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Österreichs Film hat viel Potenzial

Der Preisregen für Christoph Waltz, Michael Haneke & Co ist kein Zufall, sondern Symptom: Die heimischen Filmschaffenden haben – trotz Widrigkeiten – Grund zu Selbstbewusstsein.

Die patriotischen Wallungen der Sonntagszeitungen waren kaum zu überbieten und manche Redaktion ließ es sich nicht nehmen, die eigentlich gar nicht so schlechte Olympia-Bilanz des Landes durch das Herbeischreiben dreier Oscars übertreffen zu wollen. Ende gut, alles gut. Olympia war – wir wissen es ja –, mit Ausnahme der alpinen Herren, gar nicht so übel, und auch auf dem Filmgebiet hatte sich jedenfalls ein Drittel der Erwartungen erfüllt.

Auf Christoph Waltz war Verlass

Auf Christoph Waltz, dessen Antreten für den „Nebenrollen“-Oscar ja eine Untertreibung war, konnte man sich verlassen: Österreichs doch schon etwas reiferer Shootingstar holte sich für seine unbestritten großartige Performance als SS-Oberst Landa in „Inglourious Basterds“ auch den von der Nation ersehnten Oscar ab. Dass Michael Haneke seinem argentinischen Konkurrenten den Vortritt lassen musste, trübte den Nationalstolz nur kurz, denn der Siegerfilm sei halt von den Konservativlingen der Hollywood-Jury dem Meisterwerk des Österreichers (der überdies von Deutschland nominiert worden war, diese subtile Schmach überging die hierzulande veröffentlichte Meinung geflissentlich) vorgezogen worden. Und auch die Trophäe für Christian Berger kam nicht – man brauchte ja einen Trostpreis für Avatar, der ja, mit Recht, von Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“ abgehängt worden war – und da musste Hanekes Tiroler Kameramann, der noch im Jänner auch hierzulande nur der Fachwelt bekannt war, halt zurückstehen.

„Wir sind Oscar!“, so hätten wir gern am Montag gejubelt. Es ist halt dann doch bei „Wir sind ein wenig Oscar“ geblieben.

Doch abseits aller Oscar-Fantasien ist mit den österreichischen Filmerfolgen 2009/10 klar: Österreich ist auch im Filmgeschäft kein Niemand mehr. Die Goldene Palme von Cannes – endlich! – für Michael Haneke und „Das weiße Band“, der „Europäische Filmpreis“ und im Jänner auch die „Golden Globes“ – das sagt mehr als die Unbill, die Österreichs Regie-Star da im Kodak Theatre von Los Angeles angetan wurde. Der flapsige Spruch für Österreichs Film müsste daher nur leicht modifiziert werden: „Wir sind mehr als ein Oscar.“ Denn abgesehen von Haneke hat sich trotz widriger finanzieller Umstände, über die die heimische Filmbranche seit Jahren klagt, das Wunder längst abgezeichnet.

Denn auf Oscar-Nominierungs-Niveau waren österreichische Filme ja schon seit Jahren präsent. 2002 schaffte Experimentalfilmer Virgil Widrich mit „Copy Shop“ die Nominierung für einen Kurzfilm-Oscar. 2006 gelang Hubert Sauper mit „Darwin’s Nightmare“ das Gleiche auf dem Dokumentarfilm-Gebiet, er musste damals nur einer gefälligeren Pinguin-Doku den Vortritt lassen.

2008 gab es dann endlich den Auslands-Oscar für Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ und im Jahr darauf in derselben Kategorie die Nominierung von Götz Spielmanns „Revanche“, der mit Fug und Recht als exemplarisch für den europäischen Film gelten konnte. Aber ebenso wie in diesem Jahr bei Hanekes „Weißem Band“ schien Hollywood noch nicht ganz jenes sprödere, aber wahrhaftigere europäische Kino zu goutieren, dem auch die großen Beispiele aus Österreich verpflichtet sind.

