Digital In Arbeit
Film

Festival mit verpassten Gelegenheiten

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es sieht so aus, als hätte sich die Jury am Ende doch bloß auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt -aus welchem Grund, wird ein Geheimnis bleiben.

Wer hätte das gedacht? Da hat eine Jury -unter der Leitung einer Frau -die Gelegenheit, die künstlerisch stärksten Filme des Wettbewerbs auszuzeichnen, und hat es nicht getan. Noch dazu, wo Jury-Präsidentin Cate Blanchett zu Anfang der Filmschau in Cannes verkündete, Qualität unbedingt vor Quoten und Gender-Fragen zu stellen. Und dann waren diese beiden palmenwürdigen Filme auch noch von Frauen inszeniert, ganz so, als wäre Festival-Chef Thierry Frémaux nach der #metoo-Debatte endlich ein Licht aufgegangen und hätte verstanden, dass Qualität und Frausein einander nicht ausschließen, so wie man das viele Jahre lang hätte glauben können, als Cannes überhaupt keine Filme von Regisseurinnen gezeigt hatte.

Ein elitärer Männerclub ist es zwar noch immer, aber wenigstens standen diesmal drei Frauen im Wettbewerb. Und die beiden preiswürdigen Filme wurden auch ausgezeichnet, aber nur mit Trostpreisen. Alice Rohrwacher zum Beispiel: Die Italienerin führt in ihrem Fantasy-Märchen über einen ausgebeuteten Landarbeiter vor, wie hoffnungsvolles Kino mit Esprit geht. Und erhielt dafür den Drehbuchpreis, den sie sich noch dazu mit Jafar Panahi, dem Iraner mit Berufsverbot, für dessen Film "3 Faces" teilt. Oder Nadine Labaki: Sie wurde mit dem Preis der Jury abgespeist, obwohl ihr intensives Kinderdrama "Capharnaüm" der absolute Favorit auf die Goldene Palme war - minutenlange "Standing Ovations" bei der Premiere und eine einhellig begeisterte Presse. Labaki trifft mit ihrem Drama über ausgebeutete und verkaufte Kinder im Libanon einen Nerv der Zeit: Denn so, wie wir mit unseren Kindern umgehen, werden sie diesen Umgang an ihre Kinder weitergeben. "Capharnaüm" zeigt, wieso so viele Gesellschaften niemals ihre Elendsviertel überwinden werden können. Ein fantastischer, beklemmender Film, leider weit unter seinem künstlerischen und gesellschaftspolitischen Wert prämiert.

Großer Preis der Jury

Auch ein Film von einem Mann wurde unter Wert ausgezeichnet: Spike Lee kehrte mit seinem messerscharfen Rassismus-Drama "BlacKkKlansman", das viele als Komödie missverstanden hatten, in den Wettbewerb zurück und eroberte mit Nonchalance und frechen Sprüchen das Publikum. Lee bekam die längsten "Standing Ovations" dieser Festivalausgabe. Und das zurecht, weil er in seinem Film einen schwarzen Polizisten auf die Idee bringt, sich ausgerechnet im lokalen Kuklux-Klan einzuschleusen, was aber ohne die Hilfe seines weißen Kollegen nicht gelingt. Wie Lee mit seiner absurden Geschichte die aktuellen Abgründe der US-Gesellschaft, deren Sichtbarkeit durch Trump massiv verstärkt wurde, aufschlüsselt, sucht seinesgleichen. "BlacKkKlansman" kann als Widerstandsfilm gesehen werden, und zwar als einer, der Spaß macht und Breitenwirksamkeit verspricht. Leider "nur" der zweite Preis für Spike Lee, der "Große Preis der Jury".

