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Film muss sparen

Die Diagonale kämpft mit dem Wegfall eines Hauptsponsors. Der dadurch verschärfte Sparzwang für die Ausstellungsplattformen österreichischer Filme schadet dem Filmschaffen.

Am Ende gab es doch ein wenig Erleichterung: Barbara Pichler, die Leiterin der Diagonale, einigte sich mit dem verbliebenen Festival-Hauptsponsor Bawag auf eine Verlängerung der Kooperation bis 2015. "Eine längerfristige partnerschaftliche Zusammenarbeit ist uns ein wesentliches Anliegen, damit die Kontinuität und die qualitätsvolle Arbeit des Festivals gewährleistet bleiben“, sagt Byron Haynes, der Generaldirektor der Bawag. "Die Förderung erlaubt der Diagonale Planungssicherheit und unterstützt die Entwicklung von längerfristigen Projekten.“ Und: "Wir sind der Partner, auf den sich die Diagonale weiterhin verlassen kann!“

Der Seitenhieb auf Telekommunikations-Marktleader A1 war deutlich aus dem Statement des Bankers herauszulesen. A1 hatte sich, nach langen Jahren als Hauptsponsor der Diagonale, aber auch des Linzer Festivals "Crossing Europe“, quasi über Nacht von diesem Engagement verabschiedet, was für die beiden Festivals einem Schlag in die Magengrube gleichkam. "Sponsoren haben natürlich keinerlei moralische Verpflichtung, uns zu unterstützen“, meint Christine Dollhofer, Leiterin von Crossing Europe. Dennoch traf der Ausstieg die beiden Filmschauen hart: Die Diagonale wird mit einem Gesamtbudget von etwa 1,2 Millionen Euro veranstaltet, Crossing Europe mit rund 500.000. "Unser Budget liegt durch den Wegfall von A1 deutlich unter diesem Betrag“, sagt Dollhofer. Barbara Pichler: "Bei uns sind es rund 65.000 Euro weniger an Geld- und Sachleistungen, das trifft uns stark.“ Konkret bedeutet das für die beiden wichtigsten heimischen Filmfestivals nach der Viennale ein um etwa fünf Prozent geringeres Budget - und nicht nur die monetäre Kürzung schmerzt: Auch die zahllosen Sachleistungen - von Gratis-Telefonie bis Marketing - fallen weg.

Die Wirtschaftskrise, aber auch die Affären rund um die Telekom sind also im Kulturbetrieb angekommen. Firmen schmücken sich gerne mit Kultursponsoring, in Zeiten der Krise wird die Nachhaltigkeit bei solchen Engagements allerdings zunehmend zum Problem. All das passiert zu einer Zeit, in der das heimische Filmschaffen künstlerisch prosperiert wie lange nicht, was zusätzlich schmerzt.

Sponsoring: Nachhaltigkeit fehlt

Barbara Pichler und Christine Dollhofer konnten in der kurzen Zeit bis zu ihren Festivalterminen jedenfalls keinen Ersatz mehr auftreiben. Dennoch soll das Publikum kaum merken, wie sehr im Hintergrund gespart werden muss. "Wir haben intern einige der geplanten Programmpunkte gestrichen und uns darauf konzentriert, das Hauptprogramm wie gewohnt umzusetzen“, sagt Pichler. Die Gefahr bei solchen Sparmaßnahmen sei vor allem, "dass die Leute dann sagen: Die schaffen’s ja mit weniger Geld auch“. Doch das sei ein Irrtum, sagt Pichler. Man werde erst 2013 wirklich merken, wie sich der Sparkurs auswirke.

Die Sponsoring-Zusage der Bawag macht es immerhin etwas leichter. Ebenso wie der Umstand, dass zumindest die Kulturpolitik bisher keine Signale von Budgetkürzungen gesendet hat. "Die öffentlichen Stellen müssen einen kulturpolitischen Auftrag erfüllen und haben die Verantwortung, gerade in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise solchen kulturellen Institutionen eine gesicherte Basis zum Weiterarbeiten zu bieten“, sagt Dollhofer.

