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Die Folgen eines Protestes: Venedig 1969

Als Prof. Luigi Chiarini, langjähriger Leiter der venezianischen Film- kunstschau, im Vorjahr von den „Contestatori”, den linksgerichteten Filmschaffenden (an der Spitze Pier Paolo Pasolini) und -kritikėm Italiens, wegen seiner etwas konservativen Einstellung als „Faschist” verschrien, heftig angegriffen und schließlich auch seines Amtes enthoben wurde, war die Bahn frei für Reformen der Mostra d’Arte Cine- matografica am Lido: Ernesto G. Laura, der neue Direktor des ältesten und repräsentativsten Festivals der Filmgeschichte, verkündete stolz im Katalog der diesjährigen 30. Fiimikunstausstelliung, daß sie „den Übergang von einer alten zu einer neuen Periode symbolisiere” und „eine Schau darsteUe, die im modernen Film wurzle, in einem lebendigen Kino, das gegen die Indifferenz, den Schlaf des Bewußtseins und der Intelligenz kämpft…” In der Praxis sah dies dann so aus, daß — bereitwillig auf Konzessionen gegenüber den Festivalzerstörern eingehend — zunächst alle bisherigen Preise abgeschafft wurden (doch wen hat der stblz-liebenswürdige, vom Zeitlauf der Geschichte schon etwas abgekämpfte „Goldene Löwe”, Venedigs traditionell-ehrwürdiges Symbol, wirklich gestört, selbst wenn er auch mitunter seine Gunst etwas ungerecht verschenkte?), die Eintrittspreise reduziert, in Mestre (dem auf dem Festland gelegenen Vorort der Lagunenstadt) die Hauptfilme für ein breites Publikum vorgeführt wurden und schließlich die Auswahl der Filme nach „anderen” (nämlich nationalpolitischen, nicht allein künstlerischen) Gesichtspunkten erfolgte … Und das Ergebnis? Im Verlauf der 14 Tage wurden also im offiziellen Programm 26 Spielfilme aus 17 Ländern vorgeführt, dazu kam eine „Informationsschau”, bestehend aus 11 Filmen (darunter auch Streifen, die bereits bei anderen Festivals gezeigt wurden), eine Übersicht über die „Tendenzen des italienischen Films 1969” (sieben völlig uninteressante und unbedeutende neue Streifen, über die man stillschweigend hinweggehen kann) und eine hochinteressante Retrospektive über das Schaffen des englischen Meisterregisseurs Alfred Hitchcock (aus Anlaß seines 70. Geburtstages) von 1925 bis 1938 (18 Filme), eine Veranstaltung, die eine gesonderte Analyse und ausführliche Betrachtung verlangen würde. Zusätzliche kommerzielle Vorführungen und Sonderveranstaltungen erhöhten die Zahl der vorgeführten Filme auf etwa 100, so daß durchschnittlich sieben Filme pro Tag dem dazu willigen Kritiker zugemutet wurden, ein Pensum, das kaum zu schaffen war.

Soweit zunächst die nüchtern-statistischen Angaben, die Voraussetzungen dieser vom 23. August bis 5. September währenden Filmkunstschau von Venedig, die heuer das Verdienst, „Kunst” gezeigt zu haben, weit weniger in Anspruch nehmen darf als den Ruf, ein politisch orientiertes Festival gewesen zu sein — sich so dem internationalen Modetrend zwar bestens anpassend (Oberhausen, Berlin usw.), den Mythos von Venedigs traditioneller Bedeutung als Präsentation filmischer Spitzenwerke aber untergrabend, wenn nicht sogąr įj rstö- rend … Bedeutet dies nichfaas Ende für das Festival am Lido?

Detailliert auf die einzelnen Filme einzugehen, sollte sich kaum lohnen, da von den 26 im Hauptprogramm gezeigten Werken (die Informativ- schau zu besprechen, war schon anläßlich anderer Festivals mehr oder weniger Gelegenheit) wohl die meisten weder Österreich je erreichen werden (das betrifft die meisten östlichen oder süd- und mittelamerikanischen Filme) noch eine solche film- künstlerische Bedeutung besitzen, daß sie ihr Produktionsjahr allzulange überleben dürften; für diese Filme genügt eine allgemeine Feststellung: Während der Osten enttäuschte (die zwar keineswegs uninteressanten, doch weder künstlerisch noch weltanschaulich überdurchschnittlichen Beiträge aus Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Ungarn beinhalteten verschleierte Sozialkritik, während die UdSSR zwei pompös-formalistisch verbrämte, dabei im Grunde veraltete 70-mm-Streifen als Exempel für ihre hollywoodgleiche technische Perfektion und angebliche „Modernität” präsentierte), gab sich Südamerika revolutionär: der Kampf gegen den Kapitalismus und vornehmlich die USA formten ein neues Filmschaffen, das ganz nach dem Herzen der italienischen Kritiker war (daneben aber auch manche filmische Qualitäten aufwies).

