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FESTIVAL DER REGISSEURE

Wenn man beruflich mit dem Film zu tun hat, begegnet man “ heute auf Schritt und Tritt dem Wort Krise. Sie ist im deutschsprachigen Raum besonders eklatant und betrifft sowohl die Produktion wie auch die Auswertung. Beschränkte man seine Sicht allein auf dieses Gebiet, so wäre man oft versucht, einen Grabgesang für den Film anzustimmen. Obzwar heute amerikanische, französische und italienische Filme mehr denn je in unseren Kinos Erfolge zu verzeichnen haben, weiß man, daß auch aus dem Ausland nicht nur Heil kommt. Nun ist unser Kinoangebot noch kein absoluter Wertmesser für die Weltfilmproduktion, von der wir manch Wesentliches entweder gar nicht oder erst mit beträchtlicher Verspätung zu sehen bekommen.

Zur Korrektur dieses Gesamtbildes tragen die Festivals sicher Wertvolles bei. Das XV. Internationale Filmfestival von Cannes (7. bis 23. Mai) ließ schon durch die Ankündigung interessanter Titel sowie klingender Namen von Autoren, Regisseuren und Schauspielern aufhorchen. Obzwar die Beteiligung von 36 Nationen, die 34 Lang- und 27 Kurzfilme für die Konkurrenz beistellten, stattlich war, lag heuer erstmalig schon zu Beginn der Veranstaltung das Programm in allen Einzelheiten fest.

Es tlar vielleicht symptomatisch für dieses Festival, daß in der elfköpfigen Spielfilmjury die Regisseure dominierten. An ihrer Spitze stand zwar mit dem Japaner Tetsuro Furukaki ein Exdiplomat und Schriftsteller und übrigens auch erstmalig ein Nichtfranzose. aber neben ihm begegnete man dem Franzosen Francois Truffaut, dem Italiener Mario Soldati, den Ostblockvertretern Jerzy Kawalerovicz (Polen) und luri Raisman (Rußland) sowie dem Amerikaner Mel Ferrer, der sich neben seiner umfangreichen Schauspielertätigkeit ja auch schon auf dem Regiestuhl versucht hat. Denn dieses Festival war, obzwar es nicht wenige schauspielerische Glanzleistungen zu registrieren gab, vor allem eines der Regisseure. Nicht alle wurden ihrem großen Namen gerecht, aber etliche andere bewiesen doch, daß die filmschöpferische Persönlichkeit auch im Zeitalter des Fernsehens sowie anderer Zivilisations- und Wohlstanderscheinungen noch immer nicht ausgestorben ist. Sie verstanden es, dichterisches Ingenium in eine moderne Bildsprache umzusetzen, ohne dabei gleichzeitig nach der Kasse zu schielen.

Gerade gegenüber Kollegen und Mitschaffenden ist eine gerechte Beurteilung naturgemäß schwierig. Aber man kann der heurigen Jury zweifellos bescheinigen, daß sie sich mit Anstand aus der Affäre gezogen hat. Sie ließ sich etwa nicht von dem Vorjahrssieger Luis Bunuel bluffen, der mit seinem „Engel der Versöhnung“ diesmal für Mexiko und wieder gegen Kirche und gute Gesellschaft zu Felde zog, dabei aber in surrealer Anarchie wieder auf seinen „Andalusischen Hund“ kam. Sie brach auch- mit dem alten Brauch von Cannes, dem Osten unter irgendeinem Titel einen Proporzpreis zuzuschanzen. Rußland, Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien hatten heuer wirklich nur durchschnittliche Ware zu bieten; die Beiträge der Tschechoslowakei und Polens lagen noch darunter.

Bei dem massierten Angebot starker Filme, das die Schlußtage des Festivals brachten, überraschte es geradezu, daß man nicht wie im Vorjahr zwei erste Preise ex aequo verlieh. Wenn sich die Jury schließlich für den brasilianischen Außenseiter „Das gegebene Versprechen“ (Regie Anselmo Duarte) entschied, so krönte sie damit sicher eine kühne Leistung und einen starken Wurf, horchte dabei aber vielleicht zu sehr auf die Stimme des Publikums, das die antiklerikalen Affekte dieser Passion eines reinen Toren mit unverholenem Beifall aufnahm. Es war übrigens nicht das einzige Werk, das Angriffe gegen die Kirche und ihre Vertreter vortrug.