Dann also der Sieger: Kore-eda Hirokazu aus Japan hat schon viele hochwertige Filme inszeniert, und alle von ihnen zeigen einen deutlichen Reifungsprozess. Aber "Shoplifters" über eine bunt zusammengewürfelte Patchwork-Familie ist sein erster Film, der in Cannes die Goldene Palme erhielt. Kore-eda zeigt eine Gesellschaft, die auf Druck des Kapitalismus mehr und mehr in ihre einzelnen Bestandteile zerrissen wird. Die diebische Familie, die hier im Fokus steht, schlägt sich unter widrigsten Umständen und auf engstem Raum miteinander durch und empfindet dabei sogar so etwas wie Glück -und doch ist hier keiner mit keinem verwandt, wie sich bald herausstellt, sondern alle wurden nur aus diversen Gründen zu Mitgliedern dieser Lebensgemeinschaft. "Shoplifters" ist ein solide gemachter, erstklassiger Film, aber angesichts der Qualität seiner Konkurrenz eher ein Kompromiss-Preisträger. Es sieht so aus, als hätte sich die Jury am Ende bloß auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt - warum, wird ein Geheimnis bleiben.

Im übrigen Preisregen ragt die erstmals (und wohl einmalig) vergebene "Spezial-Palme" für den 87-jährigen Nouvelle-Vague-Mitbegründer Jean-Luc Godard heraus: Der hatte mit "Livre d'image" (dt. Bilderbuch) eine formal radikale, essayistische Collage zum Zustand der Welt in den Wettbewerb entsandt, in der er mit Bildund Tonschnipseln, mit Übermalungen und Auslassungen, mit Verfärbungen und Schwarzbild von einer allerorts zerfaserten Welt im Dauerkriegszustand erzählt. Die Jury würdigte Godards Bestreben, die Filmkunst immer neu zu definieren.

Die Kasachin Samal Yeslyamova ("Ayka") und der Italiener Marcello Fonte (in Matteo Garrones "Dogman") holten die beiden Darstellerpreise, als bester Regisseur ging der Pole Pawel Pawlikowski vom Feld. Der hatte mit "Cold War" eine opulente Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs der 1950er-Jahre inszeniert, und das in eleganten, schwarz-weißen 4:3-Bildern. Die Auszeichnung geht völlig in Ordnung, und doch beschleicht einen das seltsame Gefühl, dass die 71. Festivalausgabe von Cannes eine war, bei der mehr Gelegenheiten verpasst als genützt wurden.

Ein elitärer Männerclub ist Cannes zwar noch immer, aber wenigstens standen diesmal drei Frauen im Wettbewerb.

Es sieht so aus, als hätte sich die Jury am Ende doch bloß auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt -aus welchem Grund, wird ein Geheimnis bleiben.

Wer hätte das gedacht? Da hat eine Jury -unter der Leitung einer Frau -die Gelegenheit, die künstlerisch stärksten Filme des Wettbewerbs auszuzeichnen, und hat es nicht getan. Noch dazu, wo Jury-Präsidentin Cate Blanchett zu Anfang der Filmschau in Cannes verkündete, Qualität unbedingt vor Quoten und Gender-Fragen zu stellen. Und dann waren diese beiden palmenwürdigen Filme auch noch von Frauen inszeniert, ganz so, als wäre Festival-Chef Thierry Frémaux nach der #metoo-Debatte endlich ein Licht aufgegangen und hätte verstanden, dass Qualität und Frausein einander nicht ausschließen, so wie man das viele Jahre lang hätte glauben können, als Cannes überhaupt keine Filme von Regisseurinnen gezeigt hatte.

Ein elitärer Männerclub ist es zwar noch immer, aber wenigstens standen diesmal drei Frauen im Wettbewerb. Und die beiden preiswürdigen Filme wurden auch ausgezeichnet, aber nur mit Trostpreisen. Alice Rohrwacher zum Beispiel: Die Italienerin führt in ihrem Fantasy-Märchen über einen ausgebeuteten Landarbeiter vor, wie hoffnungsvolles Kino mit Esprit geht. Und erhielt dafür den Drehbuchpreis, den sie sich noch dazu mit Jafar Panahi, dem Iraner mit Berufsverbot, für dessen Film "3 Faces" teilt. Oder Nadine Labaki: Sie wurde mit dem Preis der Jury abgespeist, obwohl ihr intensives Kinderdrama "Capharnaüm" der absolute Favorit auf die Goldene Palme war - minutenlange "Standing Ovations" bei der Premiere und eine einhellig begeisterte Presse. Labaki trifft mit ihrem Drama über ausgebeutete und verkaufte Kinder im Libanon einen Nerv der Zeit: Denn so, wie wir mit unseren Kindern umgehen, werden sie diesen Umgang an ihre Kinder weitergeben. "Capharnaüm" zeigt, wieso so viele Gesellschaften niemals ihre Elendsviertel überwinden werden können. Ein fantastischer, beklemmender Film, leider weit unter seinem künstlerischen und gesellschaftspolitischen Wert prämiert.