Die wenigen übrigbleibenden Filmwerke rechtfertigen kaum die Bedeutung des venezianischen Festivals, dem das wirkliche Meisterwerk — wie es etwa vor 18 Jahren noch „Rashamon” darstellte — in diesem Jahr ermangelte. Es gab zwar auch „die” Sensation, schon vom ersten Tag an mit überwältigender Reklame sorgfältig vorbereitet und endlich am vorletzten Tag präsentiert, nämlich „Fellini: Satyricon” — doch ob dieses zweifellos unerhört ästhetisch-faszinierende und mit allem Können, ausgefallenen Geschmack und Raffinement gestaltete Opus 11 des großen Federico Fellini wirklich mehr ist als nur ein „Bacchanal der Kulturindustrie” (was enttäuschte Kritiker dem Meister in der Pressekonferenz öffentlich vorwarfen), mehr als Fellinis „Porcile”

(— Schweinestall, in Anlehnung an den Titel des Pasolini-Films), eine Orgie an Perversionen und bizarren Ausschweifungen, wofür die Vorlage, der einzige in lateinischer Sprache überlieferte Roman von Petronius Arbiter, genügend Gelegenheit bietet, das wird wohl erst die Filmgeschichte erweisen; wenn man den Film zum erstenmal — oder nur einmal — zu sehen bekommt, ist eine Wirkung dank der unerhörten Gestaltungseffekte überwältigend und faszinierend. Wie er bei wiederholtem Ansehen, also mit nüchterneren Augen wirkt, das zu entdecken wird die für Wien angekündigte baldige Aufführung Gelegenheit bieten … Weniger sensationelles, dafür eindeutiges Festivalniveau boten die Filme aus der Deutschen Bundesrepublik („Cardiliac” nach E. Th. A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi”, von Edgar Reitz mit überraschendem, wirklich „filmischem” Können gestaltet, nur durch überflüssige gelegentliche intellektuelle Ver- schmocktheiten etwas verärgernd), aus Schweden („Der Vater” nach dem Drama Strindbergs, von Alf Sjöberg •.xvfcap nicht so genial wie sein unvergeßlich-unüberbietbares „Fräulein Julie” filmisch aufgelöst, doch mit der bewährten Meisterschaft eines Könners inszeniert), aus England

[„Two Gentlemen Sharing”, ein sehr geschickt und wirklich aktuell gemachter Rassenproblemfilm vor dem Hintergrund einer tragischen, psychologisch exaktest erfaßten Persönlichkeitsstudie), aus — merkwürdigerweise — Panama („Sweet Hunters”, eine eher amerikanische, überaus poetische Inselballade voll lyrischer Schönheit, von aufwühlender Musik — Orff — untermalt) und aus den USA („Childrens Games”, ein psychologisches Ehedrama voll nachdenklich stimmender, alltäglicher Realität) — wenig und viel dennoch. Pier Paolo Pasolinis „Porcile” (Schweinestall), von dem vorjährigen Festivalrevoluzzer sehr spektakulär zur gleichen Zeit wie am Lido nur wenige Kilometer entfernt, in Grado, für das „Volk” auf geführt, dokumentiert nur einmal mehr und überzeugender als bisher die verworrenen Ideen dieses sonderbaren sanften Fanatikers, der in einer Sackgasse filmische Meisterschaft mit privater naiver Ideologie vermischt. Welches „Volk” wird diese Botschaft wohl verstehen — es sei denn einige nicht minder „limfcsrevolutionäre Cineasten”?

Am Abschlußabend der Mostra am Lido protestierten einige — diesmal „rechtsextreme” — Revolutionäre gegfen die so „marxistische Ausrichtung” des Festivals (sie hätten besser gegen das Niveau Stellung ergriffen!) und Herr Direktor Laura anderseits protestierte im „Gazzettino”, dei venezianischen Tageszeitung, gegen die Statuten des Festivals: „Si vara il nuovo statuto o non si fa il festival del 1970!” (Entweder Statutenänderung oder ich mache kein Festival 1970 mehr!)… Die Kritik war unzufrieden, die Hoteliers waren unzufrieden (weil wegen des schlechten Wetters die Gäste zu früh abreisten), die Stimmung war allgemein eine sehr enttäuschte.

Es gab nur einen einzigen Herrn am Lido, der stets mit einem gewissen fröhlich-amüsierten Lächeln und sichtlich in bester Laune die Ereignisse der 30. Internationalen Filmkunstschau von Venedig verfolgte: Professor Luigi Chiarini.

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