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Feuilleton

Vielfältige Bilder aus EUROPA

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur der Siegerfilm zeigte: Die Berlinale zelebrierte ihre Funktion als gesellschaftspolitisch relevantestes Filmfestival der Welt.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur der Siegerfilm zeigte: Die Berlinale zelebrierte ihre Funktion als gesellschaftspolitisch relevantestes Filmfestival der Welt.

Es gehört zur Dramaturgie dieses Festivals, dass am Ende hier auch Tendenzen und politische Haltungen prämiert werden. Im Ideal fall gepaart mit einer filmischen Auseinandersetzung, bei der das Künstlerische nicht zu kurz gerät. In diesem Jahr hat sich die Jury rund um Meryl Streep entschieden, einen lange Zeit eher durchschnittlichen Wettbewerb am Ende mit der Preisvergabe zu einer sehr typischen Berlinale werden zu lassen, bei der genau jene relevanten Werke prämiert wurden, die diese Kombination aufweisen: politisch und künstlerisch zugleich zu sein.

Die Preisträgerfilme haben unter diesen Anforderungen dank ihrer Regisseure und der Programmierung durch Berlinale-Chef Dieter Kosslick nicht viel falsch machen können: Das Flüchtlingsthema ist allgegenwärtig, und auch die Berlinale trug dazu bei: Während des Festivals wurden Spenden für Flüchtlinge gesammelt.

Zeitzeugnis aus Lampedusa

Als der Goldene Bär dann schließlich an den Italiener Gianfranco Rosi für dessen Flüchtlingsdokumentarfilm "Fuocoammare" ("Meer in Flammen") verliehen wurde, war das Berlinale-Bild perfekt: Denn Rosi, der schon für "Sacro GRA" über den bekannten römischen Autobahnring Gold beim Festival von Venedig erhielt, findet einprägsame Bilder für diese humanitäre Katastrophe, die sich seit Jahren im Gewässer rund um die Insel Lampedusa abspielt. Er geht an Bord mit den Flüchtlingen, lässt die Bilder der Hoffnungsvollen und der hoffnungslos Verzweifelten völlig unkommentiert auf die Zuseher wirken und versucht zugleich auch, die Flüchtlingskatastrophe aus der Sicht der Inselbewohner zu reflektieren, die hier schon weit mehr als 450.000 Flüchtlinge haben ankommen sehen. Es gibt in Rosis akribischer Beobachtung des Inselalltags ganz verschiedene Protagonisten: Die Flüchtlinge einerseits, die schwer gezeichnet von der Flucht in abgegrenzten Bereichen leben müssen. Einen Arzt, der tote, angeschwemmte Menschen obduziert. Den Sohn des Fischers, der seekrank ist und mit Steinschleudern auf Vögel zielt, und so fort. Es ist ein Kompendium von Existenzen am Rande Europas, und doch handelt dieser wichtige Film vom Kern dieses "Friedensprojektes", als das es uns seit Jahrzehnten verkauft wird, und das jetzt durch diese humanitäre Krise erstmals so richtig ins Wanken gerät. Europa ist eine Ideologie, eine Idee, das wird hier deutlich. In der Realität ist diese Idee noch nicht angekommen.

Rosi hat das schnell begriffen, als er in Reaktion auf die Krise einen Kurzfilm auf Lampedusa drehen wollte. Schließlich blieb er eineinhalb Jahre auf der Insel, das Projekt entwuchs der kurzen Form und ist jetzt, dank des Goldenen Bären, auf dem Weg, die unerträglichen Bilder in einer künstlerischen Form zu verewigen. Die Kompromisslosigkeit, mit der Rosi den Widerspruch von der Normalität im Ausnahmezustand auslotet, ist jedenfalls beachtlich.