Anderseits zollte die Jury aber dem religiösen und geistigen Drama, das Robert Bresson in seinem „Prozeß der Jeanne d'Arc“ in schlichter und strenger Form entwickelte, mit einem Spezialpreis ihre Anerkennung. Sie traf sich mit dieser Entscheidung mit der Jury des „Internationalen Katholischen Filmbüros“ (OCIC), in welcher der Verfasser dieses Berichtes die Ehre des Vorsitzes hatte.

Nicht einverstanden kann man mit dem zweiten Spezialpreis der Jury für Michelangelo Antonioni sein, dessen „Sonnenfinsternis“ den Regisseur zu recht obskuren und funktionslosen

Spielereien mit der Kamera verleitete. Vielleicht wollte der Italiener damit darüber hinwegtäuschen, daß der Inhalt bei weitem nicht das Gewicht seiner Meisterwerke „Der Schrei“ und „Die Nacht“ hat.

“TVie anderen großen Filmnationen mußten sich diesmal mit Schauspielpreisen begnügen. Amerika enttäuschte sowohl mit Otto Premingers „Advise and Consent“, als auch mit John Frankenheimers „All fall Down“, trumpfte aber in der ganz der Bühne verhafteten O'Neill-Verfilmung „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ (Regie Sidney Lumet) mit einer grandiosen Ensembleleistung auf. Der Kollektivpreis für Katharine Hepburn, Ralph Richardson, Jason Roberts jr. und Dean Stockwell ist daher ebenso gerecht wie die gleiche Auszeichnung für Rita

Tushingham und Murray Melvin, deren Film „A taste of honey“ (Regie Tony Richardson) in seiner menschlichen Erschütterungskraft und künstlerischen Reife überhaupt zu den Höhepunkten von Cannes zählte. ■

Als ähnliche Sensation wie der siegreiche Brasilianer entpuppte sich die griechische Euripidesverfilmung „Elektra“ von Michael Cacoyannis, in der die Dynamik des Bildes in kongenialer Weise jener der antiken Tragödie gerecht wurde. Mit dem Behelfspreis für die „beste filmische Adaptierung“ wurde der Streifen wohl unter seinem Wert bemessen.

Auch der „Preis für die beste Komödie“, der an Pietro Ger-mis „Scheidung auf italienische Art“ (mit einem glänzenden Marcello Mastroianni in der Hauptrolle) ging, will nicht viel besagen, denn dieses Genre war sonst mit Spaniens „Placido“ (Regie Luis G. Berlanga), dem köstlichen dänischen Schmunzelfilm „Harry und sein Kammerdiener“ und Österreichs Beitrag „Julia, du bist zauberhaft“ zwar nicht schlecht vertreten, aber insgesamt doch recht dünn gesät.

Interessanterweise trat diesmal das Thema Krieg, das schon manche Festivalatmosphäre vergiftet hatte, weit in den Hintergrund. Auch sexuelle und erotische Exzesse spielten eine erfreulich geringe Rolle. Dafür machten sich wieder Kinder- und

Jugendprobleme bemerkbar, am stärksten in dem sonst nicht sehr glücklichen japanischen Film „Cupola“. Die Poesie der Handlung oder des Bildes gab manch anderem Streifen ein schönes Gepräge: so den beiden restlichen französischen Beiträgen „Cleo zwischen 5 und 7“ (der ersten Spielfilmregie von Agnes Varda mit der Neuentdeckung Corinne Marchand) und „Die Liebenden von Teruel“ (ein von Raymond Rouleau geschriebener und inszenierter Ballettfilm mit der herrlichen Ludmilla Tscherina in der Hauptrolle) sowie Satyagit Rays indischem Film „Die Göttin“.

