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Film-Silberjubiläum

Zum fünfundzwanzigsten Mal fanden in Berlin internationale Filmfestspiele statt — und wie es sich für so ein silbernes Jubiläum gebührt, standen sie im Zeichen eines Mannes, der sie initiiert, aufgebaut, betreut und durch alle Schlachten geführt hat: Dr. Alfred Bauer, seit dem ersten Jahr und bis heute Leiter der Filmfestspiele. Und damit hat Dr. Bauer nicht nur einen einzigartigen Rekord erzielt — es gibt keinen Festivalleiter, der ein Vierteljahrhundert lang seinen Posten halten konnte —, sondern auch eine bewundernswerte Leistung: wie er es verstand, nicht nur in Berlin Filmfestspiele von internationalem Ruf (Berlin kann sich in jeder Beziehung heute mit Cannes, Moskau oder Karlovy-Vary messen!) aufzubauen, sondern darüber hinaus diese Filmfestspiele durch alle Krisenzeiten (1968 und nachher!) und

über alle Anfeindungen und Intrigen von links (vornehmlich) und rechts zu lenken und zu guter Letzt, heuer, noch den Triumph zu erzielen, daß zum erstenmal alle Filmländer, also auch die Oststaaten, an den Berliner Filmfestspielen teilnahmen und teilnehmen — diese totale Anerkennung verdient höchste Anerkennung. Wenn man dann erfährt, daß diese ebenso tüchtige wie menschlich hervorragende Persönlichkeit erleben muß, daß noch vor Beginn dieser Filmfestspiele die Stellenausschreibung für einen neuen Leiter — Dr. Bauer tritt nächstes Jahr in den Ruhestand — in einer großen deutschen Zeitung veröffentlicht wird, dann kann man sich nur erschüttert fragen, ob Bösartigkeit oder mangelnder Takt die Filmszene beherrschen. Wir jedenfalls, die ausländischen Journalisten, die seit vielen Jahren Berlin als Filmfestivalort miterleben und mitüberleben durften, wissen, was Berlin und seine Filmfestspiele Dr. Bauer verdanken und werden es nicht vergessen. Nach dieser notwendigen Einleitung — es hätte wohl keine andere für die 25. Internationalen Filmfestspiele in Berlin geben können — nun zu dem Filmprogramm: eindeutig wurde bewiesen, daß zwischen dem Programm des „Internationalen Forums des Jungen Films“ und dem offiziellen Wettbewerb kaum noch ein Unterschied besteht (außer dem, daß im „Forum“ viel mehr „politische“ — natürlich progressive, zu deutsch: „linke“ — Filme gezeigt werden, deren Tendenz wichtiger ist als ihre filmisch-künstlerische Qualität, was einige verbohrte Kritiker, die sich eben gern als „jung“ fühlen und bezeichnen möchten, partout nicht einsehen wollen!) und jenem, daß diese Veranstaltung bereits zu einer „Gewohnheit“ geworden ist, somit also eigentlich keine Begründung besteht, das Forum noch neben den Filmfestspielen weiter fortzuführen und dadurch doppelte Sub-

ventionsmittel zu verbrauchen — um so mehr, als die sogenannten „sozialistischen Staaten“, die Ostblockländer, das Berliner Festival ja offiziell durch ihre Teilnahme anerkannt haben... Oder ist das „Forum“ am Ende noch „linker als links“?

Was nun die Teilnahme der Oststaaten betrifft, so ist der Jubel in

Berlin und in der Bundesrepublik zwar verständlich, doch nicht unbedingt zu teilen; sicherlich — politisch gesehen, kann dies so gedeutet werden, daß der Status West-Berlins nun auch von diesem Block anerkannt ist und daher Berlin gewisse Überlebenschancen besitzen könnte (jeder Tag, den diese wunderbare Insel mitten im Feindesland länger in ihrer Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Freiheit besteht, ist ein Opfer wert!). Doch wenn ein Feind es so will, wird sich erweisen, daß diese angebliche Garantie nicht einen einzigen Jubelruf wert ist, den ein gedemütigter Stolz hervorbringt: wir erleben östliche Politik seit 1945 in Österreich und in unserer nächsten Umgebung immer wieder und sehen das alles näher als die wie ein Kaninchen von der Schlange faszinierten Bundesdeutschen... Doch lassen wir es gelten und stimmen wir in den filmischen Jubelruf mit ein: „Die Russen (und ihre Trabanten) sind da!“ (Bei uns wurde einmal sehnsüchtig die Zeit erwartet, daß sie wieder gingen!)

