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Den Blick weiten

FOKUS
Sonne - © Ulrich-Seidl-Filmproduktion

Österreichs Filmbranche braucht mehr „Spielgeld“

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Große Vorbilder, eine komplizierte Förderlandschaft, und vor allem: viel zu wenig Budget: Der heimische Filmnachwuchs steht vor gewaltigen Herausforderungen – prosperiert aber durchaus, wie auch das Programm der kommenden Diagonale zeigt.

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Große Vorbilder, eine komplizierte Förderlandschaft, und vor allem: viel zu wenig Budget: Der heimische Filmnachwuchs steht vor gewaltigen Herausforderungen – prosperiert aber durchaus, wie auch das Programm der kommenden Diagonale zeigt.

Die diesjährige Berlinale bot eine ziemlich treffende Bestandsaufnahme zum Zustand des österreichischen Films. Waren dort doch nicht nur große heimische Namen im Wettbewerb um den Goldenen Bären vertreten, sondern auch in den Nebenreihen.

Ulrich Seidl zeigte in „Rimini“ einmal mehr das seinem Stil so immanente „ins Zentrum Rücken“ einer grundsätzlich abstoßenden Figur, aber Seidl war dabei selten so zärtlich. Der Filmemacher, der dieses Jahr 70 wird, ist auf der Höhe seiner Kunst, aber er verstört nicht mehr. Man ist dieses Kino „gewöhnt“. Das ist nicht negativ gemeint, es ist aber weithin so empfunden worden.

Auch Ruth Beckermann, ebenfalls 70 Jahre alt, wurde wieder zur Berlinale eingeladen: Die Regisseurin zeigte mit „Mutzenbacher“ einen herrlich erfrischenden Blick auf die Welt dieses frivolen Romans – und wie „Mann“ ihn heute interpretiert. Das brachte ihr hochverdient den Hauptpreis der neuen Encounters-Sektion der Berlinale; auch Beckermann ist auf der Höhe ihrer Kunst, „Mutzenbacher“ kann vielleicht als ihr bislang bester Dokumentarfilm gelten – auch, weil er so unangestrengt an seinem Thema arbeitet. Da ist eine gewisse Leichtigkeit zu spüren, die es im Œuvre der Filme­macherin nicht immer gab.

Mit Constantin Wulff und seinem Film „Für die Vielen“ über die Wiener Arbeiterkammer zeigte die Berlinale auch, dass Österreich nach wie vor ein verlässlicher Lieferant hochkarätiger Kino-Dokumentarfilme ist. Wulff, geboren 1962, leitete zusammen mit Christine Dollhofer von 1997 bis 2003 die Diagonale und ist seither als Produzent und Regisseur ein effizienter Erforscher von Lebensrealitäten.

Österreichs Film-Aushängeschilder

Die drei genannten Filmemacher sind eine Art Substrat des österreichischen Filmschaffens, sie repräsentieren einen gewichtigen Teil jener Künstler, die in der Außenwahrnehmung dem heimischen Film zu einem international herausragenden Ruf verholfen haben. Die letzten zwei Jahrzehnte haben sie und viele ihrer Kollegen diesen Ruf gefestigt, aber es stellt sich auch die Frage: Was kommt eigentlich danach? Mit Michael Haneke, der kürzlich seinen 80. Geburtstag feierte, ist das Aushängeschild des österreichischen Films schlechthin inzwischen in einem fortgeschrittenen Alter angekommen, sein letzter Film „Happy End“ liegt auch schon fünf Jahre zurück. Die Meister des Austrokinos, sie kommen langsam in die Jahre.

Doch die Berlinale zeigte auch, dass das, was die Vorbilder an Weg bereitet haben, von einer jüngeren Generation begierig beschritten wird: Das Spielfilmdebüt „Sonne“ von Kurdwin Ayub (Bild oben), das sich um die Befindlichkeit junger Frauen mit Migrationshintergrund dreht, wurde in Berlin als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet. Ayubs Arbeit, die übrigens von Ulrich Seidl produziert wurde und die Diagonale 2022 eröffnen wird, ist wie ein Ausrufezeichen für eine insgesamt zwar zögerlich, aber stetig an den Start gehende neue Generation von Filmemacherinnen, die ihre eigene Filmsprache entwickeln und sich nicht mehr so nah an den großen Vorbildern der Vergangenheit orientieren.

Ayub, Jahrgang 1990, kommt nicht aus dem üblichen Dunstkreis der Wiener Filmakademie, sondern von einem Kunststudium an der Angewandten; das ist ihrer Filmsprache auch anzumerken, sie ist weniger geprägt von der dramaturgischen Strenge des österreichischen Films der letzten zwei Dekaden, auch, weil die entsprechenden Lehrer eben nicht Michael Haneke, Götz Spielmann, Jessica Hausner, Danny Krausz oder Wolfgang Murnberger hießen.
Das soll nicht als Kritik an der Filmakademie verstanden werden, im Gegenteil, denn sie leistet hervorragende Arbeit. Jedoch zeigt Ayub den jungen Kollegen, dass der Weg auf die große Leinwand nicht zwingend über die Filmakademie führen muss. Das aber war bisher das ungeschriebene Gesetz der Branche – es konnte und kann bei den Einreichungen von Projekten bei den Förderstellen jedenfalls nicht von Nachteil sein, wenn man Absolvent dieser Institution ist.

Das kann sich nun ändern; zwar steht mit Ulrich Seidl einer der wichtigsten Protagonisten als Produzent von Ayub quasi wie ein Protegé hinter der 31-Jährigen, jedoch scheint das Eis für alternative Herkünfte zunächst einmal gebrochen. Es gibt schon mehr Filmemacher, die den ausgetretenen österreichischen Weg nicht beschritten haben.

Sandra Wollner („The Trouble with Being Born“) studierte Dokumentarfilm in
Baden-Württemberg, Daniel Hoesl („Davos“) studierte in Salzburg und kam als Regieassistent zum Film, der Regie-Anarcho Sebastian Brauneis („3freunde2feinde“) studierte Filmwissenschaft und Medizin, ehe er über den ORF („Die Sendung ohne Namen“) zum Spielfilm-Autodidakten wurde, der auch schon einmal gänzlich ohne Förderung für wenige Tausend Euro zur Kamera greift und abendfüllende Filme dreht. Der Trend geht also in Richtung einer Öffnung, weg vom elitären Zugang zur Filmkunst. Das kann das Filmschaffen insofern befruchten, als so neue, ungewöhnliche Perspektiven auf Geschichten für ästhetische Formenvielfalt sorgen.

Eine naive Idee?

Auch die diesjährige Diagonale zeigt etliche Arbeiten einer jungen Generation von Filmemachern, die mit der Wiener Filmakademie nicht in Berührung kam: Adrian Goigingers neues Werk „Märzengrund“ ist dabei, nachdem der Salzburger Regisseur mit „Die beste aller Welten“ 2017 einen Überraschungshit bei Publikum und Kritik landete. Elena Wolff studierte Schauspiel in Linz, ehe es sie hinter die Kamera verschlug: Ihr Debüt „Para:dies“ wird in Graz zu sehen sein und wurde bereits in Saarbrücken ausgezeichnet. Im Programm sind zahlreiche weitere junge Arbeiten zu sehen, die neue Zugänge zum Film bieten.

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