Zu den Enttäuschungen des Festivals zählten neben Antonioni und Bunuel auch die Filme des argentinischen Moderegis-seurs Leopoldo Torre-Nilsson, der den biblischen Titel „Siebzig mal sieben“ für eine mit expressiven Bildern hochgestochene Dirnengeschichte mißbrauchte, sowie des Engländers Jack Clay-ton, der in „Die Unschuldigen“ wohl technisches und regieliches Können zeigte, aber thematisch mit dieser Thrillermischung aus Gespensterromantik der Jahrhundertwende und moderner Psychoanalyse auf der Strecke blieb.

Zum größten Durchfall von Cannes wurde leider die mit großem Reklameaufwand angekündigte deutsche Heinrich-Böll-Verfilmung „Das Brot der frühen Jahre“, wobei der Autor an dieser pretentiösen Schmockerei des gebürtigen Wieners Herbert Vesely selbst mitgearbeitet hat. Interessanterweise verfuhren die französischen und italienischen Kritiken mit dieser verfehlten Nachbetung von Resnais „Marienbad“ noch viel freundlicher als die deutschsprachigen. Die Schande von Cannes war hingegen eindeutig der italienische Sensationsfilm „Mondo cane“, ein Dokument menschlicher «Entartung und filmischer Unkultur.

Der Vollständigkeit halber sei noch angeführt, daß diesmal auf dem Spielfilmsektor auch die afrikanischen Entwicklungsländer stärker vertreten waren. Von ihnen konnte sich Marokko noch besser aus der Affäre ziehen, als es Senegal und Kongo trotz des Einsatzes bekannter französischer Regisseure vermochten. Asien hatte neben seinen großen Filmnationen Indien und Japan noch Israel und Hongkong mit Streifen von anständigem Mittelmaß, sowie Libanon mit einer rohen Dilettantenarbeit ins Rennen geschickt.

Traurig sah es diesmal leider auf dem Kulturfilmsektor aus. Was heuer im Vorprogramm, zum Teil auch von renommierten Filmländern, geboten wurde, war oft eine Zumutung. Angenehm fielen hier am ehesten die östlichen Satellitenstaaten mit einigen netten Trickfilmen auf; der erste Preis ging jedoch an den französischen Streifen „Der Eulenfluß“.

Neben der Hauptveranstaltung lief auch ein Wettbewerb der Eurovision sowie der Wochenschauen ab, wobei Österreichs Teilnehmer im geschlagenen Feld endeten. Wesentlich mehr Interesse als diese beiden Miniaturfestivals fanden aber die ungezählten Kritiker-, Informations- und Verkaufsvorführungen in den Kinos der Stadt. Obzwar es dort wie alljährlich manch Interessantes, vor allem aus der neuen französischen Produktion, zu sehen gab, kann man diesmal wirklich nicht behaupten, daß das Festival in der Rue d'Antibes stattfand. Es hatte seinen legitimen Platz im Palais des Festivals an der Croisette und brachte heuer wohl die interessanteste und ergiebigste Veranstaltung seit 1959, als die „Neue Welle“ von Cannes aus ihren vielversprechenden Anfang nahm. Es war auch ein Festival der seriösen Arbeit, das von Skandalen ungetrübt blieb. Bei dem durch Enthüllungen früherer Jahre berüchtigten Journalistenpicknick auf der Insel Sainte Marguerite sorgte sogar ein stattliches Polizeiaufgebot dafür, daß nicht wieder irgendwelche Staletts aus den Kleidern rutschten.

Ob wir die guten Früchte von Cannes bald für den heimischen Markt ernten werden? Wenn man bedenkt, daß unsere Filmwirtschaft bis auf den Chef des Oefram-Verleihs und die Programmdirektion der Wiener Urania und des „Studio 1“ wieder durch Absenz glänzte, kann man diesbezüglich keine allzu günstige Prognose stellen. Man darf nur hoffen, daß die deutschen Einkäufer, die auf der Croisette mehr zahlreich vertreten waren, gleich für Österreich mitdisponiert haben.

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