Kompromisslose Arbeiten

Aber es gab viele kompromisslose Arbeiten bei dieser 66. Berlinale: Lav Diaz, Regisseur aus den Philippinen, hatte zum Beispiel den längsten Film der Berlinale-Geschichte im Gepäck: "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" unternimmt in acht Stunden und fünf Minuten Laufzeit ein gigantisches Selbstporträt von Diaz' Heimat, ausgehend von der philippinischen Revolution im 19. Jahrhundert. In Schwarzweiß gehalten, mit großer Langsamkeit vorgetragen, so wie die meisten Filme dieses Ausnahmeregisseurs, der schon in Locarno einen Goldenen Leoparden gewann für seinen letzten Film, der hatte nur fünf Stunden. Sein längster dauert elf. Die Jury bedachte ihn mit dem Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino, und auch dieser Preis geht in Ordnung, weil dieser Film inhaltlich wie ästhetisch die Berlinale-Kriterien geradezu übererfüllt.

Nicht viel anders verhält es sich mit den Darsteller-Preisen: Der Tunesier Majd Mastoura bekam den Bären für "Inhebbek Hedi", worin er einen jungen Mann spielt, der sich zwischen zwei Frauen entscheiden muss. Bei den Damen ging die Dänin Trine Dyrholm als verdiente Siegerin hervor: Sie spielt in Thomas Vinterbergs "Die Kommune -Kollektivet" eine Frau, die eine Kommune gründet und deren Leben in der Folge Stück für Stück aus der Bahn gerät. Eine tolle Leistung in einem nicht immer ganz tollen Film, aber absolut verdient ausgezeichnet.

Große Träume treffen auf private Sehnsucht

Beste Regisseurin wurde die Französin Mia Hansen-Løve, die Isabelle Huppert in "L'Avenir" als alternde Philosophie-Professorin in Liebes-und Lebensnöten zeigt - eine Bühne für die Huppert, die hier sensibel agiert, wozu die Regie aber nicht viel beitragen musste. Hier hätte es reizvollere Preisträger gegeben, etwa den chinesischen "Crosscurrent", der schließlich für die beste Kamera ausgezeichnet wurde. Das beste Drehbuch erhielt Thomas Wasilewski für "United States of Love", eine anhand vierer Frauen in der Provinz nachgezeichnete Sinnsuche der polnischen Gesellschaft nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Große Hoffnungen und Träume treffen hier auf unerfüllte private Sehnsüchte und Enttäuschungen -auch das ist ein treffendes gegenwärtiges Europabild. Die Berlinale als filmisches Abbild eines politischen Experiments: Sie zeigt, was Europa ist.

Es gehört zur Dramaturgie dieses Festivals, dass am Ende hier auch Tendenzen und politische Haltungen prämiert werden. Im Ideal fall gepaart mit einer filmischen Auseinandersetzung, bei der das Künstlerische nicht zu kurz gerät. In diesem Jahr hat sich die Jury rund um Meryl Streep entschieden, einen lange Zeit eher durchschnittlichen Wettbewerb am Ende mit der Preisvergabe zu einer sehr typischen Berlinale werden zu lassen, bei der genau jene relevanten Werke prämiert wurden, die diese Kombination aufweisen: politisch und künstlerisch zugleich zu sein.

Die Preisträgerfilme haben unter diesen Anforderungen dank ihrer Regisseure und der Programmierung durch Berlinale-Chef Dieter Kosslick nicht viel falsch machen können: Das Flüchtlingsthema ist allgegenwärtig, und auch die Berlinale trug dazu bei: Während des Festivals wurden Spenden für Flüchtlinge gesammelt.