Großer Preis der Jury

Auch ein Film von einem Mann wurde unter Wert ausgezeichnet: Spike Lee kehrte mit seinem messerscharfen Rassismus-Drama "BlacKkKlansman", das viele als Komödie missverstanden hatten, in den Wettbewerb zurück und eroberte mit Nonchalance und frechen Sprüchen das Publikum. Lee bekam die längsten "Standing Ovations" dieser Festivalausgabe. Und das zurecht, weil er in seinem Film einen schwarzen Polizisten auf die Idee bringt, sich ausgerechnet im lokalen Kuklux-Klan einzuschleusen, was aber ohne die Hilfe seines weißen Kollegen nicht gelingt. Wie Lee mit seiner absurden Geschichte die aktuellen Abgründe der US-Gesellschaft, deren Sichtbarkeit durch Trump massiv verstärkt wurde, aufschlüsselt, sucht seinesgleichen. "BlacKkKlansman" kann als Widerstandsfilm gesehen werden, und zwar als einer, der Spaß macht und Breitenwirksamkeit verspricht. Leider "nur" der zweite Preis für Spike Lee, der "Große Preis der Jury".

Dann also der Sieger: Kore-eda Hirokazu aus Japan hat schon viele hochwertige Filme inszeniert, und alle von ihnen zeigen einen deutlichen Reifungsprozess. Aber "Shoplifters" über eine bunt zusammengewürfelte Patchwork-Familie ist sein erster Film, der in Cannes die Goldene Palme erhielt. Kore-eda zeigt eine Gesellschaft, die auf Druck des Kapitalismus mehr und mehr in ihre einzelnen Bestandteile zerrissen wird. Die diebische Familie, die hier im Fokus steht, schlägt sich unter widrigsten Umständen und auf engstem Raum miteinander durch und empfindet dabei sogar so etwas wie Glück -und doch ist hier keiner mit keinem verwandt, wie sich bald herausstellt, sondern alle wurden nur aus diversen Gründen zu Mitgliedern dieser Lebensgemeinschaft. "Shoplifters" ist ein solide gemachter, erstklassiger Film, aber angesichts der Qualität seiner Konkurrenz eher ein Kompromiss-Preisträger. Es sieht so aus, als hätte sich die Jury am Ende bloß auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt - warum, wird ein Geheimnis bleiben.

Im übrigen Preisregen ragt die erstmals (und wohl einmalig) vergebene "Spezial-Palme" für den 87-jährigen Nouvelle-Vague-Mitbegründer Jean-Luc Godard heraus: Der hatte mit "Livre d'image" (dt. Bilderbuch) eine formal radikale, essayistische Collage zum Zustand der Welt in den Wettbewerb entsandt, in der er mit Bildund Tonschnipseln, mit Übermalungen und Auslassungen, mit Verfärbungen und Schwarzbild von einer allerorts zerfaserten Welt im Dauerkriegszustand erzählt. Die Jury würdigte Godards Bestreben, die Filmkunst immer neu zu definieren.

Die Kasachin Samal Yeslyamova ("Ayka") und der Italiener Marcello Fonte (in Matteo Garrones "Dogman") holten die beiden Darstellerpreise, als bester Regisseur ging der Pole Pawel Pawlikowski vom Feld. Der hatte mit "Cold War" eine opulente Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs der 1950er-Jahre inszeniert, und das in eleganten, schwarz-weißen 4:3-Bildern. Die Auszeichnung geht völlig in Ordnung, und doch beschleicht einen das seltsame Gefühl, dass die 71. Festivalausgabe von Cannes eine war, bei der mehr Gelegenheiten verpasst als genützt wurden.

Ein elitärer Männerclub ist Cannes zwar noch immer, aber wenigstens standen diesmal drei Frauen im Wettbewerb.