Ein erfreuliches Filmjahr

Doch am Vorabend der Diagonale, Österreichs filmischer Bestandsaufnahme, die vom 16. bis 21. März in Graz stattfindet, ist einmal mehr zu konstatieren, dass das vergangene Jahr fürs heimische Filmschaffen überaus erfreuliches war und weit über die Leistung von Christoph Waltz beziehungsweise Michael Haneke & Co hinausweist. Schon in Cannes konnte zuletzt das Film-Kleinod „La Pivellina“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel einen der kleineren Preise einheimsen. Dieser Neorealismo fürs 21. Jahrhundert siegte in der Folge beim renommierten Filmfest von Mumbai im weltgrößten Filmland Indien sowie bei den Festivals von Angers und Gijon. Einen vergleichbaren Erfolg feierte Jessica Hausner mit der formal bestechenden Wundergeschichte „Lourdes“, die in Venedig (Preis von Kritik und ökumenischer Jury) reüssierte sowie den Wiener Filmpreis und das Warschauer Filmfestival gewann.

Erwin Wagenhofers gerade zum Ausbruch der Weltfinanzkrise fertig gestellter Film „Let’s Make Money“ konnte nicht nur an den heimischen Kinokassen reüssieren, sondern wurde auch mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis 2009 bedacht. Andere durchaus kommerzielle ausgerichtete Streifen fanden europäische Beachtung. 250.000 Zuschauer hatte etwa die Wolf-Haas-Verfilmung „Der Knochenmann“ (Regie: Wolfgang Murnberger) hierzulande, eine Jugendjury beim Festival im belgischen Lüttich kürte den Krimi zum besten Film.

Und bei der diesjährigen Berlinale, bei der die vielversprechenden Beiträge mit österreichischer Beteiligung („Der Räuber“ mit Andreas Lust, „Jud Süß“ mit Tobias Moretti) zwar leer ausgingen, gab es den Preis der deutschen Filmkritik für „Salami Aleikum“ mit Michael Niavarani als deutsch-iranischem Fleischhauer. Schließlich blieb auch Stefan Ruzowitzkys Ausflug ins Kinderfilmfach nicht unbelohnt: „Hexe Lilli“ wurde beim Deutschen Kinderfilmfestival zum „besten Kinofilm“ gekürt – etwa 120.000 sahen diesen Film hierzulande in den Kinos.

Von den im letzten Jahr fertiggestellten Filmen ragt auch Michael Pfeifenbergers „Der Kinoleinwandgeher“ heraus, der eine filmische Reise mit dem Kärntner Schriftsteller Josef Winkler darstellt: Neben „Lourdes“ ist dieser Film wahrscheinlich die eindrücklichste Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, der durch die Brille von Josef Winkler in seinen obsessiven und zum Widerstand herausfordernden dunklen Seiten filmisch präsent wird.

Schon bei der letzten Diagonale reüssierte der erst Anfang 2010 im Kino gezeigte Dokumentarfilm „Pianomania“ von Lilian Franck und Robert Cibis über einen Klavierstimmer, der beim Festival in Locarno den Kritikerpreis erringen konnte. 2009 gab es auch einen Kurzfilmpreis für den Streifen „Elefantenhaut“ von Severin Fiala und Ulrike Putzer bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen.

Filmische Aufbauarbeit bleibt notwendig

Die hier angestellte Tour d’Horizon durch den österreichischen Film-Erfolg kann naturgemäß keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Ob der Preisregen rund um Haneke und Waltz, aber auch der Erfolg einer Jessica Hausner letztlich einen Durchbruch für den österreichischen Film etwa auch im Bewusstsein der Politik bewirken wird, bleibt abzuwarten. Aber das Potenzial von Ruzowitzky bis Götz Spielmann ist hoffentlich längst noch nicht ausgereizt und wohl auch nicht das von Ulrich Seidl, der erst im Jänner 2010 den Bremer Filmpreis für seine bisheriges Filmschaffen erhielt.

Österreich und seinem medialen Mainstream haben die letzten Filmpreis-Tage gutgetan. Doch nicht alle Tage ist Oscar-Verleihung mit heimischer Beteiligung. Damit sich das Erlebnis des 7. März 2010 wiederholt, dafür ist weitere filmische Aufbauarbeit nötig. „Yes we can“, so hat es bekanntlich einer jenseits des Atlantiks formuliert. Österreichs Film hat zuletzt eindrucksvoll bewiesen, dass er zu ähnlichem Selbstbewusstsein imstande ist.

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