Und um sie ja am Wegbleiben zu hindern, damit sie ja im nächsten Jahr wiederkommen, vergab eine sichtlich eher politisch (für Berlin) denkende als filmkünstlerisch (die Qualität) wertende Jury — ihre Namen seien hier festgehalten: Sylvia Syms {Schauspielerin, Präsidentin der Jury), Ottokar Runze (Regisseur, Vizepräsident), Henry Chapier (Journalist), Else Goelz (Filmkritikerin), Dr. Albert Johnson (Filmkritiker), Prof. Dr. Rostislav Jurenew (Filmhistoriker), Carlo Liz-zani (Regisseur), Justino Martins (Filmkritiker) und Sandhu Sukhdev (Produzent und Regisseur) — auch gleich fünf von zehn Preisen an Oststaaten, so daß kaum einer unberücksichtigt blieb; den „Goldenen Berliner Bären“, den Großen Preis, erhielt der ungarische Spielfilm „Adoption“ von Märta Meszäros — eine überaus diplomatische Entscheidung, über die man reden kann; zwei „Silberne Bären“ gingen als zwei „Spezialpreise der Jury“ (aha!) an den großartigen englischen Antikriegsfilm „Owerlord“, eine genial gemachte Vermischung von Dokumentarmaterial und gestellten Spielszenen über einen jungen Mann, der zum Militär eingezogen wird und bei der Invasion fällt, ein perfektes Meisterwerk, und an den französischen Rassenproblemfilm „Dupont Lajoie“ von Yves Boisset, der allerdings durch einen .Blies zerstörenden Schluß nach dem Motto VnCÖme does,not Pay“ total, verärgert und eigentlich fünf „Minuten vor Filmende aufhören müßte.

Ein „Silberner Bär“ für die beste Regie ging an den Russen Sergej Solowjow für seinen Film „Hundert Tage nach der Kindheit“, eine Komsomolzenliebesgeschichte, die qualitativ nur noch von Italiens Kitschprodukt mit ähnlicher Thematik „Liebestanz unter den Ulmen“ unterboten wird. Den „Silbemen Bären“ für die beste Schauspielerin erhielt die Japanerin Kinuyo Tanaka für ihre wirklich großartige darstellerische Leistung in dem Film „Sandakan Nr. 8“, die Lebensbeichte einer alten Frau — und der „Silberne Bär“ für den besten Schauspieler ging an Vlastimil Brodsky, einen tschechischen Künstler, der in dem Film „Jakob der Lügner“ aus der DDR die Hauptrolle spielt, einen Juden in einem Ghetto von 1943, der mit einer frommen Lüge seinen Schicksalsgefährten Hoffnung und Glauben gibt; daß dieser Preis verdient vergeben wurde, ist nicht zu leugnen (einzig O. E. Hasse als „Dichter“ — gemeint ist Knut Hamsun im hohen Alter — in „Eiszeit“ nach dem Stück von Tankred Dorst unter der Regie Peter

Zadeks wäre ein möglicher Konkurrent gewesen!) —, doch daß der Film aus der DDR kommt, schmeckt bitter: ein Land, in dem der Antisemitismus auch heute noch blüht, sollte nicht einen Film drehen, in dem Menschen verfolgt werden, in Situationen noch dazu, die denen aufs Haar gleichen, die an der Berliner Mauer passieren (wo der Film gedreht sein könnte, was manche Außenaufnahmen zu schließen erlauben!)...