In Graz hat man gerade erst einen neuen Dreijahresvertrag mit der Stadt geschlossen, muss nach der Diagonale 2012 aber mit dem Bund und dem Land Steiermark neu verhandeln. "Von dort kommen Signale, dass die bestehenden Förderungen fortgeführt werden“, sagt Barbara Pichler. Nachsatz: "Aber es kommen auch Signale, die darauf hindeuten, dass eine Erhöhung der Mittel im Bereich des Unmöglichen liegt.“

Erhöhungen gibt es auch bei der Filmförderung kaum, die Budgets stagnieren, immerhin auf einem höheren Niveau als in den Vorjahren. Dokumentarfilmerin Ruth Mader, die ihr "What Is Love“ bei der Diagonale vorstellen wird, ist froh darüber, dass es mit der Wirtschaftsfilmförderung "FISA“ (Filmstandort Austria) eine neu geschaffene Geldquelle gibt: "Von dieser neuen Förderung haben wir extrem profitiert. Für ‚What is Love‘ war diese Initiative der zweitwichtigste Finanzierungsgeber.“ Aber: "Es ist meiner Meinung nach ein Skandal, dass die Mittel des Österreichischen Filminstituts nach wie vor stagnieren - trotz dieser großen Erfolge des österreichischen Films. Ich weiß nicht, was noch passieren soll.“

Mader spielt auf die unglaubliche Erfolgsgeschichte des heimischen Films in den letzten Jahren an: Goldene Palmen, Golden Globes, zwei Oscars, drei Oscar-Nominierungen, unzählige Festivalteilnahmen und -preise - trotz seiner kleinen Filmszene hat Österreich einen künstlerisch enorm erfolgreichen Output an Filmen, der auch 2012 weitergehen dürfte. Michael Haneke, der dieser Tage seinen 70. Geburtstag feiert, wird heuer seinen neuen Spielfilm "Amour“ mit Isabelle Huppert und dem 81-jährigen Jean-Louis Trintignant in Frankreich herausbringen. Eine Weltpremiere des Films beim Festival in Cannes gilt als sehr wahrscheinlich. Und auch Ulrich Seidl, der seit Jahren an neuen Projekten feilt, will diese noch heuer präsentieren. Neben seinem Dokumentarfilm "Im Keller“ hat sich sein Spielfilmprojekt "Paradies“ über drei Frauenfiguren als derartig ergiebig erwiesen, dass Seidl nun gleich drei abendfüllende Filme daraus gemacht hat: "Das erste Paradies“, "Das zweite Paradies“ und "Das dritte Paradies“ erzählen als Kompendium brisanter Gesellschaftsthemen von Obsessionen, Sehnsüchten, Sextourismus und Diätcamps. "Meine erklärte Absicht ist, alle drei Filme an einem Ort zur Weltpremiere zu bringen“, sagt Seidl.

Eine Fülle neuer Projekte

Auch Barbara Albert, Antonín Svoboda oder Florian Flicker drehen neue Projekte, Oscar-Kandidat Hubert Sauper ("Darwins Nightmare“) arbeitet an seinem Dokumentarfilm "We Come As Friends“ und Avantgarde-Künstler Gustav Deutsch versucht sich mit "Visions of Reality“ erstmals als Spielfilmregisseur. Die Diagonale zeigt heuer neue Dokumentarfilme von Nikolaus Geyrhalter ("Donauspital“), Arash T. Riahi ("Nervenbruch zusammen gehabt“) oder Veronika Franz ("Kern“) sowie neue Spielfilme von Anja Salomonowitz ("Spanien“), Umut Dag ("Kuma“), Mara Mattuschka ("QVID TVM“) oder Hans Weingartner ("Die Summe meiner einzelnen Teile“). Die Liste spannender Projekte ließe sich fortführen.

Umso bedauerlicher, wenn die Ausstellungsplattformen dafür unter Sparzwängen leiden. Das geht letztlich zu Lasten der Filmschaffenden: Gerade im eigenen Land hatte es der österreichische Film seit jeher schwer, wenn es um seine öffentliche Wahrnehmung ging. Schrumpft das Budget der Filmfestivals, können sie mehr und mehr ihre Auslagenfunktion verlieren: Vor einem schlecht gestalteten Schaufenster bleiben die Leute nicht stehen.

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