch immer nicht kennen, und seine Menschen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau