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Feuilleton

Mehr als ein reiner Haneke-Seidl-Club

1945 1960 1980 2000 2020

Barbara Pichler programmierte in diesem Jahr ihre letzte Diagonale als künstlerische Leiterin. In den sechs Jahren ihrer Intendanz förderte sie nicht zuletzt die unkonventionellen, innovativen Strömungen im österreichischen Filmschaffen.

1945 1960 1980 2000 2020

Barbara Pichler programmierte in diesem Jahr ihre letzte Diagonale als künstlerische Leiterin. In den sechs Jahren ihrer Intendanz förderte sie nicht zuletzt die unkonventionellen, innovativen Strömungen im österreichischen Filmschaffen.

Wenn Barbara Pichler in den letzten sechs Jahren etwas gelernt hat, dann ist es, Ruhe zu bewahren: Jedes Jahr zimmerte sie als Intendantin der Diagonale ganz unaufgeregt aus bis zu 500 Einreichungen ein prallvolles Filmprogramm, in dem heuer etwa 157 Produktionen in fünf Tagen zu sehen sein werden. Einen gemeinsamen Nenner gibt es dabei kaum: "Das Besondere am österreichischen Film", sagt Pichler, "ist die Vielzahl von individuellen Positionen". Der Begriff "österreichischer Film" ist als Schublade nicht (mehr) geeignet, dafür fransen die Werke der Kreativen zu sehr aus. An ihren Rändern, aber auch in ihrer Mitte.

Oft unkonventionelle Programmierung

Eine Entwicklung, die Pichler - nicht zuletzt durch ihre oftmals mutige, unkonventionelle Programmierung in den letzten sechs Jahren vielleicht gefördert, sicher aber unterstrichen hat. Das Kino, wie es heute aus Österreich kommt, ist kein reiner Haneke-Seidl-Club mehr; es sind vermehrt junge Stimmen aufgetaucht in diesem Zeitraum, die trotz (oder gerade wegen) notorischer Budgetknappheit innovative Ideen entwickeln mussten, um ihre Filme zu finanzieren. Jakob M. Erwa, Gewinner des Großen Diagonale-Preises 2007 für seinen Erstling "Heile Welt", musste acht Jahre lang warten, ehe er seinen zweiten Spielfilm vorlegen konnte, der dieses Jahr zu sehen sein wird: "HomeSick", soeben bei der Berlinale uraufgeführt, entstand zum Großteil mit Crowdfunding-Geldern. Andere Filmemacher können dank günstiger werdender Kameras schon um wenig Geld Ausdrucksmittel für ihre Kunst finden. Der Wandel vom klassischen Produktionsschema zum Guerilla-Filmmaking ist in vollem Gange.

Barbara Pichler hat diesen Trend frühzeitig erkannt und die Diagonale für Experimentelles noch weiter geöffnet, als sie zuvor schon war: Sonderreihen und Avantgarde bildeten schon immer einen guten Kontrapunkt zum Werkschau-Charakter, den die Diagonale von ihren Statuten her haben muss: Alle österreichischen Kinofilme des abgelaufenen Jahres werden hier gezeigt, ob Kunst oder nicht.

Gerade für die Jungen ist die Grazer "Spielwiese" unentbehrlich: "Ich denke, dass Festivals immer wichtiger für die Filmschaffenden werden. Sie sind oft die Haupt-Ausstellungsflächen für Filme", sagt Pichler. "Die Bedeutung der Festivals wächst auch deshalb, weil sich das Durchschnittsangebot im Kino einschränkt. Festivals übernehmen einen Teil der Funktion, die früher Programmkinos und Filmclubs innehatten. Deshalb gibt es bei den Filmschaffenden so ein unglaubliches Bedürfnis, zu Festivals zu kommen", meint die scheidende Intendantin, die ein Festival wie die Diagonale immer auch als "künstlerischen Nahversorger" begriffen hat.

Die (wieder)gefundene Erdung

Unter Pichler hat die Diagonale ihre Erdung (wieder)gefunden, was nicht banal bedeutet, sondern aufgeklärt und klar fokussiert. Sie ist ein Gegenentwurf zum beschleunigten Medienkonsum und dem geänderten Rezeptionsverhalten vieler junger Menschen.

"Natürlich kann man heute alles ins Netz stellen. Doch nicht für jede Produktion ist das die geeignete Form -und auch im Netz muss man erst Aufmerksamkeit erreichen und ein Publikum finden", meint Pichler. "Ein Festival kann diese Aufmerksamkeit natürlich besser fokussieren und in den Dienst der Filme stellen."

Pichler hat in ihrer "Amtszeit" durchaus die Position des Festivals als Ort der Filmvermittlung gefestigt. Die alten Grabenkämpfe in der Filmbranche sind lange her, auch mit der Politik hat man sich inzwischen ausgesöhnt, auch, weil Kulturminister Josef Ostermayer als besonders begeisterter Anhänger des österreichischen Films gilt.

Wohin also ist die Reibefläche der Diagonale verschwunden, für die sie einst bekannt war? Hitzige Debatten und Auseinandersetzungen gibt es schon länger nicht mehr. Die Filmschau präsentiert sich am Ende der Ära Pichler als konsensorientiertes Familientreffen der Branche, mit grünem Ökostrom und Kinderbetreuung für Akkreditierte.

