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INT OLLER ANZA 1961

Zum ersten Mal fand heuer die berühmte Musikbiennale von “Venedig, die bereits zum 24. Mal abgehalten werden konnte und unter den großen Musikfesten nicht nur einen besonderen Ruf, sondern auch schon ihre Tradition hat, im Frühjahr statt. In früheren Jahren legte man die Veranstaltungen auf den Herbst. Das ist wie ein Symbol, denn bisher waren die Programme mehr dem Bewährten gewidmet —, obwohl hier in Venedig immer wieder auch wichtige Erst- und Uraufführungen bedeutender zeitgenössischer Werke stattgefunden haben. So zum Beispiel hat Strawinsky seine Alterswerke — die Oper: „The Rake’s progress“. das „Canticum sacrum" sowie die „Threni“ — der venezianische Musikbiennale anvertraut. Aber in diesem Jahr lag der Schwerpunkt durchaus auf dem Neuen und Allerneuesten. Für die szenischen und konzertanten Aufführungen hatte man das traditionsreiche Teatro La Fenice, die Scuola grande di San Rocco und den schönen Konzertsaal der Cini-Stiftung auf der Isola di San Giorgio Maggiore zur Verfügung gestellt. Dabei erwies es sich, daß für zahlreiche Darbietungen der glänzende Rahmen zu groß war. Doch hierüber später.

Diese Umstellung vom Altbewährten auf das Neueste, die in erster Linie dem künstlerischen Leiter der Musikbiennale, Mario Labroca, zu danken ist, vollzog sich recht stürmisch. Denn die Uraufführung der Oper des jungen Venezianers Luigi Nono „I n t o 11 e r a n z a 1 9 6 0“ gestaltete sich zu einem solchen Theaterskandal, wie ihn das Teatro La Fenice in seiner zweihundertjährigen Geschichte sicher noch nicht erlebt hat und wie er vermutlich seit 1913, der Uraufführung von Strawinskys „Sacre du printemps" in Paris, wohl kaum irgendwo stattfand.

Es war ein Skandal mit allem Zubehör: mit stürmischem Protestgeschrei und Trillerpfeifen, mit Stinkbomben und mit Flugblättern, die aus den obersten Logen des Nobeltheaters ins Parkett geworfen wurden. Die Musik allein hätte einen solchen Streit der Meinungen und einen so lebhaften Protest wohl kaum zu provozieren vermocht. Die Demonstrationen hatten ausgesprochen politischen Charakter, obwohl das Textbuch hierzu keinen ganz eindeutigen Anlaß bot. Aber sowohl der Komponist wie der Textdichter und auch der Bühnenbildner gelten als mit der Linken sympathisierende junge Leute, und die Tatsache, daß man sich den Regisseur dieser Aufführung aus Prag (von der „Laterna magica") geholt hatte, gaben dem ganzen Unternehmen seine bestimmten Akzente.

Luigi Nono, 36 Jahre alt, und sein Textautor Angelo Maria Ripellino nennen ihre Oper eine „Azione scenica" und gaben ihr den Titel „Intolleranza I960“. Im Mittelpunkt der Handlung, als passiver Held, steht ein italienischer Bergarbeiter, der seine Heimat aufgeben mußte. Von Heimweh getrieben, verläßt er sein Gastland, gerät — an anderem Ort — in eine politische Demonstration, wird verhaftet, gefoltert und in ein Konzentrationslager gesperrt. Gemeinsam mit einem „Rebellen" entflieht er. Nachdem er die Greuel und Wirren einer Diktatur durchschritten hat, findet er eine „Gefährtin“ und kehrt in sein Heimatland zurück. Aber an dessen Grenze erlebt er eine durch menschliches Verschulden hervorgerufene Überschwemmung und kommt in der Katastrophe um.

