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Feuilleton

Ein Taxifahrer mitten in Teheran

1945 1960 1980 2000 2020

65. Internationale Filmfestspiele Berlin -einmal mehr politisch: Der Goldene Bär für Jafar Panahis "Taxi" ist ein sieg für die Filmkunst -und für ihre Freiheit.

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65. Internationale Filmfestspiele Berlin -einmal mehr politisch: Der Goldene Bär für Jafar Panahis "Taxi" ist ein sieg für die Filmkunst -und für ihre Freiheit.

Die Berlinale hat auch mit ihrer Jubiläumsausgabe kräftig am Image, das politischste aller Filmfestivals zu sein, gearbeitet. Mit dem Goldenen Bären für Jafar Panahis "verbotenes Kino" zeichnete die Jury rund um Regisseur Darren Aronofsky nicht nur einen der kraftvollsten (und auch unterhaltsamsten) Beiträge des Wettbewerbs aus, sondern gibt Panahi damit Rückhalt in dessen Kampf gegen das Regime seiner Heimat.

Er kann nicht ohne Kunst

Wegen "systemkritischer Propaganda" ist Panahi im Iran eigentlich zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt, jedoch kann er sich mittlerweile immerhin in Teheran frei bewegen. Dass er schon drei Filme auf geheime Art drehte, wird den Behörden wohl nicht entgangen sein, und doch riskiert Panahi damit Kopf und Kragen. Er ist einer dieser Künstler, die ohne Kunst nicht können.

In "Taxi" unternimmt Panahi höchstselbst in der Rolle eines Taxlers nicht nur eine Rundfahrt durch Teheran, sondern gleich auch durch die iranische Gesellschaft, die pulsierender und farbenfroher ist, als man vielleicht denkt. Panahi nimmt in seinem Taxi (wohl kaum) zufällig zugestiegene Passanten mit, lässt sie hitzig über die Todesstrafe diskutieren, bringt einen blutüberströmten Mann und dessen hysterische Gattin ins Spital oder kurvt mit einem Händler illegaler Raubkopien von Hollywood-Blockbustern ("Ohne mich gäbe es hier keinen Woody Allen") durch die Stadt. Es ist erstaunlich, wie Panahi mit charmanter Leichtigkeit aus Nichts einen Film machen kann, der noch dazu Relevanz besitzt. "Taxi" ist Panahis Meisterwerk aus der Isolation, das tief in die iranische Gesellschaft blicken lässt. Der Goldene Bär ist damit nicht nur eine verdiente Auszeichnung, sondern jetzt vielleicht auch seine Lebensversicherung.

Die Berlinale traut sich was, das betrifft auch das übrige Wettbewerbsprogramm. Etwa Patricio Guzmáns dokumentarischen Essay-Film "El botón de nacar", der fürs beste Drehbuch prämiert wurde. Ein Novum: Dokus sind eher nicht für die Qualität ihrer Drehbücher bekannt. Doch Guzmáns Film ist mehr: Er ist ein Gedicht an Chiles Schönheit, aber auch eine tiefgehende Analyse der Konsequenzen von Diktatur und Ausbeutung.

Auch der Chilene Pablo Larraín gehörte zu den verdienten Gewinnern: Sein dunkler, gnadenloser Film "El Club" bekam den Großen Preis der Jury und ist eine konsequente Abrechnung mit der katholischen Kirche, mit repressiven Systemen im Allgemeinen und mit barbarischen menschlichen Instinkten, die durch blinden Glauben noch verstärkt werden. Er erzählt von vier exkommunizierten Priestern und einer verstoßenen Nonne, die ihr Dasein in einem entlegenen Küstendorf fristen.

Nur ein kleiner Sieg für "Victoria"

Nicht minder spannend ist der schwarzweiße Ost-Western "Aferim!" des Rumänen Radu Jude, der (ex aequo mit Mal gorzazta Szumowska für "Body") mit dem Silbernen Bären für beste Regie ausgezeichnet wurde. Aus der Sicht der Sklavenhalter beschreibt Jude aufrüttelnd Geschichte und aktuelle Situation der Roma in Rumänien.

Als beste Darsteller wurden Tom Courtenay und Charlotte Rampling ausgezeichnet, die in "45 Years" ein altes Ehepaar spielen, in dessen Alltag sich plötzlich Eifersucht und Misstrauen schleichen.

Auch nicht leer aus ging das deutsche Filmwunder "Victoria" von Sebastian Schipper: Die Geschichte einer jungen Spanierin, die vier Berliner Jungs mit krimineller Veranlagung aus der Patsche hilft, als sie bei deren Bankraub das Fluchtauto lenkt. Es ist ein Film in Echtzeit, der aus nur einer einzigen Einstellung besteht: 140 Minuten atemberaubend schönes und spannendes Genrekino zwischen Jugendliebe und Leichtsinnsdrama -vielleicht der schönste Berlin-Film seit langem. Dass der norwegische Kameramann Sturla Brandth Grøvlen hier den Silbernen Bären erhielt, ist hochverdient, doch "Victoria" hätte (dem Titel entsprechend) durchaus auch den Sieg davon tragen können: Dafür hätte sogar Jafar Panahi Verständnis gehabt, soviel ist sicher.