Ein weiterer „Silberner Bär“ ging noch an Woody Allen — für sein Gesamtwert, t,für seine-LeistöBg^fceiu “de?-“Entwiekäwrig eines heii6ft'iDöfiSö^> dienstils“, wie die Begründung lautete; zweifellos war sein in Berlin gezeigter Film „Lewe and Death“ („Die letzte Nacht des Boris Gruschenko) sehr lustig, originell und unterhaltsam — wesentlich mehr als jeder echte russische Film der letzten 50 Jahre! —, aber dennoch, warum? (Da hätte die Garbo eher einen „Anerkennungspreis“ für ein Gesamtwerk verdient, um so mehr, als dieses aus Anlaß ihres Geburtstages in einer Retrospektive gezeigt wurde.) Die restlichen Bären, zwei Silberne und ein Goldener, erhielten die USA, die CSSR und Jugoslawien für Kurzfilme.

Daß eigentlich nur die Jury der FIPRESCI, der internationalen Filmjournalistenvereinigung, der westdeutsch-iranischen Koproduktion „In der Fremde“ des jungen Persers Sohrab Shahid Salesss ihren Preis verlieh, zeugt von der Unbestechlichkeit und Klarsichtigkeit dieser Jury; wenn dieser Film über das Problem der Einsamkeit von Gastarbeitern auch nicht die Bedeutung seines vorjährigen Werkes, „Stilleben“ besitzt, das wir in Wien auch bei der Viennale bewundern konnten, so besitzt die große Dichte und Ruhe des Films eine solche Tiefe, daß er eigentlich das Hauptwerk der Berlinale darstellte — neben „Overlord“ von Stuart Cooper.

Dr. Bauers große Liebe gilt der Retrospektive, der' Aulführung historischer großer Filmwerke oder berühmter Darsteller; heuer waren Greta Garbo, die in wenigen Wochen ihren 70. Geburtstag begeht (wird Wien auf irgendeine Weise davon Notiz nehmen?), und Conrad Veidt — dessen Retrospektive im nächsten Ja&r -fortgesetzt werde» soll -»4m Mtfefpunkt der Motorischen'TOm-rückschau; daß diese großartige Idee Dr. Bauers ein enormer Publikumserfolg sein würde, war wohl vorauszusehen. Doch für das nächste Jahr wären zwei Ratschläge zu beherzigen. Erstens: wieder als Kino die Filmbühne Wien vorzuziehen, nicht nur wegen ihrer Größe, sondern auch infolge der Pressefeindlichkeit und Unfreundlichkeit, ja Unhöflich-keit des Geschäftsführers und der Kassierin des derzeitigen Lichtspieltheaters, und zweitens sollte als Verantwortlicher für die Retrospektive wieder ein wirklicher Experte und Fachmann (aus der Bundesrepublik) herangezogen werden und nicht ein in vielfachen Filmberufen dilettierender Laie, dessen Ehrgeiz die seltsamsten Blüten hervorbringt, die an der Grenze manchen Zweifels stehen. Bis vor zwei Jahren ging es ja so großartig mit der Retrospektive in Berlin — soll diese wirklich sehenswerte Veranstaltung in Fachkreisen in schlechten Ruf kommen? Mit der Themenwahl jedenfalls traf Dr. Bauer wieder ins Schwarze — was der Besucherzuspruch bewies; und nur schade, daß es so schwer für den in Berlin weilenden Kritiker und Journalisten ist, alle Veranstaltungen zu besuchen — es sind ihrer zu viele zur gleichen Zeit... ■ War das Silber Jubiläum der Berliner Filmfestspiele nun ein Erfolg? Gewiß, und in jeder Beziehung: nicht nur, daß sich Berlin mit Cannes durchaus, ebenbürtig zu messen vermag, gibt es wohl auch keine Stimme, die nicht sagen würde, daß die Reise sich gelohnt hat. Auch wenn kein atemberaubendes Meisterwerk im Programm war, so war der Durchschnitt auf hohem Niveau; und vor allem wurde hier ein Motto deutlich, das den eigentlichen Wert eines Filmfestivals ausmacht und an das der Olympischen Spiele anklingt: dabeisein — den Überblick gewinnen über den Stand des internationalen Films in seinen wesentlichen und interessantesten (verschiedenen) Werken — und das ist der 25. Berlinale jedenfalls hervorragend zu demonstrieren gelungen ... Die 26. wird also mit Sicherheit in einem Jahr stattfinden...

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