Soweit könnte, von der Handlung und von der Musik her, dieses Stück als der Versuch aufgefaßt werden, den Leidensweg eines Menschen in unserer Zeit aufzuzeigen. Nun hat aber der Textdichter, vermutlich auf Anregung des Komponisten, zusätzlich noch Zitate von Eluard, Majakowski, dem tschechischen Dichter Fucik und von Bert Brecht eingeblendet. Hinzu kamen die abstrakten Bühnenbilder von Emilio Vedova und die, wie man allgemein feststellte, provokante Inszenierung durch Vaclav Kaslik. (Man kann den optischen Teil dieser Aufführung genau studieren, da von zwei Kameramännern die ganze Aufführung „durchphotographiert“ wurde, wobei etwa 200 Szenenphotos gemacht wurden.)

Freilich übt auch die Musik Nonos ihre Schockwirkung aus, und in die Proteste von den oberen Rängen gegen die Tendenz des Stückes (man schrie bei den Folterszenen aus Opposition „Viva la polizia!") mischten sich auch Rufe, welche die „opera" und die angeblich fehlende „musica“ reklamierten (Hier wiederholte sich der gleiche Spektakel wie bei der Uraufführung von Henzes politisch völlig unaggressiver Oper „König Hirsch", als von der Galerie jugendliche Stimmen riefen: „Wir wollen Lohengrin!“) Von den beiden Aufführungen dieser so heftig umstrittenen Oper gibt es zwei Tonbänder, die der Verfasser dieses Berichts durch das Entgegenkommen des venezianischen Studios der RAI abhören konnte. Während bei der Premiere von der Musik nur Bruchstücke zu hören waren, verlief die zweite Aufführung fast ungestört, sodaß man sich mit Hilfe dieses Tonbandes ein objektives Bild von der Partitur Nonos machen kann. Das Studio der RAI ist im Palazzo Vendfämin utrtergebracht, und mehr als einmal wanderten die Blicke des strapazierten Hörers die Wände entlang — welch eine Todesszenerie! — in denen Richard Wagner seine letzten Tage verbracht hat, und hinaus auf den silbrig glänzenden Canal Grande.

Auch Wagners Werke, besonders die früheren, haben einen Sturm der sich widerstreitenden Meinungen entfesselt — und gehören heute zum ständigen Repertoire aller großen Opernhäuser. Aber wird dem Werk des Venezianers Luigi Nono, der mit der Musikkultur seines Heimatlandes so radikal gebrochen hat, ein ähnliches Schicksal beschieden sein? Die große Begabung Nonos steht außer Frage. Hier aber scheint Nono von seinem Gegenstand so überwältigt worden zu sein, daß er jeden ästhetischen Maßstab verloren hat. Die Musik dieser zweiteiligen, etwa anderthalb Spielstunden dauernden Oper mit zahlreichen, auf Tonband aufgenommenen Chören, eingeblendeten elektronischen Klängen und mechanischen Geräuschen, besteht aus einer Folge ohrenbetäubender Explosionen, die schwer zu ertragen sind Ganz vereinzelte Soli und Duette ragen wie Inseln aus diesem ununterbrochen schäumenden Hexenkessel heraus. Wir können eine fast pausenlose Folge dynamischer Ausbrüche ebensowenig vertragen, wie es möglich ist, ohne Schädigung des Auges stundenlang in einen glühenden Hochofen zu starren. Aber vielleicht, wer kann es wissen, gewöhnt man sich auch daran, und die kommenden Inszenierungen der Nono-Oper (man spricht von Mailand und zwei westdeutschen Opernhäusern) werden es erweisen …

Höchstes Lob verdienen alle Ausführenden. Das Londoner BBC-Orchester wurde von dem unerschütterlichen, stämmiges Bruno Maderna geleitet, Giulio Bertola hatte die unvorstellbar schwierigen Chorpartien mit dem Coro Polifonica Milano einstudiert, und fünf hervorragende Solisten sangen und agierten die Titelpartien: der aus Rumänien emigrierte, in Italien lebende Petre Munteanu, die Amerikanerin Catherine Gayer, die Deutsche Carla Henius, der Schweizer Heinz Rehfuß und der Italiener Italo Tajo. Besonders die musikalische Intelligenz und stimmliche Leistung der beiden erstgenannten Hauptdarsteller verdient besonders hervorgehoben zu werden. — Aber was nützte es, daß sie sich so anstrengten und zusammen mit den Autoren gegen die „Intolleranza“ zu Felde zogen? Sie sind alle der Intoleranz von 1961 zum Opfer gefallen,