Zeitzeugnis aus Lampedusa

Als der Goldene Bär dann schließlich an den Italiener Gianfranco Rosi für dessen Flüchtlingsdokumentarfilm "Fuocoammare" ("Meer in Flammen") verliehen wurde, war das Berlinale-Bild perfekt: Denn Rosi, der schon für "Sacro GRA" über den bekannten römischen Autobahnring Gold beim Festival von Venedig erhielt, findet einprägsame Bilder für diese humanitäre Katastrophe, die sich seit Jahren im Gewässer rund um die Insel Lampedusa abspielt. Er geht an Bord mit den Flüchtlingen, lässt die Bilder der Hoffnungsvollen und der hoffnungslos Verzweifelten völlig unkommentiert auf die Zuseher wirken und versucht zugleich auch, die Flüchtlingskatastrophe aus der Sicht der Inselbewohner zu reflektieren, die hier schon weit mehr als 450.000 Flüchtlinge haben ankommen sehen. Es gibt in Rosis akribischer Beobachtung des Inselalltags ganz verschiedene Protagonisten: Die Flüchtlinge einerseits, die schwer gezeichnet von der Flucht in abgegrenzten Bereichen leben müssen. Einen Arzt, der tote, angeschwemmte Menschen obduziert. Den Sohn des Fischers, der seekrank ist und mit Steinschleudern auf Vögel zielt, und so fort. Es ist ein Kompendium von Existenzen am Rande Europas, und doch handelt dieser wichtige Film vom Kern dieses "Friedensprojektes", als das es uns seit Jahrzehnten verkauft wird, und das jetzt durch diese humanitäre Krise erstmals so richtig ins Wanken gerät. Europa ist eine Ideologie, eine Idee, das wird hier deutlich. In der Realität ist diese Idee noch nicht angekommen.

Rosi hat das schnell begriffen, als er in Reaktion auf die Krise einen Kurzfilm auf Lampedusa drehen wollte. Schließlich blieb er eineinhalb Jahre auf der Insel, das Projekt entwuchs der kurzen Form und ist jetzt, dank des Goldenen Bären, auf dem Weg, die unerträglichen Bilder in einer künstlerischen Form zu verewigen. Die Kompromisslosigkeit, mit der Rosi den Widerspruch von der Normalität im Ausnahmezustand auslotet, ist jedenfalls beachtlich.

Kompromisslose Arbeiten

Aber es gab viele kompromisslose Arbeiten bei dieser 66. Berlinale: Lav Diaz, Regisseur aus den Philippinen, hatte zum Beispiel den längsten Film der Berlinale-Geschichte im Gepäck: "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" unternimmt in acht Stunden und fünf Minuten Laufzeit ein gigantisches Selbstporträt von Diaz' Heimat, ausgehend von der philippinischen Revolution im 19. Jahrhundert. In Schwarzweiß gehalten, mit großer Langsamkeit vorgetragen, so wie die meisten Filme dieses Ausnahmeregisseurs, der schon in Locarno einen Goldenen Leoparden gewann für seinen letzten Film, der hatte nur fünf Stunden. Sein längster dauert elf. Die Jury bedachte ihn mit dem Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino, und auch dieser Preis geht in Ordnung, weil dieser Film inhaltlich wie ästhetisch die Berlinale-Kriterien geradezu übererfüllt.

Nicht viel anders verhält es sich mit den Darsteller-Preisen: Der Tunesier Majd Mastoura bekam den Bären für "Inhebbek Hedi", worin er einen jungen Mann spielt, der sich zwischen zwei Frauen entscheiden muss. Bei den Damen ging die Dänin Trine Dyrholm als verdiente Siegerin hervor: Sie spielt in Thomas Vinterbergs "Die Kommune -Kollektivet" eine Frau, die eine Kommune gründet und deren Leben in der Folge Stück für Stück aus der Bahn gerät. Eine tolle Leistung in einem nicht immer ganz tollen Film, aber absolut verdient ausgezeichnet.

Große Träume treffen auf private Sehnsucht

Beste Regisseurin wurde die Französin Mia Hansen-Løve, die Isabelle Huppert in "L'Avenir" als alternde Philosophie-Professorin in Liebes-und Lebensnöten zeigt - eine Bühne für die Huppert, die hier sensibel agiert, wozu die Regie aber nicht viel beitragen musste. Hier hätte es reizvollere Preisträger gegeben, etwa den chinesischen "Crosscurrent", der schließlich für die beste Kamera ausgezeichnet wurde. Das beste Drehbuch erhielt Thomas Wasilewski für "United States of Love", eine anhand vierer Frauen in der Provinz nachgezeichnete Sinnsuche der polnischen Gesellschaft nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Große Hoffnungen und Träume treffen hier auf unerfüllte private Sehnsüchte und Enttäuschungen -auch das ist ein treffendes gegenwärtiges Europabild. Die Berlinale als filmisches Abbild eines politischen Experiments: Sie zeigt, was Europa ist.