Was aber gilt es an diesem Erfolgsrezept zu ändern, wenn im nächsten Jahr das neue Intendanten-Duo Sebastian Höglinger, 30, und Peter Schernhuber, 26, die Agenden übernehmen? Nichts zwingend, jedoch: Das dynamische Duo muss zeigen, dass es einen Generationenwechsel im österreichischen Filmschaffen gibt: Erstmals sind die Verantwortlichen für ein Festival so jung wie die Filmschaffenden, die in ihren ersten Werken dem neuen österreichischen Film ihren Stempel aufdrücken werden. Wenn das nicht die Chance auf eine kleine, aber längst herbeigesehnte Revolution bietet

Wenn Barbara Pichler in den letzten sechs Jahren etwas gelernt hat, dann ist es, Ruhe zu bewahren: Jedes Jahr zimmerte sie als Intendantin der Diagonale ganz unaufgeregt aus bis zu 500 Einreichungen ein prallvolles Filmprogramm, in dem heuer etwa 157 Produktionen in fünf Tagen zu sehen sein werden. Einen gemeinsamen Nenner gibt es dabei kaum: "Das Besondere am österreichischen Film", sagt Pichler, "ist die Vielzahl von individuellen Positionen". Der Begriff "österreichischer Film" ist als Schublade nicht (mehr) geeignet, dafür fransen die Werke der Kreativen zu sehr aus. An ihren Rändern, aber auch in ihrer Mitte.

Oft unkonventionelle Programmierung

Eine Entwicklung, die Pichler - nicht zuletzt durch ihre oftmals mutige, unkonventionelle Programmierung in den letzten sechs Jahren vielleicht gefördert, sicher aber unterstrichen hat. Das Kino, wie es heute aus Österreich kommt, ist kein reiner Haneke-Seidl-Club mehr; es sind vermehrt junge Stimmen aufgetaucht in diesem Zeitraum, die trotz (oder gerade wegen) notorischer Budgetknappheit innovative Ideen entwickeln mussten, um ihre Filme zu finanzieren. Jakob M. Erwa, Gewinner des Großen Diagonale-Preises 2007 für seinen Erstling "Heile Welt", musste acht Jahre lang warten, ehe er seinen zweiten Spielfilm vorlegen konnte, der dieses Jahr zu sehen sein wird: "HomeSick", soeben bei der Berlinale uraufgeführt, entstand zum Großteil mit Crowdfunding-Geldern. Andere Filmemacher können dank günstiger werdender Kameras schon um wenig Geld Ausdrucksmittel für ihre Kunst finden. Der Wandel vom klassischen Produktionsschema zum Guerilla-Filmmaking ist in vollem Gange.

Barbara Pichler hat diesen Trend frühzeitig erkannt und die Diagonale für Experimentelles noch weiter geöffnet, als sie zuvor schon war: Sonderreihen und Avantgarde bildeten schon immer einen guten Kontrapunkt zum Werkschau-Charakter, den die Diagonale von ihren Statuten her haben muss: Alle österreichischen Kinofilme des abgelaufenen Jahres werden hier gezeigt, ob Kunst oder nicht.

Gerade für die Jungen ist die Grazer "Spielwiese" unentbehrlich: "Ich denke, dass Festivals immer wichtiger für die Filmschaffenden werden. Sie sind oft die Haupt-Ausstellungsflächen für Filme", sagt Pichler. "Die Bedeutung der Festivals wächst auch deshalb, weil sich das Durchschnittsangebot im Kino einschränkt. Festivals übernehmen einen Teil der Funktion, die früher Programmkinos und Filmclubs innehatten. Deshalb gibt es bei den Filmschaffenden so ein unglaubliches Bedürfnis, zu Festivals zu kommen", meint die scheidende Intendantin, die ein Festival wie die Diagonale immer auch als "künstlerischen Nahversorger" begriffen hat.

Die (wieder)gefundene Erdung

Unter Pichler hat die Diagonale ihre Erdung (wieder)gefunden, was nicht banal bedeutet, sondern aufgeklärt und klar fokussiert. Sie ist ein Gegenentwurf zum beschleunigten Medienkonsum und dem geänderten Rezeptionsverhalten vieler junger Menschen.

"Natürlich kann man heute alles ins Netz stellen. Doch nicht für jede Produktion ist das die geeignete Form -und auch im Netz muss man erst Aufmerksamkeit erreichen und ein Publikum finden", meint Pichler. "Ein Festival kann diese Aufmerksamkeit natürlich besser fokussieren und in den Dienst der Filme stellen."

Pichler hat in ihrer "Amtszeit" durchaus die Position des Festivals als Ort der Filmvermittlung gefestigt. Die alten Grabenkämpfe in der Filmbranche sind lange her, auch mit der Politik hat man sich inzwischen ausgesöhnt, auch, weil Kulturminister Josef Ostermayer als besonders begeisterter Anhänger des österreichischen Films gilt.

Wohin also ist die Reibefläche der Diagonale verschwunden, für die sie einst bekannt war? Hitzige Debatten und Auseinandersetzungen gibt es schon länger nicht mehr. Die Filmschau präsentiert sich am Ende der Ära Pichler als konsensorientiertes Familientreffen der Branche, mit grünem Ökostrom und Kinderbetreuung für Akkreditierte.

Was aber gilt es an diesem Erfolgsrezept zu ändern, wenn im nächsten Jahr das neue Intendanten-Duo Sebastian Höglinger, 30, und Peter Schernhuber, 26, die Agenden übernehmen? Nichts zwingend, jedoch: Das dynamische Duo muss zeigen, dass es einen Generationenwechsel im österreichischen Filmschaffen gibt: Erstmals sind die Verantwortlichen für ein Festival so jung wie die Filmschaffenden, die in ihren ersten Werken dem neuen österreichischen Film ihren Stempel aufdrücken werden. Wenn das nicht die Chance auf eine kleine, aber längst herbeigesehnte Revolution bietet