Viel friedlicher ging es in den Konzerten, auch in denen mit allerneuester Musik, zu. (Über das Gastspiel der Krakauer Philharmonie haben wir bereits in der vorletzten Nummer der „Furche“ berichtet.) Hier wurde Venedig zu einem einzigartigen Ort internationaler Begegnungen. Italienische Solisten spielten Werke von Hindemith und französische Flötenmusik, der Hamburger Monteverdi-Chor sang alte und neue italienische Meister, ein in Amerika lebender Ungar (Antal Dorati) leitete das Re- spighi-Gedächtniskonzert, und das MELOS-Ensemble, London spielte kostbare alte und neue Kammermusikwerke von Komponisten aus neun Ländern.

Am intensivsten sind die Kontakte bei den jüngeren Komponisten und Interpreten, etwa der Jahrgänge 1920 bis 1935. Da liest man zum Beispiel im sorgfältig redigierten Programmbuch, daß Niccolo Castiglioni, Schüler am Mailänder Konservatorium und von Ghedini, seine ersten Erfolge in Darmstadt, Heidelberg, Donaueschingen und Köln gehabt hat, wo fast alle seine Werke uraufgeführt wurden. Da stößt man auf Robert Mann, in Illinois geboren, Schüler von Frank Martin, des Salzburger Mozarteums und von Petrassi, gegenwärtig in Rom lebend und Generalsekretär der IGNM. Da ist der Warschauer Vlodzimierz Kotonski, der nicht nur bei den heimatlichen Musikfesten, sondern auch in Köln und Darmstadt aufgeführt wird. Da gibt es einen hochtalentierten jungen Deutschen, Roland Kayn, 1933 in Reutlingen geboren, der bei Boris Blacher in Berlin studierte, einen römischen und einen japanischen Musikpreis erhalten hat und sein letztes Orchesterstück, das er „Vectors I" nennt, dem Krakauer Kammerorchester und seinem Leiter Andrzej Markowski gewidmet hat. (Nach der Uraufführung im Teatro La Fenice kam es zu einer freundschaftlichen Umarmung zwischen Dirigent und Komponist mit schallendem Kuß auf beide Wangen, wie das in slawischen und romanischen Ländern Brauch ist. Hoffentlich schadet diese Geste den beiden jungen Leuten nicht, wenn sie nach Hause zurückkehren, jeder in seine Hürde. Es wäre ganz im Stil der Intolleranza von 1961) Ja, und da gibt es noch den jungen Römer Boris Porena, Jahrgang 1927, der bisher ausschließlich deutsche Texte vertont hat (Goethe, Trakl, Paul Celan), zuletzt einen Zyklus „Lieder aus dem Barock“ von Paul Fleming, Neukirch und Hoffmannswaldau, und der diese seine Vorliebe sehr fein begründet.

Tier wächst, so scheint uns, eine gute neue „Internationale" 1 heran, die für die bösen Spiele der Alten wohl wenig Interesse mehr haben dürfte Leider waren einige dieser Konzerte recht schwach besucht. Ein ebenso unterrichteter wie verantwortlicher Italiener sagte auf eine dahinzielende Frage: „Wir haben, betrüblicherweise, in Venedig, ja man kann sagen: in Italien kein Publikum für symphonische und für Kammermusik. Und auch das Interesse meiner Landsleute an der Oper ist ein mehr sportliches, Sie wissen, der Kult der Diva und des Heldentenors " — „Und worauf ist das zurückzuführen?“ — „Vor allem auf den ungenügenden, zum Teil überhaupt fehlenden Musikunterricht in unseren Schulen. Unsere Jugend ist musikalisch ungebildet." — Das ist natürlich sehr zu bedauern, aber man freut sich gleichzeitig, daß es, wenigstens auf diesem Gebiet, nördlich der Alpen wesentlich besser bestellt ist…

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